Friedrich Engels - Deutscher Sozialismus in Versen und Prosa Karl Marx - Friedrich Engels [Friedrich Engels] Deutscher Sozialismus in Versen und Prosa Geschrieben Ende 1846 bis Anfang 1847. ["Deutsche-Brüsseler-Zeitung" Nr. 73 vom 12. September 1847] 1 Karl Beck: "'Lieder Vom armen Mann' oder die Poesie des wahren Sozialismus" Die "Lieder vom armen Mann" beginnen mit einem Liede an ein reiches Haus. An das Haus Rothschild Um Mißverständnissen vorzubeugen, redet der Dichter Gott mit "HERR" und das Haus Rothschild mit Herr an. Gleich in der Ouvertüre konstatiert er seine kleinbürgerliche Illusion, daß das Gold nach Rothschilds "Launen herrscht"; eine Illusion, die eine ganze Reihe von Einbildungen über die Macht des Hauses Rothschild nach sich zieht. Nicht die Vernichtung der wirklichen Macht Rothschilds, der gesellschaftlichen Zustände, worauf sie beruht, droht der Dichter; er wünscht nur ihre menschenfreundliche Anwendung. Er jammert, daß die Bankiers keine sozialistischen Philanthropen sind, keine Schwärmer, keine Menschheitsbeglücker, sondern eben Bankiers. Bock besingt die feige kleinbürgerliche Misère, den "armen Mann", den pauvre honteux '' mit seinen armen, frommen und inkonsequenten Wünschen, den "kleinen Mann" in allen seinen Formen, nicht den stolzen, drohenden und revolutionären Proletarier. Die Drohungen und Vorwürfe, womit Beck das Haus Rothschild überschüttet, wirken allem guten Willen zum Trotz noch burlesker auf den Leser als eine Kapuzinerpredigt. Sie beruhen auf der kindlichsten Illusion über die Macht der Rothschilde, auf einer gänzlichen Unkenntnis des Zusammenhangs dieser Macht mit den bestehenden Zuständen, auf einer vollkommenen Täuschung über die Mittel, welche die Rothschilde anwenden mußten, um eine Macht zu werden und um eine Macht zu bleiben. Der Kleinmut und der Unverstand, die weibliche Sentimentalität, die jämmerliche, prosaisch-nüchterne Kleinbürgerlichkeit, welche die Musen dieser Leier sind, tun sich vergebens Gewalt an, um fürchterlich zu werden. Sie werden nur lächerlich. Ihr forcierter Baß schlägt beständig in ein komisches Falsett um, ihre dramatische Darstellung des gigantischen Ringens eines Enceladus bringt es nur zu den possierlichen Gliederverrenkungen eines Hampelmanns. Nach deinen Launen herrscht das Gold ..................................................................... O wär' dein Werk so schön! O wäre Dein Herz so groß wie deine Macht! p. 4. Es ist schade, daß Rothschild die Macht und unser Dichter das Herz hat. "Wären sie beide vereint, wär's für die Erde zuviel." (Herr Ludwig von Baierland .) Die erste Gestalt, die Rothschild gegenübergestellt wird, ist natürlich der Sänger selbst, und zwar der deutsche Sänger, der in "hohen, heiligen Mansarden" wohnt. Es tönt von Recht und Licht und Freiheit, Vom echten GOTT in seiner Dreiheit, Die liedergesegnete Laute der Barden: Da folgt das horchende Menschenkind Den Geistern. p. 5. Dieser dem Motto der "Leipziger Allgemeinen Zeitung" entlehnte "GOTT", der auf den Juden Rothschild, schon weil er dreieinig ist, keinen Effekt macht, übt dagegen auf die deutsche Jugend ganz magische Wirkungen aus. Es mahnt die wiedergenesene Jugend ................................................................... Und der Begeisterung zeugender Samen Geht auf in hundert herrlichen Namen. p. 6. Rothschild urteilt anders über die deutschen Poeten: Das Lied, was uns die Geister geboten, Du nennst es Hunger nach Ruhm und Broten. [p. 6.] Trotzdem, daß die Jugend mahnt und ihre hundert herrlichen Namen aufgehen, deren Herrlichkeit eben darin besteht, daß sie bei der bloßen Begei- sterung stehenbleiben, trotzdem, daß "mutig zum Kampf die Hörner blasen", daß "das Herz so laut in der Nacht pocht". Das törichte Herz, es fühlt die Bedrängnis Von einer göttlichen Empfängnis. p. 7. Dies törichte Herz, diese Jungfrau Maria! - trotzdem, daß Die Jugend, ein finstrer Saul (von Karl Beck, Leipzig bei Engelmann 1840), Mit GOTT und mit sich selber grollt [p. 8], trotz alledem und alledem hält Rothschild den bewaffneten Frieden aufrecht, der nach Becks Glauben von ihm allein abhängt. Die Zeitungsnachricht, daß der heilige Kirchenstaat Rothschild den Erlöserorden geschickt hat, bietet unserem Dichter Gelegenheit nachzuweisen, daß Rothschild kein Erlöser ist, wie sie ebensogut zu dem gleich interessanten Beweis Anlaß geben konnte, daß Christus zwar ein Erlöser, aber dennoch kein Ritter des Erlöserordens war. Du ein Erlöser? p. 11. Und er beweist ihm nun, daß er nicht in bitterer Nacht, wie Christus, rang, daß er nie hingeopfert habe die stolze, die irdische Macht Für eine milde, beglückende Sendung, Vom großen GEIST dir anvertraut. p. 11. Man muß dem großen GEIST nachsagen, daß er nicht viel Geist in der Auswahl seiner Missionäre beweist und sich wegen milden Stiftungen an den unrechten Mann adressiert. Das einzig Große an ihm sind die Buchstaben. Das wenige Talent Rothschilds zum Erlöser wird ihm nun an drei Fällen ausführlich nachgewiesen: an seinem Benehmen gegenüber der Julirevolution, den Polen und den Juden. Auf stand das mutige Frankenkind, p. 12, mit einem Wort, die Julirevolution brach aus. Warst du bereit? Erklang dein Gold Wie Lerchengezwitscher jubelnd und hold Zum Lenz, der in der Welt sich rührte? Der, was an sehnlichen Wünschen tief In unsrer Brust verschüttet schlief, Verjüngt zurück ins Leben führte? p. 12. Der Lenz, der sich rührte, war der Lenz der Bourgeois, dem allerdings das Gold, Rothschilds Gold so gut wie jedes andere, wie Lerchengezwitscher jubelnd und hold erklingt. Allerdings, die Wünsche, die während der Restauration nicht nur in der Brust, sondern auch in den Carbonari-Venten verschüttet schliefen, wurden damals verjüngt ins Leben geführt, und Becks armer Mann hatte das Nachsehen. Sobald übrigens Rothschild von den soliden Basen der neuen Regierung sich überzeugt hatte, ließ er unbedenklich seine Lerchen zwitschern - gegen übliche Zinsen - versteht sich. Becks gänzliche Befangenheit in den kleinbürgerlichen Illusionen beweist die Apotheose Laffittes gegenüber Rothschild: Dicht rankt sich an deine beneideten Hallen Ein heiliggesprochenes Bürgerhaus, p. 13, nämlich das Laffittes. Der begeisterte Kleinbürger ist stolz auf die Bürgerlichkeit seines Hauses gegenüber den beneideten Hallen des Hotel Rothschild. Sein Ideal, der Laffitte seiner Einbildung, muß natürlich auch recht einfach bürgerlich wohnen; das Hotel Laffitte schrumpft zusammen zu einem deutschen Bürgerhaus. Laffitte selbst wird geschildert als ein segnend Waltender, Herzensreiner, wird verglichen mit Mucius Scävola, soll sein Vermögen geopfert haben, um den Menschen und das Jahrhundert (denkt Beck vielleicht an den Pariser "Siècle"?) auf den Strumpf zu bringen. Ein schwärmender Knabe wird er genannt, schließlich ein Bettler. Sein Begräbnis wird rührend geschildert: Es ging im Leichenzuge mit Gedämpften Schritts die Marseillaise. p. 14. Neben der Marseillaise marschierten die Wagen der königlichen Familie und dicht hinter ihnen Herr Sauzet, Herr Duchâtel und sämtliche ventrus und loups-cerviers '' der Deputiertenkammer. Wie aber muß die Marseillaise erst ihren Schritt gedämpft haben, als Laffitte nach der Julirevolution seinen Kompère '', den Herzog von Orleans, im Triumph auf das Hotel de Ville '' führte und das frappante Wort aussprach, daß von nun an die Bankiers herrschen würden? Bei den Polen beschränken sich die Vorwürfe ganz darauf, daß Rothschild nicht wohltätig genug gegen die Emigration gewesen sei. Hier wird der Angriff auf Rothschild zu einer ganz kleinstädtischen Anekdote und verliert allen Schein eines Angriffs auf die in Rothschild repräsentierte Geldmacht überhaupt. Die Bourgeois haben bekanntlich überall, wo sie herrschen, die Polen sehr liebreich und sogar enthusiastisch empfangen. Ein Beispiel des Katzenjammers: Ein Pole tritt auf, bettelt und betet. Rothschild gibt ihm einen Silberling, der Pole Nimmt freudezitternd das Silberstück Und segnet dich und deinen Samen [p. 16], eine Lage, wovor das Polen-Comité in Paris die Polen bisher im ganzen sichergestellt hat. Der ganze Auftritt mit den Polen dient unserm Poeten nur dazu, sich selbst in Positur zu werfen: Ich aber schleudre des Bettlers Glück Verächtlich in deinen Beutel zurück. In der beleidigten Menschheit Namen! p. 16. zu welchem Treffer in den Beutel große Übung und Geschicklichkeit im Werfen gehört. Schließlich stellt sich Beck von einer Klage wegen Realinjurie sicher, indem er nicht im eigenen Namen, sondern in dem der Menschheit funktioniert. Schon p. 9 wurde Rothschild aufgemutzt, daß er den Bürgerbrief aus Österreichs fetter Kaiserstadt angenommen hat, Wo dein gehetzter Glaubensgenosse Sein Licht und seine Luft bezahlt. Ja, Beck glaubt, daß Rothschild mit diesem Wiener Bürgerbrief der Freien Glück erworben hat. Jetzt wird p. 19 die Frage an ihn gestellt: Hast du den eignen Stamm befreit, Der ewig hofft und ewig duldet? Rothschild hätte also der Erlöser der Juden werden sollen. Und wie sollte Rothschild dies anfangen? Die Juden hatten ihn zum König gewählt, weil er das schwerste Gold besaß. Er hätte sie lehren sollen, wie man das Gold verachtet, "wie man fürs Wohl der Welt entbehrt". p. 21. Er hätte die Eigenliebe, die List und den Wucher aus ihrem Gedächtnis streichen, mit einem Wort, er hätte als Moral- und Bußprediger im Sack und in der Asche auftreten sollen. Die brave Forderung unseres Poeten ist dieselbe, als wenn er von Louis-Philippe verlangte, er solle den Bourgeois der Julirevolution lehren, das Eigentum abzuschaffen. Wenn beide so verrückt wären, so würden sie alsbald ihre Macht verlieren, aber weder die Juden den Schacher, noch die Bourgeois das Eigentum sich aus dem Gedächtnis streichen. p. 24 wird dem Rothschild vorgeworfen, daß er des Bürgers Mark aussaugt, als wäre es nicht wünschenswert, daß dem Bürger das Mark ausgesogen wird. p. 25 soll er die Fürsten verführt haben. Sollen sie nicht verführt werden? Wir haben schon Beweise genug gehabt von der märchenhaften Macht, die Beck dem Rothschild andichtet. Aber es geht immer crescendo ''. Nachdem er sich p. 26 in Phantasien ergangen hat, was er (Beck) nicht alles tun würde, wenn er Propriétaire '' der Sonne wäre, nämlich noch nicht den hundertsten Teil von dem, was die Sonne ohne ihn tut - fällt ihm plötzlich ein, daß Rothschild nicht allein der Sünder ist, sondern neben ihm auch noch andere Reiche existieren. Allein: Du saßest beredt im Lehrerstuhle, Es lernten die Reichen in deiner Schule; Du mußtest sie führen ins Leben hinein, Du konntest ihr Gewissen sein. Sie sind verwildert - du hast es geduldet, Sie sind verworfen - du hast es verschuldet. p. 27. Also die Entwickelung des Handels und der Industrie, die Konkurrenz, die Konzentration des Eigentums, die Staatsschulden und Agiotage '', kurz die ganze Entwickelung der modernen bürgerlichen Gesellschaft hätte Herr von Rothschild verhindern können, wenn er nur etwas gewissenhafter gewesen wäre. Es gehört wirklich toute la désolante naiveté de la poésie allemande '' dazu, um zu wagen, solche Ammenmärchen drucken zu lassen. Rothschild wird förmlich in Aladdin verwandelt. Noch nicht zufrieden, verleiht Beck dem Rothschild Der Sendung schwindelnde Größe, ............................................................. zu lindern der Welt gesamte Leiden [p. 28], eine Sendung, welche alle Kapitalisten der ganzen Welt zusammen nicht im entferntesten zu erfüllen vermögen. Sieht unser Dichter denn nicht, daß er um so lächerlicher wird, je erhabener und gewaltiger er werden will? daß alle seine Vorwürfe gegen Rothschild in die hündischsten Schmeicheleien umschlagen? daß er die Macht Rothschilds auf eine Weise feiert, wie sie der durchtriebenste Panegyriker nicht feiern könnte? Rothschild muß sich selbst Beifall zuklatschen, wenn er sieht, als welche gigantische Schreckgestalt seine kleine Persönlichkeit im Hirn eines deutschen Poeten sich widerspiegelt. Nachdem unser Poet sich bisher die romanhaften und unwissenden Phantasien eines deutschen Kleinbürgers über die Macht eines großen Kapitalisten, wenn er nur guten Willen hätte, versifiziert hat, nachdem er die Phantasie dieser Macht aufs Höchste geschwindelt hat in seiner Sendung schwindelnder Größe, spricht er die moralische Entrüstung des Kleinbürgers über den Abstand zwischen Ideal und Wirklichkeit in einem pathetischen Paroxysmus aus, der sogar die Lachmuskeln eines pennsylvanischen Quäkers in krampfhafte Aktion setzen würde: Weh mir, wenn ich in langer Nacht (21. Dezember) Mit heißer Stirn es durchgedacht .......................................................... Dann hob sich bäumend meine Locke, Mir war's, als riß ich an GOTTES Herzen, Ein Glöckner an der Feuerglocke p. 28, was dem alten Mann gewiß der letzte Nagel an seinem Sarge war. Er glaubt, die "Geister der Geschichte" hätten ihm da Gedanken anvertraut, die er noch leise noch laut sagen dürfe. Ja, er kommt zu dem verzweifelten Entschluß, in seinem Grabe noch den Cancan zu tanzen: Doch einst im modernden Leichentuch Wird wonnig schaudern mein Gerippe, Wenn nieder zu mir (dem Gerippe) die Kunde taucht, Daß auf den Altären das Opfer raucht. p. 29. Der Knabe Karl fängt an, mir fürchterlich zu werden Der Gesang über das Haus Rothschild wäre geschlossen. Folgt nun, wie gewöhnlich bei den modernen Lyrikern, eine gereimte Reflektion über diesen Gesang und die Rolle, die der Dichter in ihm gespielt hat. Ich weiß, es kann Dein mächtiger Arm mich blutig schlagen p. 30, d.h. ihm fünfzig aufzählen lassen. Der Österreicher vergißt den Haselstock nie. Dieser Gefahr gegenüber stärkt ihn das Hochgefühl: Wie's GOTT befahl und sonder Zagen, So sang ich offen, was ich sann. [p. 30.] Der deutsche Poet singt immer auf Befehl. Natürlich, der Herr ist verantwortlich, nicht der Knecht, und so hat Rothschild es mit GOTT zu tun, nicht mit Beck, seinem Knecht. Es ist überhaupt die Methode der modernen Lyriker: 1. mit der Gefahr zu renommieren, der sie sich in ihren harmlosen Gesängen auszusetzen glauben; 2. Prügel zu bekommen und sich dann Gott zu befehlen. Das Lied "An das Haus Rothschild" schließt mit einigen Hochgefühlen über eben dasselbe Lied, dem hier verleumderisch nachgesagt wird: Frei ist's und stolz, es darf dich meistern, Dir sagen, worauf es gläubig schwört p. 32, nämlich auf seine eigene, in diesem Schluß nachgewiesene Vortrefflichkeit. Wir fürchten, daß Rothschild den Beck nicht wegen des Liedes, sondern wegen dieses Meineides den Gerichten denunzieren wird. ["Deutsche-Brüsseler-Zeitung" Nr. 74 vom 16. September 1847] O, streutet Ihr den goldenen Segen! Die Reichen werden aufgefordert, dem Dürftigen eine Unterstützung angedeihen zu lassen, Bis dir der Fleiß ein sicheres Habe Für Weib und Kind gewann. [p. 35.] Und alles dies geschehe: Daß du gut verbleiben könnest, Ein Bürger und ein Mann, [p .35] also summa summarum ein guter Bürgersmann. Beck ist hiermit auf sein Ideal reduziert. Knecht und Magd Der Poet besingt zwei gottgefällige Seelen, die, wie höchst langweilig beschrieben wird, erst nach vieljährigem Knickern und moralischem Lebenswandel dazu kommen, ein keusches Ehebett zu besteigen. Sich küssen? sie täten es schämig! Sich necken? sie täten es leise! Ach, Blumen waren es wohl, doch waren es Blumen im Eise; Ein Tanz auf Krücken, O Gott! ein armer verspäteter Falter, Der halb ein blühendes Kind und halb ein verwelkender Alter. [p. 50.] Statt mit dieser einzigen guten Strophe im ganzen Gedicht zu schließen, läßt er sie hinterher noch jauchzen und beben, und zwar aus Freude am kleinen Eigentum, daß "am eigenen Herd die eigenen Pfühle sich heben", eine Phrase, die nicht ironisch, sondern mit ernsten Wehmutstränen ausgesprochen wird. Aber auch damit noch nicht: Nur Gott ist ihr Herr, der die Sterne beruft, zu leuchten, wenn's nachtet, Den Knecht, der die Kette zerbricht, mit seligem Auge betrachtet. [p. 50.] Somit wäre denn alle Pointe glücklich abgebrochen. Der Kleinmut und die Unsicherheit Becks verraten sich immer darin, daß er jedes Gedicht möglichst lang ausspinnt und nie enden kann, bis er durch eine Sentimentalität seine Kleinbürgerei dokumentiert hat. Die Kleistschen Hexameter scheinen absichtlich gewählt zu sein, um den Leser dieselbe Langeweile ertragen zu lassen, die die beiden Liebenden während ihrer langen Prüfungszeit sich durch ihre feige Moralität zuziehen. Der Trödeljude In der Beschreibung des Trödeljuden finden sich einige naive, nette Sachen, z.B.: Die Woche flieht, die Woche bietet Nur fünf der Tage deinem Fleiß. O, spute dich, du Atemloser, Wirb, wirb um deinen Tagelohn. Am Samstag will es nicht der Vater, Am Sonntag will es nicht der Sohn. [p. 55] Später aber verfällt Beck ganz in den liberal-jugdeutschen Judensabbel. Die Poesie hört so sehr auf, daß man glauben könnte, eine skrofulöse Rede der skrofulösen sächsischen Stände-Kammer zu hören: Du kannst nicht Handwerker werden, nicht "Krämermeister", nicht Ackerbauer, nicht Professor, aber die medizinische Karriere steht dir frei. Dies wird poetisch so ausgedrückt: Sie gönnen dir kein Handgewerke, Sie gönnen dir kein Ackerfeld. Du darfst ja nicht zur Jugend sprechen Von eines Lehrers hohem Pfühl; ........................................................ Du darfst im Land die Kranken heilen. [p. 57.] Könnte man in dieser Weise nicht die preußische Gesetzsammlung in Verse setzen und Herrn Ludewigs von Baierland Verse in Musik? Nachdem der Jude seinem Sohn vordeklamiert: Du mußt ja schaffen, mußt erraffen In steter Gier nach Gut und Geld, [p. 57] tröstet er ihn: Doch ehrlich bleibst du fort und fort. [p. 58.] Lorelei Diese Lorelei ist niemand anders als das Gold. Da trat in des Gemütes Reinheit Mit breiten Wogen die Gemeinheit, Und jedes Heil ertrank. [p. 64.] In dieser Gemütssündflut und dem Ertrinken des Heils liegt eine höchst niederschlagende Mischung von Plattheit und Bombast. Folgen triviale Tiraden über die Verwerflichkeit und Immoralität des Geldes. Sie (die Minne) späht nach Talern, nach Juwelen, Nach Herzen nicht und gleichen Seelen, Und eines Hüttleins Raum. [p. 67.] Hätte das Geld nicht mehr getan, als das deutsche Spähen nach Herzen und gleichen Seelen und der Schillerschen kleinsten Hütte, in der für ein glücklich liebend Paar Raum ist, um den Kredit zu bringen, so wären seine revolutionären Wirkungen schon anzuerkennen. Trommellied In diesem Gedicht zeigt unser sozialistischer Poet wieder, wie er durch seine Befangenheit in der deutschen Kleinbürgermisère fortwährend gezwungen wird, den wenigen Effekt zu verderben, den er hervorbringt. Es zieht ein Regiment mit klingendem Spiele aus. Das Volk fordert die Soldaten auf, mit ihm gemeinschaftliche Sache zu machen. Man freut sich, daß der Dichter endlich Mut faßt. Aber, o weh, schließlich erfährt man, daß es sich bloß um Kaisers Namenstag handelt und die Anrede des Volks nur die träumerische, verheimlichte Improvisation eines Jünglings bei der Parade ist. Wahrscheinlich eines Gymnasiasten: So träumt ein Jüngling, dem's Herze brennt. [p. 76.] Während derselbe Stoff mit derselben Pointe, von Heine behandelt, die bitterste Satire auf das deutsche Volk enthalten würde, kommt bei Beck nur eine Satire auf den Dichter selbst heraus, der sich selbst mit dem ohnmächtig schwärmenden Jüngling identifiziert. Bei Heine werden die Schwärmereien des Bürgers absichtlich in die Höhe geschraubt, um sie nachher ebenso absichtlich in die Wirklichkeit herabfallen zu lassen, bei Beck ist es der Dichter selbst, der sich diesen Phantasien assoziiert und natürlich auch den Schaden mit trägt, wenn er in die Wirklichkeit herunterstürzt. Bei dem einen fühlt sich der Bürger empört über die Keckheit des Dichters, bei dem andern beruhigt durch seine Seelenverwandtschaft mit ihm. Die Prager Insurrektion bot ihm übrigens Gelegenheit, ganz andere Dinge als diese Farce zu reproduzieren. Der Auswanderer Ich brach den Zweig vom Stamme, Der Förster gab Rapport, Da band der Herr mich stramme Und schlug mir diese Schramme. [p. 86.] Fehlt nur noch, daß auch der Rapport in ähnlichen Versen vorgetragen wird. Der Stelzfuß Hier sucht der Dichter zu erzählen und scheitert auf eine wirklich jämmerliche Weise. Diese vollendete Ohnmacht zu erzählen und darzustellen, die sich in dem ganzen Buch zeigt, ist charakteristisch für die Poesie des wahren Sozialismus. Der wahre Sozialismus bietet in seiner Unbestimmtheit keine Gelegenheit, einzelne zu erzählende Fakta an allgemeine Verhältnisse anzuknüpfen und ihnen dadurch die frappante, bedeutende Seite abzugewinnen. Die wahren Sozialisten hüten sich deshalb auch in ihrer Prosa sehr vor der Geschichte. Wo sie ihr nicht entgehen können, begnügen sie sich damit, entweder philosophisch zu konstruieren oder einzelne Unglücksfälle und soziale Casus in ein trockenes und langweiliges Register einzutragen. Auch geht ihnen allen in Prosa und Poesie das zum Erzählen nötige Talent ab, was mit der Unbestimmtheit ihrer ganzen Anschauungsweise zusammenhängt. Die Kartoffel Melodie: "Morgenrot, Morgenrot!" Heilig Brot! Daß du kamst für unsre Not. Daß du kamst um Himmels Willen In die Welt, das Volk zu stillen - Fahre wohl, du bist nun tot! [p. 105.] In der zweiten Strophe heißt er die Kartoffel: ... den kleinen Rest, Der aus Eden uns geblieben, und charakterisiert die Kartoffelkrankheit: Unter Engeln tobt die Pest! In der dritten Strophe rät Beck dem armen Mann, Trauer anzulegen: Armer Mann! Gehe hin, leg Trauer an. Völlig bist du nun gerichtet, Ach, dein Letztes ist vernichtet. Weine, wer noch weinen kann! Tot im Sand Liegt dein Gott, du trauernd Land. Laß jedoch den Trost dir sagen: Kein Erlöser ward erschlagen, Der nicht wieder auferstand! [p. 106.] Weine, wer da weinen kann, mit dem Dichter! Wäre er nicht so arm an Energie, wie sein armer Mann an gesunden Kartoffeln, so würde er sich über den Stoff gefreut haben, den die Kartoffel, dieser Bourgeoisgott, einer der Pivots '' der bestehenden bürgerlichen Gesellschaft, vorigen Herbst erhielt. Die Grundbesitzer und Bürgersleute Deutschlands hätten dies Gedicht ohne Schaden in den Kirchen absingen lassen können. Beck verdient für diesen Effort einen Kranz von Kartoffelblüten. Die alte Jungfer Wir gehen auf dies Gedicht nicht näher ein, da es gar kein Ende nimmt und sich in unsäglich langweiliger Breite über volle neunzig Seiten ausdehnt. Die alte Jungfer, die in zivilisierten Ländern meist nur nominell vorkommt, ist in Deutschland allerdings ein bedeutender "sozialer Casus". Die allergewöhnlichste Manier, sozialistisch.selbstgefällig zu reflektieren, besteht darin, zu sagen, es sei alles gut, wenn nur nicht auf der andern Seite die Armen wären. Bei jedem beliebigen Stoff kann diese Reflexion angestellt werden. Der eigentliche Gehalt dieser Reflexion ist die philanthropisch-heuchlerische Kleinbürgerlichkeit, die mit den positiven Seiten der bestehenden Gesellschaft vollkommen einverstanden ist und nur darüber jammert, daß auch die negative Seite der Armut daneben besteht, die über und über in der gegenwärtigen Gesellschaft befangen ist und nur wünscht, daß diese Gesellschaft ohne ihre Existenzbedingungen fortexistieren möge. Beck stellt in diesem Gedicht diese Reflexion oft möglichst trivial an, z.B. bei Gelegenheit des Christfestes: O Zeit, die mild des Menschen Herz erbaut, Du wärest milder und doppelt traut - Wenn nicht in der Brust des armen Buben, Der elternlos in die festlichen Stuben Des reichen Spielgenossen schaut, Der Neid mit seiner ersten Sünde Bei wüster Gotteslästerung stünde! Ja ......................................................... .... süßer, klänge beim Weihnachtslicht Der Kinder Jubel in meinem Gehöre, Wenn nur in feuchten Höhlen nicht Auf schlechter Streu das Elend fröre. [p. 49.] Er finden sich übrigens schöne Einzelheiten in diesem formlosen und endlosen Gedicht, z.B. die Darstellung des Lumpenproletariats: Was täglich und unverdrossen Nach Kehricht sucht in verpesteten Gossen; Was wie der Spatz nach Futter schweift, Was Töpfe flickt und Scheren schleift, Was starren Fingers die Wäsche steift, Was