hans carl artmann und die wiener dichtergruppe (konrad bayer, 1964) konrad bayer hans carl artmann und die wiener dichtergruppe als h.c. artmann 1952 nach längerem aufenthalt in der schweiz wieder nach wien und in den art-club kam, hatte er zwar seine "Acht-Punkte-Proklamation des poetischen Actes" (april 1953) noch nicht geschrieben - sie sollte ihm später als argument und geistige stütze für gespreizte finger, steifen nacken und preziöse gestik dienen! -, aber die haltung war schon da. er hat "Die Zyklopin oder Zerstörung einer Schneiderpuppe" (pantomime mit musik und rezitation) und "Enthüllungen ..." (1950; kurze prosa im stil louis bertrand) in der tasche. er schreibt seit einigen jahren ohne erfolg. mit der inbetriebnahme des club-lokals unter der kärntner-bar (1951), hatten sich rené altmann, wieland schmied, andreas okopenko und hans weissenborn zu einem kleinen literarischen kreis zusammengefunden. man veranstaltet fallweise lesungen und artmann versucht sich anzuschliessen. diese kleine gemeinschaft, "der keller" benannt, von den malern eben noch geduldet, duldet nun artmann. okopenko war sich damals wie heute seiner literarischen qualität bewusst. am 29. 11. 1952 liest artmann: "lancelot und gwynever", "kleiner roman in bruchstücken" und "monolog von der traurigkeit der hände". am klavier: gerhard lampersberg. artmann schreibt für lampersberg den text zu einer kurzoper: "der knabe mit dem brokat". 1950 waren die "surrealistischen publikationen" von edgar jené und max hölzer bei josef haid in klagenfurt erschienen und hatten bei allen wissenden und den lesern des "plan" starkes interesse gefunden. fasziniert von artmanns auftritt und seinen enigmatischen ausrufen werde ich kumpan, dann verehrer, aufmerksamer hörer und mitstreiter für die gute sache der poesie. (er war mir anschauung, beweis, dass die existenz des dichters möglich ist.) rühm, der ihn schon kannte, hatte sich damals unter den jüngeren komponisten einen namen gemacht. er galt als radikaler und erfinder der ein- ton-musik (1950). wir, rühm und ich, zeigen dem meister heimlich, unauffällig und getrennt, mässige gedichte, werden gelobt, massvoll kritisiert und geben nicht auf. artmann hat die fähigkeit andere nicht merken zu lassen um wieviel besser er ist. er schreibt: die abende im winter (stimmen der gegenwart 1954); überall wo hamlet hinkam; schön traurig ist der tag; von einem drachen oder der sturz des ikarus; von einem scherenschleifer; von einem riesentöter; vom teufel mit einem soldaten (winter 1952/53). er findet bei uns zustimmung und begeisterung. wir drängen ihn von seinen alten freunden ab. er schreibt: landschaft der semaforen; das märchen vom mädchen mit den roten strümpfen u. a.. mit seiner pro- klamation des poetischen actes leitet er für sich und uns eine neue, wesentliche periode ein: Acht-Punkte-Proklamation des poetischen Actes Es gibt einen Satz, der unangreifbar ist, nämlich der, dass man Dichter sein kann, ohne auch irgendjemals ein Wort geschrieben oder gesprochen zu haben. Vorbedingung ist aber der mehr oder minder gefühlte Wunsch, poetisch handeln zu wollen. Die alogische Geste selbst kann, derart ausgeführt, zu einem Act von ausgezeichneter Schönheit, ja zum Gedicht erhoben werden. Schönheit allerdings ist ein Begriff, welcher sich hier in einem sehr geweiteten Spielraum bewegen darf. 1) Der poetische Act ist jene Dichtung, die jede Wiedergabe aus zweiter Hand ablehnt, das heisst, jede Vermittlung durch Sprache, Musik oder Schrift. 2) Der poetische Act ist Dichtung um der reinen Dichtung willen. Er ist reine Dichtung und frei von aller Ambition nach Anerkennung, Lob oder Kritik. 3) Ein poetischer Act wird vielleicht nur durch Zufall der Öffentlichkeit überliefert werden. Das jedoch ist in hundert Fällen ein einziges Mal. Er darf aus Rücksicht auf seine Schönheit und Lauterkeit erst gar nicht in der Absicht geschehen, publik zu werden, denn er ist ein Act des Herzens und der heidnischen Bescheidenheit. 