Wanda Novelle von K a r l M a y . I. Die Auction Unter allen Gesellschaften der Stadt war »die Erheiterung« die beliebteste. Zwar gehörten ihre Mitglieder ohne Ausnahme dem gewöhnlichen Handwerkerstande an; aber bei all' ihren Zusammenkünften und Vergnügungen herrschten anständiger Ton und löbliche Sitte, und da die dem einfachen Bürgersmanne mehr als dem Höhergestellten eigenthümliche Gemüthlichkeit ihre Anziehungskraft auch nach oben äußert, so ließen sich sogar die Honoratioren der Stadt gern und öfters herbei, in dem Kreise der jungen, munteren Leute zu erscheinen und sich von ihnen unterhalten zu lassen. Hochgespannte, in lederne Etiquette gekleidete Ansprüche durfte man freilich nicht mitbringen und noch weniger zu irgend einem kernlustigen Einfalle mit schulmeisterlicher Pedanterie den Kopf schütteln. Wer kam, der mußte mitmachen, und wer nicht einstimmte, der erhielt ohne Weiteres sein Entrée zurück und durfte gehen. Und gerade dieses energische Ausscheiden aller störenden Elemente hatte dem Verein seine Beliebtheit erworben, sicherte ihm die Theilnahme der Verständigen und machte sein Local zum Versammlungsorte all Derer, welche den Staub der Arbeit oder den Zwang belästigender Formen einmal abschütteln und fröhliche Menschen sein wollten. Heute nun feierte »die Erheiterung« ihr Stiftungsfest, und zahlreiche Einladungen waren ausgeschrieben und auch angenommen worden. Sogar der Herr Polizeirath hatte zugesagt und um die Erlaubniß gebeten, seinen hohen Gast, den Herrn Baron von Säumen mitbringen zu dürfen. Dieser Letztere hatte einen langjährigen Aufenthalt in Italien gehabt und war nach dem kürzlich erfolgten Tode seines Vaters in die Heimath zurückgekehrt, um sein Erbe anzutreten. Der Letzte Wille des Verstorbenen hatte ihn einem Fräulein von Chlowicki verlobt, welche mit seiner Mutter eine der in der Nähe der Stadt gelegenen Villen bewohnte; er war deshalb nach erfolgter Erbschaftsregulirung gekommen, um die junge Dame, die er vorher noch nie gesehen, kennen zu lernen und hatte bei dem Polizeirath, einem alten pensionirenden Sicherheitsbeamten, der in einer Art von Verwandtschaft[ ]mit ihm stand, gastliche Aufnahme gefunden. Frau von Chlowicki war nach der Aussage der wenigen Personen, denen die seltene Gunst ihres Anblickes zu Theil geworden war, eine alte, kränkliche, unausstehlich hochmüthige Dame, deren einzige Beschäftigung in dem Studium der Vorrechte ihres Standes bestand. Zur Abwechslung peinigte sie die Dienstboten, beklagte den immer mehr an den Tag tretenden Verfall des Adels und raisonnirte über ihre Stieftochter, deren Erziehung sie, obgleich sie dieselbe in höchst eigener Person geleitet hatte, eine durchaus verkehrte und verfehlte nannte. Sie verließ nur äußerst selten ihre Wohnung, und deshalb gab es in der Stadt nur wenige Personen, welche sich rühmen konnten, sie gesehen zu haben. Eine desto öfter gesehene Erscheinung war die Tochter, Fräulein Wanda, oder, wie sie allgemein genannt wurde, die wilde Polin. Als sie vor mehreren Jahren die Residenz mit ihrem jetzigen Aufenthaltsorte vertauscht hatte, war eine rasch um sich greifende Epidemie unter der jungen Männerwelt der Stadt ausgebrochen, welche der alte bißfertige Doctor Kühne mit dem Namen Wandamanie bezeichnet hatte. Da aber das schöne Mädchen auch nicht die geringste Notiz von dieser höchst interessanten Krankheitsform nahm und selbst die hoffnungslos Darniederliegenden vollständig und consequent ignorirte, so verwandelte sich der Paroxismus nach und nach in ein Toggenburgisches Schmachten in die Ferne, und Wanda war Königin, ohne daß es Einer ihrer Unterthanen gewagt hätte, ihr eine officielle Huldigung darzubringen. Von der Natur mit den herrlichsten Gaben ausgestattet, glänzte sie als leuchtendes aber unberechenbares Phänomen am gesellschaftlichen Himmel. Während Andere ruhig ihre Bahnen wandelten, flimmerte sie in den verschiedensten Lichtern, zuckte blitzähnlich von einem Punkte zum anderen, warf oft die ganze Planetenstellung über den Haufen und hätte auch den kaltblütigsten Astronomen zur Verzweiflung bringen können. Für sie gab es keine dehorsielle Unmöglichkeit. Sie ritt trotz eines Husarenleutnants, schoß mit den Jägerburschen um die Wette, betrat ganz unerwartet den Fechtboden und trieb mit dem Schläger in dem kleinen, weißen Fäustchen Jedmänniglich in die Enge, fuhr mit Vieren im sausenden Galopp über Haide und Stoppel, durch Dick und Dünn, erschien bei Tagesgrauen, wenn die ehrbaren Spießbürger sich noch in den Federn streckten, hochgeschürzt auf dem Turnplatze der Feuerwehr, um an Reck, Barren, Bock und Kletterstange ihre Meisterschaft zu bewähren, tanzte, sang und deklamirte prächtig, spielte das Piano mit ungewöhnlicher Fertigkeit, schien in jeder Sprache, in jeder Kunst und Wissenschaft zu Hause und wußte auch in die steifsten Zirkel Leben und Bewegung zu bringen. Trotz dieser scheinbar unweiblichen Vielseitigkeit und Selbstständigkeit war jedem ihrer Worte, jeder ihrer Thaten, ihrem ganzen Wesen und Leben eine so bezaubernde Anmuth, eine so mädchenhafte Reinheit, ein so imponirender Adel aufgeprägt, daß es außer der Stiefmutter Niemanden gab, der auch nur die leiseste Spur eines Anstoßes zu entdecken gewußt hätte, und wie sie von der Männerwelt vergöttert wurde, so stand sie bei den Frauen in der unbeschränktesten Achtung und Ehrerbietung. Wo die Armuth ihre düsteren Schatten über ein Familienleben warf, wo die Krankheit drohend an die Thüren klopfte, wo irgend ein Leid den fröhlichen Schlag eines Menschenherzens hemmte, da erschien sie gewiß, um Rath, Trost und Hilfe zu bringen, und es war deshalb kein Wunder, wenn sie nicht blos von ihren Schutz- und Pflegebefohlenen, sondern auch von Anderen, die ------------------------------------------------------------------------ - 414 - von ihrem stillen, liebevollen Walten Kenntniß nahmen, wie ein Engel verehrt wurde. Sie war natürlich zu dem heutigen Feste auch geladen, und da man ihren Verlobten erwartete, so glaubte man auch auf ihr Erscheinen rechnen zu dürfen. Aber fast wäre das erwartete Vergnügen gestört worden. Kurz vor Beginn der Festrede brach nämlich in einem Dorfe der Nachbarschaft Feuer aus, und auf den ersten Schreckensruf schien es, als wolle die ganze, zahlreiche Versammlung auseinander stürmen. Bald jedoch überzeugte man sich, daß der Ort fast eine Meile entfernt und also keine Ursache zu einer so gewaltsamen und unwillkommenen Störung vorhanden sei. Nur zwei Mitglieder des Vereins, der Schmiedemeister Anton Gräßler und der Schornsteinfeger Emil Winter, mußten als Mitglieder der Feuerwehrsection für Auswärts dem Rufe des Signalhornes folgen; die Anderen aber kehrten in den Saal zurück und gaben ihre Theilnahme nur durch ein zeitweiliges Ausschauen nach dem fernen Brande kund. So verging die Zeit. Längst schon war die städtische Löschmannschaft an der Unglücksstätte angekommen und sah ihre Bemühungen von allmählich immer größerem Erfolge gekrönt. Blutig roth glänzte der Himmel, und die über der Brandstelle sich sammelnden Wolken tauchten ihre Säume in die aufsteigenden Gluthen. Lange hatte das Gemäuer dem Feuer widerstanden; jetzt aber stürzte es mit lautem Getöse zusammen. Dichter, schwarzer Rauch wirbelte aus dem zischenden Herde auf, und wie die Strahlen einer riesigen Fontaine zuckten und sprühten die Flammen mit weithin leuchtender Helle zum letzten Male empor. Dann sanken sie in sich zusammen; der Himmel färbte sich dunkler, und nur hier und da leckte eine gefräßige Zunge an einem noch unverkohlten Balken. »Gott sei Dank, itzt is endlich vorbei!« sagte tief aufathmend der Schmied, welcher als Spritzenmeister das Mundstück des Wasserschlauches geführt hatte. »Das war mein' Seel' keen Zuckerlecken; ich bin wie gerädert.« »Na, Du Riesenkind wirst das Bissel Anstrengung nich gar sehr merken, aber wie es unserm Winter dort zu Muthe is, das möchte ich wissen. Der hat fast Uebermenschliches gethan, und ohne ihn hätten die armen Leute elendiglich umkommen müssen.« »Hast recht, alter Cumpan. Das Herz hat mer mein' Seel' im Leibe gezittert, als ich den braven Jungen so hoch da droben mitten durch Rauch und Flammen über die Firste hinbalanciren sah. So eenen verwegenen Gesellen gibt's hundert Meilen in der Runde nich wieder, und er hat sich heut wenigstens ein halbes Dutzend Orden und Medallgen verdient. Na, wenn ich Fürst wäre, oder gar König, so wüßte ich, was ich zu machen hätte; da ich aber leider nur een simpler Hufnagler bin, so kann ich ihm weiter nischt, als nur eenen ehrlichen, gutgemeinten Händedruck appliciren. Und den soll er ooch gleich haben !« Er kletterte über die herumliegenden Trümmer und schritt auf den Schornsteinfeger zu, welcher abgesondert von der Menge an einem Baume lehnte. »Emil, alter Schwede, wie schauts denn aus bei Dir? Du mußt doch mein' Seel' verbrannt sein wie 'ne Weihnachtsstolle, die von Pfingsten bis zu Ostern im Backofen gestanden hat!« »Danke, Anton. Es ist nicht so schlimm, wie Du denkst. Meine schwarze Staatsmontur hat freilich einige Schandflecke davongetragen; die Haut aber ist so ziemlich unverletzt geblieben. Du hast mich ja erst gehörig eingeweicht, bevor ich das Kunststück unternahm.« »Na, schönes Kunststück! Wenn es gilt, 'nen Tanzsaal auszuräumen, oder ein Dutzend Baldrians zusammenzuhauen, oder meinswegen ooch mit eenem zweespännigen Fuder Erdäpfeln auszureißen, da bin ich derbei. Aber wie 'ne Katze off brennenden Dächern 'rumklettern und drei Menschen, Eenen nach dem Andern, dem Bruder Vesuvius aus dem Rachen reißen, dazu bin ich nich gemacht, das kann nur so een verteufelter Kerl, wie Du, zu Stande bringen. Ich hab's ja immer gesagt, Du bist ein tüchtiger Kerl in allen Stücken, und wir sind Alle froh, daß Du wieder bei uns bist.« »Laß es gut sein. Ich habe nur gethan, was jeder andere brave Essenkehrer auch thun würde. Freilich wollte es mir erst nicht so recht passen, daß ich unseren schönen Ball im Stiche lassen mußte; es ist ja der erste, dem ich wieder beiwohne; jetzt aber bin ich ausgesöhnt mit der Störung. Du glaubst nicht, Anton, wie wohl es Einem thut, wenn man sich sagen kann: »Hast heut' rechtschaffen deine Pflicht gethan!«[«] »Bist alleweil ein guter Junge, Emil! Und was den Ball betrifft, so is er uns ja noch gar nich davongeloofen. Wenn wir itzt gleich anspannen, so kommen wir ganz schön zu Rechte. Es gibt so wie so nischt mehr für uns zu thun. Du, guck 'mal da 'nüber. Ich gloobe, die suchen Dich. Es is der Pastor und der Schulze.« »Du hast Recht. Aber ich bin kein Freund von Complimenten. Spanne rasch an und komme nach; ich werde vorangehen. Ich habe nicht allein gearbeitet; Ihr habt alle Dank verdient.« »Na, so loof nur zu. In zehn Minuten haben wir Dich eingeholt.