keuchend schiebt des Karrens Wucht, Beladen mit kaum gereifter Frucht, Und weinerlich singt: Wer kauft, wer kauft? Was um den Heller im Schmutze rauft; Was täglich an den Steinen der Ecken Den Gott besingt, an den es glaubt, Kaum wagt die Hände hinzustrecken, Dieweil das Betteln nicht erlaubt; Was tauben Ohrs in Hungers Nöten Die Harfen spielt und bläst die Flöten, Jahraus, jahrein denselben Chor - Vor allen Fenstern, an jedem Tor - Die Kindermagd zum Tanze stimmt, Doch selber nicht das Lied vernimmt; Was nachts die große Stadt erhellt Und selbst kein Licht im Hause hat; Was Lasten trägt, was Holz zerspellt, Was herrenlos, was herrensatt; Was beten und kuppeln und stehlen läuft, Den Rest des Gewissens wüst versäuft. [p. 158-160.] Beck erhebt sich hier zum ersten Male über die gewöhnliche deutschbürgerliche Moralität, indem er diese Verse einem alten Bettler in den Mund legt, dessen Tochter seine Einwilligung zu einem Rendezvous mit einem Offizier verlangt. Er gibt ihr darauf in obigen Versen eine erbitterte Schilderung der Klassen, wozu ihr Kind dann gehören würde, greift seine Einwendungen aus ihrer unmittelbaren Lebenslage und hält ihr keine Moralpredigt, was anzuerkennen ist. Du sollst nicht stehlen Der moralische Bediente eines Russen, den der Bediente selbst als braven Gebieter qualifiziert, bestiehlt seinen scheinbar schlummernden Herrn in der Nacht, um seinen alten Vater zu unterstützen. Der Russe schleicht ihm nach und sieht über seine Schultern, da er eben das nachfolgende Brieflein an denselbigen Alten richtet: Nimm das Geld! Ich hab' gestohlen! Vater, bete zum Erlöser, Daß er mir von seinem Throne Einst Verzeihung senden möge! Schaffen will ich und verdienen, Von der Streu den Schlummer hetzen, Bis ich meinem braven Gebieter Das Geraubte kann ersetzen. [p. 241.] Der brave Gebieter des moralischen Dienstboten ist so gerührt über diese furchtbaren Entdeckungen, daß er nicht sprechen kann, jedoch segnend seine Hand auf das Haupt des Knechtes legt. Aber der ist eine Leiche - Und es brach sein Herz im Schrecken. [p. 242.] Kann man etwas Komischeres schreiben? Beck sinkt hier unter Kotzebue und Iffland herab, die Bediententragödie übertrifft noch das bürgerliche Trauerspiel. Neue Götter und alte Leiden In diesem Gedicht werden Ronge, die Lichtfreunde, die Neujuden, der Barbier, die Wäscherin, der Leipziger Bürger mit seiner gelinden Freiheit oft treffend verhöhnt. Zum Schluß verteidigt sich der Poet gegen die Philister, die ihn deshalb anklagen werden, obgleich auch er Das Lied vom Licht In Sturm und Nacht hinausgesungen. [p. 298.] Er trägt dann selbst eine sozialistisch modifizierte, auf eine Art von Naturdeismus begründete Lehre der Bruderliebe und praktischen Religion vor und macht so eine Seite seiner Gegner gegen die andere geltend. So kann Beck nie enden, bis er sich selbst wieder verdorben hat, weil er selbst zu sehr in der deutschen Misere befangen ist und zuviel auf sich, auf den Dichter in seinem Dichten reflektiert. Der Sänger ist überhaupt wieder eine fabelhaft zugestutzte, abenteuerlich sich aufspreizende Figur bei den modernen Lyrikern. Er ist keine aktive, in der wirklichen Gesellschaft stehende Person, welche dichtet, sondern "der Dichter", der in den Wolken schwebt, welche Wolken aber nichts anderes sind als die nebelhaften Phantasien des deutschen Bürgers. - Beck fällt immer vom abenteuerlichsten Bombast in die allernüchternste Bürgerprosa und von einem kleinen kriegerischen Humor gegen die bestehenden Zustände in ein sentimentales Abfinden mit ihnen. Jeden Augenblick ertappt er sich, daß er selbst es ist, de quo fabula narratur ''. Seine Lieder wirken daher nicht revolutionär, sondern wie Drei Brausepülverchen, Das Blut zu stillen. [p. 293.] Den Schluß des ganzen Bandes bildet daher auch ganz passend der folgende schlaffe Jammer der Resignation: Wann soll es auf der Erden, O Gott, erträglich werden? Ich bin an Sehnsucht doppelt frisch, Drum an Geduld ein doppelt Müder. [p. 324.] Beck hat unstreitig mehr Talent und ursprünglich auch mehr Energie als die Mehrzahl des deutschen Literatenpacks. Sein einziges Leiden ist die deutsche Misere, zu deren theoretischen Formen auch der pomphaft-weinerliche Sozialismus und die jungdeutschen Reminiszenzen Becks gehören. Ehe nicht in Deutschland die gesellschaftlichen Gegensätze eine schärfere Form erhalten haben durch eine bestimmtere Sonderung der Klassen und momentane Eroberung der politischen Herrschaft durch [die] Bourgeoisie, ist für einen deutschen Poeten in Deutschland selbst wenig zu hoffen. Einerseits ist es ihm in der deutschen Gesellschaft unmöglich, revolutionär aufzutreten, weil die revolutionären Elemente selbst noch zu unentwickelt sind, andererseits wirkt die ihn von allen Seiten umgehende chronische Misere zu erschlaffend, als daß er sich darüber erheben, sich frei zu ihr verhalten und sie verspotten könnte, ohne selbst wieder in sie zurückzufallen. Einstweilen kann man allen deutschen Poeten, die noch einiges Talent haben, nichts raten, als auszuwandern in zivilisierte Länder. ["Deutsche-Brüsseler-Zeitung" Nr. 93 vom 2l. November 1847] 2 Karl Grün: "Über Goethe vom menschlichen Standpunkte". Darmstadt, 1846. Herr Grün erholt sich von den Strapazen seiner "Sozialen Bewegung in Frankreich und Belgien", indem er einen Blick auf den sozialen Stillstand seines Vaterlandes wirft. Er sieht sich zur Abwechselung einmal den alten Goethe "vom menschlichen Standpunkte" an. Er hat seine Siebenmeilenstiefel mit Pantoffeln vertauscht, sich in den Schlafrock geworfen und dehnt sich selbstzufrieden in seinem Armsessel: "Wir schreiben keinen Kommentar, nur was auf der Hand liegt, nehmen wir mit." p. 244. Er hat sich's recht behaglich gemacht: "Rosen und Kamelien hatte ich mir ins Zimmer gesetzt, Reseda und Veilchen ins offene Fenster", p. III. "Und vor allem keine Kommentare! ... Sondern hier, die sämtlichen Werke auf den Tisch und etwas Rosen- und Resedaduft ins Zimmer! Wir wollen sehen, wie weit wir damit kommen ... Ein Schuft gibt mehr als er hat!" p. IV, V. Bei aller Nonchalance verrichtet Herr Grün indes die größten Heldentaten in diesem Buche. Aber das wird uns nicht wundern, nachdem wir von ihm selbst gehört haben, daß er der Mann ist, der "an der Nichtigkeit der öffentlichen und Privatverhältnisse verzweifeln wollte" (p. III), der "Goethes Zügel empfand, wenn er sich im Überschwenglichen und Unförmlichen zu verlieren drohte" (ibid.), der "das Vollgefühl menschlicher Bestimmung" in sich trägt, "der unsere Seele gehört - und ging' es in die Hölle!" (p. IV.) Wir wundern uns über nichts mehr, nachdem wir erfahren haben, daß er schon früher "einmal eine Frage an den Feuerbachschen Menschen gerichtet" hat, die zwar "leicht zu beantworten" war, aber doch für den besagten Menschen zu schwierig gewesen zu sein scheint (p. 277); wenn wir sehen, wie Herr Grün p. 198 das "Selbstbewußtsein aus einer Sackgasse holt", p. 102 sogar "an den Hof des russischen Kaisers" gehen will und p. 305 mit Donnerstimme in die Welt hinausruft: "Wer durch ein Gesetz einen neuen Zustand aussprechen will, welcher dauern soll, der sei Anathema!" Wir sind aufs äußerste gefaßt, wenn Herr Grün p. 187 unternimmt, "seine Nasenspitze an den Idealismus zu legen" und ihn "zum Straßenjungen zu machen", wenn er darauf spekuliert, "Eigentümer zu werden", ein "reicher, reicher Eigentümer, den Zensus zahlen zu können, um in die Repräsentantenkammer der Menschheit einzurücken, um auf die Liste der Geschwornen zu kommen, welche über menschlich und unmenschlich entscheiden". Wie sollte ihm das nicht gelingen, ihm, der "auf dem namenlosen Grund des allgemeinen Menschlichen" steht? (p. 182.) Ihn schrecken nicht einmal "die Nacht und ihre Greuel" (p. 312), als da sind Mord, Ehebruch, Dieberei, Hurerei, Unzucht und hoffärtiges Wesen. Freilich gesteht er p. 99 ein, er habe auch schon "den unendlichen Schmerz empfunden, wenn der Mensch sich auf dem Punkte seiner Nichtigkeit ertappt", freilich "ertappt" er sich vor den Augen des Publikums auf diesem "Punkte", bei Gelegenheit des Satzes: Du gleichst dem Geist, den Du begreifst, Nicht mir - und zwar folgendermaßen: "Dies Wort ist, wie wenn Blitz und Donner zusammenfallen und zu gleicher Zeit Erde sich auftäte. In diesem Wort ist der Vorhang am Tempel zerrissen, die Gräber tun sich auf ... die Götterdämmerung ist hereingebrochen und das alte Chaos ... die Sterne fahren widereinander, ein einziger Kometenschwanz brennt im Nu die kleine Erde weg, und alles, was ist, ist nur noch Qualm und Rauch und Dunst. Und wenn man sich die gräßlichste Zerstörung denkt, ... so ist das alles noch gar nichts gegen die Vernichtung. die in diesen neun Wörtern liegt!" p. 235, 236.] Freilich, "an der alleräußersten Grenze der Theorie", nämlich auf p. 295, "läuft es" dem Herrn Grün "wie eiskaltes Wasser den Rücken hinab, ein wahrer Schrecken durchzittert seine Glieder" - aber in dem allen überwindet er weit, denn er ist ja Mitglied "des großen Freimaurerordens der Menschheit"! (p. 317.) Take it all in all '', so wird Herr Grün mit solchen Eigenschaften auf jedem Felde sich bewähren. Ehe wir zu seiner ergiebigen Betrachtung Goethes übergehen, wollen wir ihn auf einige Nebenschauplätze seiner Tätigkeit begleiten. Zuerst auf das Feld der Naturwissenschaft, denn "das Wissen von der Natur" ist nach p. 247 "die einzig positive Wissenschaft" und zugleich "nicht minder die Vollendung des humanistischen" (vulgo '' menschlichen) "Menschen". Sammeln wir sorgfältig, was uns Herr Grün von dieser einzig positiven Wissenschaft Positives verkündigt. Er läßt sich zwar nicht weitläuftig auf sie ein, er läßt nur, so zwischen Tag und Dunkel in seinem Zimmer auf und ab gehend, einiges fallen, aber er verrichtet darum "nicht minder" die "positivsten" Mirakel. Bei Gelegenheit des Holbach zugeschriebenen "Système de la nature" enthüllt er: "Es kann hier nicht auseinandergesetzt werden, wie das System der Natur auf der Hälfte des Weges abbricht, wie es an dem Punkte abbricht, wo aus der Notwendigkeit des Zerebralsystems die Freiheit und die Selbstbestimmung herausschlagen müßten." p. 70. Herr Grün könnte ganz genau den Punkt angehen, wo "aus der Notwendigkeit des Zerebralsystems" dies und jenes "herausschlägt" und der Mensch also auch auf die innere Seite seines Schädels Ohrfeigen bekommt. Herr Grün könnte die sichersten und detailliertesten Nachrichten geben über einen Punkt, der sich bisher den Beobachtungen gänzlich entzog, nämlich über den Produktionsprozeß des Bewußtseins im Gehirn. Aber leider! in einem Buche über Goethe vom menschlichen Standpunkte "kann dies nicht auseinandergesetzt werden". Dumas, Playfair, Faraday und Liebig huldigten bisher arglos der Ansicht, der Sauerstoff sei ein ebenso geschmackloses wie geruchloses Gas. Herr Grün aber, der da weiß, daß alles Saure auf der Zunge beißt, erklärt p. 75 den "Sauerstoff" für "beißend". Desgleichen bereichert er p. 229 die Akustik und Optik mit neuen Tatsachen; indem er dort "ein reinigendes Tosen und Leuchten" vor sich gehen läßt, stellt er die reinigende Kraft des Schalls und des Lichtes außer Zweifel. Nicht zufrieden mit diesen glänzenden Bereicherungen der "einzig positiven Wissenschaft", nicht zufrieden mit der Theorie der inwendigen Ohrfeigen, entdeckt Herr Grün p. 94 einen neuen Knochen: "Werther ist der Mensch, dem der Wirbelknochen fehlt, der noch nicht Subjekt geworden ist." Die bisherige falsche Ansicht war, der Mensch habe an die zwei Dutzend Wirbelknochen. Herr Grün reduziert diese vielen Knochen nicht nur auf ihre normale Einheit, sondern entdeckt auch noch, daß dieser Exklusiv-Wirbelknochen die merkwürdige Eigenschaft hat, den Menschen zum "Subjekt" zu machen. Das "Subjekt" Herr Grün verdient für diese Entdeckung einen Extra-Wirbelknochen. Unser beiläufiger Naturforscher faßt schließlich seine "einzig positive Wissenschaft" von der Natur folgendermaßen zusammen: "Ist nicht der Kern der Natur Menschen im Herzen? Der Kern der Natur ist Menschen im Herzen. Im Menschenherzen ist der Kern der Natur. Die Natur hat ihren Kern im Herzen des Menschen." p. 250. Und wir setzen hinzu mit Herrn Grüns Erlaubnis: Menschen im Herzen ist der Kern der Natur. Im Herzen ist der Kern der Natur Menschen. In des Menschen Herzen hat die Natur ihren Kern. Mit dieser eminenten "positiven" Aufklärung verlassen wir das naturwissenschaftliche Feld, um zur Ökonomie überzugehen, die leider nach dem Obigen keine "positive Wissenschaft" ist. Dessenungeachtet verfährt Herr Grün auch hier auf gut Glück äußerst "positiv". "Individuum setzte sich wider Individuum, und so entstand die allgemeine Konkurrenz." p. 211. Das heißt, die düstre und mysteriöse Vorstellung der deutschen Sozialisten von der "allgemeinen Konkurrenz" trat ins Leben, "und so entstand die Konkurrenz". Gründe werden nicht angegeben, ohne Zweifel, weil die Ökonomie keine positive Wissenschaft ist. "Im Mittelalter war das schnöde Metall noch gebunden durch Treue, Minne und Devotieren; diese Fessel zersprengte das sechzehnte Jahrhundert, und das Geld wurde frei." p. 241. MacCulloch und Blanqui, die bisher in dem Irrtum befangen waren, das Geld sei "im Mittelalter gebunden" gewesen durch die mangelnde Kommuni- kation mit Amerika und die Granitmassen, welche die Adern des "schnöden Metalls" in den Andes bedeckten, MacCulloch und Blanqui werden Herrn Grün für diese Enthüllung eine Dankadresse votieren. Der Geschichte, die ebenfalls keine "positive Wissenschaft" ist, sucht Herr Grün einen positiven Charakter zu geben, indem er den Tatsachen der Tradition eine Reihe von Tatsachen seiner Imagination gegenüberstellt. Pag. 91 "erdolcht sich Addisons Cato ein Jahrhundert vor Werther auf der englischen Bühne" und beweist dadurch einen merkwürdigen Lebensüberdruß. Er "erdolcht" sich hiernach nämlich, als sein 1672 geborner Verfasser noch ein Säugling war. Pag. 175 berichtigt Herr Grün Goethes "Tag- und Jahreshefte" dahin, daß 1815 von den deutschen Regierungen die Preßfreiheit keineswegs "ausgesprochen", sondern nur "versprochen" wurde. Er ist also alles nur ein Traum, was uns die sauerländischen und sonstigen Spießbürger Erschreckliches von den vier Jahren Preßfreiheit 1815 bis 1819 zu erzählen wissen, wie damals alle ihre kleinen Schmutzereien und Skandalosa durch die Presse ans Licht gezogen wurden und wie endlich die Bundesbeschlüsse von 1819 dieser Schreckensherrschaft der Öffentlichkeit ein Ende machten. Herr Grün erzählt uns ferner, daß die freie Reichsstadt Frankfurt gar kein Staat war, sondern "nichts als ein Stück bürgerlicher Gesellschaft". p. 19. Überhaupt gehe es in Deutschland keine Staaten, und man fange endlich "mehr und mehr an, die eigentümlichen Vorzüge dieser Staatslosigkeit Deutschlands einzusehen", p. 257, welche Vorzüge besonders in der großen Wohlfeilheit der Stockprügel bestehen. Die deutschen Selbstherrscher werden also sagen müssen: "la société civile, c'est moi" '' - wobei sie sich aber schlecht stehen, denn nach p. 101 ist die bürgerliche Gesellschaft nur "eine Abstraktion". Wenn aber die Deutschen keinen Staat haben, so haben sie dafür "einen ungeheuren Wechsel auf die Wahrheit, und dieser Wechsel muß realisiert werden, ausgezahlt, in klingende Münze umgesetzt". p. 5. Dieser Wechsel ist ohne Zweifel auf demselben Büro zahlbar, wo Herr Grün den "Zensus" zahlt, "um in die Repräsentantenkammer der Menschheit einzurücken". !"Deutsche-Brüsseler-Zeitung" Nr. 94 vom 25. November 1847] Die wichtigsten "positiven" Aufschlüsse erhalten wir indes über die französische Revolution, über deren "Bedeutung" er eine eigne "Zwischen- rede" hält. Er beginnt mit dem Orakelspruch, der Gegensatz zwischen historischem Recht und Vernunftrecht sei ein durchaus wichtiger, denn beide seien historischen Ursprungs. Ohne Herrn Grüns ebenso neue wie wichtige Entdeckung, daß auch das Vernunftrecht im Laufe der Geschichte entstanden sei, irgendwie herabsetzen zu wollen, wagen wir die bescheidne Bemerkung, daß ein stilles Zwiegespräch im stillen Kämmerlein mit den ersten Bänden der "Histoire parlementaire" von Buchez ihm zeigen dürfte, welche Rolle dieser Gegensatz in der Revolution gespielt hat. Herr Grün zieht es indes vor, uns einen ausführlichen Beweis von der Schlechtigkeit der Revolution zu geben, der sich schließlich auf den einzigen, aber zentnerschweren Vorwurf reduziert: daß sie den "Begriff des Menschen nicht untersucht habe". In der Tat ist eine so grobe Unterlassungssünde unverzeihlich. Hätte die Revolution nur den Begriff des Menschen untersucht, so wäre '' von einem neunten Thermidor, von einem achtzehnten Brumaire keine Rede; Napoleon begnügte sich mit der Generals-Charge und schrieb vielleicht auf seine alten Tage ein Exerzierreglement "vom menschlichen Standpunkte". - Weiter erfahren wir zur Aufklärung "über die Bedeutung der Revolution", daß der Deismus sich im Grunde vom Materialismus nicht unterscheide, und warum nicht. Wir sehen daraus mit Vergnügen, daß Herr Grün seinen Hegel noch nicht ganz vergessen hat. Vergl. z.B. Hegels "Geschichte der Philosophie", III., p. 458, 459, 463 der zweiten Ausgabe. - Dann wird, ebenfalls zur Aufklärung "über die Bedeutung der Revolution", mehres über Konkurrenz mitgeteilt, wovon wir oben die Hauptsache vorwegnahmen, ferner lange Auszüge aus Holbachs Schriften gegeben, um zu beweisen, daß er die Verbrechen aus dem Staat erklärte; nicht minder wird "die Bedeutung der Revolution" durch eine reichliche Blumenlese aus des Thomas Morus' "Utopia" erläutert, welche "Utopia" wieder dahin erläutert wird, daß sie Anno 1516 nichts Geringeres als - "das heutige England" p. 225 bis in die geringsten Einzelheiten prophetisch darstellte. Und endlich, nach allen diesen auf beiläufig 36 Seiten breitgetretenen Vues und Considérants '' folgt das Schlußurteil p. 226: "Die Revolution ist die Verwirklichung des Machiavellismus." Warnendes Exempel für alle, die den Begriff des" Menschen" noch nicht untersucht haben! Zum Trost für die armen Franzosen, die nichts erreicht haben als die Verwirklichung des Machiavellismus, läßt Herr Grün p. 73 ein Balsamtröpflein fallen: "Das französische Volk war im l8. Jahrhundert der Prometheus unter den Völkern, der die menschlichen Rechte denen der Götter gegenüber geltend machte." Heften wir uns nicht daran, daß es also doch wohl "den Begriff des Menschen untersucht" haben mußte, oder daran, daß es die menschlichen Rechte nicht "denen der Götter", sondern denen des Königs, des Adels und der Pfaffen "gegenüber geltend machte", lassen wir diese Bagatellen und verhüllen wir in stiller Trauer unser Haupt: denn dem Herrn Grün selbst passiert hier etwas "Menschliches". Herr Grün vergißt nämlich, daß er in früheren Schriften (vgl. z.B. den Artikel im 1. Bande der "Rheinischen Jahrbücher", die "soziale Bewegung" usw.) eine gewisse Entwicklung über die Menschenrechte aus den "Deutsch-Französischen Jahrbüchern" nicht nur breitgetreten, "popularisiert", sondern sogar mit dem echtesten Plagiarien-Eifer ins Unsinnige outriert hatte. Er vergißt, daß er dort die Menschenrechte als die Rechte des Epiciers '', des Spießbürgers usw. an den Pranger gestellt hatte, und macht sie hier plötzlich zu "den menschlichen Rechten", zu den Rechten des "Menschen". Dasselbe passiert dem Herrn Grün p. 251, 252, wo "das Recht, das mit uns geboren und von dem leider keine Frage ist", aus dem "Faust" in "dein Naturrecht, dein Menschenrecht, das Recht, von innen heraus zu wirken und sein eigenes Werk zu genießen" verwandelt wird; obwohl Goethe es direkt in Gegensatz bringt mit "Gesetz und Rechten", die "sich wie eine ew'ge Krankheit forterben", d.h. mit dem traditionellen Recht des ancien régime '', zu dem nur die "angebornen, unverjährbaren und unveräußerlichen Menschenrechte" der Revolution, keineswegs aber die Rechte "des Menschen" den Gegensatz bilden. Diesmal freilich mußte Herr Grün seine Antezedentien vergessen, damit Goethe nicht den menschlichen Standpunkt verliere. Ganz übrigens hat Herr Grün noch nicht vergessen, was er aus den "Deutsch-Französischen Jahrbüchern" und andern Schriften derselben Richtung gelernt hat. Pag. 210 definiert er z.B. die dermalige französische Freiheit als "die Freiheit von unfreien (!), allgemeinen (!!) Wesen (!!!)". Dies Unwesen ist entstanden aus dem Gemeinwesen von p. 204 und 205 der "Deutsch-Französischen Jahrbücher" und den Übersetzungen dieser Seiten in die kurrente Sprache des dermaligen deutschen Sozialismus. Die wahren Sozialisten haben überhaupt die Gewohnheit, Entwicklungen, die ihnen unverständlich bleiben, weil sie von der Philosophie abstrahieren und juristische, ökonomische usw. Ausdrücke enthalten, im Handumdrehen in eine einzige kurze, mit philosophischen Ausdrücken versetzte Phrase zu- sammenzufassen und diesen Unsinn zu beliebigem Gebrauch auswendig [zu] lernen. Auf diese Weise ist das juristische "Gemeinwesen" der "Deutsch-Französischen Jahrbücher" in obiges philosophisch-unsinnige "allgemein Wesen" verwandelt worden, die politische Befreiung, die Demokratie hat in der "Befreiung vom unfreien allgemeinen Wesen" ihre philosophische kurze Formel erhalten, und diese kann der wahre Sozialist in die Tasche stecken, ohne befürchten zu müssen, daß seine Gelehrsamkeit ihm zu schwer falle. Auf p. XXVI exploitiert Herr Grün in ähnlicher Weise, was in der "Heiligen Familie" über Sensualismus und Materialismus gesagt ist, wie er den Wink jener Schrift, daß in den Materialisten des vorigen Jahrhunderts, u.a. in Holbach, Anknüpfungspunkte für die sozialistische Bewegung der Gegenwart zu finden seien, zu obenerwähnten Zitaten aus Holbach nebst sozialistischer Interpretation derselben benutzt. Gehen wir über zur Philosophie. Gegen diese hegt Herr Grün eine gründliche Verachtung. Er verkündigt uns schon p. VII, daß er "fürder nichts mehr mit Religion, Philosophie und Politik zu schaffen hat", daß diese drei "gewesen sind und sich nie wieder aus ihrer Auflösung erheben werden" und daß er von ihnen allen und namentlich von der Philosophie "weiter nichts übrigbehält als den Menschen und das gesellschaftsfähige, soziale Wesen". Das gesellschaftsfähige, gesellschaftliche Wesen und der obige menschliche Mensch sind allerdings hinreichend, um uns über den unrettbaren Untergang von Religion, Philosophie und Politik zu trösten. Aber Herr Grün ist viel zu bescheiden. Er hat nicht nur den "humanistischen Menschen" und diverse "Wesen" von der Philosophie "übrigbehalten", sondern erfreut sich auch des Besitzes einer, wenn auch verworrenen, doch beträchtlichen Masse Hegelscher Tradition. Wie wäre das Gegenteil auch möglich, nachdem er vor verschiedenen Jahren vor Hegels Büste zu wiederholten Malen andächtig gekniet hat? Man wird uns bitten, dergleichen skurrile und skandalöse Personalia '' aus dem Spiele zu lassen; aber Herr Grün selbst hat dies Geheimnis dem Preßbengel anvertraut. Wir werden diesmal nicht sagen, wo. Wir haben dem Herrn Grün bereits so häufig seine Quellen mit Kapitel und Vers zitiert, daß wir auch einmal den gleichen Dienst von Herrn Grün verlangen können. Um ihm gleich wieder einen Beweis von unserer Gefälligkeit zu geben, wollen wir ihm vertrauen, daß er die schließliche Entscheidung in der Streitfrage vom freien Willen, die er p. 8 gibt, aus Fouriers "Traité de l'Association", Abschnitt "du libre arbitre", genommen hat. Nur, daß die Theorie vom freien Willen eine "Verirrung des deutschen Geistes" sei, ist eine eigentümliche "Verirrung" des Herrn Grün selbst. Wir kommen Goethe endlich näher. Auf p. 15 weist Herr Grün das Recht Goethes nach zu existieren. Goethe und Schiller sind nämlich die Aufhebung des Gegensatzes zwischen "tatlosem Genuß", d.h. Wieland, und "genußloser Tat", d.h. Klopstock. "Lessing stellte den Menschen zuerst auf sich selbst." (Ob ihm Herr Grün dies akrobatische Kunststück wohl nachmachen kann?) - In dieser philosophischen Konstruktion haben wir alle Quellen des Herrn Grün zusammen. Die Form der Konstruktion, die Grundlage des Ganzen - der weltbekannte Hegelsche Kunstgriff der Vermittelung der