4) Der poetische Act wird starkbewusst extemporiert und ist alles andere aIs eine blosse poetische Situation, die keineswegs des Dichters bedürfte. In eine solche könnte jeder Trottel geraten, ohne es aber jemals gewahr zu werden. 5) Der poetische Act ist die Pose in ihrer edelsten Form, frei von jeder Eitelkeit und voll heiterer Demut. 6) Zu den verehrungswürdigsten Meistern des poetischen Actes zählen wir in erster Linie den satanistisch-elegischen C. D. Nero und vor allem unseren Herrn, den philosophisch-menschlichen Don Quijote. 7) Der poetische Act ist materiell vollkommen wertlos und birgt deshalb von vornherein nie den Bazillus der Prostitution. Seine lautere Vollbringung ist schlechthin edel. 8) Der vollzogene poetische Act, in unserer Erinnerung aufgezeichnet, ist einer der wenigen Reichtümer, die wir tatsächlich unentreissbar mit uns tragen können. es ist april 1953. nach den grossen ferien wird der erste act durchgeführt: Le premier acte poétique Une soirée aux amants funèbres: Decor: weisse astern oder chrysanthemen schwarze kleidung (altfränkisch) schleifen aus schwarzem flor schleier räucherwerk lampions und schwarzsilberne candelaber Route der procession: Goethedenkmal - oper - kärnthnerstrasse - stephansplatz - rotenthurmstrasse - stamboul - uraniabrücke - franzensbrücke - hauptallee - prater: illusionsbahn. Zeit der procession: samstag, den 22. 8. 1953 20.00 Uhr. Die damen und herren der procession mögen in absolut schwarzer kleidung und wol auch mit weissgeschminktem gesicht erscheinen. Während der procession werden die weissen blumen einer subtilen morbidität vor sich getragen wie auch herbstlich und ultimat brennende lampions oder candélabres. Die melancholie eines flötenspielers geleitet den mit feierlichkeit und tiefer stille schreitenden zug. Seine musik ist von strenger klassik. Der flötenspieler ist mit frischem efeu bekränzt und seine flöte selbst von dunklem flor umwunden. Die perpetuelle verbrennung von specereien und solemnem räucherwerk soll die profunde anmut der ceremonie gebührend unterstreichen. An den markantesten stellen der procession (c´est-à-dire: oper - stephansplatz - stamboul - uraniabrücke - franzensbrücke - hauptallee - illusionsbahn) werden passagen aus den oeuvres von Ch. Baudelaire, Edgar A. Poe, Gérard de Nerval, Georg Trakl und Ramón Gómez de la Serna im original deklamiert. da das angekündigte und einbezogene praterfest nicht stattfindet, wird die prozession nur bis zur urania geführt und dann in den "strohkoffer" umgeleitet, dem wir die erfindung der kerzenbeleuchtung bescheren. wir haben grabkränze und unsere damen sind verschleiert. vorne geht ferry radax mit einer grablaterne. bis auf kleine pannen folgt der act dem protokoll. auf der kärntnerstrasse verursachen wir eine verkehrsstörung. 150-200 personen folgen uns und geben den rahmen für unsere rezitationen. ein keller wird gefunden. artmann versucht ein theater zu gründen. schutt wird weggeräumt, eine bühne wird gebaut, ein verein wird gegründet. (mein freund oswald wiener taucht in dieser umgebung auf.) geplant ist "hopsignor" von ghelderode, "sweeney agonistes" von eliot, vertont von gerhard rühm. daraus wird nichts. es folgen einige poetische acte von grosser schönheit: in h.c.´s franciscan catacombes club, wien I., ballgasse 10: "IN MEMORIAM TO A CRUCIFIED GLOVE" on saturday the ninth of january 1954; rum, beer, dancing in torchlight, new-orleans band; the vaults will be opened from 21 00 hours to 5 00 hours. am 5. februar: "das fest des hl. simeon, quasi una fantasmagoria" (ich führe regie, die schwarze messe kommt nicht recht zustande, die versprochene jungfrau erscheint nicht, die tote taube ist von den ratten gefressen, der satanspriester otto zokan liegt bewusstlos trunken in seinem kohlenkeller, ein übler dilettant muss ihn ersetzen. aber oswald wiener darf raimund ferra in einem schubkarren durch die unterirdischen gänge fahren und in eine grube schütten, wo wir das opfer mit erde bedecken und mit rum besprengen), teddy janata arrangiert eine woche später eine indische reistafel. artmann schreibt: "la cocodrilla" (theater am lichtenwerd, wien 1953). am 20. 