« Der Schornsteinfeger schlich sich durch die Gärten und suchte die Straße zu gewinnen, welche nach der Stadt führte. Als er sie erreicht hatte, schritt er leichten Fußes vorwärts. Er mochte die Seligkeit, welche er über die Rettung dreier Menschen empfand, nicht durch störende Dankesworte entweihen lassen und gab sich den wohlthuenden Gefühlen seines Innern hin, bis er das laute Rollen der herannahenden Spritze hinter sich vernahm. »Halloh, Emil, bist Du's? Da sind wir. Komm, steig' uff. In eener halben Stunde sind wir in der Stadt; unsre Eglipasche fährt rasch. Da sehen wir zuerst, wie's im Saale ausschaut, und dann rennen wir eheeme, stecken die Arme in den Frack und holen das Versäumte doppelt nach. Vorwärts, Christian, und een Bischen laut!« Das Sechsgespann donnerte im scharfen Trabe weiter[ ]- und kaum war die halbe Stunde vorüber, so hielt die Spritze mit der darauf hockenden Mannschaft vor dem Gasthause. Die beiden Männer sprangen ab und traten in den Hausflur. Hier kam ihnen der Wirth entgegen. »Seid Ihr wieder da? Ist's nieder?« »Ja. Wie sieht's dem droben aus, Gevatter?« »Possierlich genug! Der Thomas hat wieder 'was Schönes ausgeheckt; er verauctionirt die Weibsen. Macht, daß Ihr 'nauf kommt, wenn Ihr noch Eene haben wollt. Umziehen könnt Ihr Euch nachher ooch noch.- Höre Emil, der Buchhändler hat das Geld für Dich geschickt; ich hab's drin liegen, wenn Du's haben willst.« ------------------------------------------------------------------------ - 415 - »Nachher; halte nur reinen Mund. Es braucht hier Niemand zu wissen, was ich in meinen Feierstunden treibe!« Aus den geöffneten Flügelthüren tönte ihnen lustiges Lachen entgegen, welches eine laute, um Ruhe bittende Stimme zu durchdringen strebte. »Silentium, meine Herrschaften. Si- Si- Silentium, was so viel heeßt als: Wer fertig is mit Lachen, der mag sich den Bauch wieder zurecht schieben; denn es wird gleich wieder losgehen. Also drei Thaler zum zweeten Male; drei Thaler zum dritten Male, zum dritten und letzten Male, Pumps! Der Herr Cordus jneis Heinemann aus Dresden, welcher heut auf Grund eenes Gevatterbriefes in unsrer guten Stadt verweilt, zahlt für die Frau Schmiedemeisterin Anton Gräßler, welche bisher ohne Gevatterbrief anwesend gewesen ist, drei Thaler. Kassirer, hier ist das Geld!« »Meine Frau verkooft?« rief der Schmied mit seiner tiefen Baßstimme in die von Neuem lachende Versammlung hinein. »Und für drei Thaler? Ihr seid nicht recht gescheit; so viel habe ich doch selber nich für sie gegeben.« »Schadet nischt, Anton. Nimmst den Profit und erstehst Dir eene Bessere. Erlooben die verehrtesten Herrschaften, daß ich meiner Pflicht als Auctionater genüge, indem ich von dem Nothwendigen in Kenntniß setze. Er hat wegen des Feuers fortgemußt und weeß also nich, was hier eegentlich losgeht. Wie steht es denn mit dem Brande?« »'s is aus; kannst's nachher ausführlicher hören. Erkläre mir nur erst die Rebellion, die Du angerichtet hast, alter Schabernack.« »Keine Beleidigung nich, Anton; ich bin nich Schuld, daß Dir Deine Gustel abhanden gekommen is; denn ich habe Dich wahrhaftig nich verleitet, in die Feuerwehr zu treten und jedem glimmenden Cigarrenstummel nachzuspringen. Also, off meinen Vorschlag hat der Verein den Beschluß gefaßt, alle anwesenden Damen zu verauctioniren. Jede dieser Damen gehört Dem, welcher sie ersteht, für die Dauer des heutigen Abends an, muß ihm beim Dankeswalzer eenen Kuß geben, darf ohne seine Erloobniß mit keenem Andern tanzen, geht mit ihm zur Tafel und muß ihm ooch gestatten, sie nach Hause zu begleiten. Diejenige, für welche das Meiste bezahlt wird, ist Ballkönigin; ihr Herr wird König, und dann errichten die Majestäten eenen Hofstaat, mit dessen Hilfe das Programm entworfen wird. So, und nun mach nur, daß Du heem kommst und eenen andern Gottfried anziehst. Du siehst ja aus, als wenn Du een halbes Jahr im Teiche gelegen hättest und nachher noch eenige Monate lang als Froschreuse in Gebrauch gewesen wärest.« »Wie viel haste denn noch?« »Grad noch een Dutzend.« »Na, da kann ich doch nicht erst heeme gehn; denn wenn ich eenmal in's Parfümiren komme, so werde ich vor dem ersten Advent nich fertig, und dann habe ich das Nachsehen. Ich möchte alleweile gern Schadenersatz für meine Alte haben und werde warten, bis Eene darankommt, die nach meinem Geschmacke is. Wer mich in meiner jetzigen Schönheet nich haben will, der kriegt mich mein' Seel' ooch nich, wenn ich nachher noch schöner bin. Also, fang an.« Der Essenkehrer war unbeachtet von den Anderen hinter einen der Thürpfosten getreten und überflog mit musterndem Blicke die noch zu versteigernden Damen. Sie waren ihm alle bekannt außer - Mit einer Bewegung ungewöhnlicher Ueberraschung trat er aus dem Verstecke hervor und heftete das Auge auf ein Mädchen, welches zwischen dem Polizeirath und einem unbekannten Herrn saß. »Welche Aehnlichkeit! So schön, so herrlich müßte sie geworden sein!« Und sich zu dem eben eintretenden Wirthe wendend, fragte er: »Wer ist die junge, weißgekleidete Dame dort unter dem Orchester?« »Das is Fräulein von Chlowicki. Kennst Du sie denn noch nich?« »Die wilde Polin? Ich habe wohl von ihr gehört, sie aber noch nicht gesehen. Und der Herr zu ihrer Linken?« »Das is der Baron von Säumen, een reicher Erbe und ihr Verlobter.« »Kennst Du ihren Vornamen?« »Se heeßt Wanda.« »Bitte, hole mir mein Geld.« »Emil, biste toll? Ich gloobe gar. Du willst das Mädchen erstehen.« »Geh nur und laß mich nicht lange warten.« Er trat, in Rücksicht auf seinen nichts weniger als ballmäßigen Anzug, wieder hinter den Pfeiler zurück und beobachtete von da aus den Gegenstand seiner vorhin gezeigten Ueberraschung. In ziemlich reservirter Haltung saß Wanda neben dem Verlobten, dessen rednerische Anstrengungen, nach dem leisen Unmuthe, welcher wie ein Schatten auf ihrem schönen Angesichte lag, zu urtheilen, von keinem glücklichen Erfolge gekrönt zu sein schienen. »Also Du wirst mit aufbrechen, Wanda?« »Nein!« »Du wirst mitgehen, und ich bitte Dich um die Erlaubniß zu der Ueberzeugung, daß eine Dame von Deiner Distinktion an einem so plebejischen Spaße unmöglich Wohlgefallen finden könne.« »Ich ertheile Dir meine Erlaubniß höchstens zu der Ueberzeugung, daß Du nicht das rechte Maß für dergleichen Dinge besitzest. Ich werde bleiben.« »Wirklich?« »Wirklich!« »Dann zwingst Du mich, von dem Rechte, welches meine Stellung als Dein Verlobter mir ertheilt, Gebrauch zu machen, indem ich Dich diesen Schustern, Schneidern, Schmieden und Perückenmachern entziehe.« »Ah!« In diesem einen Laute lag eine unverhohlene Geringschätzung, und ihr großes, dunkles Auge blitzte mit spöttischem Blicke über die hagere Gestalt ihres Verlobten hin, als sie, die reichen, blonden Locken mit einer unnachahmlichen Bewegung nach hinten werfend, hinzufügte: »Und wenn ich mir nun wirklich einen dieser Schneider und Perückenmacher zum Ballherrn wünsche? Deine so rücksichtsvoll bei den Haaren herbeigezogene Stellung als mein Verlobter giebt Dir keine andere Berechtigung, als einzig und allein diejenige, Dich in meine Wünsche fügen zu dürfen.« »Herr Baron,« fiel hier der Polizeirath in der Absicht, einem möglichen Eclate vorzubeugen, ein, »das Vergnügen ist ein durchaus unschuldiges. Man beliebt zuweilen einmal, auf wohlberechtigte Ansprüche zu verzichten, um den gewöhnlichen Mann in seinem Habitus kennen zu lernen und sich dabei ein kleines, erlaubtes Amüsement zu bereiten. Die Versammlung besteht aus durchaus ehrenwerthen Personen ------------------------------------------------------------------------ - 416 - und ich selbst habe mich bewogen gefühlt, eine kleine, nette Schnittwaarenhändlerin zu engagiren. Und hegt Fräulein Wanda wirklich die interessante Absicht, einem auf ihre verehrte Person gerichteten Gebote keine Schwierigkeiten entgegen zu setzen, so bleibt Ihnen ja die vollständige Freiheit, dieses Gebot selbst zu thun.« »Einem so beredten und in dem Besitze meiner ungetheiltesten Hochachtung befindlichen Vertheidiger muß ich mich allerdings fügen,« antwortete Säumen; aber es war kein guter Blick, welchen er bei dem Worte »ungetheilt« auf das Mädchen warf. »Doch werde ich der erwähnten Stellung wenigstens dadurch Rechnung tragen, daß ich ein Gebot sprechen werde, welches jede Concurrenz ausschließt.« Da erschallte die Stimme des Auctionators von Neuem: »Offgepaßt, meine Herrschaften! Ich habe aus Höflichkeit gegen die anwesenden Herren mein Gebot offgeschoben bis jetzt und erwarte deshalb, daß bei der nächsten Dame meine rücksichtsvolle Politik keene Gegner finden werde. Jede feindselige Intervention werde ich bis zum letzten Groschen meines Geldbeutels zurückweisen. Also jetzt Fräulein von Chlowicki. Ich biete fünf Thaler.« »Zehn Thaler!« rief der Baron von Säumen mit einer Stimme, in deren Klange sich sehr hörbar die Ueberzeugung aussprach, daß mit dieser Summe das Bürgerthum vollständig geschlagen sei. Thomas maß den Sprecher mit scharfem, stechendem Auge und antwortete dann: »Der reiche Herr Baron von Säumen bietet für seine Verlobte zehn Thaler. Ich bin nur een armer Buchbinder, doch für eene solche Dame is mir das Doppelte nicht zu viel. Zwanzig Thaler zum ersten Male.« »Fünfundzwanzig Thaler!« rief der Baron. »Ich gebe dreißig Thaler und esse zwee Monate lang trockenes Brod. Also dreißig Thaler zum ersten!« »Fünf und dreißig!« »Zehne mehr!« Die Anwesenden folgten diesem ungewöhnlichen Wettstreite mit der größten Spannung. Wollte Thomas die so hoch über ihm stehende Aristokratin wirklich für sich erstehen, oder beabsichtigte er nur, den Baron in die Höhe zu treiben? Und warum lag ganz gegen seine bisherige Höflichkeit, jetzt eine so ätzende und beleidigende Schärfe in seinen Worten? Man sah es jedem seiner Blicke an, daß er unter einem dem Baron höchst unfreundlichen Gefühle handele. »Das Gebot,« fuhr er fort, »is jetzt so hoch gestiegen, daß ich mich genöthigt sehe, noch eenmal daroff offmerksam zu machen, daß der Betrag desselben sofort und baar bezahlt werden muß.« »Fünfzig Thaler!« rief Säumen, ergrimmt über diese neue Malice. »Hundert Thaler!« scholl es plötzlich mit lauter Stimme von der Thüre her. Alle wandten sich überrascht dieser Richtung zu, und auch Wanda bemühte sich, den Mann zu entdecken, welcher ihr eine für die bescheidenen Verhältnisse der anwesenden Arbeiter so bedeutende Summe opfern wollte. Aber da er im äußersten Winkel des Saales stand, so gelang es ihr nicht, ihn zu sehen. »Emil, Du bist's?« rief Thomas. »Da trete ich gern zurück; denn Niemandem gönne ich dieses Glück so gern wie Dir!« Und wie um dem Baron jedes weitere Gebot abzuschneiden, rief er schnell hinter einander: »Also hundert Thaler zum ersten, zum zweeten und zum dritten Male, Pumps! Unser neuer Herr Vorsteher, der leider durch das Feuer abgehalten worden is, eher zu erscheinen, giebt für Fräulein von Chlowicki hundert Thaler. Und da diese Summe die höchste is, die heut geboten wurde, so is die genannte Dame die Königin des heutigen Festes. Es wird, sobald sich unser Feuermann in een anderes Habit geworfen hat, sofort zur Krönung geschritten werden. Jetzt aber erlobe ich mir vor allen Dingen die Majestäten eenander vorzustellen.