Gegensätze. "Der auf sich selbst gestellte Mensch" - Hegelsche Terminologie, angewandt auf Feuerbach. "Tatloser Genuß" und "Genußlose Tat", dieser Gegensatz, über den Herr Grün Wieland und Klopstock obige Variationen spielen läßt, ist entlehnt aus den Sämtlichen Werken von M[oses] Heß. Die einzige Quelle, die wir vermissen, ist die Literaturgeschichte selbst, die von den obigen Siebensachen nicht das Geringste weiß und dafür von Herrn Grün mit Recht ignoriert wird. Da wir gerade von Schiller sprechen, dürfte folgende Bemerkung des Herrn Grün an ihrem Orte sein: "Schiller war alles, was man sein kann, wofern man nicht Goethe ist." p. 311. Pardon, man kann auch Monsieur Grün sein. - Übrigens pflügt unser Autor hier mit dem Kalbe Ludewigs von Baierland: Rom, Dir fehlt das, was Neapel hat, diesem just, was Du besitzest; Wäret ihr beide vereint, wär's für die Erde zu viel. Durch diese Geschichtskonstruktion ist Goethes Auftreten in der deutschen Literatur vorbereitet. "Der Mensch", von Lessing "auf sich selbst gestellt", kann nur unter den Händen Goethes zu weiteren Evolutionen fortschreiten. Herrn Grün gebührt nämlich das Verdienst, "den Menschen" in Goethe entdeckt zu haben, nicht den natürlichen, von Mann und Weib vergnüglich und fleischlich erzeugten Menschen, sondern den Menschen im höheren Sinne, den dialektischen Menschen, das Caput mortuum '' im Tiegel, in welchem Gott Vater, Sohn und heiliger Geist kalziniert worden, den cousin germain '' des Homunculus aus dem "Faust" - kurz, nicht den Menschen, von dem Goethe spricht, sondern "den Menschen", von dem Herr Grün spricht. Wer ist nun "der Mensch", von dem Herr Grün spricht? "Es ist nichts als menschlicher Inhalt in Goethe". [p. XVI.] - Pag. XXI hören wir, "daß Goethe den Menschen so darstellte und dachte, wie wir ihn heute verwirklichen wollen". - Pag. XXII: "Der heutige Goethe, und das sind seine Werke, ist ein wahrer Kodex des Menschentums". - Goethe "ist die vollendete Menschlichkeit". Pag. XXV. -"Goethes Dichtungen sind (!) das Ideal der menschlichen Gesellschaft." Pag. 12. -"Goethe konnte kein nationaler Dichter werden, weil er zum Dichter des Menschlichen bestimmt war." Pag. 25. - Trotzdem aber soll nach p. 14 "unser Volk" - also die Deutschen - in Goethe "sein eigenes Wesen verklärt erblicken". Hier haben wir den ersten Aufschluß über "das Wesen des Menschen", und wir dürfen uns dabei um so mehr auf Herrn Grün verlassen, als er ohne Zweifel "den Begriff des Menschen" aufs gründlichste "untersucht hat". Goethe stellt "den Menschen" so dar, wie Herr Grün ihn verwirklichen will, und zugleich stellt er das deutsche Volk verklärt dar - hiernach ist "der Mensch" niemand anders als "der verklärte Deutsche". Dies wird überall bestätigt. Wie Goethe "kein nationaler Dichter", sondern "der Dichter des Menschlichen" ist, so ist auch das deutsche Volk "kein nationales" Volk, sondern das Volk "des Menschlichen". Darum heißt es auch p. XVI: "Goethes Dichtungen, aus dem Leben hervorgegangen, ... hatten und haben mit der Wirklichkeit nichts zu schaffen." Gerade wie "der Mensch", gerade wie die Deutschen. Und p. 4: "Noch zur Stunde will der französische Sozialismus Frankreich beglücken, die deutschen Schriftsteller haben das menschliche Geschlecht vor Augen." (Während "das menschliche Geschlecht" sie mehrenteils nicht "vor Augen", sondern vor einer ziemlich entgegengesetzten Körperstelle zu "haben" pflegt.) So freut sich Herr Grün auch an zahllosen Stellen darüber, daß Goethe "den Menschen von innen heraus befreien" wollte (z.B. p. 225), welche echt germanische Befreiung noch immer nicht "heraus" kommen will. Konstatieren wir also diesen ersten Aufschluß: "Der Mensch" ist der "verklärte" Deutsche. ["Deutsche-Brüsseler-Zeitung" Nr. 95 vom 28. November 1847] Verfolgen wir nun den Herrn Grün in der Anerkennung, die er "dem Dichter des Menschlichen", dem "menschlichen Inhalt in Goethe" zollt. Sie wird uns am besten enthüllen, wer "der Mensch" ist, von dem Herr Grün spricht. Wir werden finden, daß Herr Grün hier die geheimsten Gedanken des wahren Sozialismus enthüllt, wie er denn überhaupt durch seine Sucht, alle seine Kumpane zu überschreien, dazu verleitet wird, Dinge in die Welt hinauszututen, die die übrige Genossenschaft lieber verschwiege. Es war ihm übrigens um so leichter, Goethe in den "Dichter des Menschlichen" zu verwandeln, als Goethe selbst die Worte: Mensch und menschlich in einem gewissen emphatischen Sinne zu gebrauchen pflegt. Goethe gebrauchte sie freilich nur in dem Sinne, wie sie zu seiner Zeit und später auch von Hegel angewandt, wie das Prädikat menschlich besonders den Griechen im Gegensatz zu heidnischen und christlichen Barbaren beigelegt wurde, lange bevor diese Ausdrücke durch Feuerbach ihren mysteriös-philosophischen Inhalt erhielten. Bei Goethe namentlich haben sie meist eine sehr unphilosophische, fleischliche Bedeutung. Erst Herrn Grün gebührt das Verdienst, Goethe zum Schüler Feuerbachs und zum wahren Sozialisten gemacht zu haben. Wir können hier natürlich über Goethe selbst nicht ausführlich sprechen. Wir machen nur auf einen Punkt aufmerksam. - Goethe verhält sich in seinen Werken auf eine zweifache Weise zur deutschen Gesellschaft seiner Zeit. Bald ist er ihr feindselig; er sucht der ihm widerwärtigen zu entfliehen, wie in der "Iphigenie" und überhaupt während der italienischen Reise, er rebelliert gegen sie als Götz, Prometheus und Faust, er schüttet als Mephistopheles seinen bittersten Spott über sie aus. Bald dagegen ist er ihr befreundet, "schickt" sich in sie, wie in der Mehrzahl der "Zahmen Xenien" und vielen prosaischen Schriften, feiert sie, wie in den "Maskenzügen", ja verteidigt sie gegen die andrängende geschichtliche Bewegung, wie namentlich in allen Schriften, wo er auf die französische Revolution zu sprechen kommt. Es sind nicht nur einzelne Seiten des deutschen Lebens, die Goethe anerkannt, gegen andre, die ihm widerstreben. Es sind häufiger verschiedene Stimmungen, in denen er sich befindet; es ist ein fortwährender Kampf in ihm zwischen dem genialen Dichter, den die Misere seiner Umgebung anekelt, und dem behutsamen Frankfurter Ratsherrnkind, resp. Weimarschen Geheimrat, der sich genötigt sieht, Waffenstillstand mit ihr zu schließen und sich an sie zu gewöhnen. So ist Goethe bald kolossal, bald kleinlich; bald trotziges, spottendes, weltverachtendes Genie, bald rücksichtsvoller, genügsamer, enger Philister. Auch Goethe war nicht imstande, die deutsche Misère zu besiegen; im Gegenteil, sie besiegte ihn, und dieser Sieg der Misère über den größten Deutschen ist der beste Beweis dafür, daß sie "von innen heraus" gar nicht zu überwinden ist. Goethe war zu universell, zu aktiver Natur, zu fleischlich, um in einer Schillerschen Flucht ins Kantsche Ideal Rettung vor der Misère zu suchen; er war zu scharfblickend, um nicht zu sehen, wie diese Flucht sich schließlich auf die Vertauschung der platten mit der überschwenglichen Misère reduzierte. Sein Temperament, seine Kräfte, seine ganze geistige Richtung wiesen ihn aufs praktische Leben an, und das praktische Leben, das er vorfand, war miserabel. In diesem Dilemma, in einer Lebenssphäre zu existieren, die er verachten mußte, und doch an diese Sphäre als die einzige, in welcher er sich betätigen konnte, gefesselt zu sein, in diesem Dilemma hat sich Goethe fortwährend befunden, und je älter er wurde, desto mehr zog sich der gewaltige Poet, de guerre lasse '', hinter den unbedeutenden Weimarschen Minister zurück. Wir werfen Goethe nicht à la Börne und Menzel vor, daß er nicht liberal war, sondern daß er zu Zeiten auch Philister sein konnte, nicht, daß er keines Enthusiasmus für deutsche Freiheit fähig war, sondern daß er einer spießbürgerlichen Scheu vor aller gegenwärtigen großen Geschichtsbewegung sein stellenweise hervorbrechendes, richtigeres ästhetisches Gefühl opferte; nicht, daß er Hofmann war, sondern daß er zur Zeit, wo ein Napoleon den großen deutschen Augiasstall ausschwemmte, die winzigsten Angelegenheiten und menus plaisirs '' eines der winzigsten deutschen Höflein mit feierlichem Ernst betreiben konnte. Wir machen überhaupt weder vom moralischen, noch vom Parteistandpunkte, sondern höchstens vom ästhetischen und historischen Standpunkte aus Vorwürfe; wir messen Goethe weder am moralischen, noch am politischen, noch am "menschlichen" Maßstab. Wir können uns hier nicht darauf einlassen, Goethe im Zusammenhange mit seiner ganzen Zeit, mit seinen literarischen Vorgängern und Zeitgenossen, in seinem Entwicklungsgange und in seiner Lebensstellung darzustellen. Wir beschränken uns daher darauf, einfach das Faktum zu konstatieren. Wir werden sehen, nach welcher dieser Seiten hin Goethes Werke "ein wahrer Kodex des Menschentums", "die vollendete Menschlichkeit", das "Ideal der menschlichen Gesellschaft" sind. Nehmen wir zuerst die Kritik der bestehenden Gesellschaft durch Goethe vor, um dann zu der positiven Darstellung des "Ideals der menschlichen Gesellschaft" überzugehen. Es versteht sich bei der Reichhaltigkeit des Grünschen Buchs von selbst, daß wir bei beiden nur einige charakteristische Glanzstellen hervorheben. In der Tat verrichtet Goethe als Kritiker der Gesellschaft Wunder. Er "verdammt die Zivilisation" p. 34-36, indem er einige romantische Klagen darüber verlauten läßt, daß sie alles Charakteristische, Unterscheidende an den Menschen verwische. Er "weissagt die Welt der Bourgeoisie" p. 78, indem er im "Prometheus" tout honnement '' die Entstehung des Privateigentums schildert. Er ist p. 229 "der Weltrichter ..., der Minos der Zivilisation". Aber das alles sind nur Bagatellen. Pag. 253 zitiert Herr Grün: "Katechisation": Bedenk, o Kind, woher sind diese Gaben? Du kannst nichts von dir selber haben. - Ei, alles hab' ich vom Papa. Und der, woher hat's der? - Vom Großpapa. - Nicht doch! Woher hat's denn der Großpapa bekommen? Der hat's genommen. Hurra! schmettert Herr Grün aus vollem Halse, la propriété c'est le vol - leibhaftiger Proudhon! Leverrier mit seinem Planeten mag nach Hause gehen und seinen Orden an Herrn Grün abtreten - denn hier ist mehr denn Leverrier, hier ist sogar mehr denn Jackson und Schwefelätherrausch. Wer den für viele friedliche Bourgeois allerdings beunruhigenden Diebstahlsatz Proudhons auf die ungefährlichen Dimensionen des obigen Goetheschen Epigramms reduziert hat, den lohnt nur der grand cordon '' der Ehrenlegion. Der "Bürgergeneral" macht schon mehr Schwierigkeiten. Herr Grün besieht ihn einige Zeit von allen Seiten, schneidet wider Gewohnheit einige zweifelhafte Grimassen, wird bedenklich: "allerdings ... ziemlich fade ... die Revolution ist damit nicht verurteilt" p. 150 ... Halt! jetzt hat er's! was ist der Gegenstand, um den es sich handelt? Ein Topf Milch und so: "Vergessen wir nicht, daß es hier wieder ... die Eigentumsfrage ist, welche in den Vordergrund gerückt wird" p. 151. Wenn sich in der Straße des Herrn Grün zwei alte Weiber um einen gesalzenen Heringskopf zanken, so lasse Herr Grün sich die Mühe nicht verdrießen, aus seinem "rosen-" und resedaduftenden Zimmer herabzusteigen und sie zu benachrichtigen, daß auch bei ihnen "die Eigentumsfrage es ist, welche in den Vordergrund gerückt wird". Der Dank aller Wohldenkenden wird ihm die schönste Belohnung sein. "Deutsche-Brüsseler-Zeitung" Nr. 96 vom 2. Dezember 1847] Eine der größten kritischen Taten hat Goethe verrichtet, als er den "Werther" schrieb. "Werther" ist keineswegs, wie die bisherigen Leser Goethes "vom menschlichen Standpunkte" glaubten, ein bloßer sentimentaler Liebesroman. Im "Werther" "hat der menschliche Inhalt eine so adäquate Form gefunden, daß in keiner Literatur der Welt etwas gefunden werden kann, was ihm such nur im entferntesten an die Seite gesetzt zu werden verdiente" p. 96. "Die Liebe Werthers zu Lotten ist ein bloßer Hebel, ein Vehikel der Tragödie des radikalen Gefühlapantheismus ... Werther ist der Mensch, dem der Wirbelknochen fehlt, der noch nicht Subjekt geworden ist" p .93, 94. Werther erschießt sich nicht aus Verliebtheit, sondern "weil er, das unglückselige pantheistische Bewußtsein, mit der Welt nicht aufs reine kommen konnte" p. 94. "'Werther' stellt den ganzen verrotteten Zustand der Gesellschaft mit künstlerischer Meisterschaft dar, er faßt die sozialen Mißstände bei ihrer tiefsten Wurzel, bei dem religiös-philosophischen Fundament" (welches "Fundament" bekanntlich viel jünger ist als die "Mißstände"), "bei der unklaren, nebulösen Erkenntnis ... Reine, durchlüftete Begriffe vom wahren Menschentum" (und vor allem Wirbelknochen, Herr Grün, Wirbelknochen!), "das wäre auch der Tod jener Misere, jener wurmstichigen, durchlöcherten Zustände, die man das bürgerliche Leben nennt!" [p. 95.] Ein Beispiel, wie "'Werther' den verrotteten Zustand der Gesellschaft mit künstlerischer Meisterschaft" darstellt. Werther schreibt: "Abenteuer? warum brauche ich das alberne Wort ... unsre bürgerlichen, unsre falschen Verhältnisse, das sind die Abenteuer, das sind die Ungeheuer!" Dieser Jammerschrei eines schwärmerischen Tränensacks über den Abstand zwischen der bürgerlichen Wirklichkeit und seinen nicht minder bürgerlichen Illusionen über diese Wirklichkeit, dieser mattherzige, einzig auf Mangel an der ordinärsten Erfahrung beruhende Stoßseufzer wird von Herrn Grün auf p. 84 für tiefschneidende Kritik der Gesellschaft ausgegeben. Herr Grün behauptet sogar, die in obigen Worten ausgesprochene "verzweiflungsvolle Qual des Lebens, dieser krankhafte Reiz, die Dinge auf den Kopf zu stellen, damit sie wenigstens einmal ein andres Ansehen bekämen"(!), habe "sich zuletzt das Bette der französischen Revolution gegraben". Die Revolution, oben die Verwirklichung des Machiavellismus, wird hier zur bloßen Verwirklichung der Leiden des jungen Werthers. Die Guillotine vom Revolutionsplatz ist nur das matte Plagiat von Werthers Pistole. Hiernach versteht es sich ganz von selbst, daß Goethe auch in "Stella" nach p. 108 "einen sozialen Stoff" behandelt, obgleich hier nur "höchst lumpige Zustände" (p. 107) geschildert werden. Der wahre Sozialismus ist viel kulanter als unser Herr Jesus. Wo zwei oder drei beisammen sind, sie brauchen es gar nicht einmal in seinem Namen zu sein, so ist er mitten unter ihnen und hat "einen sozialen Stoff". Er wie sein Jünger Herr Grün hat überhaupt eine frappante Ähnlichkeit mit "jenem platten, selbstzufriedenen Schnüffelwesen, das sich um alles bekümmert, ohne etwas zu ergründen" (p. 47). Unsere Leser erinnern sich vielleicht eines Briefes, den Wilhelm Meister im letzten Bande der "Lehrjahre" an seinen Schwager schreibt, worin nach einigen ziemlich platten Glossen über den Vorteil, in wohlhabenden Verhältnissen heranzuwachsen, die Superiorität des Adels über die Spießbürger anerkannt und die ungeordnete Stellung der letzteren wie aller übrigen nicht- adligen Klassen als einstweilen unabänderlich sanktioniert wird. Nur dem einzelnen soll es möglich sein, unter gewissen Umständen sich mit dem Adel auf gleiches Niveau zu stellen. Herr Grün bemerkt hierzu: "Was Goethe von den Vorzügen der höheren Klassen der Gesellschaft sagt, ist durchaus wahr, wenn man höhere Klasse mit gebildeter Klasse für identisch nimmt, und dies ist bei Goethe der Fall" (p. 264). Wobei es fernerhin sein Bewenden hat. Kommen wir zu dem vielbesprochenen Hauptpunkt: dem Verhältnis Goethes zur Politik und zur französischen Revolution. Hier kann man aus dem Buche des Herrn Grün lernen, was es heißt, durch dick und dünn waten; hier bewährt sich die Treue des Herrn Grün. Damit Goethes Verhalten gegenüber der Revolution gerechtfertigt erscheine, muß Goethe natürlich über der Revolution stehen, sie schon, ehe sie existierte, überwunden haben. Wir erfahren daher schon p. XXI: "Goethe war der praktischen Entwicklung seiner Zeit so weit vorausgeeilt, daß er sich gegen sie nur abweisend, nur abwehrend verhalten zu können glaubte." Und p. 84, bei Gelegenheit "Werthers", der, wie wir sahen, schon die ganze Revolution in nuce '' enthält: "Die Geschichte steht auf 1789, Goethe steht auf 1889." Desgleichen muß Goethe p. 28, 29 "das ganze Freiheitsgeschrei in wenigen Worten gründlich abtun", indem er bereits in den siebziger Jahren in den "Frankfurter gelehrten Anzeigen" einen Artikel drucken läßt, der gar nicht von der Freiheit spricht, die die "Schreier" verlangen, sondern nur über die Freiheit als solche, den Begriff der Freiheit einige allgemeine und ziemlich nüchterne Reflektionen anstellt. Ferner: Weil Goethe in seiner Doktordissertation die These aufstellte, jeder Gesetzgeber sei sogar verpflichtet, einen bestimmten Kultus einzuführen - eine These, die Goethe selbst als ein bloßes amüsantes Paradoxon, veranlaßt durch allerlei kleinstädtischen Frankfurter Pfaffenkrakeel, behandelt (was Herr Grün selbst zitiert) - so "lief der Student Goethe den ganzen Dualismus der Revolution und des heutigen französischen Staats an den Schuhsohlen ab" p. 26, 27. Es scheint, als wenn Herr Grün die "abgelaufenen Schuhsohlen" des "Studenten Goethe" geerbt und damit die Siebenmeilenstiefel seiner "sozialen Bewegung" versohlt habe. Jetzt geht uns natürlich ein neues Licht auf über Goethes Aussprüche in bezug auf die Revolution. Jetzt ist es klar, daß er, der hoch über ihr stand, der sie schon vor fünfzehn Jahren "abgetan", "an den Schuhsohlen ab- gelaufen", sie um ein Jahrhundert devanciert hatte, keine Sympathie für sie haben, sich nicht für ein Volk von "Freiheitsschreiern" interessieren konnte, mit dem er bereits Anno dreiundsiebenzig im reinen war. Jetzt hat Herr Grün leichtes Spiel. Goethe mag noch so banale Erbweisheit in zierliche Distichen setzen, noch so philisterhaft borniert über sie räsonieren, noch so spießbürgerlich zurückschaudern vor dem großen Eisgang, der sein friedfertiges Poeten-Winkelchen bedroht, er mag sich so kleinlich, so feig, so lakaienhaft benehmen, wie er will, er kann es seinem geduldigen Scholiasten nicht zu arg machen. Herr Grün hebt ihn auf seine unermüdlichen Schultern und trägt ihn durch den Dreck; ja, er übernimmt den ganzen Dreck auf Rechnung des wahren Sozialismus, damit nur Goethes Stiefel rein bleiben. Von der "Campagne in Frankreich" bis zur "Natürlichen Tochter" übernimmt Herr Grün p. 133-170 alles, alles ohne Ausnahme, er beweist ein Devouement, das einen Buchez zu Tränen rühren könnte. Und wenn alles nicht hilft, wenn der Dreck gar zu tief ist, dann wird die höhere soziale Exegese vorgespannt, dann paraphrasiert Herr Grün wie folgt: Frankreichs traurig Geschick, die Großen mögen's bedenken, Aber bedenken fürwahr sollen es Kleine noch mehr. Große gingen zugrunde; doch wer beschützte die Menge Wider '' die Menge? Da war Menge der Menge Tyrann. "Wer beschützt", schreit Herr Grün aus Leibeskräften, mit Sperrschrift, Fragezeichen und allen "Vehikeln der Tragödie des radikalen Gefühlspantheismus" [p. 93], "wer beschützt namentlich die besitzlose Menge, den sogenannten Pöbel, wider die besitzende Menge, den gesetzgebenden Pöbel?" p. 137. "Wer beschützt namentlich" Goethe gegen Herrn Grün? In dieser Weise erklärt Herr Grün die ganze Reihe altkluger Bürgerregeln aus den venezianischen "Epigrammen", welche "wie von der Hand des Herkules Ohrfeigen austeilen, die uns erst jetzt recht behaglich" (nachdem die Gefahr für den Spießbürger vorüber ist) "zu klatschen scheinen, da wir eine große und bittre Erfahrung" (allerdings sehr bitter für den Spießbürger) "hinter uns haben" p. 136. Aus der "Belagerung von Mainz" "mochte" Herr Grün "um alles in der Welt die folgende Stelle nicht übergehen: 'Dienstag ... eilte ich, meinen Fürsten ... zu verehren, wobei mir das Glück ward, dem Prinzen usw. ... meinem immer gnädigen Herrn, aufzuwarten'" usw. Die Stelle, wo Goethe dem Leibkammerdiener, Leibhahnrei und Leib- kuppler des Königs von Preußen, Herrn Rietz, seine untertänige Devotion zu Füßen legt, findet Herr Grün nicht angemessen zu zitieren. ["Deutsche-Brüsseler-Zeitung" Nr. 97 vom 5. Dezember 1847] Bei Gelegenheit des "Bürgergenerals" und der "Ausgewanderten" erfahren wir: "Goethes ganze Antipathie gegen die Revolution, sooft sie sich in dichterischer Weise äußerte, betraf dieses ewige Weh und Ach, daß er die Menschen aus wohlverdienten und wohlerlebten Besitzzuständen vertrieben sah, welche von Intriganten, Neidischen usw. in Anspruch genommen wurden ... dieses selbe Unrecht der Beraubung ... Seine häusliche, friedliche Natur empörte sich gegen eine Verletzung des Besitzrechts, die, von der Willkür ausgeübt, ganze Menschenmassen in Flucht und Elend jagte" p. 151. Schreiben wir diese Stelle ohne weiteres auf Rechnung "des Menschen", dessen "friedliche, häusliche Natur" sich in "wohlverdienten und wohlerlebten", also, gerade herausgesagt, wohlerworbenen "Besitzzuständen" so behaglich fühlt, daß sie die Sturmflut der Revolution, die diese Zustände sans facon '' wegschwemmt, für "Willkür", für das Werk von "Intriganten, Neidischen" usw. erklärt. Daß Herr Grün die bürgerliche Idylle "Hermann und Dorothea", ihre zaghaften und altklugen Kleinstädter, ihre jammernden Bauern, die mit abergläubischer Furcht vor der sanskülottischen Armee und vor den Greueln des Kriegs ausreißen, "mit der reinsten Freude genießt" (p. 165), das wundert uns hiernach nicht. Herr Grün "nimmt sogar beruhigt vorlieb mit der engherzigen Mission, welche am Ende dem deutschen Volke ... zugeteilt wird: Nicht dem Deutschen geziemt es, die fürchterliche Bewegung Fortzuleiten und auch zu schwanken '' hierhin und dorthin". Herr Grün tut recht daran, mitleidige Tränen zu vergießen für die Opfer der schweren Zeitläufte und in patriotischer Verzweiflung über solche Schicksalsschläge gegen Himmel zu blicken. Es gibt ohnehin der Verderbten und Entarteten genug, die kein "menschliches" Herz im Busen tragen, die lieber im republikanischen Lager in die Marseillaise einstimmen, ja wohl gar in Dorotheens verlassenem Kämmerlein laszive Witze reißen. Herr Grün ist ein Biedermann, den die Gefühllosigkeit entrüstet, mit welcher z.B. ein Hegel auf die im Sturmschritt der Geschichte zertretenen "stillen Blümlein" herabsieht und über "die Litanei von Privattugenden der Bescheidenheit, Demut, Menschenliebe und Mildtätigkeit" spottet, die "gegen welthistorische Taten und deren Vollbringer" erhoben wird. Herr Grün tut recht daran. Es wird ihm im Himmel wohl belohnet werden. Schließen wir die "menschlichen" Glossen über die Revolution mit folgendem: "Ein wirklicher Komiker dürfte es sich herausnehmen, den Konvent selbst unendlich lächerlich zu finden", und bis dieser "wirkliche Komiker" sich finde, gibt Herr Grün einstweilen die nötigen Instruktionen dazu, p. 151, 152. Über Goethes Verhältnis zur Politik nach der Revolution gibt Herr Grün ebenfalls überraschende Aufschlüsse. Nur ein Beispiel. Wir wissen bereits, welchen tiefgefühlten Groll "der Mensch" gegen die Liberalen in seinem Herzen trägt. Der "Dichter des Menschlichen" darf natürlich nicht in die Grube fahren, ohne sich ganz speziell mit ihnen auseinandergesetzt, ohne den Herren Welcker, Itzstein und Konsorten einen ausdrücklichen Denkzettel angehangen zu haben. Diesen Denkzettel spürt unser "selbstzufriedenes Schnüffelwesen" in folgender "Zahmen Xenie" auf (p. 319): Das ist doch nur der alte Dreck. Werdet doch gescheiter! Tretet nicht immer denselben Fleck, So geht doch weiter! Goethes Urteil: "Nichts ist widerwärtiger als die Majorität, denn sie besteht aus wenigen kräftigen Vorgängern, aus Schelmen, die sich akkommodieren, aus Schwachen, die sich assimilieren, und der Masse, die nachtrollt, ohne nur im mindesten zu wissen, was sie will" - dies echte Spießbürgerurteil, dessen Unwissenheit und Kurzsichtigkeit nur auf dem beschränkten Terrain eines deutschen Sedezstaats möglich ist, gilt Herrn Grün für "die Kritik des späteren" (d.h. modernen) "Gesetzesstaats". Wie wichtig es sei, erfahre man "z.B. in jeder beliebigen Deputiertenkammer" (p. 268). Hiernach sorge der "Bauch" der französischen Kammer nur aus Unwissenheit so vortrefflich für sich und seinesgleichen. Ein paar Seiten weiter, p. 