2. 1954 folgt die "SOIREE MIT ILLUMINIERTEN VOGELKÄFIGEN". dann wird artmann von der polizei nahegelegt, den klub aufzulösen und den keller zu schliessen. der heimstatt entblösst sickern wir ins café glory. pötzlberger, h. jelinek und chilenische anarchisten treten mit uns in lose verbindung. (der "strohkoffer", vom art-club längst verlassen, ist eine kleine touristenattraktion und zeitweiliger treffpunkt der wiener unterwelt geworden.) artmann schreibt eine reihe kleiner zyklen: "böse formeln", "treuherzige kirchhoflieder", "lieder zu einem gutgestimmten hackbrett". marc adrian, damals noch bildhauer, begeistert sich eben am goldenen schnitt und schlägt uns vor, dieses verhältnis in die dichtung einzuführen: in adrians atelier wird der METHODISCHE INVENTIONISMUS geboren. wir sind sehr stolz. jeder kann jetzt (1954) dichter werden. man nehme eine anzahl wörter (:den wortstock, auch verbarium), stelle gleichungen nach dem goldenen schnitt auf (später irgendwelche mathematische reihen, alles war erlaubt) und beginne die wörter danach zu ordnen, auszuzählen bis der wortstock zu ende ist oder sooft durch den wortstock bis alle wörter verwendet sind (etc. ad libitum ...): das ergebnis soll eine harmonische struktur sein. rühm steuert seine erfahrung aus der seriellen musik bei. alle (adrian, artmann, rühm, erni wobik und ich) schreiben, dass der bleistift raucht: dichtung als volkssport. im hintergrund sitzt oswald wiener und spielt gitarre. noch fühlt er sich nicht betroffen. methodische inventionen von artmann: ein teil der "epitafe" (z. b.: "in meinem garten verbluten"). er lockert die methode, modifiziert sie: "sieben Iyrische verbarien" und weiter: "verbaristische szenen" (24. 5. 54). ich zähle die "heroische geometrie" aus; "die tänzer trommeln und springen". auf der suche nach neuen möglichkeiten wende ich die methode auf «deutsche silben» an (balsader binsam). im juni erscheint die zweite nummer von "alpha", herausgegeben von hans weissenborn und kurt klinger, mit einer konstellation von eugen gomringer (aus: spirale, bern, heft 1). artmann fährt nach holland. er beginnt seine "reime, verse & formeln" (1954, nicht 1953, wie in wort in der zeit 1963/7 angegeben wird; auszüge aus "r. v. & f.": der bogen 4/1961, f. kleinmayr, klagenfurt). einige gedichte vertont ernst kölz (u. a.: "durch den schornstein"). im september schreibt gerhard rühm seinen einakter "rund oder oval" (uppsala, 1961 aufgeführt; manuskripte 10/64) und "interludium für 2 personen". im oktober schreibt artmann die szenen und einakter: "die fahrt zur insel nantucket" (edition 62/1), "aufbruch nach amsterdam", "kein pfeffer für czermak" (die arche, wien 1960; schloss porcia, spittal/drau 1961). oswald wiener bringt seine ersten gedichte zur tafelrunde. rühm schreibt "scenisches epitaph für e. w.". artmann entdeckt die wiener mundart für seine metaphernreiche Iyrik. er schreibt sein erstes DIALEKTGEDICHT ("a rosn schwimmt ma fedaleicht duachs bluat") und beginnt mit der angleichung an eine phonetische schreibung ("med ana schwoazzn dintn", otto müller, salzburg 1958). gerhard rühm schliesst sich diesem unternehmen an, ebenso wie später friedrich achleitner ("hosn rosn baa", wilhelm frick, wien 1959). die annäherung an eine phonetische schreibung für dialekttexte wird fortgesetzt. wir haben ein neues domizil gefunden! am 13. dezember präsentiert sich: exil: vereinigung für progressive