[«] Wanda erhob sich, als Thomas von der Tafel stieg, auf welcher er bisher gestanden hatte, um ihr den König zuzuführen. Sie liebte das Ungewöhnliche und fühlte ihr aristokratisches Gewissen nicht im mindesten beschwert durch den Vorwurf, die Königin eines bürgerlichen Balles zu sein. Zudem war Winter ja als Vorsteher der Gesellschaft bezeichnet worden, ein Umstand, welcher ihm als Empfehlung dienen mußte. In der einfachen Natürlichkeit dieser Leute, deren harmlose Munterkeit, verbunden mit einem offenen, gutmüthigen Wesen, und unterstützt von dem treuherzigen Charakter ihres Dialektes auch eine stolzere Natur als die ihrige anmuthen und anheimeln mußte, lag wenigstens für sie nichts Verletzendes. Die Sonne des Lebens hatte für sie nur kaltes, winterliches Licht gehabt und ihr nur selten einen freundlichen, erwärmenden Strahl zugesandt. Die Quelle ihres tiefen, reinen Gemüthes war von einer falschen, auf wankenden Grundsätzen fußenden Erziehung zurückgedrängt und mit steinernem Riegelwerk verschlossen, der Reichthum ihres Geistes brach gelegt und ihr Wollen und Handeln von den rechten Bahnen seitwärts gelenkt worden. Der Anschluß an ein ihr innerlich verwandtes Wesen war ihr versagt geblieben, und so hatte sie sich stets einsam und verlassen gefühlt und in dieser Einsamkeit keine Gelegenheit gefunden, nach der echten Freiheit und Selbstständigkeit zu streben und diese hohen Güter auch in der rechten Weise anzuwenden. So war sie das geworden, als was man sie bezeichnete, die wilde Polin. Ihre Verlobung war das Werk kalter Berechnung, der sie sich nur gezwungen gefügt hatte. Der Baron war ihr verhaßt und widerwärtig, und da er ihr mit verletzender Offenheit zeigte, daß er nur von geschäftlichen Rücksichten in ihre Nähe geführt worden sei, so machte auch sie keine Anstrengung, ihm ihre Gesinnung zu verhehlen und ersah sich aus der Verbindung mit ihm weder Glück noch Segen. Sein herrisches und hofmeisterliches Gebaren empörte sie, und mit Befriedigung ergriff sie deshalb jede Gelegenheit, sich unabhängig von ihm zu zeigen. Daher kam auch ihre gegenwärtige Bereitwilligkeit, sich von der Auction nicht auszuschließen, deren Ergebniß ganz ihren Wünschen entsprechend war. Hätte der Baron sie erstanden, so hätte sie sofort den Saal verlassen, nun er aber geschlagen worden war, beschloß sie, dem Sieger durch freundliches Entgegenkommen zu danken und heut einmal so recht fröhlich unter den Fröhlichen zu sein. (Fortsetzung folgt.) ------------------------------------------------------------------------ - 430 - Wanda. Novelle von K a r l M a y . (Fortsetzung.) »Ach was da,« hörte sie vorn an der Thür den Auctionator rufen. »Erst heeme loofen und Toilette machen! Dazu is es nachher ooch noch Zeit, Emil. Es würde doch die reene Unhöflichkeet sein, wenn Du Deine Dame so lange off die Geduldsprobe stellen wolltest. Du mußt ihr von [vor?] allen Dingen jetzt das schuldige Compliment machen und nachher um den nothwendigen Urlaub bitten. Komm!« »Ja, Emil,« unterstützte ihn der Schmied mit nachdrucksvollem Basse. »Ich sehe ackurat so unappetitlich aus, wie Du, und doch bin ich meiner Gouvernante, die ich erstanden habe, willkommen gewesen. Deine Dame is jedenfalls nich weniger verständiger [verständig] als die meinige. Wir kommen eben von der Arbeit, und die hat noch Niemand geschändet. Geh nur, geh!« Sie sah die Versammlung sich theilen und Thomas auf sich zukommen. Hinter ihm ging ein Anderer. War es möglich? Deutlich fühlte sie das zornige Klopfen ihres Herzens; das Auge öffnete sich weit bei dem Anblicke des rußgeschwärzten Mannes, und über ihre weichen Züge legte sich jene strenge Kälte, hinter deren Schild die gekränkte Weiblichkeit sich so gern und erfolgreich flüchtet. Ein rascher Blick in das Angesicht des Barons zeigte ihr ein schadenfrohes, höhnisches Lächeln, welches ihr die in diesem Augenblicke so nothwendige Fassung zu rauben drohte und ihr es schwer, ja fast unmöglich machte, das Richtige zu treffen. »Gnädiges Fräulein, leider habe ich nich off Zeremonienmeester studirt und bin also ooch nich im Stande, so hohe Herrschaften mit hofmäßigem Aplomb eenander vorzustellen. Beglücken Sie deshalb Ihren unterthänigsten Diener mit königlicher Nachsicht. Herr Schornsteinfeger Emil Winter - Fräulein Wanda von Chlowicki.« »Herr König aus dem Mohrenlande, kehren Sie nach Dahomey zurück!« Mit einer zurückweisenden, stolzen Handbewegung trat sie zur Seite und wehrte den penetranten Brandgeruch, welcher der versengten Kleidung des Essenkehrers entströmte, mit dem duftgetränkten Taschentuche von sich ab. Ein leises Lächeln in dem von Schweiß und Schmutz entstellten Angesichte, wollte Winter ihr antworten; da aber trat ihm der Baron hastig und mit gebieterischer Handbewegung entgegen. »Sie sehen, daß die Dame nichts von Ihnen wissen will, gehen Sie. Ein Mensch Ihres Gleichen sollte nothwendiger Weise hier gar nicht Zutritt finden dürfen.« »Wer sind Sie, mein Lieber?« »Ich will die Lächerlichkeit begehen und Ihnen meinen Namen nennen. Ich bin der Baron Eginhardt von Säumen.« Winter's Auge, dessen Weiße von der Schwärze seines Antlitzes hervorgehoben wurde, maß den Baron langsam und forschend vom Kopfe bis zur Fußspitze herab, und dann klang es mit eigenthümlichen Ausdrucke: »Ich kenne Sie nicht!« »Ist mir eine Ehre. Gehen Sie.« »Nur keine lächerliche Anmaßung, mein Herr Baron!« Und auf dem Worte Baron lag wieder jener eigenthümliche, zweifelhafte Ausdruck. »In Ihrem Tone spricht selbst ein Eskimo nur mit seinen Hunden.« Und sich zu Wanda wendend, fuhr er fort: »Ich ließ mich in Ihre Nähe zwingen, Fräulein, um unter zwei Fehlern den kleineren zu begehen. Verzeihen Sie einem Manne, dem die Aufmerksamkeit gegen eine Dame in der ersten, die Seife aber erst in der zweiten Reihe stand, weil er gewohnt ist, den Menschen nicht nach dem äußeren Scheine, sondern nach dem inneren Gehalte zu taxiren. Adieu!« Mit einer gewandten Verbeugung entfernte er sich und verließ nach einer kurzen Unterredung mit Thomas den Saal. »Hat man je so Etwas erlebt!« rief der Baron. »Diese Schmach hast Du Dir selbst zuzuschreiben, und ich hoffe, daß Du jetzt nicht zögerst, mir zu folgen.« Sie schien seine Worte gar nicht gehört zu haben. Ihr Auge hing noch an der Thür, welche sich hinter dem Essenkehrer geschlossen hatte. Die Härte in ihren Zügen war gewichen und hatte einem sinnenden Ausdrucke Platz gemacht. Wie kam dieser Mann zu der noblen Tournüre und behenden Sprachfertigkeit, die er während des ganzen für sie so beleidigenden Vorganges gezeigt hatte? Woher kam ihm die Geschicklichkeit. diese Beleidigung zu pariren und auf die Gegner zurückzuwerfen? War diese sonore, metallreiche Stimme nicht schon einmal an ihr Ohr geklungen und warum hatte dieselbe bei den Worten: »ich kenne Sie nicht« einen so merkwürdigen Klang gehabt? Es wurde ihr klar, daß der faux pas, den sie begangen, größer war als der seinige, wenn bei ihm überhaupt von einem solchen die Rede war. Sie war nicht nur unhöflich, sondern sogar undankbar und rücksichtslos gewesen. Während die Andern sich in ihrem Vergnügen nicht hatten stören lassen, war er dem Rufe der Pflicht gefolgt und derselben gewiß im vollsten Maße nachgekommen. Sein Habit war verbrannt und zerrissen, und grad' der unausstehliche Geruch desselben führte den deutlichsten Beweis, daß er sich sogar mitten in die Flammen hineingewagt habe. Und diesem braven, vielleicht sogar kühnen Manne, der obendrein ihretwegen eine so bedeutende Ausgabe gemacht hatte, war für alles Das nur bittere Kränkung geworden. O, wie haßte sie den Baron, dessen Blick sie getrieben hatte, Worte zu sprechen, die sie jetzt bereuen mußte. Und was nun? Die Freude war gestört, und wenn auch Viele der Anwesenden ihr Verhalten gerechtfertigt fanden, so war doch bei den Anderen die Unzufriedenheit mit demselben desto deutlicher zu erkennen, und sie selbst konnte sich bei dem Nachdenken über ihre Lage einer kleinen Verlegenheit nicht erwehren. Da trat in Begleitung einiger Vereinsmitglieder der Buchbinder Thomas wieder zu ihr und bat sie, für den heutigen Abend das Scepter allein zu führen, da Winter ------------------------------------------------------------------------ - 431 - sich in Folge der bei dem Brande gehabten Anstrengung außer Stande fühle, den Anforderungen der ihm übertragenen Würde gerecht zu werden. »Ist diese Anstrengung so groß gewesen?« fragte sie. »Gewiß; er hat drei Menschenleben gerettet.« »Drei Menschenleben[,«] wiederholte sie, und ihr schönes Auge füllte sich mit leuchtendem Glanze. »War Gefahr dabei?« »Sehr. Der Zutritt von unten war unmöglich, so mußte er von dem Nachbarhause auf das Dach hinabspringen, mitten durch Rauch und Flammen über die Firste hinklettern und sich durch die Feueresse einen Weg in die Kammer bahnen, in der die Leute staken. Dann hat er das Dach zerschlagen, und Eenen nach dem Andern in die mitgenommenen Decken gewickelt und über die Firste zurückgetragen.« »Das ist eine Heldenthat, welche den größten Dank verdient.« »Der mag keenen Dank. Er is sogar fortgegangen, als er gemerkt hat, daß sie nach ihm suchten; 's is een Kerl, der mehr werth is als zehn Barone!« Diese Worte waren laut genug gesprochen, daß Säumen sie vernehmen konnte, und auch Wanda mußte den Vorwurf, welcher in ihnen lag, umsomehr als einen gerechten anerkennen, als sie überzeugt war, daß sie nur Wintern die Schonung zu verdanken habe, mit welcher diese guten Menschen ihr feindliches Benehmen ignorirten. »Wird er wiederkommen?« »Ja; er is Vorsteher und kann nicht gut entbehrt werden.« »Ich bin bereit, den Thron, welchen Sie mir bieten, zu besteigen und werde mich sehr bestreben, meine Unterthanen während der Dauer meiner Regierung froh und glücklich zu sehen. Bitte, Herr Thomas, rufen Sie die Herren zu einer Berathung zusammen.