271, ist dem Herrn Grün "die Julirevolution" "fatal", und schon p. 34 wird der Zollverein scharf getadelt, weil er "dem Nackten, Frierenden die Lappen zur Bedeckung seiner Blöße noch verteuert, um die Stützen des Throns (!!), die freisinnigen Geldherren" (die bekanntlich im ganzen Zollverein "dem Thron" opponieren) "etwas wurmfester zu machen". Die "Nackten" und "Frierenden" werden bekanntlich in Deutschland überall von den Spieß- bürgern vorgeschoben, wo es gilt, die Schutzzölle oder irgendeine andre progressive Bourgeoismaßregel zu bekämpfen" und "der Mensch" schließt sich ihnen an. Welche Aufschlüsse gibt uns nun Goethes Kritik der Gesellschaft und des Staats durch Herrn Grün über "das Wesen des Menschen"? Zuerst besitzt "der Mensch" nach p. 264 einen ganz entschiedenen Respekt vor den "gebildeten Ständen" im allgemeinen und eine geziemende Deferenz gegen einen hohen Adel im besondern. Dann aber zeichnet er sich durch eine gewaltige Furcht vor jeder großen Massenbewegung, vor aller energischen gesellschaftlichen Aktion aus, bei deren Herannahen er sich entweder schüchtern in seinen Ofenwinkel verkriecht oder mit Sack und Pack eiligst davonläuft. Solange sie dauert, ist die Bewegung "eine bittere Erfahrung" für ihn, kaum ist sie vorbei, so pflanzt er sich breit aufs Proszenium und teilt mit der Hand des Herkules Ohrfeigen aus, die ihm erst jetzt recht behaglich zu klatschen scheinen, und findet die ganze Geschichte "unendlich lächerlich". Dabei hängt er mit ganzer Seele an "wohlverdienten und wohlerlebten Besitzzuständen"; im übrigen besitzt er eine sehr "häusliche und friedliche Natur", ist genügsam und bescheiden und wünscht, in seinen kleinen, stillen Genüssen durch keine Stürme gestört zu werden. "Der Mensch weilt gern im Beschränkten" (p. 191, lautet so der erste Satz des "zweiten Teils"); er beneidet niemanden und dankt seinem Schöpfer, wenn man ihn in Ruhe läßt. Kurz, "der Mensch", von dem wir schon sahen, daß er ein geborner Deutscher ist, fängt allmählich an, einem deutschen Kleinbürger aufs Haar zu gleichen. In der Tat, worauf reduziert sich Goethes durch Herrn Grün vermittelte Kritik der Gesellschaft? Was findet "der Mensch" an der Gesellschaft auszusetzen? Erstens, daß sie seinen Illusionen nicht entspricht. Aber diese Illusionen sind gerade die Illusionen des ideologisierenden, besonders des jugendlichen Spießbürgers - und wenn die spießbürgerliche Wirklichkeit diesen Illusionen nicht entspricht, so kommt das nur daher, weil sie Illusionen sind. Sie entsprechen dafür um so vollständiger der spießbürgerlichen Wirklichkeit. Sie unterscheiden sich von ihr nur, wie sich überhaupt der ideologisierende Ausdruck eines Zustandes von diesem Zustande unterscheidet, und von ihrer Realisierung kann daher weiter keine Rede sein. Ein schlagendes Exempel hierfür liefern Herrn Grüns Glossen zu "Werther". Zweitens richtet sich die Polemik "des Menschen" gegen alles, was das deutsche Spießbürgerregime bedroht. Seine ganze Polemik gegen die Revolution ist die eines Spießbürgers. Sein Haß gegen die Liberalen, die Julirevolution, die Schutzzölle spricht sich aufs unverkennbarste als der Haß des gedrückten, stabilen Kleinbürgers gegen den unabhängigen, progressiven Bourgeois aus. Geben wir hierfür noch zwei Beispiele. Die Blüte der Kleinbürgerei war bekanntlich das Zunftwesen. Pag. 40 sagt Herr Grün, im Sinne Goethes, also "des Menschen", sprechend: "Im Mittelalter verband die Korporation den starken Mann schützend mit andern Starken. Die Zunftbürger jener Zeit sind "starke Männer" vor "dem Menschen". Aber das Zunftregime war zu Goethes Zeit bereits im Verfall, die Konkurrenz brach von allen Seiten herein. Goethe ergießt sich als echter Spießbürger in einer Stelle seiner Memoiren, die Herr Grün p. 88 zitiert, in herzzerreißenden Klagen über die anfangende Verfaulung der Kleinbürgerei, über den Ruin wohlhabender Familien, über den damit verbundenen Verfall des Familienlebens, Lockerung der häuslichen Bande und sonstigen Bürgerjammer, der in zivilisierten Ländern mit verdienter Verachtung behandelt wird. Herr Grün, der in dieser Stelle eine famose Kritik der modernen Gesellschaft wittert, kann seine Freude so wenig mäßigen, daß er ihren ganzen "menschlichen Inhalt" mit Sperrschrift drucken läßt. Gehen wir jetzt zum positiven "menschlichen Inhalt" in Goethe über. Wir können jetzt rascher gehen, da wir "dem Menschen" einmal auf der Fährte sind. Berichten wir vor allen Dingen die erfreuliche Wahrnehmung, daß "Wilhelm Meister das elterliche Haus desertiert" und im "Egmont" "die Brüsseler Bürger auf Privilegien und Freiheiten bestehen", aus keinem andern Grunde, als um "Menschen zu werden" p. XVII. Herr Grün ertappte schon einmal den alten Goethe auf Proudhonschen Wegen. Er hat dies Vergnügen p. 320 noch einmal: "Was er wollte, was wir alle wollen, unsre Persönlichkeit retten, die Anarchie im wahren Sinne des Worts, darüber spricht Goethe also: Warum mir aber in neuster Welt Anarchie gar so wohl gefällt? Ein jeder lebt nach seinem Sinn, Das ist nun also auch mein Gewinn" usw. Herr Grün ist überselig, die echt "menschliche" gesellschaftliche Anarchie, die von Proudhon zuerst verkündigt und von den deutschen wahren Sozialisten durch Akklamation adoptiert worden ist, bei Goethe wiederzufinden. Diesmal versieht er sich indes. Goethe spricht von der schon existierenden "Anarchie in neuster Welt", die sein Gewinn schon "ist", und wonach jeder nach seinem Sinn lebt, d.h. von der durch die Auflösung des Feudal- und Zunftwesens, durch das Emporkommen der Bourgeoisie, die Verbannung des Patriarchalismus aus dem gesellschaftlichen Leben der gebildeten Klassen herbeigeführten Unabhängigkeit im geselligen Verkehr. Von des Herrn Grün beliebter zukünftiger Anarchie im höhern Sinne kann also schon aus grammatischen Gründen keine Rede sein. Goethe spricht hier überhaupt nicht von dem, "was er wollte", sondern von dem, was er vorfand. Doch so ein kleines Versehen darf nicht stören. Dafür haben wir ja das Gedicht: "Eigentum". Ich weiß, daß mir nichts angehört Als der Gedanke, der ungestört Aus meiner Seele will fließen, Und jeder günstige Augenblick, Den mich ein liebendes Geschick Von Grund aus läßt genießen. Wenn es nicht klar ist, daß in diesem Gedicht "das bisherige Eigentum in Rauch aufgeht" (p. 320), so steht Herrn Grün der Verstand, still. ["Deutsche-Brüsseler-Zeitung" Nr. 98 vom 9. Dezember 1847] Doch überlassen wir diese kleinen exegetischen Nebenbelustigungen des Herrn Grün ihrem Schicksal. Ihre Zahl ist ohnehin Legion, und die eine führt immer zu noch überraschenderen als die andere. Sehen wir uns lieber wieder nach "dem Menschen" um. "Der Mensch weilt gern im Beschränkten", hörten wir. Der Spießbürger tut desgleichen. "Goethes Erstlinge waren rein sozialer" (d.h. menschlicher) "Natur ... Goethe hielt sich ans Allernächste, Kleinste, Häuslichste" p. 88. Das erste, was wir Positives am Menschen entdecken, ist die Freude am "kleinsten, häuslichen" Stilleben des Kleinbürgers. "Wenn wir einen Platz in der Welt finden", sagt Goethe von Herrn Grün resümiert, "da mit unsern Besitztümern zu ruhen, ein Feld, uns zu nähren, ein Haus, uns zu decken, haben wir da nicht ein Vaterland?" Und, ruft Herr Grün aus, "wie ist uns heute das Wort aus der Seele geschrieben?" p. 32. "Der Mensch" trägt wesentlich eine redingote à la propriétaire '' und gibt sich auch dadurch als Vollblut-Epicier '' zu erkennen. Der deutsche Bürger ist höchstens momentan, in seiner Jugend Frei- heitsschwärmer, wie jedermann weiß. "Der Mensch" hat dieselbe Eigenschaft. Herr Grün erwähnt mit Wohlgefallen, wie Goethe in seinen späteren Jahren den noch im "Götz", diesem "Produkt eines freien und ungezogenen Knaben", spukenden "Freiheitsdrang" "verdammt", und zitiert sogar den feigen Widerruf in extenso '' p. 43. Was Herr Grün sich unter Freiheit vorstellt, mag man daraus abnehmen, daß er ebendaselbst die Freiheit der Französischen Revolution mit der fryen Schwyzer zur Zeit von Goethes Schweizerreise, also die moderne konstitutionelle und demokratische Freiheit mit der Patrizier- und Zunftherrschaft mittelalterlicher Reichsstädte und vollends mit der urgermanischen Roheit viehzüchtender Alpenstämme identifiziert. Die Montagnards des Berner Oberlandes unterscheiden sich ja nicht einmal dem Namen nach von den Montagnards des Nationalkonvents! '' Der ehrsame Bürger ist ein großer Feind aller Frivolität und Religionsspötterei: "Der Mensch" desgleichen. Wenn Goethe sich in dieser Beziehung an diversen Stellen echt bürgerlich aussprach, so gehört dies Herrn Grün auch zum "menschlichen Inhalt in Goethe". Und damit man es recht glauben möge, sammelt Herr Grün nicht nur diese Goldkörner, sondern setzt p. 62 noch gar manches Beherzigenswerte von seinem Eignen hinzu, daß die "Religionsspötter ... hohle Töpfe und Tröpfe" seien usw. Was seinem Herzen als "Menschen" und Bürger alle Ehre macht. Der Bürger kann nicht ohne einen "lieben König", einen teuren Landesvater leben. "Der Mensch" auch nicht. Daher hat Goethe p. 129 an Karl August einen "vortrefflichen Fürsten". Der wackre Herr Grün, der Anno 1846 noch für "vortreffliche Fürsten" schwärmt! Den Bürger interessiert eine Begebenheit insofern, als sie direkt auf seine Privatverhältnisse einwirkt. "Selbst die Begebenheiten des Tages werden Goethe zu fremden Objekten, die ihn in der bürgerlichen Behäbigkeit entweder stören oder fördern, die ihm ein ästhetisches oder menschliches Interesse abgewinnen können, nie aber ein politisches" p. 20. Herr Grün "gewinnt hiernach einer Sache ein menschliches Interesse ab", wenn er merkt, daß sie ihn "in der bürgerlichen Behäbigkeit entweder stört oder fördert". Herr Grün gesteht hier möglichst geradeheraus, daß die bürgerliche Behäbigkeit die Hauptsache für "den Menschen" ist. "Faust" und "Wilhelm Meister" geben Herrn Grün zu besondern Kapiteln Anlaß. Nehmen wir zuerst den "Faust". Pag. 116 erfahren wir: "Dadurch, daß Goethe dem Geheimnis der Pflanzen-Organisation auf die Spur kam", wird er "erst in den Stand gesetzt, seinen humanistischen Menschen" (gibt es denn kein Mittel, dem "menschlichen" Menschen aus dem Wege zu gehen), "den Faust, fertig zu gestalten. Denn Faust wird ebensowohl ... als auch durch die Naturwissenschaft auf den Gipfel seiner eigenen Natur (!) geführt." Wir haben unsre Exempel davon gehabt, wie auch "der humanistische Mensch" Herr Grün "durch die Naturwissenschaft auf den Gipfel seiner eigenen Natur geführt wird". Man sieht, wie dies in der Rasse liegt. Wir hören dann p. 231 ,daß das "Tiergeripp' und Totenbein" in der ersten Szene "die Abstraktion unsres ganzen Lebens" bedeutet - überhaupt verfährt Herr Grün mit dem "Faust" geradeso, als ob er die Offenbarung Sankt Johannis' des Theologen vor sich hätte. Der Makrokosmus bedeutet "die Hegelsche Philosophie", die damals, als Goethe diese Szene schrieb (1806), zufällig nur noch im Kopfe Hegels und höchstens im Manuskripte der "Phänomenologie" existierte, das Hegel zu derselben Zeit ausarbeitete. Was geht den "menschlichen Inhalt" die Zeitrechnung an? Die Schilderung des heruntergekommenen Heiligen Römischen Reichs im zweiten Teil des "Faust" versteht Herr Grün p. 240 ohne weiteres für eine Schilderung der Monarchie Ludwigs XIV., "womit", fügt er hinzu, "wir von selbst die Konstitution und die Republik haben!" "Der Mensch" "hat" natürlich alles "von selbst", was andre Leute sich erst mit Mühe und Arbeit herstellen müssen. Pag. 246 vertraut uns Herr Grün, daß der zweite Teil des "Faust" nach seiner naturwissenschaftlichen Seite hin "der moderne Kanon geworden, wie Dantes 'Göttliche Komödie' der Kanon des Mittelalters war". Zur Nachahmung für die Naturforscher, die bisher hinter dem zweiten Teil des "Faust" sehr wenig, und für die Historiker, die hinter dem ghibellinischen Parteigedicht des Florentiners ganz etwas andres als einen "Kanon des Mittelalters" gesucht hatten! Es scheint, als ob Herr Grün die Geschichte mit ähnlichen Augen ansieht, wie Goethe nach p. 49 seine eigne Vergangenheit: "In Italien überschaute Goethe seine Vergangenheit aus den Augen des belvederischen Apoll", welche Augen pour comble de malheur '' nicht einmal Augäpfel haben. Wilhelm Meister ist "Kommunist", d.h. "in der Theorie, auf dem Boden der ästhetischen Anschauung" (!!) p. 254. Er hat sein' Sach' auf nichts gestellt, Und sein gehört die ganze Welt p. 257. Natürlich, er hat Geld genug, und die Welt gehört ihm, wie sie jedem Bourgeois gehört, ohne daß er sich die Mühe zu geben braucht, "Kommunist auf dem Boden der ästhetischen Anschauung" zu werden. - Unter den Auspizien des Nichts, worauf Wilhelm Meister sein' Sach' gestellt hat und welches, wie p. 256 zu ersehen, ein gar weitläuftiges und inhaltsschweres, "Nichts" ist, wird auch der Katzenjammer abgeschafft. Herr Grün "trinkt alle Neigen aus, ohne Nachwehen, ohne Kopfschmerz". Desto besser für "den Menschen", der nun ungestraft dem stillen Trunke huldigen darf. Für die Zeit, wo dieses alles erfüllet wird, entdeckt Herr Grün inzwischen schon das Kommerslied des "wahren Menschen" in dem: "Ich hab mein' Sach' auf nichts gestellt" - "dieses Lied wird man singen, wenn die Menschheit sich ihrer würdig eingerichtet hat"; nur hat Herr Grün es auf drei Strophen reduziert und die für die Jugend und "den Menschen" unpassenden Stellen ausgemerzt. Goethe stellt im "W[ilhelm] M[eister]" "das Ideal der menschlichen Gesellschaft auf". "Der Mensch ist kein lehrendes, sondern ein lebendes, handelndes und wirkendes Wesen." "Wilhelm Meister ist dieser Mensch." "Das Wesen des Menschen ist die Tätigkeit" (ein Wesen, das er mit jedem Floh teilt) p. 257, 258, 261. Zum Schluß die "Wahlverwandtschaften". Diesen ohnehin moralischen Roman moralisiert Herr Grün noch mehr, so daß es fast scheint, als ob es ihm darum zu tun wäre, die "Wahlverwandtschaften" als passendes Schulbuch für höhere Töchterschulen zu empfehlen. Herr Grün erklärt, Goethe habe "unterschieden zwischen Liebe und Ehe, und zwar so, daß ihm die Liebe das Suchen der Ehe war und die Ehe die gefundene, vollendete Liebe", p. 286. Wonach also die Liebe das Suchen "der gefundenen Liebe" ist. Dies wird weiter dahin erläutert, daß nach "der Freiheit der Jugendliebe" die Ehe als "Schlußverhältnis der Liebe" einzutreten hat (p. 287). Gerade wie in zivilisierten Ländern ein weiser Familienvater seinen Sohn erst einige Jahre austoben läßt und ihm dann als "Schlußverhältnis" eine passende Ehefrau aussucht. Während man aber in zivilisierten Ländern längst darüber hinweg ist, in diesem "Schlußverhältnis" etwas moralisch Bindendes zu sehen, während dort im Gegenteil der Mann sich Maitressen hält und die Frau ihm dafür Hörner aufsetzt, rettet den Herrn Grün wieder der Spießbürger: "Hat der Mensch wirklich freie Wahl gehabt, ... gründen zwei Menschen ihren Bund auf ihren beiderseitigen vernünftigen Willen" (von Leidenschaft, Fleisch und Blut ist dabei keine Rede), "so hört die Weltansicht eines Libertin 'Lüstlings'>' dazu, die Störung dieses Verhältnisses als eine Kleinigkeit, als nicht so leid- und unglücksvoll zu betrachten, wie Goethe es getan hat. Von Libertinage 'Ausschweifung'>' aber kann bei Goethe keine Rede sein" p. 288. Diese Stelle qualifiziert die schüchterne Polemik gegen die Moral, die sich Herr Grün von Zeit zu Zeit erlaubt. Der Spießbürger ist zu der Einsicht gekommen, daß man den jungen Leuten um so eher etwas durchgehen lassen muß, als gerade die liederlichsten Jungen nachher die besten Ehemänner werden. Sollten sie sich aber nach der Hochzeit noch etwas zuschulden lassen kommen - dann keine Gnade, keine Barmherzigkeit für sie; denn "es gehört die Weltansicht eines Libertins dazu". "Weltansicht eines Libertins!" "Libertinage!" Man sieht "den Menschen" so leibhaftig als möglich vor Augen, wie er die Hand aufs Herz legt und mit freudigem Stolze ausruft: Nein! ich bin rein von aller Frivolität, von "Kammern und Unzucht", ich habe nie das Glück einer zufriedenen Ehe mutwillig gestört, ich hab' immer Treu und Redlichkeit geübt und mich nie gelüsten lassen nach meines Nächsten Weib - ich bin kein "Libertin"! "Der Mensch" hat recht. Er ist nicht gemacht für galante Abenteuer mit schönen Frauenzimmern, er hat nie auf Verführung und Ehebruch spekuliert, er ist kein "Libertin", sondern ein Mann von Gewissen, ein ehr- und tugendsamer deutscher Spießbürger. Er ist ... l'épicer pacifique, Fumant sa pipe au fond de sa boutique; Il craint sa femme et son ton arrogant; De la maison il lui laisse l'empire, Au moindre signe obéit sans mot dire Et vit ainsi cocu, battu, content. ' der seine Pfeife hinten im Laden raucht; er fürchtet seine Frau und ihren arroganten Ton; die Herrschaft über das Haus überläßt er ihr, auf den geringsten Wink gehorcht er stumm. So lebt er denn gehörnt, geschlagen und zufrieden.'>' (Parny, "Goddam" '', chant III.) Es bleibt uns nur noch eine Bemerkung zu machen. Wenn wir in den vorstehenden Zeilen Goethe nur nach einer Seite hin betrachtet haben, so ist das lediglich die Schuld des Herrn Grün. Er stellt Goethe nach seiner kolossalen Seite hin gar nicht dar. Über alle Sachen, in denen Goethe wirklich groß und genial war, schlüpft er entweder eilig hinweg, wie über die "Römischen Elegien" des "Libertins" Goethe, oder er gießt einen breiten Strom von Trivialitäten über sie aus, der nur beweist, daß er mit ihnen nichts anzufangen weiß. Dagegen sucht er mit einem bei ihm sonst nicht häufigen Fleiß alle Philistereien, alle Spießbürgerlichkeiten, alle Kleinigkeiten auf, stellt sie zusammen, outriert sie echt literatenmäßig und freut sich jedesmal, wenn er seine eigene Borniertheit auf die Autorität des, oft noch entstellten, Goethe stützen kann. Nicht das Gebelfer Menzels, nicht die beschränkte Polemik Börnes war die Rache der Geschichte dafür, daß Goethe sie jedesmal verleugnete, wenn sie ihm Aug in Auge gegenüber trat. Nein, So wie Titania in Feen- und Zauberland Klaus Zetteln in den Armen fand, so hat Goethe eines Morgens den Herrn Grün in seinen Armen gefunden. Die Apologie des Herrn Grün, der warme Dank, den er Goethen für jedes philiströse Wort stammelt, das ist die bitterste Rache, die die beleidigte Geschichte über den größten deutschen Dichter verhängen konnte. Herr Grün aber "kann mit dem Bewußtsein die Augen schließen, daß er der Bestimmung, Mensch zu sein, keine Schande gemacht hat" (p. 248). Für eine Mail drücke bitte auf: MLWerke@aol.com ... zur Sammlung der Klassiker des Marxismus-Leninismus: drücke hier! Friedrich Engels - Die wahren Sozialisten Karl Marx - Friedrich Engels - Werke, Band 4, S. 248 - 290 Dietz Verlag, Berlin/DDR 1972 Friedrich Engels Die wahren Sozialisten Geschrieben Januar bis April 1847. Nach der Handschrift Nach dem Schluß dieses Manuskriptes zu urteilen, ist anzunehmen, daß die Arbeit nicht vollendet wurde. Zum erstenmal wurde sie im Jahre 1932 in deutscher Sprache vom Marx-Engels-Lenin-Institut, Moskau, herausgegeben. (nach einer Anmerkung in der Werke-Ausgabe, Dietz Verlag Berlin.) Seit die obigen Schilderungen wahrer Sozialisten geschrieben wurden, sind mehrere Monate verflossen. Während dieser Zeit hat der wahre Sozialismus, der bisher nur vereinzelt, hie und da auftauchte, einen großartigen Aufschwung genommen. Er hat in allen Teilen des Gesamtvaterlandes Vertreter gefunden, er hat sich sogar zu einer gewissen literarischen Parteibedeutung emporgehoben. Noch mehr, er sondert sich bereits in mehrere Gruppen, die zwar durch das gemeinsame Band deutscher Innigkeit und Wissenschaftlichkeit, durch gemeinsame Bestrebungen und Zwecke eng verbunden, die aber doch durch die besondre Individualität einer jeden bestimmt voneinander geschieden sind. Auf diese Weise ist "die chaotische Lichtmasse", wie Herr Grün so schön sagt, des wahren Sozialismus mit der Zeit in eine "geordnete Helle" übergegangen; sie hat sich zu Sternen mit Sterngruppen konzentriert, bei deren mildem, ruhig strahlendem Schein der deutsche Bürger seinen Plänen für redliche Erwerbung eines kleinen Vermögens und seinen Hoffnungen für Hebung der niederen Volksklassen sorglos nachhängen kann. Wir dürfen vom wahren Sozialismus nicht scheiden, ohne vorher wenigstens die entwickeltsten dieser Gruppen näher beobachtet zu haben. Wir werden sehen, wie jede von ihnen, anfangs in der Milchstraße der allgemeinen Menschenliebe verschwimmend, durch die eintretende saure Gärung, die "wahre Begeisterung für die Menschheit" (wie Herr Dr. Lüning, gewiß eine kompetente Autorität, sich ausdrückt), sich als besondre Flocke konstituiert und von den bürgerlich-liberalen Molken scheidet; wie sie dann eine Zeitlang als Nebelfleck am sozialistischen Himmel figuriert, wie der Nebelfleck an Größe und Helligkeit zunimmt und schließlich gleich einer Rakete sich in eine blendende Gruppe von Sternen und Sternbildern zerteilt. Die älteste, am frühsten selbständig entwickelte Gruppe ist die des westfälischen Sozialismus. Dank den überaus wichtigen Händeln dieser Gruppe mit der königlich preußischen Polizei, dank dem Eifer dieser westfälischen Fortschrittsmänner für Öffentlichkeit, hat das deutsche Publikum den Gewinn gehabt, die ganze Geschichte dieser Gruppe in der "Kölnischen ....", "Trier'schen ... " und andern Zeitungen lesen zu können. Wir brauchen hier daher nur das Nötigste zu erwähnen. Der westfälische Sozialismus ist in der Gegend von Bielefeld, im Teutoburger Walde zu Hause. Die Zeitungen enthielten ihrer Zeit geheimnisvolle Andeutungen über den mystischen Charakter seiner frühesten Epoche. Aber bald überschritt er die Stufe des Nebelflecks; mit dem ersten Hefte des "Westphälischen Dampfboots" erschloß er sich und zeigte dem erstaunten Auge ein Heer schimmernder Sterne. Wir befinden uns im Norden des Äquators und, sagt ein alter Reim: Im Norden sind zu sehn der Widder und der Stier, Die Zwilling, Krebs und Leu, samt einer Jungfrau Zier. Die Existenz der "Jungfrauen" wurde schon früh von der "guten Presse" behauptet; der "Leu" war ebenderselbe Hermann der Cherusker, der bald, nachdem der westfälische Nebelfleck sich erschlossen, seine trauten Freunde verließ und nunmehr als Volkstribun von Amerika herüber seine blonden Mähnen schüttelt. Nicht gar zu lange darauf ist ihm der Krebs "wegen unangenehmer Wechselgeschichten" gefolgt, wodurch der westfälische Sozialismus zwar Witwe wurde, aber darum nicht minder das Geschäft fortsetzt. Von den Zwillingen ist der eine ebenfalls nach Amerika gegangen, um eine Kolonie zu stiften; während er dort abhanden kam, erfand der zweite "die Volkswirtschaft in ihrer zukünftigen Gestaltung" (vgl. Lüning, "Dies Buch gehört dem Volke", II. Jahrg.) Alle diese verschiedenen Figuren sind indes verhältnismäßig unbedeutend. Das Gewicht der Gruppe konzentriert sich im Widder und im Stier, diesen echt westfälischen Gestirnen, unter deren Obhut das "Westphälische Dampfboot" sicher die Wogen durchschneidet. Das "Westphälische Dampfboot" hielt sich eine lange Zeit auf dem mode simple '' des wahren Sozialismus. "Es verging kein Stund in der Nacht", wo es nicht bittre Tränen vergoß über das Elend der leidenden Menschheit. Es predigte das Evangelium vom Menschen, vom wahren Menschen, vom wahren wirklichen Menschen, vom wahren wirklichen leibhaftigen Menschen aus Leibeskräften, und die waren freilich nicht sonderlich groß. Es hatte ein welches Gemüt und liebte Milchreis mehr als spanischen Pfeffer. Daher trug seine Kritik einen sehr sanftmütigen Charakter und schloß sich lieber an gleich barmherzige, liebevolle Rezensenten an, als an die neuerdings aufkommende herzlose, kalte Schärfe der Beurteilung. Aber es hatte ein weites Herz bei wenig Courage, und so fand selbst die gefühllose "Heilige Familie" Gnade vor seinen Augen. Mit der größten Gewissenhaftigkeit berichtete es über die verschiedenen Phasen der Bielefelder, Münsterschen usw. Lokalvereine zur Hebung der arbeitenden Klassen. Größte Aufmerksamkeit wurde den wichtigen Ereignissen im Bielefelder Museum gewidmet. Und damit ja der westfälische Bürger und Landmann erfahre, was die Glocke geschlagen, wurden in dem