kunst und literatur, wien I., annagasse 3 im neurenovierten adebar mit einer lesung aus "erweiterte poetik" von hans carl artmann (u. a.: "fische: katwijk an zee", "zaubervers für wahlscheiben", "tagewerk des honigvogels: für gamaliel neabob long"; und: "altes fragment: middelburg", "weisung: haarlem" [beide gedichte in texturen 7/63, münchen]). es werden bilder von marc adrian, heiner fraundorfer, w. buddy frieberger, fritz hundertwasser, maria lassnig, anton lehmden, hans neuffer und arnulf rainer gezeigt. in der jury für literatur: artmann, blaha, kudrnofsky; musik: ernst kölz, gerhard rühm; bildende kunst: lassnig, adrian, hundertwasser. am 3. 1. 1955 zeigt gerhard rühm: wort- und lautgestaltung. bald darauf löst sich die gesellschaft auf. herr karger, besitzer der adebar, beschränkt die privilegien der exil-mitglieder. die new-orleans band (zu der auch oswald wiener und ich gehören) erklärt sich solidarisch und verlässt mit klingendem spiel das lokal. die sache ist aus. nun beginnt eine sehr produktive zeit. um vier uhr früh verlässt uns artmann, beendet das tägliche exercitium des caféhaussitzens, geht zu fuss nach breitensee und ist am nächsten abend wieder da, unter vorweis der nächtlichen produktion. er schreibt weiter an "reime, verse & formeln", dialektgedichte, die einakter: "tod eines leuchtturmwärters" und "nebel und blatt". ernst kein ist mit artmann befreundet, aber nur gelegentlicher gast. das COOLE MANIFEST wird unterschrieben, ein tödlicher humor (einige dialektgedichte rühms und achleitners; letzte reste in "kinderoper" v. achleitner, rühm, wiener, mir, 1958 und "der schweissfuss", eine operette 1959/62 v. rühm und mir) feiert kurze triumphe, die langeweile wird zum spass erklärt. ein kalauer ist ein leckerbissen. je schlimmer, desto besser. oswald wiener schreibt formulargedichte und briefumschläge, gerhard rühm: "ballade". h. jelinek schreibt. artmann übersteht auch diese phase und fertigt: "das los der edlen und gerechten". gerhard rühm bringt friedrich achleitner zu uns. österreich wird frei: artmann verfasst ein MANIFEST Wir protestieren mit allem nachdruck gegen das makabre kasperltheater welches bei wiedereinführung einer wie auch immer gearteten wehrmacht auf österreichischem boden zur aufführung gelangen würde ... Wir alle haben noch genug vom letzten mal - diesmal sei es ohne uns!! Es ist eine bodenlose frechheit eine unverschämtheit sondergleichen zehn jahre hindurch antimilitärische propaganda zu betreiben scheinheilig schmutz und schund zu jaulen zinnsoldaten und indianerfilme (noch kleben die plakate ...) als unmoralisch zu deklarieren um dann im ersten luftzug einer sogenannt endgültigen freiheit die kaum schulentwachsene jugend an die dreckflinten zu pressen!! Das ist atavismus!!! Das ist Neanderthal!!! Das ist vorbereitung zum legalisierten menschenfressertum!!! Wir rufen euch alle auf: wehrt euch gegen diese barbarei! lasst euch nicht durch radetzky- deutschmeister und kaiserjägermarsch aug und ohr auswischen ... pfeift auf den lorbeer und lasst ihn den linsen!!! denkt daran welche ehre es für Österreich bedeuten würde bliebe es wie bisher der einzige staat der welt der diese unsägliche trottelei den anderen dümmeren überlässt!! genau so wie sich der kannibalismus der urmenschen und höhlenbewohner überlebt hat muss nun endlich auch die soldatenspielerei der vergangenheit überantwortet werden!! Lasst uns die drei milliarden - oder weissgott noch mehr - die ein neues bundesheer verschlänge für kultur und zivilisation verwenden!! wozu diese schildbürgerintentionen senilgewordener bürokratengehirne ..?? Ein Österreich das nach wiederbewaffnung schreit ist mit dem quakfrosch zu vergleichen der mit bruchband und dextropur versehen einen antiken dragonersäbel erheben wollte ... gegeben am 17. mai 1955 in Wien dieses pamphlet ist von 25 personen