peter bisovsky herr könig *********************** In Wien lebt ein Mann der heißt König. "Herr König!", wie er stets betont. Eigentlich heißt er Archibald König. Weil aber ein König entweder Ludwig oder Arthus oder Löwenherz heißen muss, aber nie und nimmer Archibald, besteht er darauf, mit "Herr König" angesprochen zu werden. Herr König ist vom Beruf her König! Auch darauf legt er besonderen Wert. Weil das ein Rätsel ist und nur er kann dieses Rätsel lösen. Zu diesem Zweck geht er besonders gerne auf Ämter, Behörden oder andere öffentliche Stellen. Er ist in der Beziehung anders als die anderen Wiener. Die scheuen alles was nur entfernt nach Obrigkeit riecht wie die Pest. Herrn König ist wie gesagt anders. Dort, bei der Obrigkeit, so wie heute bei der Krankenkasse, kann er seinen Trumpf ausspielen. Auf die Frage nach Name und Beruf antwortet er, immer mit den gleichen knappen Worten: "Herr König, vom Beruf her: König!". Da werden die mürrischen Krankenkassenaugen hinter der Trennscheibe plötzlich vor Verwunderung kugelrund. Der Vorwand ein Formular zu benötigen, das Umdrehen zur Kollegin, das heimliche Tippen mit dem Zeigefinger an die Stirn, das Verdrehen der Augen der Anderen, alles das kennt Herr König und er genießt es. Wenn die Schrecksekunden auf der anderen Seite der Scheibe vorbei sind, darf er endlich aufklären. Er sei in Wirklichkeit Puppenspieler. Gewesen. Jetzt schon in Pension. Manchmal noch aushilfsweise an Volkshochschulen im Kinderprogramm, am Mittwoch Nachmittag. Früher sei er der Kasperl gewesen, aber diese Rolle hätte später seine Frau übernommen, so wie sie auch die Mehrzahl der übrigen Rollen übernommen hätte. Er könne sich jetzt ganz auf den König konzentrieren. Dann und wann wäre eventuell auch der Riese oder das Krokodil sein Fach. Nein, aber der König, der König das wäre schon was, diese Rolle gäbe etwas her!.... "Vorname?", seufzende Frage auf der anderen Seite. "Ja...! Archibald!", spuckt er das ungeliebte Wort aus. Weitere Erzählungen aus dem Theaterleben werden im Keim erstickt. Leiden, Seufzen, Ungeduld jenseits des Glases. "Versicherungsnummer? Krankenschein". Zuletzt wird Herr König schroff in die Sesselreihe der Wartenden entlassen. Einen gemurmelten Satz mit "...Platz!" am Ende registriert er nur mit halben Ohr. Seine Miene spiegelt königliche Zufriedenheit wider. Er hat seine Rolle gut gespielt. Nun ordnet er sich ein für die Audienz beim Chefarzt. Und er wartet und wartet. Geduldig! Bis alle dran waren, die nach ihm gekommen sind, und er der einzige im Raum ist, vor dem Mittagessen des Chefarztes. Vielleicht kommt er noch dran. Vielleicht? Auch Frau König wartet. Frau König hat einen ordentlichen Vornamen. Sie heißt Regina. "Regina ist die Königin der Küche!", wandelt Herr König stolz den Werbespruch einer Küchenfirma ab. Regina ist eine ausgezeichnete Köchin. Das schätzt Herr König sehr. Das Mittagessen ist fertig, aber sie darf nicht essen. Wenn ihr König auf Amtswegen ist, wird es später. Er will jedoch gemeinsam mit der Familie essen. Das sei richtig so, meint er. Die Familie müsse beim Essen beisammen sein. Zur Familie gehört auch eine Tochter. "Meine Prinzessin!", sagt Herr König stolz zu allen, die es hören wollen. "Margret, meine Prinzessin, ist sehr hübsch!" Aber das sieht jeder. Sie ist ja