monatlichen Überblick der "Weltbegebenheiten" am Schluß jeder Nummer dieselben Liberalen belobt, die in den übrigen Artikeln der Nummer angegriffen worden waren. Nebenbei teilte man dem westfälischen Bürger und Landmann noch mit, wann die Königin Victoria niedergekommen war, in Ägypten die Pest wütete und die Russen im Kaukasus eine Schlacht verloren hatten. Man sieht, das "Westphälische Dampfboot" war eine Zeitschrift, die auf den Dank aller Wohlgesinnten und auf das überquellende Lob des Herrn Fr. Schnake im "Gesellschaftsspiegel" vollen Anspruch machen durfte. Der Stier redigierte mit dem lächelndsten Behagen auf der marschigen Weide des wahren Sozialismus herum. Wenn ihm auch der Zensor zuweilen ins Fleisch schnitt, so brauchte er doch nie zu seufzen: "es war die beste Stelle"; der westfälische Stier war ein Zugstier und kein Zuchtstier. Selbst der "Rheinische Beobachter" hat nie gewagt, weder dem "Westphälischen Dampfboot" im allgemeinen noch dem Dr. Otto Lüning im besondern ein Attentat auf die Sittlichkeit vorzuwerfen. Kurz, man konnte wähnen, das "Dampfboot", das, seit ihm die Weser verboten wurde, nur noch auf dem mythisch unter die Sterne versetzten Flusse Eridanus schwimmt (denn bei Bielefeld fließt kein andres Wasser) - das "Dampfboot" habe den höchsten Grad menschlicher Vollkommenheit erreicht. Aber in allen seinen bisherigen Efforts hatte das "Dampfboot" nur die einfachste Phase des wahren Sozialismus entwickelt. Gegen den Sommer des Jahres 1846 trat es aus dem Zeichen des Stiers heraus und näherte sich dem des Widders, oder vielmehr, um historisch richtiger zu sprechen, der Widder näherte sich ihm. Der Widder war ein gereister Mann und stand vollständig auf der Höhe der Zeit. Er erklärte dem Stier, wie es jetzt in der Welt eigentlich aussehe, daß die "wirklichen Verhältnisse" jetzt die Hauptsache seien, und daß man deshalb eine neue Wendung machen müsse. Der Stier war vollkommen einverstanden, und von diesem Augenblick an bietet das "Westphälische Dampfboot" ein noch viel erhebenderes Schauspiel dar: den mode composé '' des wahren Sozialismus. "Der Widder und der Stier" glaubten diese graziöse Tour nicht besser ausführen zu können als durch den Abdruck unsrer Kritik des New-Yorker "Volks-Tribunen", die wir diesem Blatte im Manuskript eingeschickt hatten und die von ihm aufgenommen war. Das "Dampfboot", das sich jetzt nicht scheute, auf seinen eignen, weit in Amerika befindlichen Leuen anzuschlagen (der mode composé des wahren Sozialismus gibt bei weitem mehr Keckheit als der mode simple), das "Dampfboot" war übrigens pfiffig genug, folgende menschenfreundliche Bemerkung an obige Kritik zu knüpfen: "Sollte jemand im obigen Aufsatz eine Selbstkritik (?!) des 'Dampfboots' erblicken wollen, so haben wir nichts dagegen." Damit ist der mode composé des wahren Sozialismus genügend eingeleitet, und nun geht es im gestreckten Galopp vorwärts auf der neuen Bahn. Der Widder, von Natur ein kriegerisches Geschöpf, kann sich bei der bisherigen gutmütigen Art der Kritik nicht beruhigen; dem neuen Leithammel der westfälischen Lämmerherde zuckt die Kampflust durch alle Glieder, und eh seine zaghafteren Genossen ihn daran hindern können, trabt er mit gesenkten Hörnern auf den Dr. Georg Schirges in Hamburg los. Der Dr. Schirges war früher gar so übel nicht angesehen bei den Lenkern des "Dampfboots", aber jetzt ist das anders geworden. Der arme Dr. Schirges repräsentiert den mode simplicissimus '' des wahren Sozialismus, und diese jüngst noch geteilte Einfalt verzeiht ihm der mode composé nicht. Darum rennt ihm der Widder im Septemberheft 1846 des "Dampfboots" pag. 409-414 die unbarmherzigsten Breschen in die Mauern seiner "Werkstatt". Genießen wir einen Augenblick dies Schauspiel. Einige wahre Sozialisten und soi-disant '' Kommunisten haben die brillanten Satiren Fouriers über die Lebensverhältnisse der Bourgeoisie, soweit sie etwas davon kennengelernt hatten, in die Sprache der deutschen bürgerlichen Moralität übersetzt. Sie entdeckten bei dieser Gelegenheit die bereits den Aufklärern und Fabeldichtern des vorigen Jahrhunderts bekannte Theorie von dem Unglück der Reichen und bekamen damit Stoff zu den unerschöpflichsten moralischen Tiraden. Der Dr. Georg Schirges, noch nicht tief genug eingeweiht in die Mysterien der wahren Doktrin, ist keineswegs der Meinung, daß "die Reichen ebenso unglücklich seien als die Armen". Der westfälische Leithammel versetzt ihm dafür einen entrüsteten Stoß, wie ihn ein Mensch verdient, den "ein Gewinn in der Lotterie ... zum glücklichsten und zufriedensten Menschen von der Welt machen könnte". "Ja, ruft unser stoischer Widder aus, "es ist denn doch trotz Herrn Schirges wahr, daß der Besitz nicht ausreicht, die Leute glücklich zu machen, daß ein sehr großer Teil unsrer Reichen sich ... nichts weniger als glücklich fühlt." (Du hast recht, biedrer Widder. die Gesundheit ist ein Gut, das mit keinem Golde aufzuwiegen ist.) "Hat er auch durch Hunger und Kälte nicht zu leiden, so gibt es doch noch andre Übel" (zum Beispiel venerische Krankheiten, anhaltendes Regenwetter, in Deutschland mitunter auch Gewissensbisse), "deren Druck er sich nicht entziehen kann." (Namentlich ist für den Tod kein Kraut gewachsen.) "Ein Blick in das Innere der meisten Familien ... faul und morsch Alles ... Der Mann durch Börsen- und Handelsgeschäfte ganz absorbiert" (beatus ille qui procul negotiis '' - es ist erstaunlich, daß der Arme noch Zeit übrig behält, ein paar Kinder zu machen)... "zum Sklaven des Geldes herabgewürdigt" (der Ärmste!), "die Frau zur inhaltslosen" (außer wenn sie schwanger ist), "hohlen Salondame herangebildet oder zur guten Hausfrau erzogen, die für nichts Sinn hat als für Kochen, Waschen und Kinderwarten" (spricht der Widder noch von den "Reichen"?) "und höchstens einige Klatschgesellschaften" (wir sind, sieht man, noch immer auf ausschließlich deutschem Boden, wo die "gute Hausfrau" die schönste Gelegenheit hat, sich dem zu widmen, wofür "sie Sinn hat"; Grund genug, höchst "unglücklich" zu sein); "dabei beide nicht selten in einem ununterbrochenen Kriege miteinander .. , selbst das Band zwischen Eltern und Kindern wird durch die sozialen Verhältnisse häufig zerrissen" etc. etc. Das schlimmste Leiden hat unser Autor vergessen. Ein jeder "reiche" deutsche Hausvater wird ihm sagen können, daß ehelicher Unfriede mit der Zeit ein Bedürfnis werden, daß man ungeratene Kinder nach Batavia expedieren und vergessen kann, daß aber diebische und widerspenstige Dienstboten ein unerträgliches und bei der um sich greifenden Demoralisation des gemeinen Mannes und Weibes nunmehr fast unvermeidliches "Übel" sind. Wenn die Herren Rothschild, Fulchiron und Decazes in Paris, Samuel Jones Loyd, Baring und Lord Westminster in London diese Schilderung von den Trübsalen der "Reichen" läsen, wie würden sie den guten westfälischen Widder bemitleiden! ... "Dabei aber, nachzuweisen" (wie oben geschehen), "daß der Druck unserer Verhältnisse" (namentlich der Druck der Atmosphäre mit 15 Pfund pro Quadratzoll) "auch auf dem Reichen, wenn auch nicht ebenso stark, wie auf dem Armen laste, kommt das heraus, was bei der Schilderung unsrer Verhältnisse und Zustände überhaupt herauskommt: Aufklärung für jeden, der damit bekannt zu werden sucht." (Es scheint fast, daß bei dem mode composé des wahren Sozialismus noch weniger "herauskommt" als bei dem mode simple.) "Aus der Unzufriedenheit des Reichen wird allerdings keine Umwälzung zugunsten des Proletariers hervorgehen, dazu gehören mächtigere Triebfedern" (namentlich Schreibfedern); "auch ist es mit dem: 'Seid umschlungen Millionen, diesen Kuß der ganzen Welt' - nicht abgetan; aber ebensowenig nützt es, sich mit Flickwerk und Palliativmittelchen (etwa Versöhnungsversuchen in der obigen unglücklichen Haushaltung) "abzuquälen und darüber das Große, die wirklichen Reformen (wohl die Ehescheidung) "ganz zu vergessen." Der Zusammenhang des obigen "allerdings" mit den folgenden "auch" und "aber ebensowenig" liefert "allerdings" ein beklagenswertes Beispiel von der Verwirrung, welche durch den Übergang vom einfachen zum zusammengesetzten wahren Sozialismus im Kopf eines Westfalen herbeigeführt wird; "auch" wird sich unsre Betrübnis nicht vermindern, wenn wir auf der nächsten Seite (p. 413) lesen, daß "in den politisch entwickelten Ländern ... ein Zustand ohne alle Schranke besteht"; "aber ebensowenig" spricht es für die geschichtlichen Kenntnisse des westfälischen Sozialismus, wenn nach derselben Seite "der Egoismus ... in der glänzendsten Zeit der Revolution, in der Zeit des Konventes sogar nicht selten bestraft wurde" - wahrscheinlich mit Stockprügeln. Doch "wir haben keinen Grund, von dem ferneren Wirken 'unsres Widders' Besseres zu erwarten, und werden deshalb wohl sobald nicht wieder auf ihn zurückkommen". Sehen wir uns lieber nach dem Stier um. Dieser beschäftigt sich inzwischen mit den "Weltbegehenheiten", wirft p. 421 (Septemberheft 1846) "lauter wohl aufzuwerfende Fragen" auf und stürzt sich köpflings in diejenige Politik, welcher nach dem "Charivari" Herr Guizot den Spitznamen der "großen" gegeben hat. Auch hier ist der Fortschritt gegen die frühere Periode des einfachen Sozialismus augenscheinlich. Ein paar Proben: Es ist das Gerücht nach Westfalen gedrungen, daß die preußische Regierung durch die Geldnot, in der sie sich befindet, sehr leicht zur Oktroyierung einer Konstitution genötigt werden könnte. Zugleich berichten die Zeitungen von der an der Berliner Börse herrschenden Geldnot. Unser westfälischer Zugstier, der in der politischen Ökonomie eben nicht stark ist, identifiziert tout bonnement '' die Geldnot der Berliner Regierung mit der ganz verschiedenen Geldnot der Berliner Commerçants 'Kaufleute'>' und entwickelt folgende tiefblickende Hypothese: " ... als vielleicht noch in diesem Jahre die Provinzialstände als Reichsstände zusammenberufen werden. Denn die Geldnot ist noch immer dieselbe, die Bank scheint ihr nicht abhelfen zu können. Ja, es könnten sogar die begonnenen und projektierten Eisenbahnbauten ernstlich durch den Geldmangel gefährdet werden, in welchem Falle dann der Staat leicht (o sancta simplicitas! '') "zur Übernahme einzelner Linien veranlaßt sein könnte (äußerst scharfsinnig), "was wieder ohne Anleihe nicht möglich ist." Letzteres ist sehr wahr. In dem biedern Westfalen glaubt man wirklich noch unter einer väterlichen Regierung zu stehen. Selbst unser extremer Sozialist im mode composé traut der preußischen Regierung die Naivität zu, eine Konstitution zu geben, bloß um durch eine auswärtige Anleihe der Berliner Börsenklemme abzuhelfen - glücklicher Köhlerglaube! Die feine Nase unsres westfälischen Zugstiers zeigt sich aber am feinsten in seinen Glossen über auswärtige Politik. Vor einigen Monaten roch der mode composé des wahren Sozialismus folgende neue Pariser und Londoner Mysterien, die wir zur Erheiterung des Lesers mitteilen wollen: Septemberheft: Frankreich. - "Das Ministerium ist siegreich aus dem Wahlkampfe hervorgegangen, wie das nicht anders zu erwarten war" (wo hat wohl je ein Westfale etwas "anders" erwartet, als "zu erwarten war"?). "Mag es immerhin alle Hebel der Korruption in Bewegung gesetzt, mag es das Henrische Attentat ... genug, die alte Opposition (Thiers, Barrot) hat eine bedeutende Niederlage erlitten. Aber auch Herr Guizot wird nicht mehr auf eine so kompakte, konservative und ministeriell quand meme '' votierende Partei zählen können; denn auch die konservative Partei ist in zwei Abteilungen zerfallen, in die conservateurs bornés '' mit den Journalen 'Débats' und 'Époque' und in die conservateurs progressifs '', deren Organ die 'Presse' ist. - (Der Stier vergißt nur. daß Herr Guizot höchstselbst in seiner Rede vor seinen Wählern zu Lisieux zuerst die Redensart vom progressiven Konservatismus ausbeutete.) - "Überhaupt" (hier fängt die oben schon beim Widder bemerkte sonderbare Zusammenhanglosigkeit wieder an, "wie das nicht anders zu erwarten war") werden wohl die abstrakt-politischen Parteifragen, die sich nur darum drehten, ob Thiers Minister sein sollte oder Guizot" (das nennt man in Westfalen "abstrakt-politische Parteifragen", und dort glaubt man noch, es habe sich bisher in Frankreich "nur darum gedreht"!), "etwas in den Hintergrund gedrängt werden. Die Nationalökonomen Blanqui ... sind in die Kammer gewählt, und mit ihnen werden dort auch wohl" (zur Aufklärung der Westfalen) nationalökonomische Fragen aufs Tapet kommen" (was man in Westfalen wohl für eine Vorstellung von den "Fragen" haben mag, die "bisher dort auf dem Tapet" waren!). - Pag. 426, 427. Frage: Warum besteht die englische Aristokratie auf den Peitschenhieben für die Soldaten? Antwort: "Will man die Prügel abschaffen, so muß man ein andres Rekrutierungssystem anordnen, und hat man bessere Soldaten, so braucht man auch bessere Offiziere (!!), die ihre Stelle dem Verdienste verdanken und nicht dem Kaufe oder der Gunst. Deshalb ist die Aristokratie gegen 'die Abschaffung der Peitschenhiebe', weil sie dadurch ein neues Bollwerk, die Versorgung ihrer 'jüngeren Söhne', verliert. Die Mittelklasse verfolgt aber ihren Vorteil Schritt vor Schritt und wird auch hier noch den Sieg erringen." (Welche Mythen! Die Feldzüge der Engländer in Indien, Afghanistan etc. beweisen, daß sie vorderhand keine "besseren Offiziere brauchen", und die englische Mittelklasse wünscht weder bessere Offiziere noch bessere Soldaten, noch ein andres Rekrutierungssystem, noch liegt ihr viel an der Abschaffung der Peitsche. Das "Dampfboot" wittert aber seit einiger Zeit in England nichts andres als Kampf der Mittelklasse und der Aristokratie.) Pag. 428. Oktoherheft: Frankreich. - "Herr Thiers hat sein langjähriges Organ, den 'Constitutionnel' verloren; das Blatt ist von einem konservativen Deputierten gekauft und wird nun langsam und unmerklich" (allerdings nur für den mode composé des wahren Sozialismus "merklich") "ins konservative Lager hinübergeleitet. Herr Thiers, der schon früher gedroht hat, wenn man es ihm gar zu arg machte, so würde er seine alte Feder vom 'National' wieder ergreifen, soll jetzt wirklich den 'National' gekauft haben." (Leider war der "'National' von 1830" ein ganz anderer, konstitutioneller und orleanistischer "National" als der republikanische "'National' von 1834", den Herr Thiers Anno 1846 "wirklich gekauft haben soll". Es ist übrigens ein unverantwortlicher Bubenstreich an dem "Dampfboot" verübt worden. Irgendein gewissenloser Bösewicht und Feind der guten Sache hat dem Redakteur einige Blätter des "Corsaire-Satan" zugeschoben, und nun druckt das "Dampfboot" die in diesem für westfälische Leser keineswegs hinreichend moralischen Blatte figurierenden Tagesgerüchte bona fide '' als Orakel ab. Wie konnte das "Dampfboot" auch bezweifeln, daß ein "Corsaire-Satan" nicht wenigstens ebensoviel sittlichen Gehalt und Bewußtsein des erhabenen Berufs der Presse habe, wie es selbst?) "Ob Herr Thiers durch diesen Schritt zu den Republikanern übergetreten ist, wird sich zeigen." Ehrlicher Cherusker, dies "Ob" verdankst Du nicht dem "Corsaire"; cela sent la forêt teutobourgienne d'une lieue '' ! - Dafür aber läßt er sich vom "Corsaire", der für die Handelsfreiheit Partei ergriffen hat, verleiten, der Agitation für den libre échange '' in Frankreich einen Erfolg und eine Wichtigkeit zu geben, die sie bei weitem nicht hat. "Unsre Voraussagungen, daß alle industriellen Länder denselben Gang gehen und zu demselben Ziele gelangen müssen wie England ... scheinen also doch nicht so ganz unrichtig zu sein, da sie jetzt verwirklicht werden. Und wir 'unpraktischen Theoretiker' scheinen also doch die wirklichen Verhältnisse (hurra!) "ebensogut zu kennen und besser zu beurteilen als die 'praktischen Männer', die sich so gerne mit ihrer Erfahrung, mit ihrer Kenntnis der praktischen Zustände breitmachen." Unglückliche teutoburgische "Theoretiker"! Nicht einmal die "wirklichen Verhältnisse" des "Corsaire-Satan" "kennt" ihr! (Diese schönen Sachen finden sich p. 479.) Navemberheft: Frankreich. - "Vergebens zerbrechen sich die Gelehrten die Köpfe darüber, woher diese so häufig wiederkehrenden Überschwemmungen rühren mögen. Früher wurden durch einen Machtspruch der Akademie die rauschenden Wälder auf den Bergen als Ursachen des Übels niedergehauen, nachher wurden sie wieder angepflanzt, und das Übel blieb dasselbe." Pag. 522. "Vergebens" würden "sich die Gelehrten die Köpfe darüber zerbrechen", wo hier der größte Unsinn steckt: 1. glaubt der Westfale, in Frankreich könne die Akademie Machtsprüche tun und Wälder niederhauen lassen; 2. glaubt er, die Wälder seien niedergehauen nicht um des Holzes und seines Geldertrags, sondern um der Überschwemmungen willen; 3. glaubt er, die Gelehrten zerbrächen sich die Köpfe über die Ursachen dieser Überschwemmungen; 4. glaubt er, die Wälder seien jemals für eine Ursache derselben angesehen worden, wo in Frankreich jedes Kind weiß, daß gerade die Ausrottung der Wälder diese Ursache ist, und 5. glaubt er, die Wälder seien wieder angepflanzt, während nirgend so sehr über Forstvernachlässigung und immer fortschreitende, um Reproduktion unbekümmerte Entholzung der Forsten geklagt wird als gerade in Frankreich (vgl. außer den Fachzeitschriften die "Réforme", "National", "Démocratie pacifique" und andre Oppositionsblätter vom Oktober und November 1846). Der westfälische Stier hat in jeder Beziehung Unglück. Folgt er dem "Corsaire-Satan", so verwickelt er sich; folgt er seinem eignen Genius, so verwickelt er sich ebenfalls. Der wahre Sozialismus in seiner zweiten Potenz hat, wie wir sehen, auf dem Felde der höheren Politik Großes geleistet. Welcher Scharfblick, welche Kombination gegenüber den früheren Berichten über die "Weltbegebenheiten"! Welche gründliche Kenntnis der "wirklichen Verhältnisse"! Das wichtigste "wirkliche Verhältnis" ist aber für das "Dampfboot" die Stellung der königlich preußischen Offiziere. Der seit einiger Zeit in der deutschen periodischen Presse unvermeidliche Leutnant Anneke, die wichtige Diskussion im Bielefelder Museum wegen des Degentragens, die daraus entstehenden ehrengerichtlichen Prozesse usw. machen den Hauptinhalt des Oktober- und Novemberheftes aus. Auch über die nicht zustande gekommene "Deutsche Zeitung", das im siebzehnten Jahrhundert zugrunde gegangene und von Monteil geschilderte französische Bettlerkönigreich und andere gleich "wirkliche" Verhältnisse erhalten wir interessante Aufschlüsse. Dazwischen treibt sich von Zeit zu Zeit ein Multiplikationskreuz herum, das noch vollständig den mode simple des wahren Sozialismus repräsentiert und mit der größten Unbefangenheit alle seine Stichworte haufenweise von sich gibt: deutsche Theorie und französische Praxis sollen sich vereinigen, der Kommunismus soll durchgesetzt werden, damit der Humanismus durchsetzbar sei (p. 455-58) usw. Von Zeit zu Zeit entwischt dem Widder oder dem Stier selbst noch eine ähnliche Reminiszenz, ohne indes die göttliche Harmonie der "wirklichen Verhältnisse im geringsten zu stören. Verlassen wir jetzt das Gros der westfälischen Armee, um den Evolutionen eines detachierten Korps zu folgen, das sich im gesegneten Wuppertal unter dem Unterrock einer massiven Nemesis verschanzt hat. Seit längerer Zeit hat ein Herr Fr. Schnake in der Rolle des Perseus dem Publikum den Gorgonenschild des "Gesellschaftsspiegels" vorgehalten und zwar mit solchem Erfolge, daß nicht nur das Publikum über dem "Gesellschaftsspiegel", sondern auch der "Gesellschaftsspiegel" über dem Publikum eingeschlafen ist. Unser Perseus ist aber ein Spaßvogel. Nachdem er dies beneidenswerte Resultat erreicht, zeigt er (letztes Heft, letzte Seite) an: 1. daß der "Gesellschaftsspiegel" entschlafen sei, 2. daß man, um Verzögerungen zu vermeiden, ihn künftig am besten durch die Post beziehe. Womit er, unter Verbesserung seiner letzten Druckfehler, sein Exit nimmt. Man sieht schon aus dieser Berücksichtigung der "wirklichen Verhältnisse", daß wir es auch hier mit dem mode composé des wahren Sozialismus zu tun haben. Es ist indes ein bedeutender Unterschied zwischen dem Widder und dem Stier und unsrem Perseus. Man muß dem Widder und dem Stier das Zeugnis geben, daß sie den "wirklichen Verhältnissen", nämlich denen Westfalens und überhaupt Deutschlands, möglichst treu bleiben. Beweis die obige Jammerszene des Widders, Beweis die gemütlichen Schilderungen des Stiers - die oben übergangen werden mußten - aus dem deutschen politischen Leben. Sie haben aus dem mode simple besonders die einfache, ungeschminkte Kleinbürgerlichkeit, die deutsche Realität auf ihren neuen Standpunkt mitgenommen; die Geltendmachung des Menschen, der deutschen Theorie usw. bleibt allerhand Multiplikationskreuzen und sonstigen untergeordneten Sternen überlassen. Beim "Gesellschaftsspiegel" ist es gerade umgekehrt. Hier entäußert sich der Heerführer Perseus möglichst der kleinbürgerlichen Realität, die er seinem Gefolge auszubeuten überläßt und schwingt sich, der Mythe getreu, hoch in die Lüfte der deutschen Theorie. Er kann um so eher den "wirklichen Verhältnissen" einige Geringschätzung beweisen, als er auf einem viel bestimmteren Standpunkt steht. Repräsentieren die unmittelbar westfälischen Gestirne den mode composé, so ist Perseus tout ce qu'il y a de plus composé en Allemagne ''. In seinem kühnsten ideologischen Fluge steht er dennoch stets auf der "materiellen Basis", und dies sichere Untergestell gibt ihm eine Keckheit im Kampf, an die die Herren Gutzkow, Steinmann, Opitz und andere bedeutende Charaktere noch nach Jahren gedenken werden. Die "materielle Basis" unseres Perseus besteht aber hauptsächlich in Folgendem: 1. "Nur mit der Aufhebung der materiellen Basis unsrer Gesellschaft, des Privaterwerbs, wird auch der Mensch ein Andrer." (Heft X, p. 53.) Hätte der mode simple, der diesen uralten Gedanken so oft aussprach, nur gewußt, daß der Privaterwerb die materielle Basis unsrer Gesellschaft sei, so wäre er der mode composé gewesen und hätte unter den Auspizien unsres Perseus fortfahren können, ein ruhiges und demütiges Leben zu führen in aller Gottseligkeit und Ehrbarkeit. So aber hatte er selbst keine materielle Basis, und es erfüllte sich an ihm wie geschrieben steht im Propheten Goethe: Und wenn er keinen Hintern hat, Wie soll der Edle sitzen? Wie "materiell" diese Basis, der Privaterwerb, ist, geht unter andern aus folgenden Stellen hervor: "Der Egoismus, der Privaterwerb" (die also identisch sind, und wonach der "Egoismus" auch eine "materielle Basis" ist) "zerrüttet die Welt mit dem Grundsatz: Jeder für sich" usw. (p. 53.) Also eine "materielle Basis", die nicht mit "materiellen" Tatsachen, sondern mit ideellen "Grundsätzen" "zerrüttet". - Das Elend ist bekanntlich (wem es noch nicht bekannt sein sollte, dem setzt es Perseus am angeführten Ort selbst auseinander) auch eine Seite "unsrer Gesellschaft". Aber, erfahren wir, nicht die "materielle Basis, der Privaterwerb", sondern au contraire '' - die Transzendenz hat die Menschheit ins Elend gestürzt" (p. 54 ... alle drei Stellen sind aus einem Aufsatz). Möge "die Transzendenz" den unglücklichen Perseus schleunigst "aus dem Elende befreien, in welches" die "materielle Basis" ihn "gestürzt hat". 2. "Die wirkliche Masse bringt auch nicht eine Idee, sondern das 'wohlverstandene Interesse' in Bewegung ... In der sozialen Revolution ... wird dem Egoismus der kon- servativen Partei der edlere Egoismus des erlösungsbedürftigen Volks" (ein "erlösungsbedürftiges" Volk, das eine Revolution macht!) "gegenübertreten ... es kämpft eben für sein 'wohlverstandenes Interesse' gegen das ausschließliche, brutale Interesse der Privaten, gestützt und getragen durch eine sittliche Kraft und rastlosen Eifer" (Heft XII, p. 86). Das "wohlverstandene Interesse" unsres "erlösungsbedürftigen" Perseus, ohne Zweifel "gestützt und getragen durch eine sittliche Kraft und rastlosen Eifer", besteht darin, "dem Egoismus der konservativen Partei, den edleren Egoismus" des Schweigens "gegenübertreten" zu lassen; denn er "bringt auch nicht eine Idee in Bewegung", ohne zugleich den mode composé des wahren Sozialismus zu kompromittieren, 3. "Die Armut ist eine Folge des Eigentums, welches Privateigentum und seiner Natur nach ausschließend ist!!" (XII, 79.) 