unterschrieben (auch von mir); von diesen beteiligen sich 7 am aufmarsch (artmann, wiener, kölz, dick hermann, u. a.), mit transparenten bewaffnet (siehe: 22. mai 1955, wiener zeitung). herr dompfarrer dr. dorr verweist sie des kirchengrundes. die polizei führt sie vom stephansplatz zur nächsten wachstube und legt ihnen nahe, sich zu zerstreuen. gerhard rühm baut kurze stücke ("werden", "zu", "spiel für damen", "diskurs über die mode", "imaginäres spiel"; wort in der zeit 2/64) und konstellationen. in erwartung eines reisestipendiums schreibt artmann den wunderschönen szenischen dialog: "lob der optik". wahrhaftig kommt das geld. er fährt nach spanien. es folgen die kurzen stücke: "die ungläubige colombina", "die schwalbe", "die missglückte luftreise" (die arche, wien 1960; ateliertheater, wien 1961), "prognose am vormittag". er schreibt geschichten: "von denen husaren und anderen seil-tänzern" (piper, 1959). rühm schreibt dialekttheater ("die jause": literarisches cabaret 1958; die arche 1961). artmann veröffentlicht in den "neuen wegen" und macht weiter dialektgedichte. auch ernst kein schreibt jetzt dialektgedichte (alpha, jänner 1956, folge 8). artmann setzt seine "xxv epigrammata" in teutsche alexandriner. gerhard rühm: "synthese" (märz 1956; in der "arche", 1961 als "vereinigung" aufgeführt). oswald wiener schreibt zwei einakter: "die sorge" und "die freude". friedrich achleitner macht konstellationen. im juli schreibe ich: "der analfabet tritt in rudeln und einzeln auf. er überfällt ausflügler" (einakter mit 17 szenen). auf artmanns bücherbord finde ich das lehrbuch der böhmischen sprache von heinrich terebelsky. ich überrede h.c. zu unserer ersten MONTAGE. er hat bedenken: wegen der rechte, und überhaupt. wir wissen nichts von john dos passos, arp´s arpaden (1917!) u.s.w. und freuen uns der erfindung. so entsteht das "lehrgedicht für deutsche" und "11 verbarien" (eröffnungen 12). rühm ist begeistert. zu dritt montieren wir die "magische kavallerie" (september; eröffnungen 12). auch achleitner und wiener akzeptieren die montage (= vorgefundene textteile werden neu geordnet. als material dienen vor allem konversationslexika, alte lehrbücher, zeitungen u. ä.). die voraussetzung für gemeinschaftsarbeiten ist gegeben. die montage über die montage (ein montierter text aus einem fachbuch über montage von maschinen. dieser text soll in der maschinenhalle einer grossen fabrik verlesen werden. wir werden overalls tragen), das flagello-mechanische manifest (eine alte schreibmaschine wird auf einem niederen wägelchen durch die strassen gezogen; einer schlägt mit der peitsche, neunschwänzig und mit bleikugeln, ein- oder mehrere male in die tasten. das gedicht wird ausgespannt, abgestempelt, und an umstehende verkauft) und eine lesung im riesenrad (vorstadium der "kinderoper" und des literarischen cabarets 1958 und 1959. die idee wurde später in abgeänderter form von leherbauer realisiert und leider entwertet. er mietet das riesenrad, statt das publikum für jede umdrehung wieder den normalen fahrpreis bezahlen zu lassen, das ungestört und öffentlich laufen soll, das riesenrad) werden beschlossen. es kommt nie dazu. wir nennen uns monteure. ernst jandl und friederike mayröcker treten in artmanns umgebung auf. montagen von artmann: "kleine percussionslehre" (edition 62/2), "anatomie und linearperspektive der melone" (1957), "das märchen vom rotkäppchen und vom bösen wolf", "other statistix". intuitive montage (freie form der m.): "elegische ode an den kaiser krum". friedrich achleitner: "vorbereitungen zu einer hinrichtung" (1957), "montage mit weiss" (edition 62/2), "montage mit himmel und hammer", "der schöne hut oder der hässliche hut" (1958; abschnitte, heft 2, dezember 1961), "die gute suppe" (1958; manuskripte 10/64) von mir: "gestern heute morgen" (publikationen 1, märz 