« Sie trat in die Mitte des Saales, und bald herrschte in der Versammlung die heiterste Regsamkeit, von welcher nur der Baron, als der Einzige, welcher keine Dame hatte, ausgeschlossen war. In vornehmer Nonchalance lag er auf dem Stuhle und würdigte das fröhlich um ihn herwogende Treiben keines Blickes. Aber trotz seiner anscheinenden Theilnahmlosigkeit zuckte ein gewaltsam zurückgehaltener Aerger um seine Lippen und unter den halbgeschlossenen Lidern flog zuweilen ein zorniger Blick hinüber zu der Verlobten, die seine Anwesenheit gänzlich vergessen zu haben schien. Als Jeder seine Anstellung erhalten hatte, wurde das Programm entworfen. Krönung, Huldigung, Paraden, Concerte, Manövres, Kammer- und Reichstagsversammlungen fanden auf demselben ihren Platz, und nur kurze Zeit war vergangen, so erkannten die entzückten Unterthanen, daß es unmöglich sei, eine schönere und liebenswürdigere Königin zu wünschen. Wanda selbst fühlte sich amüsirt wie noch nie, und hätte die Gegenwart des Barons und der Gedanke an den zurückgewiesenen König nicht einen Schatten über ihr vor Freude geröthetes Angesicht geworfen, so wäre der heutige Abend der froheste und ungetrübteste ihres bisherigen Lebens gewesen. Da bemerkte sie einen jungen Mann, welcher in nachlässiger Haltung an dem Buffet lehnte und mit halbem Lächeln die heiter beschäftigte Versammlung beobachtet [beobachtete]. Wieder und immer wieder mußte sie den Blick zu ihm hinlenken, und ebenso bemerkte sie, daß auch sein Auge immer von neuem zu ihr zurückkehrte. Wer war dieser Fremde, den sie nicht kannte, und den sie gleichwohl schon irgendwo gesehen zu haben glaubte? Sie mußte sich gestehen, daß das Aeußere dieses Mannes ein ungewöhnliches sei und ihr ein ebenso ungewöhnliches Interesse abnöthigte. Ein wehmüthiger Ernst schien nicht blos für den gegenwärtigen Augenblick, sondern für immer seinen Sitz in den blaßfeinen, geistreichen Zügen aufgeschlagen zu haben. Die hohe, freie Stirn gab dem männlich schönen Angesichte etwas ungemein Dominirendes; das Auge blickte so selbstbewußt und sicher in die buntbewegte, kleine Welt hinein, als hinge jede dieser Bewegungen nur von seinem Blicke ab; seine Haltung trug das Gepräge strengster Eigenthümlichkeit, und als er jetzt quer über den Saal schritt, um sich dem isoliert sitzenden Baron zu nähern, zeigte jede seiner Bewegungen eine Eleganz und Rundung, welche selbst in dem feinsten Zirkel Lob gefunden hätte. Er nahm neben dem Baron Platz, und es war augenscheinlich, daß dieser der angeknüpften Unterhaltung das wärmste Interesse widmete. Sie wußte, daß ein wirklich nicht unbedeutendes Talent erforderlich sei, dem blasirten und dünkelhaften Säumen Achtung für eine Persönlichkeit einzuflößen und ihn zur Theilnahme an einer so lebhaften Conversation zu bewegen, und doch waren die Erfolge hier in so kurzer Zeit erreicht, daß Wanda den Wunsch fühlte, diesen Mann nicht blos von Weitem beobachten zu dürfen. Als habe er diesen Wunsch in ihren Augen gelesen, erhob er sich und schien dem Baron eine Bitte vorzutragen. Dieser nickte zustimmend, nahm seinen Arm und führte ihn vor den reich mit Blumen und Guirlanden geschmückten Thron, auf welchem die Königin saß. Das augenfälligste Wunder hätte sie nicht mehr überraschen können, als die Bereitwilligkeit ihres Verlobten, ihr nach Allem, was vorgefallen war, hier mitten in einer ihm doch so sehr verhaßten Umgebung nahe zu treten, und mit Spannung sah sie seinen Worten entgegen, die ihr wenigstens einige Aufklärung über den Fremden bringen mußten. »Ich bitte um die huldvolle Genehmigung, Ew. Majestät einen Ritter mit geschlossenem Visire vorstellen zu dürfen.« Sie neigte zustimmend den Kopf, und Säumen kehrte nach seinem Platze zurück, während der Unbekannte, eine Anrede erwartend, vor ihr stehen blieb. »Wir wollen unsre Wißbegierde beherrschen und nicht mit Fragen das Visir zu öffnen versuchen. Noch haben wir einige Vacanzen zur Verfügung und werden Eure Bitte gern vernehmen und erfüllen. Sprecht!« »Dir meine Huldigung zu bringen, Nah' ich, ein armer Troubadour. D'rum laß fortan mein Lieb erklingen, In Deiner Locken duft'ger Spur.« Bei dem Klange dieser Stimme, an welcher sie sofort den Essenkehrer erkannte, zog tiefe Röthe über das Antlitz Wanda's, aber sie faßte sich schnell und erwiderte: »Der Sänger ist uns hoch willkommen! Weilt bei uns, lieber Troubadour, und nehmt hier diese Rose als Zeichen Unserer königlichen Gunst.« Das Knie beugend, nahm er die Rose in Empfang, drückte sie an seine Lippen und steckte sie an die Brust. Hernach erhob er sich. »Doch ist die Rose einer Königin nicht ohne schwere Mühe zu erlangen. Es soll Uns Eure Kunst den Dank erstatten.« ------------------------------------------------------------------------ - 432 - »Ich harre des Befehls. Sprecht, Königin.« »Die Flamme hat in Unsrer Nachbarschaft gewüthet, und kühne Heldenthat ist bei dem Brand geschehen. Uns war es nicht vergönnt, dabei zu sein; doch möchten gern Wir sichre Kunde hören. Dort ist die Bühne; zieht den Vorhang auf und laßt sofort Uns den Bericht vernehmen.« Er verneigte sich und schritt nach dem Hintergrunde des Saales, wo die Bühne errichtet war, auf welcher der Verein zuweilen ein kleines dramatisches Stück zur Aufführung brachte. In seinen Mienen lag es wie süße Genugthuung, und als er jetzt die Stufen hinter der Scene betrat, fühlte er sich stark genug, auch ungewöhnliche Ansprüche befriedigen zu können. Wanda hatte, wie gesagt, den Schornsteinfeger wieder erkannt; sie sah sich tief beschämt durch die Delicatesse, welches er durch das Verschweigen seines Namen und die Verzichtleistung auf seine Ansprüche zeigte, und zugleich mußte sie die Feinheit bewundern, mit welcher er sich von dem Baron Satisfaction verschafft hatte, dadurch, daß er sich von keinem Andern vorstellen ließ, als von ihm, der ihn erst vor Kurzem auf eine so unmanierliche Weise fortgewiesen hatte. Die Aufgabe, welche sie ihm ertheilt, war sicher keine leichte; aber es war ihr gewesen, als müsse und werde sie ihn mit etwas Leichterem beleidigen. Er hatte sich einen Troubadour genannt, hatte in Reimen zu ihr gesprochen, und sein ganzes Wesen sprach dafür, daß er der Aufgabe gewachsen sei. Mit Spannung harrte sie deshalb der Lösung derselben. Da ertönte die Klingel, der Vorhang stieg in die Höhe und zu gleicher Zeit trat Winter zwischen den Coulissen hervor, um nach einer respektvollen Verbeugung zu beginnen. Er sprach in gebundener und gereimter Rede. Ohne das leiseste Stocken flossen die Worte von seinen Lippen. Laut und jede Modulation beherrschend, schallte seine klangvolle Stimme über die aufmerksam lauschende Zuhörerschaft hin, und reich an ergreifenden Bildern und frappanten Wendungen hob die meisterhafte Schilderung sich auf glanzvollen Versen aus dem verborgenen Winkel, wo die Flammen sich entwickelten, empor in die glühenden Wolken, um dann mit dem besiegten Elemente wieder zur Erde niedersteigen [niederzusteigen]. Aller Augen hafteten mit Bewunderung an dem so reich begabten Improvisator, ihre Ohren verschlangen jede seiner Silben; ihr Athem stockte unter der packenden Gewalt seiner Sprache, und als er geendet, wagte Niemand, den tiefen Eindruck seines Vortrages durch das übliche Händeklatschen zu entweihen. Als er aber nach einer Pause, in welcher die Herzen in tiefen Athemzügen sich von der Beklemmung befreit hatten, den Vorschlag machte, die durch die Auction gewonnene Summe zur Unterstützung der Abgebrannten zu verwenden, da ertönte ein schallendes Bravo und fast jede Hand fuhr in die Tasche, um freiwillig noch ein Weiteres hinzuzufügen. Als er durch die Portiere wieder in den Saal trat, stand Wanda vor ihm und streckte ihm beide Hände entgegen. An ihren Wimpern hingen helle Tropfen und die tiefste Rührung bebte um den feinen, zitternden Mund. »Können Sie mir verzeihen?« »Gern, o so gern.« »Und wollen Sie mein König sein?« »Ich wage es nicht.« »Aber wenn ich Sie bitte?« »Dann gehorche ich; denn eine Bitte von Ihnen ist mir Befehl.« »Kommen Sie schnell. Noch haben wir Blumen zu einer zweiten Krone, und ich werde bestrebt sein, Alles gut zu machen.« Jetzt erkannte auch der Baron. wen er vorhin der Königin empfohlen habe, und der Grimm über diese Niederlage trieb ihn fort. »Wanda, ich gehe, Deine Garderobe zu holen!« »Das ist nicht nöthig, ich bleibe noch.« »Du wirst diesen Ort sofort mit mir verlassen!« Da trat Winter zwischen die Beiden. »Herr Baron, ich bin Vorsteher unserer Gesellschaft und habe als solcher innerhalb dieser Räume jede Störung des allgemeinen Wohlbefindens zu verhüten. Erlauben Sie mir eine Frage.« »Welche?« »Sie wollen sich entfernen?« »Ja.« »Und Sie wollen bleiben, mein Fräulein?« »Ja.« »Dann gehen Sie ohne Sorge, Herr Baron, denn Ihre Entfernung wird uns keine Störung bereiten, und Fräulein von Chlowicki befindet sich in unserem Schutze vielleicht wohler als in jedem andern. Wer sie nur mit einem Blicke zu beleidigen vermag, den lasse ich durch den Hausknecht auf die Straße bringen, gleichviel ob er Fürst oder Schusterjunge ist. Dies zu Ihrer Beruhigung, Herr Baron!« Wieder lag auf dem Worte »Baron« jener auffallende Accent, und jeden weiteren Einspruch seines Gegners abschneidend, gab er Wanda seinen Arm und schritt nach einer unendlich geringschätzigen Bewegung seiner Achsel von dannen. Als er später in eins der Nebenzimmer trat, fand er Gräßler und Thomas in demselben. »Heut is es doch prächtig!« sprach der Erstere; »und Dein Einfall, Heinrich, is tausend Thaler unter Brüdern werth. Meine Alte bin ich Gott sei Dank 'mal los und habe an ihrer Stelle een Gouvernantchen gekriegt, wie ich sie mir nich hübscher und draller denken kann. Ich mache alle Tage mit!« »Der Einfall stammt nicht von mir; ich habe ihn von meiner Wanderschaft aus der Rheingegend mitgebracht. Aber weeßte, wer von uns am Allerbesten weggekommen is?« »Nu?« »Unser Emil da! Potz Blitz, ist das een Mädel, die Polin! Mein Lebtage habe ich noch keene solche Schönheet gesehen, und wenn unser Vorsteher statt seiner Rußkapuze eene Grafenkrone offzusetzen hätte, so wüßte ich, was ich ihm für eenen Vorschlag zu machen hätte.« »Einverstanden, altes Haus! Ich gäb' mein' Seel' zehn Gouvernantchens hin für die eene Polin; aber wie gesagt, ich bleibe dabei, Du bist een tüchtiger Kerl, Emil. Warum, das brauche ich Dir nich erst zu erklären.« (Fortsetzung folgt.) ------------------------------------------------------------------------ - 446 - Wanda. Novelle von K a r l M a y . (Fortsetzung.) »Und herzlich gefreut hat es mich alleweile,« fuhr der Schmied fort, »daß der Säumling, oder wie er heeßt, ohne Musik hat abziehen müssen. Der Mann gefällt mir nich.« »Warum?« »Kann es nich sagen. Hat so een Ohrfeigengesicht.« »Wieso?« lachte Winter. »Weeßte das noch nich? Es giebt Gesichter, bei deren bloßem Anblick es Eenem in den Händen juckt. Ich bin keen Physiogniff, oder wie es heeßt, und nenne diese Visagen also kurzweg Ohrfeigengesichter.« »Haste vielleicht seine Uhrkette und seine blaue Nasenquetsche angesehen, Emil?« fragte Thomas. »Ja; ich habe mir den Mann überhaupt sehr genau betrachtet. Beides war von einer Arbeit, wie man sie nicht oft zu sehen bekommt. Warum ?« »Hm! Ich habe so meine Gedanken derbei gehabt!« »Welche Gedanken?[«] »Das sage ich Dir vielleicht später 'mal.[«] »Freundlich sind diese Gedanken wohl nicht. Du hast den Mann ja mit einer Aversion behandelt, die ganz gegen Deinen Character ist.« »Hab' vielleicht ooch Ursache dazu. Sollst's schon noch erfahren, was für eene. Da, jetzt geht die Polka los; das is so meine Art. Komm, Anton.