4. "Welche Assoziationen hier gemeint sind, läßt sich nicht bestimmen; meint der Verfasser aber die egoistischen Assoziationen der Kapitalisten, so hat er die wichtigen Assoziationen der Handwerker gegen die Willkür der Arbeitgeber vergessen"!! (XII, 80). Perseus ist glücklicher. Welchen Unsinn er hat machen wollen, "läßt sich nicht bestimmen, meinte" er aber den bloß stilistischen, so hat er den ebenso "wichtigen" logischen keineswegs "vergessen". Bei Gelegenheit der Assoziation erwähnen wir noch, daß wir p. 84 Aufschluß erhalten über "die Assoziationen im eigentlichen Sinne, welche das Bewußtsein des Proletariers heben und die energische (!) proletarische (!!) gesamte (!!!) Opposition gegen die bestehenden Zustände ausbilden". Wir sprachen schon oben bei Gelegenheit des Herrn Grün von der Gewohnheit der wahren Sozialisten, unverstandene Entwicklungen durch Auswendiglernen einzelner Sätze und Stichwörter sich anzueignen. Der mode composé unterscheidet sich vom mode simple nur durch die Masse solcher, ihm auf Schleichwegen zugeführten und deshalb um so eiliger verschluckten, unverdauten Bissen und durch das ihm dadurch verursachte entsetzliche Leibschneiden. Wir sahen, wie den Westfalen bei jedem Wort "die wirklichen Verhältnisse", "nationalökonomischen Fragen" usw., aufstießen, wie der unerschrockene Perseus an der "materiellen Basis", dem "wohlverstandenen Interesse", der "proletarischen Opposition" laboriert. Dieser letztere Spiegelritter führt außerdem noch "den Feudalismus des Geldes" zu beliebigem Gebrauch bei sich, den er aber besser seinem Urheber Fourier belassen hätte. Er denkt sich so wenig bei diesem Stichworte, daß er XII, p. 79 behauptet, dieser Feudalismus "schaffe statt der Feudalaristokratie eine Besitzaristokratie", wonach also 1. der "Feudalismus des Geldes", d.h. die "Besitzaristokratie", sich selbst "schafft" und 2. die "Feudalaristokratie" keine "Besitzaristokratie" gewesen ist. Nachher meint er, p. 79, der "Feudalismus des Geldes" (d. h. der Bankiers, der die kleineren Kapitalisten und Industriellen zu Vasallen hat, wenn man im Bilde bleiben will) und der "der Industrie" (der die Proletarier zu Vasallen hat) seien "nur einer". An die "materielle Basis" knüpft sich noch ungezwungen folgender fromme Wunsch des Spiegelritters, der an die freudige Hoffnung der Westfalen erinnert, die französische Deputiertenkammer werde zu ihrer, der Teutoburger Belehrung, ein nationalökonomisches Kollegium lesen: "Nur müssen wir bemerken, daß wir in den uns zugesandten Nummern des (NewYorker) 'Volks-Tribuns' bis jetzt noch fast gar nichts ... über den Handel und die Industrie Amerikas erfahren ... Mangel an belehrender Mitteilung über die industriellen und nationalökonomischen Verhältnisse Amerikas, von denen doch" (ei?) "immer die soziale Reform ausgeht" usw. (X , p. 56.) Der "Volks-Tribun", ein Blatt, das in Amerika direkt populäre Propaganda machen will, wird also nicht deshalb getadelt, weil er seine Sache verkehrt anfängt, sondern weil er es unterläßt, dem "Gesellschaftsspiegel" "belehrende Mitteilungen" zu machen über Dinge, mit denen er in der hier geforderten Weise allerdings nicht das geringste zu tun hat. Seitdem Perseus die "materielle Basis" erwischt hat, von der er nicht weiß, was er an ihr hat, verlangt er von jedem, daß er ihm Aufschluß darüber geben soll. Außerdem erzählt uns Perseus noch, daß die Konkurrenz die kleine Mittelklasse ruiniert, daß "der Luxus in der Kleidertracht ... durch die schweren Stoffe ... sehr lästig ist" (XII, p. 83 - Perseus glaubt wahrscheinlich, ein Atlaskleid wiege ebenso schwer wie ein Panzerhemd) und dergleichen mehr. Und damit dem Leser ja kein Zweifel bleibe, was die "materielle Basis" der Vorstellungen unseres Perseus sei, heißt es X, p. 53: "Herr Gutzkow würde wohl tun, sich erst einmal mit der deutschen Wissenschaft der Gesellschaft bekannt zu machen, damit ihm die Erinnerungen an den verpönten französischen Kommunismus, Babeuf, Cabet ... nicht in den Weg laufen", und p. 52: "der deutsche Kommunismus will eine Gesellschaft zur Darstellung bringen, in welcher Arbeit und Genuß identisch und nicht mehr durch den äußeren Lohn voneinander getrennt sind". Wir haben oben gesehn, worin sowohl die "deutsche Wissenschaft der Gesellschaft", wie die zur "Darstellung" zu bringende Gesellschaft selbst besteht, und haben uns dabei nicht gerade in der besten Gesellschaft befunden. Was die Genossen des Spiegelritters betrifft, so "bringen" sie eine äußerst langweilige "Gesellschaft" zur "Darstellung". Eine Zeitlang hatten sie sich vorgenommen, die Vorsehung des deutschen Bürgers und Landmanns zu spielen. Ohne Wissen und Willen des "Gesellschaftsspiegels" fiel kein Dachdecker vom Dach und kein kleines Kind ins Wasser. Zum Glück für die Dorfzeitung, der diese Konkurrenz anfing, gefährlich zu werden, gab die Spiegelbruderschaft diese ermüdende Tätigkeit bald auf: einer nach dem anderen schlief vor Ermattung ein. Vergebens wurden alle Mittel aufgeboten, um sie aufzurütteln, um dem Journal neues Lebensblut zuzuführen; der versteinernde Einfluß des Gorgonenschildes äußerte sich auch auf die Mitarbeiter; am Ende stand unser Perseus mit seinem Schild und seiner "materiellen Basis" einsam da, "unter Leichen die einzige fühlende Brust", die unmögliche Taille der massiven Nemesis brach in Trümmer zusammen, und - der "Gesellschaftsspiegel" hatte aufgehört zu existieren. Friede seiner Asche! Machen wir inzwischen eine Schwenkung und suchen wir an einer benachbarten Stelle der nördlichen Halbkugel ein andres, helleres Gestirn auf. Mit leuchtendem Schweife strahlt uns Ursa Major, der große Bar oder Bärenmajor Püttmann entgegen, auch das Siebengestirn genannt, weil er immer selbsiebent auftritt, um die benötigten zwanzig Bogen zustande zu bringen. Ein wackrer Kriegsheld! Er hat sich, seiner alten vierfüßigen Stellung auf der Himmelskarte überdrüssig, endlich auf die Hinterbeine gestellt, er hat sich gerüstet, wie geschrieben steht: So ziehet nun an die Uniform des Charakters und die Schärpe der Gesinnung; heftet auf Eure Achseln die Epauletten des Bombastes, und setzet auf den Dreimaster der Begeisterung und schmückt Eure Mannesbrust mit dem Ordenskreuz der Aufopferung dritter Klasse: seid umgürtet mit dem Krötenspieß des Tyrannenhasses und an Beinen gestiefelt, zu treiben die Propaganda mit möglichst wenigen Produktionskosten. Also ausstaffiert tritt unser Major vor die Front seines Bataillons, zieht seinen Degen, kommandiert: Stillgestanden! und hält folgende Rede: Soldaten! Von der Höhe jenes Verlegerfensters blicken vierzig Louisd'ore auf Euch! Schaut um Euch, heldenmütige Verteidiger der "gesellschaftlichen Totalreform", seht Ihr die Sonne? Das ist die Sonne von Austerlitz, die uns Sieg verkündet, Soldaten! "Den Mut, die Unerschrockenheit, standzuhalten bis ans Ende, gibt uns das Bewußtsein, nur für die Armen und Verworfenen, für die Verratenen und die Verzweifelnden zu kämpfen. Es ist nichts Halbes, was wir verteidigen, es ist nichts Unklares" (sondern vielmehr etwas total Konfuses), "was wir wollen; und darum sind wir entschieden und bleiben trotz allem dem Volke, dem unterdrückten Volke für immer treu!" ("Rheinische Jahrbücher", II. Band, Vorrede.) Gewehr auf! - Achtung - präsentiert's Gewehr! Es lebe die neue Gesellschaftsordnung, welche wir nach Babeuf verbessert in 14 Kapitel und 63 Kriegsartikel gebracht haben! "Es ist freilich zuletzt eins, ob es so kommen wird, als wir angaben, aber es wird anders kommen, als der Feind glaubt, anders als es bisher gewesen! Alle niederträchtigen Institutionen, die mit hundsföttischer Arbeit im Laufe der Jahrhunderte zum Ruin der Völker und Menschen erzeugt wurden, werden untergehen!" ("Rheinische Jahrbücher", II, p. 240.) Kreuzhimmelsackerment! Achtung - Gewehr in Arm! Links um! Gewehr ab! Rühren! Oben gehn! - Aber der Bär ist von Natur ein echt germanisches Tier. Nachdem er mit dieser Rede ein allgemeines stürmendes Hurra erweckt und so eine der kühnsten Taten unsres Jahrhunderts verrichtet, setzt er sich zu Hause hin und läßt seinem weichen, liebevollen Herzen freien Lauf in einer langen, schmelzenden Elegie über "Heuchelei" ("Rheinische Jahrbücher", II, p. 129-149). Es gibt in unsrer innerlich verfaulten, an Leib und Seele vom Wurm der Selbstsucht zerfressenen Zeit leider! Individuen, die kein warmes, pochendes Herz im Busen tragen, denen nie eine Träne des Mitgefühls im Auge geblinkt, nie ein schallender Blitz leuchtender Menschheitsbegeisterung durch den öden Schädel gezuckt hat: Leser, findest Du einen solchen, o so laß ihn die "Heuchelei" des großen Bären lesen, und er wird weinen, weinen, weinen! Hier wird er sehen, wie elend, armselig und nackend er ist, denn sei er Theolog, Jurist, Mediziner, Staatsmann, Kaufmann, Besenbinder oder Logenschließer, hier findet er für jeden Stand seine aparte Heuchelei apart aufgedeckt. Hier wird er sehen, wie die Heuchelei sich überall eingenistet und wie namentlich "eine schwere Verdammnis die der Juristen" ist. Wenn ihn dies nicht zur Büße und Bekehrung bringt, so verdient er nicht, im Jahrhundert des großen Bären geboren zu sein. In der Tat, man mußte ein ehrlicher, ein, wie die Engländer sagen, "unsophistizierter" Bär sein, um die Heuchelei der bösen Welt so auf jedem Tritt und Schritt herauszuwittern. Wohin er sich dreht und wendet, überall stößt der große Bär auf Heuchelei. Es geht ihm wie seinem Vorgänger in "Lilis Park": Denn ha! steh' ich so an der Ecke Und hör' von weitem das Geschnatter, Seh' das Geflitter, das Geflatter, Kehr' ich mich um Und brumm', Und renne rückwärts eine Strecke. Und seh' mich um Und brumm', Und laufe wieder eine Strecke Und kehr doch endlich wieder um. Natürlich, denn wie wäre der Heuchelei in unsrer grundverderbten Gesellschaft zu entrinnen! Aber es ist traurig! "Jedermann darf ja medisant, süffisant, perfid, maliziös '' und alles Andre sein, weil die schickliche Form aufgefunden ist" (p. 145). Es ist wirklich zum Verzweifeln, namentlich, wenn man Ursa Major ist! Und "leider! auch die Familie ist besudelt von der Lüge ... und der Lügenfaden zieht sich mitten durch die Familie und vererbt sich von Glied zu Glied". Wehe, dreimal wehe über die Hausväter des deutschen Vaterlandes! Dann fängt's auf einmal an zu rasen, Ein mächt'ger Geist schnaubt aus der Nasen, Es wildzt '' die innere Natur - und Ursa Major stellt sich wieder auf die Hinterbeine: "Fluch der Selbstsucht! Wie grausig schwebst du über den Häuptern der Menschen! Mit deinen schwarzen Fittichen ... mit deinem schrillen Gekrächz ... Fluch der Selbstsucht! ... Millionen und aber Millionen arme Sklaven ... weinend und schluchzend, klagend und jammernd ... Fluch der Selbstsucht!... Fluch der Selbstsucht!... Rotte der Baalspriester ... Pesthauch ... Fluch der Selbstsucht!... Ungeheuer der Selbstsucht ..." (p. 146-148.) Ich sträube meinen borst'gen Nacken, Zu dienen ungewöhnt. Ein jedes aufgestutztes Bäumchen höhnt Mich an! Ich flieh' vom Bowlinggreen '', Vom niedlich glattgemähten Grase; Der Buchsbaum zieht mir eine Nase, ....................................................... Ich arbeite mich ab, und bin ich matt genug, Dann lieg' ich an gekünstelten Kaskaden, Und kau' und wein' und wälze mich halbtot, Und ach! es hören meine Not Nur porzellanene Oreaden! Die größte "Heuchelei" in der ganzen Jeremiade liegt aber darin, ein solches von platten Literatenphrasen und Romanreminiszenzen zusammengestoppeltes Miserere für eine Schilderung der "Heuchelei" in der heutigen Gesellschaft auszugeben und zu tun, als ob man über diesen Popanz im Interesse der leidenden Menschheit gewaltig in Eifer geriete. Wer auf der Himmelskarte einigermaßen bewandert ist, weiß, daß Ursa Major sich dort in einer intimen Unterhaltung mit einem Individuum von langweiligem Äußern befindet, welches mehrere Windhunde an einem Strick führt und Bootes genannt wird. Diese Unterhaltung reproduziert sich am Sternhimmel des wahren Sozialismus auf pag. 241-256 der "Rheinischen Jahrbücher", II. Band. Die Rolle des Bootes übernimmt derselbe Herr Semmig, dessen Aufsatz über "Socialismus, Communismus, Humanismus" schon oben besprochen wurde. Wir befinden uns bei ihm in der sächsischen Gruppe, deren vornehmstes Gestirn er ist, deshalb er auch ein Bändchen über "Sächsische Zustände" geschrieben hat. Über dies Bändchen erläßt Ursa Major an der angeführten Stelle ein wohlgefälliges Gebrumm und rezitiert "mit urkräftigem Behagen" ganze Seiten daraus. Diese Zitate reichen hin, das ganze Büchlein zu charakterisieren, und sind um so willkommener, als die Schriften von Bootes sonst im Auslande nicht zu haben sind. Obwohl Bootes sich in den "Sächsischen Zuständen" aus der Höhe seiner Spekulation auf die "wirklichen Verhältnisse" herabgelassen hat, so gehört er doch mit seiner ganzen sächsischen Gruppe, wie auch schon Ursa Major, mit Leib und Seele dem mode simple des wahren Sozialismus an. Der mode composé ist überhaupt mit den Westfalen und der Spiegelbruderschaft, speziell mit Widder, Stier und Perseus erschöpft. Die sächsische und alle folgenden Gruppen bieten uns daher nur weitere Entwicklungen des schon oben charakterisierten einfachen wahren Sozialismus, Bootes, als Bürger und Beschreiber des deutsch-konstitutionellen Musterstaats, läßt vor allem eines seiner Windspiele gegen die Liberalen los. Auf diese sprudelnde Philippika brauchen wir um so weniger einzugehen als sie, wie alle ähnlichen Tiraden der wahren Sozialisten, nichts weiter ist als eine platte Verdeutschung der Kritik desselben Gegenstandes durch die französischen Sozialisten. Es geht Bootes gerade wie den Kapitalisten; er besitzt, um seine eignen Worte zu gebrauchen, "die von den Arbeitern" Frankreichs und ihren literarischen Repräsentanten "erzeugten Produkte infolge blinder Erbschaft fremder Kapitalien" ("Rheinische Jahrbücher", II, p. 256). Er hat sie nicht einmal verdeutscht, denn dies war schon vor ihm durch andre (vgl. "Deutsches Bürgerbuch ", "Rheinische Jahrbücher", I, usw.) geschehen. Er hat diese "blinde Erbschaft" nur durch einige nicht bloß deutsche, sondern speziell sächsische "Blindheiten" vergrößert. So meint er ibidem p. 243, die Liberalen sprächen "für öffentliches Gerichtsverfahren, um im Gerichtssaal ihre rhetorischen Exerzitien zu deklamieren"! Bootes sieht also, trotz seines Eifers gegen die Bourgeoisie, Kapitalisten usw., in den Liberalen nicht sowohl diese, als ihre besoldeten Bedienten, die Advokaten. Das Resultat der scharfsinnigen Untersuchungen unsres Bootes über den Liberalismus ist bemerkenswert. Noch nie hat der wahre Sozialismus seine politisch-reaktionäre Tendenz so entschieden ausgesprochen: "Ihr ... Proletarier aber ... die ihr euch ehedem von dieser liberalen Bourgeoisie in Bewegung setzen und zu Tumulten verleiten ließet (denkt an 1830), seid vorsichtig! Unterstützt sie nicht in ihren Bestrebungen und Kämpfen ... laßt sie allein ausfechten, was sie ... nur in ihrem Interesse beginnen; vor allem aber nehmt zu keiner Zeit an politischen Revolutionen teil, die stets nur von einer unzufriedenen Minderzahl ausgehen, welche selbst herrschsüchtig die herrschende Gewalt stürzen und sich die Regierung anmaßen möchte!" (p. 245, 246.) Bootes hat auf den Dank der königlich-sächsischen Regierung die gegründetsten Ansprüche - eine Rautenkrone ist das mindeste, womit sie ihn lohnen kann. Wäre daran zu denken, daß das deutsche Proletariat seinem Rate folgte, so wäre die Existenz des feudalistisch-kleinbürgerlich-bäuerlich-bürokratischen Musterstaats Sachsen auf lange Zeiten gesichert. Bootes träumt, was für Frankreich und England, wo die Bourgeoisie herrscht, gut sei, müsse auch für Sachsen gut sein, wo sie noch lange nicht herrscht. Wie wenig übrigens selbst in England und Frankreich das Proletariat gegen Fragen gleichgültig bleiben kann, die zunächst allerdings nur ein Interesse der Bourgeoisie oder einer Fraktion derselben sind, kann Bootes täglich in den dortigen Proletarierjournalen lesen. Dergleichen Fragen sind u. a. in England die Aufhebung der Staatskirche, das sogenannte equitable adjustment '' der Nationalschuld, die direkte Besteuerung, in Frankreich die Ausdehnung des Wahlrechts auf die kleine Bourgeoisie, Aufhebung der städtischen Oktrois usw. Schließlich ist dann alle sächsische "gerühmte Freisinnigkeit eitel Wind und Schaum ... Wortfechterei", nicht weil nichts damit durchgesetzt wird und die Bourgeoisie keinen Schritt weiterkommt, sondern weil "ihr", die Liberalen, "doch damit nicht vermögt, die kranke Gesellschaft von Grund aus zu heilen". p. 249. Was sie um so weniger vermögen, als sie die Gesellschaft gar nicht einmal für krank halten. Genug hierüber. Auf pag. 248 läßt Bootes ein zweites ökonomisches Windspiel los. Zu Leipzig ... "sind ganze Stadtteile neu entstanden" (Bootes kennt Stadtteile, die nicht "neu", sondern gleich von vornherein alt "entstehen"). "Dabei hat sich aber in den Logis ein drückendes Mißverhältnis herausgestellt, indem es an Wohnungen zu einem (!) mittleren Preise fehlt. Jeder Neubauer richtet des hohen Zinses" (! soll heißen des höheren Mietzinses) "wegen sein Haus nur für große Haushaltungen ein; schon aus Mangel an anderweitigen Wohnungen ist manche Familie gezwungen, ein größeres Logis zu mieten, als sie braucht und bezahlen kann. So häufen sich Schulden, Pfändungen, Wechselarrest u. dgl.!" (Dies "!" verdient ein zweites (!).) "Kurz, der Mittelstand soll förmlich verdrängt werden." Man bewundre die primitive Einfalt dieses ökonomischen Windspieles! Bootes sieht, daß die kleine Bourgeoisie der gebildeten Stadt Leipzig auf eine für uns höchst erheiternde Weise ruiniert wird. "In unsern Tagen, wo alle Unterschiede sich in der Gattung verwischen" (p. 251), müßte ihm dies Phänomen ebenfalls erfreulich sein; aber es betrübt ihn vielmehr und veranlaßt ihn, die Ursachen davon aufzusuchen. Er findet diese Ursachen - in der Malice der Bauspekulanten, die es darauf anlegen, jeden Gevatter Schneider und Handschuhmacher gegen Bezahlung einer übertriebnen Miete in einen Palast einzuquartieren. Die Leipziger "Neubauer" sind, wie uns Bootes in möglichst unbeholfenem und verworrenem Sächsisch - Deutsch ist es nicht - auseinandersetzt, über alle Gesetze der Konkurrenz erhaben. Sie bauen teurere Wohnungen, als ihre Abnehmer nötig haben, sie richten sich nicht nach dem Stand des Marktes, sondern nach dem "hohen Zins"; und während überall anderswo die Folge davon sein würde, daß sie ihre Wohnungen unter dem Preise vermieten müßten, gelingt es ihnen in Leipzig, den Markt ihrem eignen bon plaisir '' zu unterwerfen und die Mieter zu zwingen, sich selbst durch hohe Miete zu ruinieren! Bootes hat eine Mücke für einen Elefanten, ein momentanes Mißverhältnis zwischen Nachfrage und Angebot im Häusermarkt für einen permanenten Zustand, ja für die Ursache des Ruins der kleinen Bourgeoisie angesehen. Doch dergleichen Bonhomien '' sind dem sächsischen Sozialismus zu verzeihen, solange er noch "ein Werk vollbringt, das des Menschen würdig ist und über das 'ihn' die Menschen segnen werden" (p. 242). Wir wissen schon, daß der wahre Sozialismus ein großer Hypochonder ist. Man durfte sich indes der Hoffnung hingeben, daß Bootes, der im ersten Band der "Rheinischen Jahrbücher" eine so liebenswürdige Keckheit des Urteils bewiesen, von dieser Krankheit frei sein würde. Keineswegs. Bootes läßt p. 252, 253 folgendes wimmernde Windspiel los und versetzt damit Ursam Majorem in Ekstase: "Das Dresdner Vogelschießen ... ein Volksfest, und kaum betritt man die Wiese, so jammern uns die Leierkasten der Blinden entgegen, die die Konstitution nicht satt macht ... so widern uns schon die Marktschreiereien der 'Künstler' an, die durch die Verrenkungen ihrer Glieder die Gesellschaft ergötzen, deren Ordnung selbst fratzenhaft und widerlich verrenkt ist." (Wenn sich ein Seiltänzer auf den Kopf stellt, so bezeichnet das für Bootes die heutige verkehrte Welt; der mystische Sinn des Radschlagens ist der Bankerott; das Geheimnis des Eiertanzes ist die Karriere des wahrhaft sozialistischen Schriftstellers, der trotz aller "Verrenkungen" zuweilen ausgleitet und sich die ganze "materielle Basis" mit Eigelb besudelt; ein Leierkasten bedeutet eine Konstitution, die nicht satt macht, eine Maultrommel die Preßfreiheit, die nicht satt macht, eine Trödelbude den wahren Sozialismus, der ebenfalls nicht satt macht. In diese Symbolik vertieft, wandelt Bootes seufzend durchs Gedränge und bringt es so zu dem stolzen Gefühl, wie oben schon Perseus, "unter Larven die einzige fühlende Brust" zu sein.) "Und dort in den Zelten, da treiben die Bordellwirte ... ihr schamloses Handwerk" (folgt eine lange Tirade über) ... "Prostitution, pestatmendes Scheusal, du bist die letzte Frucht unsrer heutigen Gesellschaft" (nicht immer die letzte, es kommt vielleicht nachträglich noch ein uneheliches Kind) Ich könnte Geschichten erzählen, wie ein Mädchen dem fremden Manne zu Füßen" ...