1957), "hermetische geografie" ("stein der weisen"; fietkau verlag, berlin 1963), "triumph" (publikationen 2). gerhard rühm: "ist hier platz? nehmen sie mass! die säge, die axt. eine oper, ein schauspiel" (edition 62/2), "dienstag" (einblattdruck, klaus burkhardt, stuttgart) etc. rühm hat sich am intensivsten mit der montage beschäftigt und, während es die anderen nach einiger zeit wieder aufgaben, hat er noch sehr lange zeit montiert ("aktueller querschnitt", abschnitte, heft 3/62, stuttgart). viele gemeinschaftsarbeiten: u. a. "der fliegende holländer" v. rühm und mir (movens, limes, 1960; die arche, 1961) und noch 1961 "super rekord extra 100" v. achleitner und rühm (kapfenberger kulturtage). rühm setzt seine wortgestaltungen fort ("erkennen", "zyklus", "fasen"). artmann bringt die erste nummer seiner "publikationen" mit wieland schmied, andreas okopenko, ernst kölz, quirin kuhlmann, ernst jandl, friederike mayröcker, ernst kein und mir (im märz 1957) heraus. wiener, rühm, achleitner lehnen es ab, in dieser gesellschaft vertreten zu sein. dennoch kommt es am 20. juni zu einer lesung der gruppe (achleitner, artmann, bayer, rühm, wiener) im intimen theater. rühm bringt spontane lautgestaltungen, simultangedichte (auch mit wiener); rühm, wiener, achleitner projizieren ihre konstellationen; tonbänder laufen; artmann schreit lautgedichte ("chlfsn", "leliphat") und schlachtrufe. alle bringen montagen. besonders gefällt "die kleine percussionslehre" und "vorbereitungen zu einer hinrichtung". im "magnum" erscheint ein artikel. man wird auf artmann aufmerksam. oswald wiener schreibt "der mensch". unbemerkt ist er zum theoretiker der gruppe geworden. er gibt anregungen. seine theorien bilden das rückgrat vieler versuche. als artmann mit seiner "schwoazzn dintn" ankommt und des erfolges ungewohnt, dieser und jener versuchung unterliegt, leitet wiener seinen sturz ein (was artmann damals höchst gleichgültig war) und übernimmt die führung der "wiener dichtergruppe" (zu dieser bezeichnung siehe auch: dora zeemann, neuer kurier, 23. 6. 1958). im mai 1958 hat gerhard rühm eine grosse ausstellung seiner wort- und lautgestaltungen in der galerie würthle. bertl rauscher, damals leiter der "jungen generation", bietet uns eine kleine bühne. noch am gleichen abend entwerfen wiener und ich die ersten szenen. wir laden rühm, der schon seit langem eine ansehnliche sammlung sehr schöner eigener chansons hat, und achleitner zur mitarbeit ein. am 6. dezember 1958 haben wir unser erstes cabaret in der "alten welt" (wien Vl., windmühlgasse). h.c. artmann sitzt im zuschauerraum. wir bringen kritik durch darstellung von realitäten. ("wirkliche radiosendung - ein kritischer beitrag": ein kleiner volksempfänger tönt auf der bühne sein echtes, zufälliges, aber unbedingt schlechtes programm.) wir singen, agieren, tanzen und verblüffen. am 15. april 1959 folgt das 2. Iiterarische cabaret im porrhaus in gleicher autorenbesetzung, aber mit einem wesentlich grösseren aufgebot an akteuren. es wird schwieriger, als wir dachten. wir zerhacken ein klavier, achleitner wird geschoren, gerhard rühm erwacht auf der bühne, wir singen unsere lieder, es gibt endlose pausen, wir haben nie geprobt. wieder sitzt artmann im zuschauerraum. "der schlüssel zum paradies", "von denen husaren und anderen seil-tänzern" und "hosn rosn baa" sind erschienen oder werden erscheinen. bald darauf werde ich wegen unsittlichen lebenswandels aus der gruppe ausgeschlossen (unter anderem habe ich mich von kurt regschek portraitieren lassen!). als nach einem jahr oswald wiener den teil seiner werke, die ihm zugänglich waren, vernichtet und er das schreiben für lange zeit aufgibt, löst sich die «wiener dichtergruppe» auf. artmanns lokale berühmtheit zerfällt in delogierung und steuerformulare. wieder macht er sich auf den weg. poesie als weltanschauung.