« »Meinetwegen Polka oder Rutscher, wenn's nur rund 'rum geht. Aber wie steht es denn eigentlich mit unserm Dankeswalzer, Emil? Der steht ja gar nich mit off der Liste. Du, altes Haus, den hat mein' Seel' Deine Polin vorhin nur deshalb weggelassen, weil ihr der König dazu fehlte. Bringe es ihr 'mal off eene feine Art und Weise mit bei. daß ich 'nen Appetit off Gouvernantenlippen habe! Sapperlot noch 'mal, da steht sie ja gleich, unsre Königin, und hat den ganzen Kram mit angehört. Na, Majestät, sein Sie nur nicht bös deshalb. Unsereener redet alleweile grad' so, wie ihm der Schnabel gewachsen is.« Er ging mit Thomas in den Saal zurück und ließ die beiden Majestäten allein. »Meine Königin hat den Wunsch des treuherzigsten Ihrer Unterthanen vernommen.« Sie erröthete und erwiederte mit schalkhaftem Lächeln: »Es ist Uns die Wissenschaft über die Wünsche der Unsrigen sehr angelegen.« »Und diese Wissenschaft verfolgt den Zweck der Erfüllung dieser Wünsche?« »Ohne Zweifel, sobald dieselben billig sind.« »Dürfen wir Uns zu der verheißungsvollen Ansicht neigen, daß der vorhin vernommene Wunsch zu dieser glücklichen Kategorie gehöre?« »Vielleicht. Nur dürfte die Ressortfrage eine unentschiedene bleiben.« »Untersuchen Wir diesen Casus. Der Kuß als Dankzahlung gehört in das Ressort des Finanzministers, der Kuß als Opfer in dasjenige des Cultusministers, der Kuß als Aeußerung einer innerlichen Gesinnung in dasjenige des Ministers des Innern, der Kuß als Friedenszeichen in dasjenige des Kriegsministers und der Kuß als Buß- und Sühnezeichen in dasjenige des Justizministers.« »Dann müßten Wir Uns in Erwägung des Geschehenen für den letzteren Fall entscheiden und mit Ergebung in die Strenge des Gesetzes die über Uns verhängte Strafe tragen.« »Das klingt so widerstrebend, daß Wir Uns bewogen fühlen, diese Strenge durch ein nachsichtsvolles Arrangement zu mildern und auf dem Gnadenwege dem finsteren Verhängnisse zu begegnen.« »Wir sagen Dank und fügen Uns in Euren hohen, gnadenreichen Willen.« Sie gingen in den Saal und traten zu Thomas, welcher soeben seine Tänzerin verlassen hatte, um den König aufzusuchen. »Geruhen Majestät, eene unterthänigste Frage des Hoflkapellmeesters vorzutragen?« »Nee, Wir geruhen nich, geruhe Du, Anton!« lachte Winter. »Ach so, hab' ich wieder 'mal 'nen Bock geschossen? Ihr habt mich ooch zu meinem Unglück zum Oberhofcourier gemacht; denn wo ich nur das Maul offthue, da werde ich allemal ausgelacht.« »Mach's besser. Also Deine Frage?« »Das Concert soll beginnen. Werden Eure Königliche Gnaden unterthänigst belieben, eene gehorsamste Soloparthie vorzutragen?« »Nein. Bei Unsrer hohen Stellung ziemt es sich nicht für Uns, mit Gimpeln und Zeisigen gehorsamst und unterthänigst um die Wette zu zwitschern; aber sobald Wir die Krone von Unserm Haupte gethan, wird der Bariton Emil Winter ein Liedchen vortragen, welches äußerst werthvoll durch den Umstand ist, daß er es selbst gedichtet und in Musik gesetzt hat. Jetzt aber, Herr Oberhofcourier, thut Eure Ohren auf und vernehmt den gnädigen Entschluß, daß Wir noch vor dem Concerte den Thron besteigen werden, um an der Seite Unsrer hohen Herrin Uns an dem Dank zu weiden, den Eure Damen Euch noch schuldig sind. Der Kußwalzer mag beginnen!« »Kußwalzer? Mein' Seel', Majestät, Du bist een ganzer Kerl! Warum, das brauche ich Dir ooch jetzt nich erst zu sagen. Na, Gouvernantchen, freue Dich alleweile off deinen Schmied!« Mit raschen Schritten eilte er davon, um die frohe Botschaft weiter zu tragen. Als nach einiger Zeit Winter sich mit Wanda zurückzog, um einen Augenblick der Erholung zu finden, fragte die Polin: »Sie singen auch?« »Zuweilen ein Liedchen.« »Welches Sie natürlich selbst dichten und componiren?' »Nicht immer. Bei unserm Reichthume an werthvollen, tonkünstlerischen Werken hat ein Autodidakt, wie ich, keine ------------------------------------------------------------------------ - 447 - Veranlassung, sich auf die anspruchslosen Kinder seiner Mußestunden zu beschränken.« »Bei diesem fremden Worte fühle ich immer ein verwandtschaftliches Mitgefühl für jene reichbegabten Naturen, welche, an kleinliche Verhältnisse gebannt, in ihnen keine Befriedigung finden können, oder gar zu Grunde gehen müssen, weil sie für Größeres angelegt sind.« Er blickte sie überrascht an. Kannte sie sich wirklich so genau, daß die Selbsterkenntniß ihr diese Worte diktirte? Er entgegnete mit leisem Kopfschütteln: »Zu Grunde gehen? Sollte eine großangelegte Natur nicht die Kraft besitzen, auch das Kleine zu überwinden?« »Das Kleine, ja, aber nicht das Kleinliche. Ich kenne leider diesen Unterschied.« »Das Kleine ist zu achten; denn es ist ein Theil des Großen und Ganzen, und man darf es deshalb, wenn es Einem feindlich entgegentritt, ohne Schädigung des Selbstgefühles immerhin bekämpfen. Das Kleinliche aber ist einfach verächtlich und kann weder die Seelenstimmung noch die Entschließungen eines ausgebildeten Characters beeinflussen!« »Eines ausgebildeten Characters, - ja, Das ist es,« setzte sie hinzu. »Das Kleinliche besitzt im Leben ja nur deshalb so viel Macht, weil es an wirklich ausgeprägten Characteren mangelt. Und wer trägt die Schuld an diesem Mangel? Wie viel wird hier gefehlt und gesündigt, wie manches Lebensglück zertrümmert, weil der Grundstein zu demselben auf sandige oder verwitterte Unterlage zu liegen kam!« »Und doch liegt es meist in unsrer eignen Hand, den wankenden Bau mit starkem, vorurtheilsfreiem Willen niederzureißen, um ihn dann auf festerem Boden schöner und haltbarer wieder aufzurichten.« Jetzt war an ihr die Reihe, ihn mit einem forschenden Blicke anzusehen. Traute er ihr diesen Willen nicht zu? »Wer doch die freie, ungebundene Kraft dazu besäße!« hauchte sie. »Wenn nicht, so leiht man sich die nöthige Kraft. Auch ich habe niedergerissen und arbeite noch heute an dem Wiederaufbau des Zertrümmerten.« »Allein?« »Allein.« »Dann beneide ich Sie um Ihren Muth.« »O, ich habe noch davon übrig, Kraft und auch Muth,« erwiederte er, während sein Auge in heller Genugthuung aufleuchtete. Sie fühlte, daß weder Stolz noch Selbstüberhebung aus diesen Worten sprach, und legte unwillkürlich die Hand auf das Herz, in welchem noch nie empfundene Neigungen sich geltend machen wollten. »Dieses edle, freudige Selbstbewußtsein habe ich bisher nur bei einem Einzigen bemerkt, und dieser Eine war fast noch ein Knabe.« »Ein Knabe?« »Sie wollen zweifelnd fragen: ein selbstbewußter Knabe? Ich weiß, wie wenig diese beiden Worte oder Begriffe zusammenpassen, und doch ist es so.« »Darf ich diesen Knaben kennen lernen?« »Ich begleitete als junges, zwölfjähriges Mädchen den damals lebenden Vater auf einer Erholungsreise durch Thüringen. Wir hatten bei einem seiner früheren Studiengenossen Absteigequartier genommen, und da die Herren es liebten, sich den ganzen Tag bei Gott weiß welchem philosophischen Thema zu langweilen, so zog ich es vor, allein und ohne Begleitung, wie es auch jetzt noch meine Art und Weise ist, in Busch und Wald herumzustreichen und der Freundin Natur so recht tief und aufmerksam in das herzige Auge zu blicken. Während einem dieser Streifzüge traf ich auf einen jungen, siebzehnjährigen Menschen, welcher in der nahen Stadt einen Verwandten aufsuchen wollte. Er kam aus Leipzig und war der jüngste Sohn eines Ihrer Berufsgenossen. Dieser war kürzlich gestorben und hatte, da sein hinterlassenes Soll das Haben bedeutend überstieg, die Seinen in den betrübendsten Verhältnissen zurückgelassen. Da es an den nöthigen Mitteln mangelte, mußte der ältere Sohn die Universität verlassen und sich mit einer kargbesoldeten, subalternen Stelle bei der Polizei der Residenz begnügen. Der Jüngere, welcher noch im Gymnasium gesessen hatte, war gezwungen, der Heimath den Rücken zu kehren, um bei einem Pathen, welcher dem ehrsamen Schneiderhandwerke oblag, dessen Profession zu erlernen, und die Mutter blieb mit den Schwestern zurück, um ihr Leben mit dem spärlichen Ertrage der Nadelarbeit zu fristen. Der junge Mensch brauchte erst am Abende bei dem Pathen einzutreffen, und da wir, wie es bei Kindern oft zu geschehen pflegt, schnell Wohlgefallen an einander fanden, so beschlossen wir, uns für den heutigen Nachmittag einander anzuschließen und diese letzten seiner freien Stunden gehörig auszukaufen. Er war eine jener großartig angelegten Naturen. Das fühlte und erkannte ich freilich erst später; aber als wir endlich von einander schieden, bat ich ihn, mir ein Andenken zurück zu lassen. Er fragte mich, welches, und da ich bemerkt hatte, daß er eine wundervolle Stimme besaß und auch gewandt im Versenmachen war, so gab ich ihm die Aufgabe, ein Gedicht auf mich zu machen und es mir zum Abschiede vorzusingen. Da lehnte er sich mit verschlungenen Armen an den Stamm eines nahen Baumes, blickte mir eine Zeit lang sinnend in das Angesicht und begann dann zu singen. Zwar habe ich nur die vier letzten Verse des Liedes behalten, aber sie sind mir ein liebes und gern gehegtes Andenken geblieben bis auf den heutigen Tag.« »Darf ich fragen, was er gesungen hat?« »Ich hatte ein Heckenröschen in das Haar gesteckt, und da er zwischen dieser Blume und meinem damaligen Wesen Aehnlichkeiten zu entdecken schien, so hatte ich die zweifelhafte Ehre, von ihm als »wilde Rose« besungen zu werden.« »Und der Dank für sein Lied?« »Bestand in jenem Röschen, welches er sich beim Scheiden von mir erbat.« »Um es vielleicht wegzuwerfen, als er später der Erinnerung müde geworden ist.« »Nein, nein"« antwortete sie mit leisem, nachdenklichem Tone. »Er war ein aufrichtiges und treues Gemüth und hat jedenfalls die Erinnerung an jene Stunden ebenso fest gehalten, wie ich. Seine Züge hat mein Gedächtniß nicht behalten können; aber seine Stimme klingt noch heute in mir fort, und ich glaube, daß ich ihn an derselben wiedererkennen würde.« »Nicht auch an seinem Namen?« »Den kenne ich nicht. Wir waren ja Kinder und fragten uns nicht nach der üblichen Legitimation. Meinen Namen habe ich ihm vielleicht genannt; der seinige aber ist nicht in Erwähnung gekommen. Doch, wir entziehen uns der Gesellschaft. Lassen Sie uns zu ihr zurückkehren.