(folgt die Geschichte) ... "ich könnte Geschichten erzählen, aber nein, ich will es nicht" (er hat sie nämlich eben schon erzählt) ... "Nein, nicht sie klagt an, die armen Opfer der Not und Verführung, aber sie zieht vor den Richterstuhl: die frechen Kuppler ... nein, nein, auch sie nicht! Was tun sie anders, als was andre tun, sie treiben Handel, wo alles Handel treibt" usw. Damit hat der wahre Sozialist alle Schuld von allen Individuen abgewälzt und sie der unantastbaren "Gesellschaft" zugeschoben. Cosi fan tutti - es handelt sich schließlich nur darum, mit aller Welt gut Freund zu bleiben. Die charakteristischste Seite der Prostitution, daß sie nämlich die handgreiflichste, direkt auf den Leib gehende Exploitation des Proletariats durch die Bourgeoisie ist, die Seite, wo der "tatenzeugende Schmerz des Herzens" von p. 253 mit seinen breiten moralischen Bettelsuppen bankerott macht und wo die Leidenschaft, der rachdurstende Klassenhaß anfängt, diese Seite kennt der wahre Sozialismus nicht. Er bejammert vielmehr in den Prostituierten die verlorengegangenen Epicieren '' und die Kleinmeisterinnen, in denen er nun nicht mehr "das Meisterstück der Schöpfung", die "Blumenkelche, durchduftet von den heiligsten und süßesten Gefühlen", bewundern kann. Pauvre petit bonhomme ''! Die Blüte des sächsischen Sozialismus ist ein kleines Wochenblättchen, genannt: "Veilchen. Blätter für die harmlose moderne Kritik", redigiert und verlegt von G. Schlüssel zu Bautzen. Die "Veilchen" sind also im Grunde Schlüsselblumen. Diese sanften Blümlein werden in der "Trier'schen Zeitung" (12. Januar dieses Jahres) von einem Leipziger Korrespondenten, der auch von der Kompanie ist, folgendermaßen angezeigt: "Einen Fortschritt, eine Entwicklung in der sächsischen schönen Literatur können wir in den 'Veilchen' begrüßen; so jung das Blatt ist, so strebsam vermittelt es die alte sächsische politische Halbheit mit der sozialen Theorie der Gegenwart." Die "alte sächsische Halbheit" ist diesen Erzsachsen noch nicht halb genug, sie müssen sie noch einmal halbieren, indem sie sie "vermitteln". Äußerst "harmlos"! Wir haben nur ein einziges dieser Veilchen zu Gesicht bekommen aber: Gebückt in sich und unbekannt, Es war ein herzig's Veilchen. Freund Bootes legt in dieser Nummer - der ersten von 1847 - den "harmlosen modernen" Damen einige zierliche Verslein als Huldigung zu Füßen. Es heißt darin u.a.: Und selbst der Frauen zarte Herzen Schmückt des Tyrannenhasses Dorn - ein Gleichnis, dessen Keckheit inzwischen wohl unsres Bootes "zartes Herz" mit des Gewissensbissens "Dorn" "geschmückt" haben wird. Es glühn nicht bloß von Liebesscherzen - sollte Bootes, der zwar "Geschichten erzählen könnte", aber nicht erzählen "will", weil er sie schon erzählt hat, der von keinem andern "Dorn" als dem "des Tyrannenhasses" spricht, sollte dieser anständige und gebildete Mann wirklich imstande sein, die "schönen Wangen" der Frauen und Jungfrauen durch zweideutige "Liebesscherze glühen" zu machen? Es glühn nicht bloß von Liebesscherzen, Es glühn von hellem Freiheitszorn, Vom heiligen, die schönen Wangen, Die wie die Rosen lieblich prangen. Die Glut des "Freiheitszorns" muß allerdings durch eine keuschere, sittlichere, "hellere" Couleur '' leicht zu unterscheiden sein von der dunkelroten Glut der "Liebesscherze", besonders für einen Mann wie Bootes, der den "Dorn des Tyrannenhasses von allen andern "Dornen" unterscheiden kann. Die "Veilchen" geben uns sogleich Gelegenheit, die Bekanntschaft einer jener Schönen zu machen, deren "zartes Herz des Tyrannenhasses Dorn schmückt" und deren "schöne Wangen von hellem Freiheitszorn glühn". Die Andromeda des wahrhaft sozialistischen Sternhimmels (Fräulein Louise Otto), das gefesselte, an den Felsen der widernatürlichen Verhältnisse geschmiedete, von der Brandung verjährter Vorurteile umbrauste moderne Weib liefert nämlich eine "harmlose moderne Kritik" der poetischen Werke von Alfred Meißner. Es ist ein eigentümliches, aber reizendes Schauspiel, wie hier die überquellende Begeisterung mit der zarten Verschämtheit der deutschen Jungfrau kämpft, die Begeisterung für den "Dichterkönig", der die tiefsten Saiten des weiblichen Herzens in Schwingungen versetzt und ihnen Töne der Huldigung entlockt, die an tiefere und zartere Empfindungen grenzen, Töne, die in ihrer unschuldigen Offenherzigkeit des Sängers schönster Lohn sind. Man höre in ihrer ganzen naiven Ursprünglichkeit diese schmeichelhaften Bekenntnisse einer jungfräulichen Seele, der noch so manches in dieser bösen Welt dunkel blieb. Man höre und vergesse nicht, daß dem Reinen alles rein ist: Ja, "die tiefe Innerlichkeit, die in Meißners Gedichten atmet, kann man nur nachfühlen, aber davon denen keine Rechenschaft geben, die dazu unfähig sind. Diese Lieder sind der goldene Widerschein von den heißen Flammen, welche der Dichter auf dem Altare der Freiheit im Heiligtum seines Herzens opfernd emporlodern läßt, ein Widerschein, bei dessen Glanz wir an Schulen Worte erinnert werden., den Schriftsteller überhüpfe die Nachwelt, der nicht mehr war als seine Werke - wir fühlen es heraus, daß dieser Dichter selbst noch mehr ist als seine schönen Lieder" (ganz gewiß, Fräulein Andromeda, ganz gewiß), "daß ein Unaussprechliches in ihm ist, Etwas 'über allen Schein', wie Hamlet sagt". (Du ahnungsvoller Engel du!) "Dieses Etwas ist, was so vielen neuen Freiheitsdichtern abgeht, z.B. ganz und gar Hoffmann von Fallersleben und Prutz" (sollte dies wirklich der Fall sein?), "zum Teil auch Herwegh und Freiligrath, dieses Etwas - vielleicht ist es der Genius." Vielleicht ist es der "Dorn" des Bootes, schönes Fräulein! "Doch", heißt es in demselben Artikel, "hat die Kritik ihre Pflicht - aber die Kritik kommt mir sehr hölzern vor gegenüber einem solchen Dichter!" Wie jungfräulich! Gewiß, eine junge, reine Mädchenseele muß sich "sehr hölzern vorkommen" gegenüber dem Dichter, der im Besitze eines so wundervollen "Etwas" ist. "Wir lesen fort und fort bis zum letzten Vers, der uns allen treu im Gedächtnis bleiben möge: Und endlich kommt er doch ... Der Tag ... Dann sitzen Völker, Hand in Hand, verschlungen, Wie Kinder unter'm großen Himmelssaal Und wieder wird ein Kelch, ein Kelch geschwungen, Der Liebeskelch am Völkerliebesmahl." Hiermit versinkt Fräulein Andromeda in ein vielsagendes Schweigen, "wie ein Kind, Hand in Hand verschlungen". Hüten wir uns ja, sie zu stören. Unsre Leser werden hiernach begierig sein, den "Dichterkönig" Alfred Meißner und sein "Etwas" näher kennenzulernen. Er ist der Orion des wahrhaft sozialistischen Sternhimmels, und wahrlich, er macht seinem Posten keine Schande. Umgürtet mit dem leuchtenden Schwert der Poesie, "in seines Kummers Mantel" gehüllt (p. 67 und p. 260 der "Gedichte von A. Meißner, 2te Auflage, Leipzig 1846), schwingt er in nerviger Faust die Keule der Unverständlichkeit, mit der er alle Gegner der guten Sache siegreich niederschmettert. Auf den Fersen folgt ihm als kleiner Hund ein gewisser Moritz Hartmann, der ebenfalls zum Besten der guten Sache ein energisches Kläffen unter dem Titel "Kelch und Schwert" (Leipzig 1845) erhebt. Um irdisch zu sprechen, geraten wir mit diesen Helden in eine Gegend, welche schon seit längerer Zeit dem wahren Sozialismus zahlreiche und kräftige Rekruten lieferte, nämlich in die böhmischen Wälder. Der erste wahre Sozialist in den böhmischen Wäldern war bekanntlich Karl Moor. Diesem gelang es nicht, das Werk der Regeneration zu Ende zu führen; seine Zeit verstand ihn nicht, und er überlieferte sich selbst der Gerechtigkeit. Orion-Meißner nun hat es übernommen, in die Fußtapfen dieses Edlen zu treten und wenigstens im Geiste sein erhabenes Werk dem Ziele näher zu führen. Ihm, Karl Moor dem Zweiten, steht hierbei der erwähnte Moritz Hartmann, Canis Minor, als Biedermann Schweizer zur Seite, indem er Gott, König und Vaterland in elegischen Weisen feiert und namentlich auf dem Grabe jenes Bonhomme, des Kaisers Joseph, Tränen dankbarer Erinnerung vergießt. Von dem Rest der Bande bemerken wir bloß, daß keiner unter ihnen bisher Verstand und Witz genug entwickelt zu haben scheint, um die Rolle des Spiegelberg zu übernehmen. Man sieht es Karl Moor dem Zweiten auf den ersten Blick an, daß er kein gewöhnlicher Mann ist. Er hat in Karl Becks Schule Deutsch gelernt und drückt sich demgemäß mit einer mehr als orientalischen Pracht der Rede aus. Der Glaube ist ihm "ein Falter" (p. 13), das Herz "eine Blume" (p. 16), später ein "öder Forst" (p. 24), endlich ein "Geier" (p. 31). Der Abendhimmel ist ihm (p. 65) rot und stier wie eine Augenhöhle, Die ohne Auge, ohne Glanz und Seele. Das Lächeln seiner Geliebten ist "ein Kind der Erde, das mit den Kindern Gottes kost" (p. 19). Noch weit mehr aber als seine prunkhafte Bildersprache zeichnet ihn sein riesenhafter Weltschmerz vor den gewöhnlichen Sterblichen aus. Er qualifiziert sich durch diesen als echter Sohn und Nachfolger Karl Moors des Ersten, wie er denn p. 65 nachweist, daß der "wilde Weltschmerz" eines der ersten Erfordernisse jedes "Welterlösers" ist. In der Tat, was den Weltschmerz angeht, überbietet Orion-Moor alle seine Vorgänge und Konkurrenten. Hören wir ihn selbst: "Vom Gram gekreuzigt, war ich tot" (p. 7). "Dies Herz dem Tod geweiht" (p. 8). "Mein Sinn ist finster" (p. 10). Ihm "klagt in des Herzens ödem Forst uraltes Leid" (24). "Nie geboren wäre besser, aber gut wär auch der Tod" (p. 29). In dieser bittren, bösen Stunde, Wo dich die kalte Welt vergißt, Gesteh's, mein Herz, aus bleichem Munde, Daß du unsäglich elend bist (p. 30). p. 100 "blutet" er "aus manch verborgner Wunde" und befindet sich p. 101 im Interesse der Menschheit so unwohl, daß er "um die Brust, die zu zerspringen drohte ... fest wie zwei Klammern" die Arme pressen muß, und p. 79 ist er ein angeschossener Kranich, der nicht mit seinen Brüdern im Herbst gen Süden fliegen kann und der "mit bleidurchschoßnen Schwingen" im Gestrüpp zappelt und "ein breites, blutiges Gefieder schlägt" [p. 78]. Und woher all dieser Schmerz? Sind alle diese Klagen nur Wertherscher alltäglicher Liebesjammer, vermehrt durch Unzufriedenheit über Privatleiden unsres Dichters? Keineswegs; - unser Dichter hat zwar viel gelitten, aber er hat allen seinen Leiden eine allgemeine Seite abzugewinnen gewußt. Er deutet häufig, z.B. p. 64, an, daß ihm die Frauenzimmer manchen schlimmen Streich gespielt (gewöhnliches Los der Deutschen, besonders der Poeten), daß er bittre Erfahrungen im Leben gemacht habe; aber alles das beweist für ihn nur die Schlechtigkeit der Welt und die Notwendigkeit einer Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse. In ihm hat nicht Alfred Meißner, sondern die Menschheit gelitten, und darum zieht er aus allem seinen Kummer nur das Resultat, daß es ein großes Kunststück und ein schweres Leiden ist, ein Mensch zu sein. Hier (in der Einöde), lerne, Herz, in allen Lebenslagen Des Menschseins Schwere mutig zu ertragen (p. 66). O süßer Schmerz, o Fluch voll Segen, O süßes Weh, ein Mensch zu sein (p. 90). Solch edler Schmerz kann in unsrer gefühllosen Welt nur auf Gleichgültigkeit, verletzende Zurückstoßung und Spott rechnen. Karl Moor der Zweite macht diese Erfahrung auch. Wir sahen schon oben, daß ihn "die kalte Welt vergißt". Es geht ihm wirklich in dieser Beziehung sehr schlecht: Daß ich der Menschen kalten Hohn vermeide, Baut' ich den Kerker mir, den grabeskalten (p. 227). Einmal ermannt er sich noch: Du, der mich schmäht, du bleicher Heuchler, nenne Mir einen Schmerz, der nicht dies Herz zerschnitten, Ein Hochgefühl, in dem ich nicht entbrenne (p. 212). Aber es wird ihm doch zu arg, er zieht sich zurück, geht p. 65 "in die Einöde" und p. 70 "in die Gebirgswüste". Ganz wie Karl Moor der Erste. Hier läßt er sich von einem Bach auseinandersetzen, weil alles leide, z.B. das vom Adler zerfleischte Lamm leide, der Falke leide, das Rohr leide, das im Winde kreischt - "wie klein da eines Menschen Wehe" seien und wie ihm da nichts übrigbleibe, als "jauchzen und untergehn". Da ihm aber das "Jauchzen" nicht recht von Herzen zu kommen, das "Untergehn" ihm vollends nicht zuzusagen scheint, so reitet er aus, um die "Stimmen auf der Heide" zu hören. Hier geht es ihm noch viel schlimmer. Drei geheimnisvolle Reiter reiten einer nach dem andern zu ihm heran und geben ihm in ziemlich dürren Worten den guten Rat, er solle sich begraben lassen: Traun besser wärs, Du ... Scharrtest Dich in tote Blätter ein, Und stürbest bedeckt von Gras und feuchter Erde (p. 75). Dies ist die Krone seiner Leiden. Die Menschen stoßen ihn mit seinem Jammer zurück, er wendet sich an die Natur, und auch von dieser erhält er nur verdrießliche Gesichter und grobe Antworten. Und nachdem uns so der Schmerz Karl Moers des Zweiten "sein breites, blutiges Gefieder ..." bis zum Ekel vorgeschlagen hat, finden wir p. 211 ein Sonett, wo der Poet sich verteidigen zu müssen glaubt, ... weil stumm und in Verwahrung Ich meinen Schmerz und meine Wunden trage, Und weil mein Mund, verschmähend eitle Klage Nicht prahlen mag mit gräßlicher Erfahrung!! Aber nicht nur schmerzlich, sondern auch wild muß der "Welterlöser" sein. Daher "braust durch seine Brust der wilde Drang der Leidenschaft" (p. 24); wenn er liebt, so "lohen seine Sonnen heiß" (p. 17); sein "Lieben ist Gewitterblitzen, ein Sturm ist seine Poesie" (p. 68). Wir werden bald Exempel davon haben, wie wild diese Wildheit ist. Gehen wir rasch einige der sozialistischen Gedichte Orion-Moors durch. Von p. 100 bis 106 schlägt er sein "breites, blutiges Gefieder", um die Übelstände der jetzigen Gesellschaft im Fluge zu überschauen. Er rennt in einem wütenden Anfall von "wildem Weltschmerz" durch die Straßen von Leipzig. Es ist Nacht um ihn und in seinem Herzen. Endlich bleibt er stehen. Ein mysteriöser Dämon tritt an ihn heran und fragt ihn im Ton eines Nachtwächters, was er so spät auf der Straße zu suchen habe. Karl Moor der Zweite, der grade damit beschäftigt war, die "Klammern" seiner Arme fest an seinen "zu zerspringen drohenden" Brustkasten zu pressen, starrt dem Dämon mit den "heiß lohenden Sonnen" seiner Augen wüst ins Gesicht und bricht endlich aus (p. 102): Soviel seh' ich, in des Geistes Licht Aus des Glaubens Sternennacht erwacht: Der auf Golgatha, der hat noch nicht Die Erlösung dieser Welt gebracht! "Soviel" sieht Karl Moor der Zweite! Bei des Herzens ödem Forst, bei seines Kummers Mantel, bei des Menschseins Schwere, bei den bleidurchschoßnen Schwingen unsres Dichters und bei allem, was Karl Moor dem Zweiten sonst noch heilig ist - es war nicht der Mühe wert, nachts auf die Straße zu rennen, seine Brust der Gefahr des Zerspringens und der Lungenentzündung auszusetzen und einen aparten Dämon zu zitieren, um uns schließlich diese Entdeckung mitzuteilen! Doch hören wir weiter. Der Dämon will sich dabei nicht beruhigen. Da erzählt Karl Moor der Zweite denn, wie ihn ein prostituiertes Mädchen an der Hand gefaßt und dadurch allerlei schmerzliche Reflexionen in ihm hervorgerufen habe, die zuletzt sich in folgender Apostrophe Luft machten: Weib, an Deinem Elend ist nur schuld Die Gesellschaft, die erbarmungslose! Bleiches Opfer, traurig anzuschau'n, Auf der Sünde heidnischem (!!)Altare Liegst Du, daß die Unschuld andrer Frau'n Sich im Hause unbefleckt bewahre! [p. 103.] Der Dämon, der sich jetzt als ein ganz ordinärer Bourgeois entwickelt, geht auf die in diesen Zeilen liegende, wahrhaft sozialistische Theorie der Prostitution nicht ein, sondern erwidert ganz einfach: Jeder sei seines Glückes Schmied, "seiner Schuld ist jeder Einzle schuldig" und andre Bourgeoisphrasen: er bemerkt: "die Gesellschaft ist ein leeres Wort" (er hatte wahrscheinlich Stirner gelesen) und fordert Karl Moor den Zweiten auf, weiter zu berichten. Dieser erzählt, wie er die Proletarierwohnungen betrachtet und das Weinen der Kinder gehört: Weil der Mutter welke Brust für sie Keinen Tropfen süßer Labung hatte, Schuldlos sterben in der Mutter Hut! Und doch (!!) ist's ein Wunder, hold und milde, Wie in Mutterbrust aus rotem Blut Weiße Milch sich scheide und sich bilde. [p. 104.] Wer dies Wunder gesehen, meint er, brauche nicht zu trauern, wenn er nicht glauben könne, daß Christus Wein aus Wasser gemacht habe. Die Geschichte mit der Hochzeit zu Cana scheint unsren Poeten sehr günstig für das Christentum eingenommen zu haben. Der Weltschmerz wird hier so gewaltig, daß Karl Moor der Zweite allen Zusammenhang verliert. Der dämonische Bourgeois sucht ihn zu beruhigen und läßt ihn weiter berichten: Andre Kinder, eine blasse Brut, Sah ich dort, wo hohe Essen dampften Und die ehr'nen Räder, in der Glut, Einen Tanz in schwerem Takte stampften. [p. 105.] Was das wohl für eine Fabrik gewesen sein mag, wo Karl Moor der Zweite "Räder in der Glut" und noch dazu "stampfende, einen Tanz stampfende Räder" gesehen hat! Es kann nur dieselbe Fabrik sein, wo die ebenfalls "einen Tanz in schwerem Takte stampfenden" Verse unsres Poeten fabriziert werden. Folgt einiges über die Lage der Fabrikkinder. Das greift dem dämonischen Bourgeois, der ohne Zweifel auch Fabrikant ist, an den Geldbeutel. Er wird auch aufgeregt und erwidert, das sei dummes Zeug, an dem Lumpenpack von Proletarierkindern sei nichts gelegen, ein Genie sei noch nie an solchen Kleinigkeiten untergegangen, überhaupt komme es nicht auf die Einzelnen an, sondern nur auf die Menschheit im Ganzen, und die werde sich auch ohne Alfred Meißner durchbeißen. Not und Elend seien einmal das Los der Menschen und im übrigen, Was der Schöpfer hatte schlecht getan, Wird der Mensch doch nie zum Bessern leiten. [p. 107.} Damit verschwindet er und läßt unsren bedrängten Poeten stehn. Dieser schüttelt sein konfuses Haupt und weiß nichts Beßres zu tun, als nach Hause zu gehen und sich das alles wörtlich zu Papier und unter die Presse zu bringen. Pag. 109 will sich "ein armer Mann" ersäufen; Karl Moor der Zweite hält ihn edelmütig zurück und fragt ihn um seine Gründe. Der arme Mann erzählt, er sei viel gereist: Wo Englands Essen blutig (!) flammten, Sah ich in Schmerzen stumpf und stumm Die neuen Höllen und Verdammten. Der arme Mann hat in England, wo die Chartisten in jeder einzelnen Fabrikstadt mehr Tätigkeit entwickeln als alle politischen, sozialistischen und religiösen Parteien in ganz Deutschland zusammen, sonderbare Dinge gesehen. Er muß wohl selbst "stumpf und stumm" gewesen sein, Nach Frankreich kommend übers Meer, Sah ich erschrocken und mit Grausen, Wie Lava gärend um mich her Der Proletarier Massen brausen. "Erschrocken und mit Grausen" sah er das, der "arme Mann"! so sieht er überall den "Kampf der Armen und der Reichen", er selbst "Einer der Heloten", und weil die Reichen nicht hören wollen und "des Volkes Tage sind noch fern", so glaubt er, daß er nichts Beßres tun könne als ins Wasser springen - und Meißner, überführt, läßt ihn los: "Leb wohl, ich kann Dich nicht - mehr halten!" Unser Poet hat sehr wohl getan, diesen bornierten Feigling, der in England gar nichts gesehn, den die proletarische Bewegung in Frankreich "erschrocken und mit Grausen" erfüllt hat, und der zu lâche '' ist, um sich dem Kampf seiner Klasse gegen ihre Unterdrücker anzuschließen, sich ruhig ersäufen zu lassen. Der Kerl war ohnehin zu nichts mehr gut. Pag. 237 richtet Orion-Moor einen tyrtäischen Hymnus "an die Frauen". "Jetzt, da die Männer feige sünd'gen", werden Germaniens blonde Töchter aufgefordert, sich zu erheben und "ein Wort der Freiheit zu verkünd'gen". Unsre sanften Blondinen haben seine Aufforderung nicht erst abgewartet; das Publikum hat "erschrocken und mit Grausen" Exempel davon gesehen, welcher erhabenen Taten Deutschlands Frauenzimmer fähig ist, sobald es erst Hosen trägt und Zigarren rauchen kann. Suchen wir jetzt, nach dieser Kritik der bestehenden Gesellschaft durch unsern Dichter, seine pia desideria '' in sozialer Beziehung auf. Wir finden am Schluß eine in zerhackter Prosa abgefaßte "Versöhnung", die die "Auferstehung" am Schluß der gesammelten Gedichte von K. Beck mehr als nachahmt. Dort heißt es u. a.: "Nicht darum, daß sie den Einzlen gebäre, lebt und ringt die Menschheit. - Ein Mensch ist die Menschheit." Wonach unser Dichter, "der Einzle" natürlich, "kein Mensch" ist. "Und sie wird kommen, die Zeit ... dann erhebt sich die Menschheit, ein Messias, ein Gott in ihrer Entfaltung ..." Dieser Messias kommt aber erst "in tausend Jahren und tausend, der neue Heiland, der da sprechen wird" (das Durchführen überläßt er andern) "von der Teilung der Arbeit, der brüderlich gleichmäßigen für alle Kinder der Erde"... und dann wird die "Pflugschar, Symbol der geistbeschatteten Erde ... ein Zeichen inniger Verehrung ... sich erheben, strahlend, rosenbekränzt, schöner selbst als das alte christliche Kreuz". Was nach "tausend Jahren und tausend" kommen wird, kann uns im Grunde ziemlich gleichgültig sein. Wir brauchen daher nicht zu untersuchen, ob die dann existierenden Menschen durch das "Sprechen" des neuen Heilandes um einen Zoll weitergebracht werden, ob sie überhaupt noch einen "Heiland" werden hören wollen und ob die brüderliche Theorie dieses "Heilandes" ausführbar oder vor den Schrecken des Bankerottes sicher ist. "Soviel sieht" unser Poet diesmal nicht. Interessant ist in dem ganzen Passus nur seine andächtige Kniebeugung vor dem Sakrosanktum '' der Zukunft, der idyllischen "Pflugschar". In den Reihen der wahren Sozialisten fanden wir bisher nur den Bürger; wir merken hier schon, daß Karl Moor der Zweite uns auch den Landmann im Sonntagsstaat vorführen wird. In der Tat sehen wir ihn p. 154 vom Berge in ein liebliches, sonntägliches Tal herniederschauen, wo die Bauern und Hirten gar still vergnügt, fröhlich und mit Gottvertrauen ihr Tagewerk beschicken; und In meinem Zweiflerherzen rief es laut: O horch, so fröhlich kann die Armut singen! Hier ist die Armut "kein Weib, das sich verkauft, sie ist ein Kind, und arglos ihre Blöße!" Und ich verstand, daß fröhlich, fromm und gut Die vielgeprüfte Menschheit dann nur werde, Wenn sie in seligem Vergessen ruht Bei Müh' und Arbeit an der Brust der Erde. Und um uns noch deutlicher zu sagen, was seine ernstliche Meinung ist, schildert er uns p. 159 das Familienglück eines ländlichen Schmiedes und wünscht, daß seine Kinder nie die Seuchen kennen, Die im Triumphatorston Böse oder Toren nennen: Bildung, Zivilisation. Der wahre Sozialismus hatte keine Ruhe, bis neben der bürgerlichen auch die bäuerliche Idylle, neben Lafontaines Romanen auch Geßners Schäferszenen rehabilitiert waren. In der Person des Herrn Alfred Meißner hat er sich auf den Boden von Rochows "Kinderfreund" gestellt und proklamiert von diesem erhabnen Standpunkt, daß es die Bestimmung des Menschen sei, zu verbauern. Wer hätte solche Kindlichkeit von dem Dichter des "wilden Weltschmerzes", von dem Inhaber "heiß lohender Sonnen", von dem "gewitterblitzenden" Karl Moor dem Jüngeren erwartet? Trotz seiner bäuerlichen Sehnsucht nach dem Frieden des Landlebens erklärt er jedoch, die großen Städte seien sein eigentliches Feld der Tätigkeit. Demgemäß hat unser Poet sich nach Paris begeben, um hier ebenfalls ... erschrocken und mit Grausen Wie Lava gärend, um sich her Der Proletarier Massen brausen [p. 111] zu sehen. Hélas! il n'en fut rien. '' In den "Grenzboten" erklärt er sich - in einer Korrespondenz aus Paris - für schrecklich enttäuscht. Der ehrliche Poet hat diese brausenden Massen der Proletarier überall gesucht, selbst im Cirque olympique, wo damals die französische Revolution mit Pauken und Kanonen aufgeführt wurde; aber statt den gesuchten finstern Tugendhelden und farouchen '' Republikaner fand er nur ein lachendes, bewegliches Volk von unverwüstlicher Heiterkeit, das für hübsche Frauenzimmer viel mehr Interesse verriet als für die großen Fragen der Menschheit. Gerade so suchte er in der Deputiertenkammer "die Vertreter des französischen Volks" und fand nur einen Haufen wohlgenährter, durcheinander schwatzender Ventrus ''. Es ist in der Tat unverantwortlich, daß die Pariser Proletarier nicht zu Ehren Karl Moors des Jüngeren so eine kleine Julirevolution exekutierten, um ihm Gelegenheit zugeben, "erschrocken und mit Grausen" eine bessere Meinung von ihnen sich anzueignen. Über all dieses Unglück erhebt unser ehrlicher Poet ein großes Wehgeschrei und weissagt als neuer aus dem Bauche des wahren Sozialismus gespiener Jonas den Untergang des Seine-Ninive, wie das des breiteren in den "Grenzboten" von 1847 Nr. [14], Korr[espon denz] "Aus Paris", nachzulesen ist, woselbst unser Poet auch höchst ergötzlich erzählt, wie er einen bon bourgeois du marais '' für einen Proletarier versehen und was daraus für sonderbare Mißverständnisse entstehen. Seinen "ZiÆika" wollen wir ihm schenken, denn der ist bloß langweilig. Da wir gerade von Gedichten sprechen, so wollen wir mit ein paar Worten der sechs Provokationen zur Revolution erwähnen, die unser Freiligrath unter dem Titel: "Ça ira", Herisau 1846, erlassen hat. Die erste derselben ist eine deutsche Marseillaise und besingt einen "kecken Piraten", der "so in Österreich wie in Preußen Revolution heißt". An dieses Schiff unter eigner Flagge, welche der berühmten deutschen Flotte in partibus infidelium eine bedeutende Verstärkung zuführt, wird die Aufforderung gerichtet: Auf des Besitzes Silberflotten Richte kühn der Kanonen Schlund, Auf des Meeres rottigem Grund Laß der Habsucht Schätze verrotten. [p. 9.] Das ganze Lied ist übrigens so gemütlich abgefaßt, daß es trotz des Versmaßes am besten nach der Melodie: "Auf Matrosen, die Anker gelichtet" zu singen ist. Am bezeichnendsten ist das Gedicht: "Wie man's macht", das heißt, wie Freiligrath eine Revolution macht. Es sind gerade schlechte Zeiten, das Volk hungert und geht in Lumpen: "Wo kriegt es Brot und Kleider her?" Bei dieser Gelegenheit findet sich "ein kecker Bursch", der Rat zu schaffen weiß. Er führt den ganzen Haufen aufs Landwehrzeughaus und verteilt die Uniformen, die sogleich angezogen werden. "Zum Versuch" greift man auch nach den Flinten und findet, daß es "ein Spaß wäre", wenn man sie mitnähme. Bei dieser Gelegenheit fällt es unserm "kecken Burschen" ein, man könne "diesen Kleiderwitz vielleicht noch gar Rebellerei nennen, Einbruch und Raub", und da müsse man "für seinen Rock die Zähne weisen". Daher wandern Tschako, Säbel und Patronentasche auch mit, und als Fahne wird ein Bettelsack aufgepflanzt. So kommt man auf die Straße. Bei dieser Gelegenheit präsentiert sich dann "die königliche Linie", der General kommandiert Feuer, aber die Soldaten sinken der kleiderwitzigen Landwehr jubelnd in die Arme. Und da man jetzt einmal im Zuge ist, so zieht man ebenfalls zum "Spaß" nach der Hauptstadt, findet Anhang, und so, bei Gelegenheit eines "Kleiderwitzes": "Umstürzt der Thron, die Krone fällt, in seinen Angeln bebt das Reich", und "das Volk erhebt sieghaft sein lang zertreten Haupt." Alles