erst sechzehn. Auf das, was nicht jeder nicht gleich sieht, muss er hinweisen: "Auch Regina war einmal eine schöne Frau!", und er fügt hinzu. "Wie eine Rose, die Königin der Rosen! Aber jetzt ist sie schon ein wenig verwelkt!", sagt er, lacht laut: "Ha, Ha!", und klopft seiner schlanken Frau dorthin, wo andere Frauen einen runden Popo haben. Endlich ist er da! Er reißt die Tür auf. "Der König ist wieder da", ruft er, geht zum Fenster und schiebt die Vorhänge zusammen. Wo vorhin Frau König nach ihrer Majestät Ausschau gehalten hat, ist ein Spalt geblieben, der unordentlich aussieht. Sie aber ist sofort in die Küche gelaufen um gleich die warmgehaltenen Schnitzel zu holen, und den Erdäpfelsalat, und das Bier. Für ihn. "Wo ist meine Prinzessin!", ruft er, aber die hört ihn nicht. Die ist im Kabinett, hat die Kopfhörer auf und hört gerade "Purple Rain" von Prince. Ihre Mutter setzt die Schüssel mit den Schnitzel ab, läuft zur Tochter, reißt ihr den Prinz aus den Ohren und schreit lauter als notwendig: "Der König ist da, komm!". Sie kommt murrend. Sie setzt sich neben ihn. Er schmatzt ihr einen Kuss auf die Wange. "Meine Prinzessin ist heute wieder sehr hübsch!" Sie verzieht das Gesicht, ohne dass er es sieht und wischt sich heimlich die Wange mit der Papierserviette ab. Nach dem Essen legt sich Herr König nieder. Nur auf die Couch. Und nur auf eine halbe Stunde. Es wird, wie jeden Tag, eine Stunde. Seine Frau wäscht einstweilen das Geschirr ab. Ohne Lärm, um Gottes Willen! Das ist zwar eine Kunst, aber es geht. Sie hat es gelernt. Wenn auch der Kaffee fertig ist, erhebt sich der König mit offener Hose von der Couch und setzt sich wieder zum Tisch. Sie deutet mit dem Kinn auf den offenen Hosenschlitz. Weil sagen darf sie es nicht. Er meint nur: "Ich weiß, ich weiß!" und bringt sich in Ordnung. Nach dem Kaffee haben es plötzlich beide eilig. Weil heute ist Mittwoch und sie müssen in die Volkshochschule, zu "Kasperl und der König". Die zweite Garnitur, so nennt Herr König von oben herab seine Nachfolger, ist ausgefallen. Der Kasperl zwei hat die Grippe und der König zwei hat sich beim Schifahren den Fuss gebrochen. "Diese Jugend! Wir zu unserer Zeit....", meint Herr König voller Verachtung. Als sie endlich beim Direktor sind ist alles anders. Plötzlich gibt es einen Dreier-Kasperl und einen Dreier-König. Der Direktor erklärt Herrn und Frau König, dass die beiden Neuen die Akademie für Puppenspiel in Prag besucht haben. Sie würden für wenig Geld bei ihm anfangen. "Das bringt neue Ideen und mehr Spass für die Kinder und Deutsch sprechen die besser als wir!" Archibald, der plötzlich kein König mehr ist, bleibt der Mund offen. Und Regina wischt sich eine Träne aus dem Augenwinkel. Weil sie ahnt was kommen wird. Zu Hause trinkt der endgültige Pensionist Archibald mehr als im gut tut. Als er später im Bett Liebe von seiner Frau verlangt, will sie zum ersten Mal nicht. Und zum ersten Mal in ihrer Ehe schlägt Archibald seine Frau. Mit grober Hand auf den nackten, kleinen Popo. Dann schläft er tief und fest ein und seinen Rausch aus. Regina weint und liegt die ganze Nacht wach. Sie wird ihn nicht verlassen, weil eine Königin ihren König auch im Exil nicht im Stich lässt. Aber, sollte er sie wieder schlagen und wieder...? Wer weiß, was dann geschehen wird?