« ------------------------------------------------------------------------ - 448 - Es wirbelte in dem Kopfe Winter's, und er mußte alle Selbstbeherrschung aufbieten, um ruhig zu bleiben. Warum erzählte sie gerade ihm dieses kleine, kindliche Abenteuer, von welchem sie sicher gegen Niemanden weiter gesprochen hatte? Warum verglich sie gerade ihn mit jenem Knaben, dessen Verse ihr bis heute ein theures Andenken gewesen waren? Er lächelte still und glücklich vor sich hin und mußte sich mit Gewalt von den Gedanken losreißen, welche ihn bestürmten. Aber als er später die Attribute seiner königlichen Würde abgelegt hatte und nun von allen Seiten um das versprochene Liedchen gebeten wurde, trat er mit dem Vorsatze an das Piano, den Beweis zu führen, daß jener Knabe den Tag im Walde auch im treuen Gedächtniß bewahrt habe. Mit gewandter Technik flogen seine Finger präludirend über die Tasten, und als die nöthige Stille eingetreten war, begann er den Gesang. Sein Auge war auf Wanda gerichtet. Er wollte sich den Genuß nicht versagen, sie während seines Vortrages zu beobachten. Bei den ersten Worten senkte sie, dem Wohlklange seiner Stimme lauschend, das Köpfchen; aber nicht lange währte es, so hob sie es mit einer raschen Bewegung in die Höhe. Forschend suchte ihr Auge in seinen Zügen; doch schien es, als wolle ihr das Gedächtniß nicht zu Hilfe kommen. Sie hatte ja vorhin gesagt, daß sie nur die vier letzten Verse behalten habe. Da erhob er sich, verließ, ohne Begleitung weiter singend, das Instrument und lehnte sich, den Blick noch immer auf sie gerichtet, mit verschränkten Armen an den nahen Pfeiler. Jetzt machte mit einem Male der sinnende Ernst auf ihrem Angesichte einem hellen, sonnigen Lächeln Platz; dann strich sie mit einer Bewegung des freudigen Erkennens das reiche, volle Haar von den Schläfen zurück und schloß das Auge, um sich seinen Tönen mit vermehrter Aufmerksamkeit hingeben zu können. Kaum aber waren die Strophen »D'rum schließe Deine Augen zu', Worin die Thränen glühn. Ja. meine wilde Rose, Du Sollst nicht im Wald verblühn!« verklungen, so schnellte sie von ihrem Sitze in die Höhe und eilte mit einem Ausrufe des Entzückens auf den Sänger zu. Schon wollte dieser ihre ausgestreckten Hände erfassen; da aber hielt sie plötzlich inne und floh, während die Gluth der Scham ihr Antlitz bedeckte, dem Nebenzimmer zu. Hier öffnete sie das Fenster und bot die heiße Stirn dem kühlenden Hauche der Abendluft dar. Warum hatte sie ihn nicht eher erkannt. Dann wäre sie von der Ueberraschung nicht so plötzlich übermannt worden, und er hätte nie, nie erfahren, daß sie sein Bild aus den Jahren der Kindheit mit herübergenommen habe auch in die reifere und ernstere Zeit des Lebens. Eine plötzliche Erkenntniß stieg jäh und leuchtend in ihr empor, und Alles, Alles, was sie bisher gedacht, gefühlt, gehofft und gewollt hatte, stürzte haltlos zusammen und ließ nichts zurück als eine langsam aufdämmernde Ahnung gänzlicher Hilflosigkeit, gänzlichen Verlassenseins. Und mitten in diese Dämmerung hinein tönten jene mahnenden Worte, welche er ihr am heutigen Abend gesagt: »Es liegt in unserer Hand, das Niedergerissene mit starkem, vorurtheilsfreiem Willen schöner und haltbarer wieder aufzurichten.« Konnte das geschehen? Konnte sie dem Banne, den Geburt, Gewohnheit und Erziehung um sie gezogen, sich entreißen, um dem Rufe eines Gefühles zu folgen, welches Jahre unentdeckt in ihrem Innern geschlummert hatte und jetzt mit einem Male seine leuchtenden Flammen über sie zusammenschlug? Lange, lange stand sie so am Fenster und vermochte trotz aller Anstrengung nicht, ihr heftig klopfendes Herz zur Ruhe zu bringen. Da ertönte es leise neben ihr: »Wanda!« Sie verharrte regungslos in ihrer Stellung. »Habe ich Sie beleidigt? Verzeihen Sie mir!« Es erfolgte keine Antwort. »Bitte, sagen Sie mir ein Wort, nur ein einziges Wort!« Es war ihr unmöglich, ihr glühendes Angesicht dem Sprecher zuzuwenden, und eine jede Silbe hätte ihre innere Aufregung verrathen. Sie schwieg. »Gute Nacht, Fränlein von Chlowicki!« klang es da fest und energisch an ihr Ohr, und zu gleicher Zeit vernahm sie seinen sich entfernenden Schritt. »Herr Winter!« Er drehte sich langsam um. Kalt blickte sein Auge auf sie hin, und kein Zug seines Gesichtes verrieth auch nur die leiseste Störung seines inneren Gleichgewichtes. »Sie dürfen mich nicht verlassen, Herr Winter! Oder soll ich ohne Schutz und Begleitung dem Dunkel der Nacht mich anvertrauen?« »Befehlen Sie Ihre Garderobe?« »Ich bitte um sie!« Nach wenigen Augenblicken kehrte er mit dem Gewünschten zurück und verließ mit ihr das Haus. Auf der Straße angekommen, bot er ihr seinen Arm. Sie legte die Hand leise auf denselben, und so schritten sie in tiefen Gedanken, aber wortlos, weiter. »Hier ist meine Wohnung. Die Mutter hat noch Licht und erwartet mich.« Er zog die Glocke, und sofort erschien eine Dienerin um zu öffnen. »Im Namen meines Vereins danke ich Ihnen für die gnädige Herablassung, welche uns einen so unerwartet schönen Abend bereitet hat!« »Wollen Sie nicht für einen Augenblick Zutritt nehmen, damit auch Mutter Ihnen für Ihre Begleitung Dank sage?« »Ich bitte, mich zu dispensiren. Die späte Stunde wird mich genügend entschuldigen.« »Dann gute Nacht!« »Gute Nacht!« (Fortsetzung folgt.) ------------------------------------------------------------------------ - 462 - Wanda. Novelle von K a r l M a y . (Fortsetzung.) II. Im Felsenbruch. Hingerissen von der begeisternden Gewalt der herrlichen Dichtung hatte Wanda vorgelesen. Jetzt schlug sie das Buch zu und blickte hinüber zur Mutter, um zu erforschen, welchen Eindruck die Vorlesung auf dieselbe gemacht habe. Auf den kalten, starren, empfindungslosen Zügen der Frau von Chlowicki lag eine leise, kaum bemerkbare Röthe als einziges Zeichen ihres Ergriffenseins; doch war bei der streng abweisenden Unempfindlichkeit der alten Dame diese Röthe ein größeres Zugeständniß für den Dichter als es der Applaus eines der Bewunderung des wahrhaft edlen und schönen zugänglicheren Publikums hätte sein können. »Ich habe nie einem Menschenkinde gestattet,« sprach sie mit heiserer, vom Husten oft unterbrochener Stimme, »sich irgend welchen Einflusses auf die Gefühle meines Herzens zu rühmen. Wer die hohe Aufgabe zu lösen hat, für die von so vielen Seiten angefochtenen Traditionen eines bevorzugten Standes einzustehen, der muß auch die kleinste Anlage zu idealistischer Schwärmerei ersticken und vernichten; denn die nackte Realität des Lebens tritt an die Angehörigen dieses Standes mit Anforderungen, denen nur ein in Drachenblut getauchter und so gegen alle Anfeindung gefeiter Charakter gerecht werden kann. »So bin ich aller schwärmerischen Empfindelei fremd geblieben und kann nur aus diesem Grunde mich rühmen, stets und in allen Lagen Herr meiner selbst und auch meiner Verhältnisse gewesen zu sein. Dieser unbekannte Autor, dessen gewandte und aristokratisch feine Schreibweise ihn hoch über den Schwarm unserer heutigen Dichterlinge stellt, ist der Erste, dem ich meine Aufmerksamkeit und geistige Hingebung widme, und ich kann das in der beruhigenden Ueberzeugung thun, daß er sich in einer seiner nächsten Nummern als der Träger eines den höheren Sphären angehörigen Namens demaskiren wird.« »Aristokratisch sein und gewandt, Mama? Dieser Eine scheint mir, da er sich doch nur auf die Form bezieht, unter seinen vielen Vorzügen und Wissenschaften der kleinste und unbedeutendste zu sein. Ich beurtheile den Mann nicht nach dieser Außenseite und hege in Folge dessen eine der Deinigen vollständig entgegengesetzte Meinung über die Sphäre, welche ihm als Heimath dient. Seine urwüchsige Natürlichkeit, die so kraft- und effectvoll unter säuselnden Blättern und duftigen Blüthen zum Himmel strebt, kann unmöglich in der künstlich gemischten Blumenerde des Salons ihre Wurzel geschlagen haben. Sein gegen den Druck niederbeugender Verhältnisse kämpfender, in die Zügel knirschender und muthig sich aufbäumender Geist durchbricht, himmelanstrebend, die von socialer Anmaßung gezogenen Schranken und steigt, Asche und Schlacken von sich schleudernd, in stolze Höhe wie der Lichtstrom, welcher dem Krater entfluthet, um zu verkünden, daß der Boden unterhöhlt und den ewigen Gesetzen der Natur kein dauernder und siegreicher Widerstand zu leisten sei. Ich könnte Alles, Alles was ich bin und habe, von mir werfen, um zu seinen Füßen sitzen und dem Fluge seines Genius folgen zu dürfen. Ich frage nicht nach seinem Namen, nicht nach seinen Ahnen; ich empfinde nur den Wohllaut und die unwiderstehliche Macht seiner Rede und fühle, daß meine Seele ihm bei jedem seiner Worte zurufen möchte: »Du bist so groß, und ich bin so klein, klein, klein!«[«] »Einem so excentrischen und dabei unlenkbaren Wesen wie Du muß man selbst eine Ueberspanntheit, wie die gegenwärtige, verzeihen!« »In mancher Beziehung mag ich vielleicht etwas ungewöhnlich und schwer zu lenken sein, Mama; doch ist das wohl nicht meine eigene Schuld. Den Ausdruck »Ueberspanntheit« aber darf ich selbst Dir nicht gestatten.« »Ach so?« fragte die alte Dame mit scharfer Betonung. »Du beabsichtigst, mich zu hofmeistern. Liegt hierin nicht etwas der Ueberspannung Aehnliches?« »Es kann nicht meine Absicht sein, Dich zu corrigiren; aber ebenso wenig dulde ich ein Urtheil, welches ich aus dem Munde der Mutter am Allerwenigsten zu hören erwarte.« »Und doch hast Du keine Berechtigung, Dich in Deiner Würde verletzt zu fühlen, denn Du selbst beleidigst ja diese Würde durch Unziemlichkeiten, welche haarsträubend wirken möchten. Denke nur an gestern. Ich nehme natürlich daraus Veranlassung, Dich so bald wie möglich unter die strenge Vormundschaft eines Mannes zu stellen, dessen ernste Festigkeit Dir mehr imponiren wird als meine leider allzuschwache und schonende Nachsicht.« »Bitte, Mama, laß das! Du hast diesen Verweis heute schon so oft wiederholt, daß er nothwendig seine Schärfe verlieren muß. Wie man das Bäumchen zieht, so wird es wachsen, und mit Vorwürfen sind die Fehler der Erziehung nicht wieder gut zu machen.« »Mädchen! Das wagst Du?« »Bei dieser Art von erzwungener Vertheidigung kann von einem Wagnisse keine Rede sein.« »Vertheidigung? Sprich weiter! Die zweite Frau Deines Vaters hat wohl das Recht, diesen Befehl auszusprechen!« »Wiederhole Dir meine Worte, und Du wirst Alles haben, was Dir zu wissen nöthig ist. Das Opfer der vornehmen Tradition verschmäht es, ein weiteres Wort zu verlieren. Adieu!« »Halt; bleib! Du bist kurz; ich will es auch sein. Bist Du vielleicht gewillt, dieses sogenannte Opfer rückgängig zu machen. [machen?]« »Nein; ich gab mein Wort und werde es halten.« »So wirst Du Deinen faux pas durch verdoppelte Aufmerksamkeit gegen den Baron gut zu machen wissen. Er wird in kurzer Zeit hier sein, um Dich auf Deinem gewöhnlichen Spaziergange zu begleiten.« ------------------------------------------------------------------------ - 463 - »Die größte Aufmerksamkeit, welche ich ihm erzeigen kann, besteht in der vollständigen Verzichtleistung auf seine Gesellschaft. Ich bin ihm unbehaglich.