geht so rasch, so flott, daß über der ganzen Prozedur gewiß keinem einzigen Mitgliede des "Proletarier-Bataillons" die Pfeif ausgegangen ist. Man muß gestehen, nirgends machen sich die Revolutionen mit größerer Heiterkeit und Ungezwungenheit als im Kopf unsres Freiligrath. Es gehört wirklich die ganze schwarzgallige Hypochondrie der "Allgemeinen preußischen Zeitung" dazu, um in solch einer unschuldigen, idyllischen Landpartie Hochverrat zu wittern. Die letzte Gruppe wahrer Sozialisten, zu der wir uns wenden, ist die Berliner. Von dieser Gruppe nehmen wir ebenfalls nur ein bezeichnendes Individuum heraus, nämlich den Herrn Ernst Dronke, weil er sich durch Erfindung einer neuen Dichtungsart dauernde Verdienste um die deutsche Literatur erworben hat. Die Romanschreiber und Novellisten unsres Vaterlandes waren seit geraumer Zeit um Material verlegen. Noch nie hatte sich eine solche Teuerung des Rohstoffs für ihre Industrie fühlbar gemacht. Die französischen Fabriken lieferten zwar viel Brauchbares, aber diese Zufuhr reichte um so weniger zur Befriedigung der Nachfrage aus, als manches sogleich in der Gestalt der Übersetzung den Konsumenten offeriert und hierdurch auch den Romanschreibern gefährliche Konkurrenz gemacht wurde. Da bewährte sich das Ingenium des Herrn Dronke: in der Gestalt des Ophiuchus, des Schlangenträgers am wahrhaft sozialistischen Firmament, hielt er die ringelnde Riesenschlange der deutschen Polizeigesetzgebung empor, um sie in seinen "Polizei-Geschichten" zu einer Reihe der interessantesten Novellen zu verarbeiten. In der Tat enthält diese verwickelte, schlangenglatte Gesetzgebung den reichhaltigsten Stoff für diese Art der Dichtung. In jedem Paragraphen steckt ein Roman, in jedem Reglement eine Tragödie. Herr Dronke, der als Berliner Literat selbst gewaltige Kämpfe mit dem Polizeipräsidio bestanden, konnte hier aus eigner Erfahrung sprechen. An Nachfolgern auf der einmal betretenen Bahn wird es nicht fehlen; das Feld ist reichhaltig. Das preußische Landrecht unter andern ist eine unerschöpfliche Fundgrube von spannenden Konflikten und drastischen Effektszenen. An der Eheschei- dungs-, Alimentations- und Jungfernkranz-Gesetzgebung allein - von den Kapiteln über unnatürliche Privatvergnügen gar nicht zu reden - hat die ganze deutsche Romanindustrie Rohmaterial für Jahrhunderte. Dazu ist nichts leichter, als solch einen Paragraphen poetisch zu verarbeiten; die Kollision und ihre Lösung ist schon fertig, man hat nichts hinzuzufügen als das Beiwerk, das man aus dem ersten besten Roman von Bulwer, Dumas oder Sue nimmt und etwas zustutzt, und die Novelle ist fertig. So steht zu hoffen, daß der deutsche Bürger und Landmann, ingleichen der Studiosus juris oder cameralium '' allmählich in den Besitz einer Reihe von Kommentaren über die derzeitige Gesetzgebung kommen wird, die ihm erlauben, sich spielend und mit gänzlicher Beseitigung der Pedanterie mit diesem Fache gründlich bekannt zu machen. Wir sehen an Herrn Dronke, daß wir uns nicht zuviel versprechen. Aus der Heimatrechtsgesetzgebung allein macht er zwei Novellen. In der einen ("Polizeiliche Ehescheidung") heiratet ein kurhessischer Literat (die deutschen Literaten machen immer Literaten zu ihren Helden) eine Preußin ohne die gesetzlich vorgeschriebene Zustimmung seines Stadtrats. Seine Frau und Kinder verlieren dadurch den Anspruch auf kurhessische Untertanenschaft, und daraus entwickelt sich die Trennung der Gatten vermittelst der Polizei. Der Literat wird wütend, spricht sich mißliebig über das Bestehende aus, wird dafür von einem Leutnant gefordert und erstochen. Die polizeilichen Verwicklungen waren mit Kosten verknüpft, die sein Vermögen bereits ruiniert hatten. Madame hat durch ihre Ehe mit einem Ausländer ihre Eigenschaft als preußische Untertanin verloren und fällt nun ins äußerste Elend. - In der zweiten Heimatrechtsnovelle wird ein armer Teufel 14 Jahre lang von Hamburg nach Hannover und von Hannover nach Hamburg transportiert, um hier die Süßigkeiten der Tretmühle, dort die Freuden des Gefängnisses zu schmecken und auf beiden Elbufern Stockprügel zu genießen. In derselben Weise wird der Übelstand behandelt, daß man gegen Übergriffe der Polizei nur bei der Polizei selbst klagen kann. Sehr rührend wird geschildert, wie die Polizei in Berlin durch ihr Reglement wegen Ausweisung arbeitsloser Dienstboten der Prostitution unter die Arme greift, und andre ergreifende Kollisionen. Der wahre Sozialismus hat sich von Herrn Dronke aufs gutmütigste düpieren lassen. Er hat die "Polizei-Geschichten", weinerliche Schilderungen aus der deutschen Spießbürgermisere im Tone von "Menschenhaß und Reue", für Gemälde von Konflikten aus der modernen Gesellschaft ver- sehen; er hat geglaubt, hier werde sozialistische Propaganda gemacht, er hat keinen Augenblick daran gedacht, daß dergleichen Jammerszenen in Frankreich, England und Amerika, wo das Gegenteil von allem Sozialismus herrscht, ganz unmöglich sind, daß also Herr Dronke keine sozialistische, sondern liberale Propaganda macht. Der wahre Sozialismus ist hier indes um so eher zu entschuldigen, als Herr Dronke selbst an das alles ebenfalls nicht gedacht hat. Herr Dronke hat auch Geschichten "Aus dem Volke" geschrieben. Hier erleben wir wieder eine Literatennovelle, in der das Elend der industriellen Schriftsteller dem Mitleiden des Publikums dargelegt wird. Diese Erzählung scheint Freiligrath zu dem rührenden Gedicht begeistert zu haben, worin er um Teilnahme für den Literaten fleht und ausruft: "Er auch ist ein Proletar!" Wenn es einmal dazu kommt, daß die deutschen Proletarier mit der Bourgeoisie und den übrigen besitzenden Klassen die Bilanz abschließen, so werden sie es den Herren Literaten, dieser lumpigsten aller käuflichen Klassen, vermittelst der Laterne beweisen, inwiefern auch sie Proletarier sind. Die übrigen Novellen des Dronkeschen Buchs sind mit einem gänzlichen Mangel an Phantasie und ziemlicher Unkenntnis des wirklichen Lebens zusammengestoppelt und dienen nur dazu, Herrn Dronkes sozialistische Gedanken gerade solchen Leuten in den Mund zu legen, bei denen sie am allerwenigsten angebracht sind. Ferner hat Herr Dronke ein Buch über Berlin geschrieben, das auf der Höhe der modernen Wissenschaft steht, d.h., in dem sich Junghegelsche, Bauersche, Feuerbachsche, Stirnersche, wahrhaft sozialistische und kommunistische Anschauungen bunt durcheinander finden, wie sie in der Literatur der letzten Jahre in Zirkulation gekommen sind. Das Endresultat des Ganzen ist, daß Berlin trotz alledem und alledem der Mittelpunkt moderner Bildung, das Zentrum der Intelligenz und eine Weltstadt mit zwei fünftel Millionen Einwohner bleibt, vor deren Konkurrenz Paris und London sich in acht nehmen mögen. Sogar Grisetten gibt es in Berlin - aber der Himmel weiß es, sie sind auch danach! Zu der Berliner Couleur des wahren Sozialismus gehört auch Herr Friedrich Saß, der ebenfalls ein Buch über seine geistige Vaterstadt geschrieben hat. Von diesem Herrn ist uns indes nur ein Gedicht vorgekommen, das in dem sogleich näher zu besprechenden Püttmannschen "Album" p. 29 zu lesen steht. In diesem Gedicht wird "Des alten Europas Zukunft" nach der Weise: "Lenore fuhr ums Morgenrot" mit den ekelhaftesten Ausdrücken, die unser Verfasser in der ganzen deutschen Sprache finden konnte, und mit möglichst vielen grammatischen Fehlern besungen. Der Sozialismus Herrn Saß' reduziert sich darauf, daß Europa, das "buhlerische Weib", nächstens untergehen wird: Es freit um Dich der Totenwurm, Hörst Du, hörst Du im Hochzeitssturm Kosaken und Tartaren Dein morsches Bett befahren?... An Asiens wüstem Sarkophag Wird sich der Deine reihen - - Die grauen Riesenleichen Sie bersten (pfui Teufel) und sie weichen - - Wie Memphis und Palmyra barst (!) Baut einst der wilde Aar den Horst In Deine morsche Stirne, Du altgewordne Dirne! Man sieht, die Phantasie und die Sprache des Dichters sind nicht minder "geborsten" als seine Geschichtsauffassung. Mit diesem Blick in die Zukunft beschließen wir die Übersicht der verschiednen Sterngruppen des wahren Sozialismus. In der Tat, es war eine glänzende Reihe von Konstellationen, die vor unsrem Teleskop vorübergezogen sind, es ist die strahlendste Hälfte des Himmels, die der wahre Sozialismus mit seiner Armee besetzt hält! Und um alle diese lichten Gestirne zieht sich mit dem sanften Glanz bürgerlicher Philanthropie als Milchstraße die "Trier'sche Zeitung", ein Blatt, das sich mit Leib und Seele dem wahren Sozialismus angeschlossen hat. Es ist kein Ereignis vorgefallen, das den wahren Sozialismus auch nur im entferntesten berührte, ohne daß die "Trier'sche Zeitung" mit Begeisterung in die Schranken trat. Von dem Lieutenant Anneke bis zur Gräfin Hatzfeld, vom Bielefelder Museum bis zur Madame Aston hat die "Trier'sche Zeitung" mit einer Energie für die Interessen des wahren Sozialismus gekämpft, die ihrer Stirn den Schweiß der Edlen entlockte. Sie ist im wörtlichsten Sinne eine Milchstraße der Sanftmut, Barmherzigkeit und Menschenliebe und pflegt nur in sehr wenigen Fällen mit saurer Milch aufzuwarten. Möge sie still und ungetrübt, wie es einer rechten Milchstraße geziemt, ihres Weges weiterfließen und fortfahren, Deutschlands wackere Bürger mit der Butter der Weichherzigkeit und dem Käse der Spießbürgerei zu versorgen! Daß ihr jemand den Rahm abschöpfe, braucht sie nicht zu besorgen, da sie zu wässerig ist, um welchen anzusetzen. Damit wir aber in ungetrübter Heiterkeit von ihm scheiden, hat uns der wahre Sozialismus ein schließliches Fest bereitet in dem "Album", heraus- gegeben von H. Püttmann, Borna, bei Reiche, 1847. Unter der Ägide des großen Bären wird hier eine Girandola abgefeuert, wie man sie am Osterfest in Rom nicht glänzender sehen kann. Alle sozialistischen Poeten haben, freiwillig oder gezwungen, Raketen dazu geliefert, die in zischenden, funkelnden Garben gen Himmel steigen, in den Lüften knallend zu Millionen Sternen verstieben und ringsum Tageshelle in die Nacht unsrer Verhältnisse zaubern. Aber ach, das schöne Schauspiel dauert nur einen Augenblick - das Feuerwerk brennt aus und hinterläßt nur einen qualmenden Rauch, der die Nacht noch dunkler erscheinen läßt, als sie wirklich ist, einen Rauch, durch den als unveränderlich helle Sterne nur die sieben Gedichte von Heine hindurchschimmern, die sich zu unserem großen Erstaunen und zu nicht geringer Verlegenheit des großen Bären in dieser Gesellschaft befinden. Lassen wir uns das indes nicht stören, nehmen wir ebensowenig Anstoß daran, daß auch mehrere hier wieder abgedruckte Sachen von Weerth sich in solcher Kompanie unbehaglich fühlen müssen, und genießen wir den vollen Eindruck des Feuerwerks. Wir finden hier sehr interessante Themata behandelt. Der Frühling wird drei oder viermal mit allem Aufwande besungen, dessen der wahre Sozialismus fähig ist. Nicht weniger als acht verführte Mädchen werden uns [unter] allen möglichen Gesichtspunkten vorgeführt. Wir bekommen hier nicht nur den Aktus der Verführung zu sehen, sondern auch seine Folgen; jede Hauptepoche der Schwangerschaft ist durch mindestens ein Subjekt vertreten, nachher kommt dann die Niederkunft, wie billig, und in ihrem Gefolge Kindesmord oder Selbstmord. Es ist nur zu bedauern, daß Schillers "Kindesmörderin" nicht auch aufgenommen ist; aber der Herausgeber mochte denken, es sei schon hinreichend, wenn der bekannte Ausruf: "Joseph, Joseph" usw. durch das ganze Buch klinge. Wie diese Verführungslieder beschaffen sind, davon möge eine Strophe - nach einer bekannten Wiegenmelodie - Zeugnis ablegen. Herr Ludwig Köhler singt p. 299: Weine, Mutter, weine! Deiner Tochter Herz ist krank! Weine, Mutter, Weine! Deiner Tochter Unschuld sank! Deinen Spruch: Sei brav mein Kind! Schlug sie frevelnd in den Wind! Überhaupt ist das "Album eine wahre Apotheose des Verbrechens. Außer den erwähnten zahlreichen Kindesmorden wird noch ein "Waldfrevel" - von Herrn Karl Eck besungen, und der Schwabe Hiller, der seine fünf Kinder ermordete, von Herrn Johannes Scherr in einem kurzen und von Ursa Major höchstselbst in einem endlosen Gedicht gefeiert. Man meint, man wäre auf einem deutschen Jahrmarkt, wo die Orgeldreher ihre Mordgeschichten ableiern: Rotes Kind, du Kind der Hölle, Sprich, was war dein Dasein hier? Vor dir und deiner Mörderhöhle, Da schaudert jeder Mensch dafür. Sechsundneunzig Menschenleben Mordete der Bösewicht; Er ließ sie nicht länger leben, Schnell den Hals er ihnen bricht, usw. Es fällt schwer, unter diesen jugendkräftigen Dichtern und ihren lebenswarmen Produktionen eine Auswahl zu treffen; denn es ist im Grunde einerlei, ob man Theodor Opitz oder Karl Eck, Johannes Scherr oder Joseph Schweitzer heißt, die Sachen sind alle gleich schön. Greifen wir aufs Geratewohl hinein. Da finden wir zuerst unsern Freund Bootes - Semmig wieder, wie er damit beschäftigt ist, den Frühling auf die spekulative Höhe des wahren Sozialismus zu erheben (p. 35): Wacht auf! Wacht auf! Denn es will Frühling werden - - In Sturmesgang nimmt über Tal und Berge Die Freiheit ihren fessellosen Lauf - Was das für eine Freiheit ist, erfahren wir gleich darauf: Was blickt ihr knechtisch auf des Kreuzes Zeichen? Ein freier Mann kann vor dem Gott nicht knie'n, Der uns gestürzt des Vaterlandes Eichen, Vor dem der Freiheit Götter mußten flieh'n! also die Freiheit der germanischen Urwälder, in deren Schatten Bootes ruhig über "Socialismus, Communismus, Humanismus" nachdenken und nach Belieben "des Tyrannenhasses Dorn" pflegen kann. Über letzteren erfahren wir: Es blüht ja keine Rose ohne Dorn, wonach also zu hoffen steht, daß auch die knospende "Rose" Andromeda bald einen geeigneten "Dorn" finden und sich dann nicht mehr so "hölzern vorkommen" möge wie oben. Auch im Interesse der "Veilchen", die damals freilich noch nicht existierten, operiert Bootes, indem er hier ein apartes Gedicht erläßt, dessen Titel und Refrain lauten: "Kauft Veilchen? Kauft Veilchen! Kauft Veilchen!" (p. 38.) Herr N..h..s '' bemüht sich mit lobenswertem Eifer, 32 Seiten breitzeiliger Verse zustande zu bringen, ohne auch nur einen einzigen Gedanken darin zutage zu fördern. Da ist zum Beispiel ein "Proletarierlied" (p.166). Die Proletarier treten hervor an die freie Natur - wenn wir sagen wollten, woraus sie hervortreten, so würden wir gar nicht zu Ende kommen - und entschließen sich nach langen Präambeln endlich zu folgender Apostrophe: O Natur! Du Mutter aller Wesen, Die Du alle willst mit Liebe laben, Alle hast zu Seligkeit erlesen, Unerforschlich groß bist und erhaben! Höre unsre heiligsten Entschlüsse! Höre, was wir treu und warm Dir schwören! Tragt die Kunde an das Meer, ihr Flüsse, Rausch' es, Lenzluft, durch die dunklen Föhren! Damit ist ein neues Thema gewonnen, und nun geht es eine ganze Weile in diesem Tone fort. Schließlich erfahren wir in der Vierzehnten Strophe, was die Leute eigentlich wollen, und das ist nicht der Mühe wert, es hieher zu setzen. Auch Herr Joseph Schweitzer ist eine interessante Bekanntschaft: Der Gedanke ist die Seele, und das Handeln ist der Leib; Gatte ist der Feuerfunke, und die Tat sein Eheweib, woran sich ungezwungen knüpft, was Herr J Schweitzer will, nämlich: Prasseln will ich, flammen will ich, Freiheitslicht in Wald und Plan, Bis der große Wassereimer, Tod genannt, erlöscht den Span. (p. 213.) Sein Wunsch ist erfüllt. In diesen Gedichten "prasselt" es bereits nach Herzenslust, und ein "Span" ist er auch, das sieht man auf den ersten Blick. Aber ein ergötzlicher Span: Hoch das Haupt, die Hand geschlossen, steh ich da, beseligt, frei. (p. 216.) Er muß in dieser Stellung unbezahlbar gewesen sein. Leider reißt ihn der Leipziger Augustkrawall auf die Straße, und dort sieht er ergreifende Dinge: Vor mir saugt in gier'gen Zügen, blutgetränkt, O Schmach, O Greul! Eine zarte Menschenknospe behend ihren Todestau (p. 217). Hermann Ewerbeck macht seinem Vornamen auch keine Schande. Er beginnt p. 227 ein "Schlachtlied", das ohne Zweifel schon von den Cheruskern im Teutoburger Walde gebrüllt wurde: Wir ringen für die Freiheit, Für das Wesen in unser Brust. Sollte dies ein Schlachtlied für schwangere Frauenzimmer sein? Und nicht um Gold noch Orden, Auch nicht aus eitler Lust. Wir kämpfen für spätere Geschlechter usw. In einem zweiten Gedicht [p. 229] erfahren wir: Des Menschen Sinne sind heilig, Hoch heilig ist reiner Sinn. Die Geister all, sie schwinden Vor Sinn und Sinnen hin. Ebensogut wie "Sinn und Sinne" uns vor solchen Versen "hinschwinden". Heiß lieben wir das Gute, Das Schöne dieser Welt, Wir wirken und schaffen rastlos Auf echtem Menschheitsfeld; und dies Feld lohnt unsre Arbeit mit einer Ernte gesinnungsvoller Knittelverse, wie sie selbst Ludwig der Baier nicht hervorbringen konnte. Ein stiller und gesetzter junger Mann ist Herr Richard Reinhardt. Er "geht in leiser Ruhe lange der stillen Selbstentfaltung Schritt" und liefert ein Geburtstagsgedicht "An die junge Menschheit", in welchem er sich damit begnügt: Der reinen Freiheit Liebessonne, Der reinen Liebe Freiheit Licht, Des Liebefriedens freundlich Licht [p. 234, 236] zu besingen. Auf diesen sechs Seiten wird uns wohl zumute. Die "Liebe" kommt sechzehnmal, das "Licht" siebenmal, die "Sonne" fünfmal, die "Freiheit" achtmal vor, von den "Sternen", "Klarheiten", "Tagen", "Wonnen", "Freuden", "Frieden", "Rosen", "Gluten", "Wahrheiten" und sonstigen untergeordneten Würzen des Daseins gar nicht zu sprechen. Wenn man das Glück gehabt hat, so besungen zu werden, so kann man wahrlich in Frieden in die Grube fahren. Doch was halten wir uns bei Stümpern auf, sobald wir Meister wie Herr Rudolf Schwerdtlein und Ursa Major betrachten können! Überlassen wir alle jene zwar liebenswürdigen, aber doch noch sehr unvollkommnen Versuche ihrem Schicksal und wenden wir uns der Vollendung der sozialistischen Poesie zu! Herr Rudolf Schwerdtlein singt: "Frisch auf" Wir sind die Reiter des Lebens. Hurra (ter) '' Wohin, Ihr Reiter des Lebens? Wir reiten in den Tod. Hurra! Wir blasen in die Trompete. Hurra (ter) Was schmettert Ihr in die Trompete? Wir schmettern, wettern Tod. Hurra! Das Heer blieb weit dahinter. Hurra (ter) Was macht Eu'r Heer dahinter? Es schläft den ew'gen Schlaf. Hurra! Horch! Blasen nicht die Feinde? Hurra (ter) O weh, Ihr armen Trompeter! Jetzt reiten wir in den Tod. Hurra! [p. 199, 200.] O weh, du armer Trompeter! - Man sieht, der Reiter des Lebens reitet nicht nur mit lachendem Mut in den Tod, er reitet auch ebenso kecklich in den dicksten Unsinn hinein, in dem er sich so wohl befindet wie die Laus in der Schafwolle. Ein paar Seiten weiter gibt der Reiter des Lebens "Feuer": Wir sind so weise, wissen tausend Dinge, Der Fortschritt hat's so rasend weit gebracht - - Doch kannst Du rudernd keine Welle kräuseln, Daß Dir nicht Geister um die Ohren säuseln. [p. 204.] Es ist zu wünschen, daß dem Reiter des Lebens recht bald ein möglichst handfester Körper "um die Ohren säuseln" möge, um ihm die Geistersäuselei zu vertreiben. Beiß in den Apfel! Zwischen Frucht und Zähnen Steigt ein Gespenst Dir allsogleich hervor; Faß' einen Renner bei den starken Mähnen, Es bäumt ein Geist sich mit des Hengstes Ohr - dem Reiter des Lebens "bäumt" sich auch etwas zu beiden Seiten des Kopfes, aber es ist nicht "des Hengstes Ohr" - Gedanken schießen um Dich, wie Hyänen, Umarmst Du die, die sich Dein Herz erkor. Es geht dem Reiter des Lebens wie andern tapfern Kriegshelden. Den Tod fürchtet er nicht, aber "Geister", "Gespenster" und besonders "Gedanken" machen ihn zittern wie Espenlaub. Um sich vor ihnen zu retten, beschließt er, die Welt in Brand zu stecken, "den allgemeinen Weltbrand zu wagen": Zertrümmern ist die große Zeitparole, Zertrümmern ist des Zwiespalts einz'ge Schlichtung; Auf daß der Körper und der Geist verkohle Zu gründlicher Natur- und Wesens-Sichtung; Und wie das Erz im Tiegel, also hole Die Welt im Feuer sich die Neu-Verdichtung. Der Dämon nach dem Feuer-Weltgerichte Ist der Beginn der neuen Weltgeschichte. [p. 206.] Der Reiter des Lebens hat den Nagel auf den Kopf getroffen. Der Zwiespalt der einz'gen Schlichtung in der großen Zeitparole gründlicher Natur- und Wesenssichtung ist eben, daß das Erz im Tiegel zum Körper und zum Geist verkohle, d.h., das Zertrümmern der neuen Weltgeschichte ist die Neuverdichtung des Feuer-Weltgerichtes oder mit andern Worten, der Dämon hole die Welt im Feuer des Beginns. Nun zu unserm alten Freunde Ursa Major. Wir erwähnten die Hilleriade schon. Diese beginnt mit einer großen Wahrheit: Du Gottes-Gnaden-Volk begreifst es nicht, Wie schlimm es ist, als Lump die Welt zu grüßen; Man wird's nie los. [p. 256.] Nachdem wir dann die ganze Jammerhistorie mit den kleinsten Details haben anhören müssen, bricht Ursa Major abermals in "Heuchelei" aus: Wehe, wehe Dir, Du arge, böse Welt - Fluch, ew'ger Fluch Dir! Du verdammtes Geld! Nicht ohne Dich wär dieser Mord gescheh'n, Nicht ohne Euch, ihr reichen Ungeheuer! - Der Kinder Blut kommt über Euch allein! Die Wahrheit spricht aus meinem Dichtermunde, Ich schleud're sie Euch ins Gesicht hinein, Und harre auf den Schlag der Rachestunde! [p. 262.] Sollte man nicht meinen, Ursa Major begehe hier die erschreklichste Tollkühnheit, indem er den Leuten "Wahrheiten aus seinem Dichtermunde ins Gesicht schleudert"? Aber man beruhige sich, man zittere nicht für seine Leber und seine Sicherheit. Die Reichen tun dem großen Bären ebensowenig etwas, als der große Bär ihnen etwas tut. Aber, meint dieser, man hätte den alten Hiller entweder köpfen lassen müssen oder: Den weichsten Flaum auf Erden unters Haupt Des Mörders mußtet ihr sorgfältig legen, Damit er, was ihr Liebes ihm geraubt, Im festen Schlaf vergesse - euch zum Segen. Und wenn er wachte, mußten um ihn her Zweihundert Harfen schwirren süße Klänge, Damit der Kinder Röcheln nimmermehr Sein Ohr zerreiße und sein Herz zersprenge. Und andres noch zur Sühne - was es sei, Das Lieblichste, was Liebe kann ersinnen - Vielleicht dann wurdet ihr der Untat frei, Und konntet euch Gewissensruh gewinnen (p. 263.) Das ist, in der Tat, die Bonhomie aller Bonhomien, die Wahrheit des wahren Sozialismus! "Euch zum Segen!" "Gewissensruh!" Ursa Major wird kindisch und erzählt Ammenmärchen. Daß er noch immer "auf den Schlag der Rachestunde harrt", ist bekannt. Aber noch viel heiterer als die Hilleriade sind die "Friedhofsidyllen". Erst sieht er einen armen Mann begraben und hört die Klagen seiner Witwe, dann einen jungen im Kriege gefallenen Soldaten, seines greisen Vaters einzige Stütze, dann ein von seiner Mutter ermordetes Kind und schließlich einen reichen Mann. Als er das alles gesehen hat, fängt er an zu "denken", und siehe ... meine Blicke wurden hell und klar Und strahlend drangen sie tief in die Grüfte, [p. 284] leider wurden sie nicht "klar", um "tief in" seine Verse zu dringen. Geheimnisvollstes ward mir offenbar. Dafür blieb ihm das, was aller Welt "offenbar" ist, nämlich die erschreckliche Nichtswürdigkeit seiner Verse, vollkommen "geheimnisvoll". Und der klarsehende Bär sah, "wie im Fluge schier die größten Wunder sich begaben". Die Finger des armen Mannes werden Korallen, seine Haare Seide, und dadurch kommt seine Witwe zu großem Reichtum. Aus dem Grabe des Soldaten entspringen Flammen, die den Palast des Königs verschlingen. Aus dem Grabe des Kindes entsprießt eine Rose, deren Duft bis in den Kerker der Mutter dringt - und der reiche Mann wird vermöge der Seelenwanderung zu einer Natter, welche Ursa Major sich das Privatvergnügen vorbehält, durch seinen jüngsten Sohn zertreten zu lassen! Und so, meint Ursa Major, "wird uns allen doch Unsterblichkeit". Übrigens hat unser Bär doch Courage. p. 273 fordert er "sein Unglück" mit Donnerstimme heraus; er trotzt ihm, denn: Ein starker Löwe mir im Herzen sitzt - Er ist so mutig, ist so groß und schnell - Sei Du vor seinen Krallen auf der Hut! Ja, Ursa Major "fühlt Kampfeslust", "fürchtet Wunden nicht". Für eine Mail drücke bitte auf: MLWerke@aol.com ... zur Sammlung der Klassiker des Marxismus-Leninismus: drücke hier!