« Sie wandte sich zur Thür und verließ kurze Zeit darauf das Haus. - ------------------------------------------------------------------------ Winter saß in seiner Stube und blätterte in den Kehrlisten; aber seine Gedanken schienen nicht bei den Namen und Hausnummern zu sein, welche auf dem Papiere standen. Sie verweilten vielmehr bei jenem Tage, an welchem der »selbstbewußte Knabe« mit dem wilden, reizenden Mädchen durch den Wald gestrichen und in ihrer Nähe so glücklich gewesen war. Er gedachte der Enttäuschung, die ihn dann am Abend erwartet hatte, als er den Pathen krank und sterbend fand und also hilflos und verlassen zurückkehren mußte in die große Stadt, in welcher Niemand sich seiner annehmen wollte. Sein Vater war ein wohlangesehener Schornsteinfegermeister gewesen. Emil hatte als Knabe öfter die Gesellen begleitet und war mit ihnen in den Essen und auf den Dächern herumgestiegen. Er besaß einen gewandten, kräftigen Körper und ein schwindelfreies Auge, genug, um ihn jetzt zu einem raschen Entschluß zu bestimmen. Weder von der Mutter und den Schwestern noch von dem Bruder, welcher auf Jahre hinaus mit der eigenen Noth und Sorge zu kämpfen hatte, durfte er Unterstützung erwarten, und so ging er zu einem Collegen des verstorbenen Vaters, um bei ihm als Geselle einzutreten. Aber damit hatte er nicht dem Ziele entsagt, nach welchem zu streben seine Aufgabe gewesen war. Er gehörte vielmehr zu jenen zähen, consequenten Naturen, welche durch momentanes Nachgeben selbst das feindlichste Schicksal zu besiegen wissen und die Ausführung eines einmal gefaßten Gedankens wohl für einige Zeit aufschieben, niemals aber aufgeben. Zwar gab er sich dem neuerwählten Berufe mit dem nachhaltigsten Pflichteifer hin: aber dieser Beruf sollte ihm die Mittel bringen zum selbstständigen Vorwärtsschreiten auf dem Wege, welchen zu verlassen er gezwungen gewesen war. Und so kam es auch. Schon nach einigen Jahren hatte er Leipzig, wo er Selbstständigkeit nie gefunden hätte, mit seinem jetzigen Aufenthaltsorte vertauscht, nach dem Tode seines Meisters dessen Geschäft übernommen und nun auch die Mutter mit den Schwestern zu sich gerufen, um sich einer geschlossenen Häuslichkeit erfreuen zu können. Jetzt nun, da er sich in einer gesicherten Stellung sah, griff er wieder zu den alten Plänen und warf sich in seinen Mußestunden mit Eifer auf die Fortsetzung der unterbrochenen Studien. Seine freie Lebensanschauung fand in dem schmutzigen Berufe eines Essenkehrers nichts Entwürdigendes und Ehrwidriges, und so schritt er rastlos auf dem wiederbetretenen Wege vorwärts, ohne sich nach rechts oder links umzusehen und aus irgend einem Umstande Störung bereiten zu lassen. Seiner einzigen Erholung waren diejenigen Stunden gewidmet, welche er in der »Erheiterung« zubrachte, deren Vorsteher er vermöge seines organisatorischen Talentes geworden war. Er war es eigentlich gewesen, der den Verein zu jener Beliebtheit gebracht hatte, welche seine Concerte und Bälle so besucht machte, und als inFolge [in Folge] einer mehrmonatlichen Abwesenheit sein Amt in die Hände eines Anderen übergegangen war, hatte man es ihm nach seiner Rückkehr sofort wieder übertragen, und im gestrigen Stiftungsfeste hatte er das erste neue Lebenszeichen von sich gegeben. Das dabei gehabte Zusammentreffen mit Wanda war ihm heut Morgen Veranlassung geworden, sich an jenen Tag zurückzuversetzen, an welchem er sie zum ersten Male gesehen hatte. Jene thaufrisch, kindlichreine Mädchenerscheinung hatte sich seinem poesievollen Sinne tief eingeprägt und war von dem Gedächtnisse auch in dem kleinsten und einzelsten ihrer Züge mit inniger Treue festgehalten worden. Mitten in der Ausübung seines unromantischen Berufes tauchte diese Erscheinung vor seinem Auge auf; die Bilder seiner früchtereichen Phantasie gruppirten sich um ihre feenhafte, anmuthige Gestalt und kehrten, so oft sie hinaus in die Weite schweiften, doch immer zurück zu dieser Einen, an die er immer denken mußte und die er nimmer, nimmer vergessen konnte. Der Gedanke an sie hatte ihn begleitet in seine bescheidenen und anspruchslosen Verhältnisse hinein, hatte ihm Kraft gegeben zu fortgesetztem, unermüdlichem Ringen, ihn begeistert und gestählt im Kampfe mit dem widrigen Geschicke und war auf diese Weise zu einer Macht geworden, der er sich beugte in all seinem Denken, Fühlen und Wollen. Wie das so gekommen war, wie es möglich war, daß das Bild eines den Kinderschuhen noch nicht entwachsenen Mädchens sich seines Herzens, seiner ganzen Seele hatte bemächtigen können, so daß es ihm für die Ruhe und den Frieden seines Innern geradezu unentbehrlich geworden war, das konnte er nicht begreifen. Er hatte sich der lieben, freundlichen Erinnerung widerstandslos hingegeben und sich des anregenden und läuternden Einflusses dieser Erinnerung herzlich gefreut. Jetzt aber handelte es sich nicht mehr um ein bloßes Bild; jetzt hatte sie vor ihm gestanden voller Leben und sprudelnder Jugendlust, gerade so wie damals, aber unendlich schöner noch, unendlich bezaubernder, unendlich. - Mitten aus diesem Sinnen wurde er aufgeschreckt durch den Eintritt der beiden Freunde, Thomas und Gräßler. »Grüß Gott, Majestät! Haste ausgeschlafen?« fragte der Schmied. »Dank schön, Herr Oberhofcourier. Unsere königliche Gnaden haben schon geruht, in einem halben Mandel Essen herumzuscharren. Wie hat sich das Gouvernantchen angestellt?« »Prächtig, altes Haus ! Der Herr corpus juris Heinemann hat meine Alte an die richtige Adresse gebracht, und so durfte se nich böse sein, daß ich meiner Dame den schuldigen Respect ooch erwiesen habe. Ich bin mein' Seel' erst halb Viere heeme gekommen.« »Und Du, Heinrich?« »Ich bin solid gewesen. Du weeßt doch, daß ich gar keene Dame gehabt habe, und da habe ich mich recht schön vernünftig in meiner eegenen Begleitung nach Bethlehem getrollt.« »Na, alter Papierkleister, eene solche Solidität is mir bei Dir ooch nich ganz begreiflich. Ihr Buchbinder steckt Eure Nasen doch in so viel Liebes- und Mondscheinscharteken, daß ihr gewöhnlich von eener wahren Wut besessen seid, ------------------------------------------------------------------------ - 464 - Eure theoretischen Studien ins Praktische hinüber zu moduliren. Oder hat's an der Anna gefehlt?« »An welcher Anna?« fiel Winter ein. »Weeste das noch nich?« rief Gräßler mit einer Geberde komischen Erstaunens. »Darfst nur 's Fenster offmachen und 'naus horchen. Jeder Sperling pfeift davon, daß er in eenem arithartischen Verhältnisse zu der Kammerzofe der Wanda steht, und das is eben der Grund, daß er heut Nacht so ohne Sang und Klang seinen Hausschlüssel heeme getragen hat.« »Ach so! Ich glaubte, Du hättest deshalb verzichten müssen. weil ich Dich überboten habe.« »I bewahre, Emil! Ich habe off das Fräulein geboten, nich um se zu kriegen; denn diese Art Trauben hängen mir zu hoch, sondern aus reener Malice gegen den Baron, der mir im höchsten Grade zuwider is.« »Ich habe an dem Kerl meinen Narren ooch gefressen, eben wegen des Ohrfeigengesichtes. Bei Dir aber muß es noch eenen anderen Grund haben.« »Den hat es ooch.« »Welcher wäre das?« fragte Winter. »Du wolltest gestern nicht davon sprechen?« »Weil een Saal nich der passende Ort is, über Dinge zu reden, die das Zuchthaus in Aussicht stellen.« »Alle Wetter, Junge, biste toll! Wer soll denn so 'ne unbegreifliche Incbination [Inclination] zum Wollezupfen haben, Du oder der Säumling?« »Ich natürlich nich.« »So rede doch,« bat der Essenkehrer. »Du weißt nicht, wie wichtig mir Deine Mittheilung werden kann.« »Na meinetwegen. Ihr sollts hören, obgleich ich mich ooch irren kann. Als ich vor ungefähr anderthalb Jahren in Paris arbeitete, trat eenes schönen Tages een Herr in den Laden und suchte für die Dame, die er bei sich hatte, so Etliches von unseren Galanteriewaaren aus. Er bezahlte in Banknoten, die sich später als falsch erwiesen. Trotz allen Suchens is der Mann von der Polizei nich offzufinden gewesen, obgleich es gelang, seine Helfershelfer zu entdecken.« »Und Du denkst, daß es der Baron gewesen is?« »Ich kann mich, wie gesagt irren, aber die Stimme is dieselbe, und obgleich er damals 'nen mächtigen, schwarzen Vollbart trug, scheint mir sein ganzes Wesen und Gebahren dasjenige zu sein, welches ich an dem Banknotenfälscher beobachtete.« »Du machtest mich gestern auf sein Lorgnon und seine Kette aufmerksam.« »Ja, das is eben, was mich in meinem Verdachte bestärkt. Dieselbe Nasenquetsche und dieselben Berloquen sind mir in Paris an ihm offgefallen. Der Mensch trug sich so in die Oogen fallend und benahm sich so widerwärtig vornehm, daß mir jede Eenzelheet an ihm im Gedächtnisse geblieben is.« »Beabsichtigst Du, Anzeige zu machen?« »Nee. Wenigstens werde ich so vorsichtig sein, den sogenannten Baron erst noch 'ne Weile zu beobachten, um vielleicht noch Mehreres zu finden, was mir Gewißheit giebt, daß er der wirklich is, für den ich ihn halte.« »Du? Welche Gründe haste denn zu dieser Ueberzeugung?« »Der wirkliche Baron von Säumen hat in Leipzig studiert und wohnte in dem Hause meiner Eltern bei einer alten Dame, welche sich von der Vermiethung möblirter Zimmer an die Wohlsituirten unter den Herren Studenten ernährte. Ich habe ihn täglich gesehen und finde es trotz einer höchst ungewöhnlichen Aehnlichkeit zwischen Beiden nicht schwer, ihn von dem Schwindler zu unterscheiden, welcher jetzt seinen Namen trägt.« »Also sehr ähnlich is er ihm?« »Sehr.« »Dann sind se vielleicht Brüder, und unser Verdacht is voreilig!« »Dieser Fall ist möglich. Ich werde genaue Erkundigungen einziehen, und nach dem Ergebnisse derselben muß sich die Art und Weise unseres Handelns richten. Bis dahin aber müssen wir schweigen. Du hast doch noch zu Niemandem über diese Angelegenheit gesprochen?« »Is mir nich eingefallen.« »Na, Brüder sind se mal nich,« nahm jetzt auch der Schmied, welcher dem Gespräche mit Spannung gefolgt war, das Wort. »Es is mir zwar sehr egal, ob im norddeutschen Gesetzbuche een Paragraph darüber steht; aber een Baron darf keen Ohrfeigengesicht haben; das versteht sich ganz von selber. Wer soll denn einem so hochgestellten Herrn die besagten Ohrfeigen vermitteln, und wenn er meinetwegen zehn Gesichter hätte, die derzu passen und berechtigen? Ich nich, so gern ich es sonst thäte, denn mit großen Leuten is nich gut Kirschen essen.« »Du willst also sagen, daß -« »Sagen?« fiel ihm Gräßler in das Wort. »Ich will mehr als sagen; ich will eenen logisch richtigen Beweis führen.« »Du, Anton?« fragte Thomas. »Woher beziehst Du denn das Ding, welches Du Logik schimpfst?« »Maltraitiere mich nich, Heinrich! Ich sollte 'mal Schulmeester werden und habe es wirklich wegen Ueberflusses an Dummheit sogar bis zu einer vierteljährigen Tortur im Proseminar gebracht. Und von dieser selbigen Zeit her schreibt sich meine unübertreffliche Virtuosität im Schlüsseziehen.« »Na, so ziehe 'mal!« »Gut. Der Obersatz heeßt: Een Baron darf keen Ohrfeigengesicht haben.« »Weiter.« »Der Baron hat aber een Ohrfeigengesicht.« »Folglich Anton?« »Folglich, folglich - ja zum Teufel, folglich darf een Baron doch keen Ohrfeigengesicht haben.« »Seid doch so gut,« fuhr er, als die beiden Anderen über diesen sonderbaren Beweis lachten, fort; »seid doch so gut und macht euch nich über mich lustig. Du hast mich mit Deinem »weiter« und »folglich« ganz aus dem Concepte gebracht. Machs besser, wenn Du's kannst. Beim Schlüsseziehen wird man ganz confus, wenn andere d'rein reden!« »Du wolltest sagen,« begütigte ihn Winter, »wer ein Ohrfeigengesicht hat, der ist kein Baron; der Säumen hat aber ein solches, folglich -« (Fortsetzung folgt.) ------------------------------------------------------------------------ - 478 - Wanda. Novelle von K a r l M a y . (Fortsetzung.) »Ja, folglich is er keen Baron. So wollte ich sagen. Du bist een tüchtiger Kerl, Emil; ich habs ja immer gewußt! Horch! Was war das?« Ein entsetzlicher Krach hatte in diesem Augenblicke die Luft erschüttert, sodaß die Fenster zitterten und der Boden unter ihren Füßen zu wanken schien. Winter riß die Thüre auf und eilte auf die Straße. Die Anderen folgten. Sie waren es nicht allein, welche die Wißbegierde über den Ort und Grund der Explosion auf die Straße gelockt hatte. Aus allen Thüren stürzten die Bewohner der Häuser und forschten nach der Richtung, in welche sie sich zu wenden hatten, um Näheres zu erfahren. Der Eine muthmaßte Das, der Andere Jenes; aber Keiner wußte etwas Gewisses. »Ich möchte nur in aller Welt wissen,« meinte Thomas, »was das für een Schuß gewesen is!« »Wenn Du an eenen Schuß globst, so kannst Du Dir off Dein Gehör grad so viel einbilden, wie ich mir off meine Logik. Een Schuß hat keen solches Geprassel und Gepolter im Gefolge. Ich denke vielmehr, daß da draußen in den Felsenbrüchen 'ne Wand eingestürzt sein wird.« »I, warum nich gar! So 'ner Wand wird das im ganzen Leben nich einfallen. Die hält ja ganz für zehn ganze Ewigkeeten.« »Na, alter Junge, mache nur een Paar weniger! Wo alle Wochen drei, vier Mal gesprengt wird, da is es wirklich keen Wunder, wenns endlich 'mal kopfüber und kopfunter geht. Es darf ja nur een Bohrloch falsch getrieben oder die Ladung zu stark abgemessen werden, so purzelt Alles zusammen.« »Ich glaube auch, daß es eher in den Felsenbrüchen als sonst wo anders gewesen ist,« nahm jetzt auch Winter das Wort. »Zwar weiß ich nicht, ob heute Arbeiter draußen beschäftigt sind, aber es muß doch so sein, und bei der ungewöhnlichen Stärke des Sprengschusses ist der Gedanke an ein mögliches Unglück jedenfalls nicht unbegründet. Ich eile hinaus. Geht ihr mit?« »Meinswegen! Gearbeitet wird heut so wie so nich, und da is es mir alleweile ganz und gar egal, off welchem Grund und Boden ich mir die Langeweile vertreibe. Loof also nur zu, Emil. Komm mit, Heinrich!« Mit langen, raschen Schritten voranschreitend, blickte er nach einer Weile zurück, um zu sehen, ob die beiden Anderen ihm auch folgten. Und als er bemerkte, daß sie sich dicht hinter ihm hielten, fuhr er fort: »Bin zwar schon 'mal haußen gewesen, heut' Morgen; thut aber nichts.« »Was hast Du denn so bei Zeiten im Freien gewollt, wenn Du so spät erst heeme gekommen bist?« »Ich bin eenmal een verkehrter Kerl. Geh ich bald zu Bette, so wache ich späte off, und gehe ich spät zu Bette, so wache ich balde off. Und wenn ich eenmal off bin, so leidet michs ooch nich unter der Decke; ich muß 'raus. Giebts ooch keene Arbeit im Hause, so giebts doch draußen immer 'was zu thun, und wenns nur wäre, daß mer 'mal nachsieht, wie sich heuer die Erdäpfel anlassen werden.« »Ach so, Du hast ja Dein Feld da droben über den Brüchen.« »Ja. Uebrigens bin ich nich der Eenzige gewesen, der oben 'rumgekrochen is. Unser Baron scheint ooch een Freund von Morgenkühle zu sein. Er kam aus dem untersten Bruche, als ich den Seitensteg noffging.« »Was muß denn der da drinn zu thun haben?« »Weeß es nich. Erst dachte ich, er hätte een Bohreisen in der Hand; aber es wird wohl der Spazierstock gewesen sein. Und off dem Heemwege begegnete mir Deine Königin, Emil. Se machte mir eenen freundlichen Knicks und fragte mich, ob der Altan schon besetzt sei.« »Der Altan droben über dem obersten Bruche?« fragte Winter erschrocken. »Ja. Du weeßt wohl noch nich, daß se da droben der schönen Aussicht wegen ihren Stammplatz hat?« »Lauft schnell, um Gottes Willen, lauft schnell!« rief der Essenkehrer jetzt und stürmte mit fliegender Hast den Anderen voran. »Na, na, na, na, alter Junge. Derwegen braucht Dir die schöne Aussicht nich so in die Beene zu fahren. Wenn se noch droben ist, so treffen wir se jedenfalls, ooch wenn wir uns nich so ganz und gar außer Athem loofen.« »Kommt nur, kommt! Es handelt sich ja gar nicht um das Antreffen, sondern um das Unglück, welches hier geschehen sein kann.« »Ach so. Alle Wetter, Du hast Recht. Wenn der Knall in den Brüchen losgegangen is, so kann - na, wenn Ihr meine Weisheet alleweile nich anhören wollt, so looft meinswegen immer zu!« Der Weg hob sich vor der Stadt steil an und führte durch eine Reihe von Steinbrüchen, deren oberster seit langer Zeit nicht mehr bearbeitet wurde und den Zielpunkt vieler Spaziergänger bildete. Seine senkrecht und turmhoch emporstarrenden Wände waren von zahlreichen Sprüngen zerrissen und zerklüftet. Die hölzerne Schutzwehr, welche seinen steilabfallenden Rand umgab, war verfault und vermodert und existirte fast nur dem Namen nach; trotzdem aber gab es Leute, welche den gefährlichen Ort gern besuchten, weil man von ihm aus einen weiten Fernblick in das rundum und weit hinaus liegende Land thun konnte. Am Häufigsten war die wilde Polin hier zu sehen. Ihrem ungewöhnlichen Charakter behagte der Ort gerade der Gefahr wegen, und aus ebendemselben Grunde faßte sie gewöhnlich an derjenigen Stelle Posto, welche von den Anderen am sorgfältigsten vermieden wurde. Es war das der sogenannte »Altan«, ein weithinausgehender Felsenvorsprung, welcher fast jeden Haltes entbehrte und zu der Verwunderung darüber berechtigte, daß er nicht längst schon in die gähnende Tiefe hinabgestürzt sei. Zwar war der Zugang zu dem Orte streng verboten; aber Wanda ------------------------------------------------------------------------ - 479 - kannte keinen Grund, dieses Verbot zu respectiren, und freut [freute] sich, ein Plätzchen gefunden zu haben, auf dessen Alleinbesitz die Kühnheit ihr ein unbestrittenes Monopol gab. Als die drei Freunde in den untersten der Brüche einbogen, merkten sie eine Schaar Städter, welche die gleiche Vermuthung aus der Stadt getrieben hatte. Aber ohne das Herannahen dieser Leute abzuwarten, eilten sie vorwärts, zumal sie aus dem ungewöhnlichen Staubgehalte der Luft die Ueberzeugung nahmen, daß Gräßler sich nicht getäuscht habe. »Seht ihr's ?« rief Winter, als er um die letzte Ecke gesprungen war und das Chaos von Felsenstücken überblickte, welches vor ihm lag. »Der Altan ist heruntergestürzt und hat Alles zerschmettert was in seinem Wege lag. »Wenn [lag. Wenn] die Polin sich wirklich auf ihm befunden hat, so ist sie todt!« »Droben is se ganz sicher gewesen. Und nur für kurze Zeit hat se gewiß nich noff gewollt; denn sie hatte ihre Zeechenmappe unter dem Arme. Wir müssen suchen!« Sofort und mit Eifer gingen sie an das Werk, und besonders war es Emil. welcher von Felsen zu Felsen flog und mit Riesenkraft die Steine auseinander riß, um eine Spur der Gesuchten zu entdecken. Er war von einer Seelenangst erfüllt, wie er sie im Leben noch nie empfunden hatte. Er bemerkte nicht, daß ihm die Hände bluteten und die Kleidung von dem scharfkantigen Gesteine zerrissen und zerfetzt wurde; finden, nur finden wollte er, einen anderen Gedanken gab es für ihn nicht. Und selbst als die Uebrigen ankamen und noch Andere nachströmten, hatte er für sie weder Blicke noch Worte und ruhte nicht, bis auch das letzte Trümmerstück davongewälzt und damit die Ueberzeugung gefunden worden war, daß Wanda hier nicht zu finden sei.« [zu finden sei.] »Laß es itzt gut sein, Emil,« mahnte Thomas. »Se kann nich droben gewesen sein, sonst hätten wir wenigstens Etwas von ihr bemerkt.« »Aber se is ooch nich derheeme,« antwortete der hinzutretende Schmied. »Ihr Wirth is da; Der weeß es ganz gewiß, daß se off dem Altan hat zeechnen wollen.« »Se kann doch ooch wo anders hingegangen sein.« »Wir müssen Ueberzeugung haben. Laßt uns einmal nach oben steigen.« Er warf einen forschenden Blick in die Höhe und schien plötzlich zu erbleichen. »Seht einmal da hinauf. Liegt nicht etwas Weißes auf dem Brombeergesträuch, welches aus der Ritze wächst?« »Das is entweder een weißes Taschentuch oder een zerknitterter Zeechenbogen. Se muß also doch dagewesen sein!« »Laßt die Anderen noch einmal Alles genau durchsuchen und kommt dann nach. Ich muß hinauf.« Er eilte zurück durch die vorderen Brüche und stieg dann den Seitenpfad empor, von welchem Gräßler vorhin gesprochen hatte. Nicht lange dauerte es, so hatten ihn trotz der Eile, mit welcher er sich fortbewegte, die beiden Freunde eingeholt, und so schritten sie, mit scharfem Auge die gegenüberliegenden Wände musternd, längs des Felsenrandes vorwärts. »Hier hat der Altan gehangen, und hier sehe ich die Spuren eines kleinen, weiblichen Fußes im Sande. Sie gehen nicht wieder zurück, also muß sie mit hinabgestürzt sein.« »Guck 'mal, Emil, hier sind ooch noch größere Fußtapfen. Die rühren ganz sicher von eenem Männerstiefel her. Sie gehen ooch wieder retour. Wer muß denn das gewesen sein?« »Warte einmal, Heinrich. Wir müssen vorsichtig sein und die Spuren ja nicht verwischen. Man kann nicht wissen, was hier geschehen ist.« Er bückte sich nieder, um die Fußtapfen einer genauen Prüfung zu unterwerfen. »Der Mann hat einen kleinen, zierlichen Fuß und trägt Sporenkasten an den Absätzen. Er ist eher dagewesen als die Polin; denn seht, die Kanten ihrer Spur sind noch scharf, während die seinigen schon eingebröckelt sind. Laßt uns sehen, ob er auf dem Altane gewesen ist.« »Nee, er is hierher gegangen. Alle Wetter, das sieht ja grad' so aus, als ob er immer über den Rand hinweg grad' aus in die Luft hineingeloofen wäre.« »Wohl nicht. Hier am Rande häufen sich die Spuren. Er hat also hier Stand genommen.« »Das gloobe ich nich. Drei Zoll vom Rande stellt sich Niemand her. Ooch das schwindelfreieste Auge kann das nicht vertragen.« »Du hast Recht. Halt! Hier sind zwei runde Eindrücke, wie von Knien, und hier ist der Rand abgerieben. Er ist also über demselben hinunter gestiegen.« »Das wäre mein' Seel' een Wagestück, zu dem ich ihm meinen sterblichen Leichnam off keene halbe Minute geborgt hätte.« »Und doch ist es so; eine Verwegenheit, wie sie wohl selten zu finden ist, gehört freilich dazu. Jedenfalls hat er eine Strickleiter gehabt. Suchen wir nach dem Orte, wo dieselbe befestigt gewesen ist. Er muß in dieser Richtung hier zu finden sein.« »Hier; schau 'mal her. Er hat den eisernen Keil nich wieder 'raus gebracht und ihn also vollends hineingetrieben, damit er nich bemerkt werden soll.« »Wart 'mal, Heinrich! Der Keil ist noch neu, wie's scheint; er is aus zwee Stücken zusammengeschweißt; das sehe ich schon, ehe wir ihn 'rausgezogen haben. Das Ding kommt mir außerordentlich bekannt vor.« »Wieso?« fragte Winter erwartungsvoll. »Ich habe für Polizeiraths eenen machen müssen; und der wirds wohl sein. Der alte Herr hat die löbliche Angewohnheet, sich aus Gesundheitsrücksichten sein Holz höchst eegenhändig klar zu machen.« »Der Baron wohnt jetzt bei dem Rathe. Du hast heute morgen geglaubt, ein Bohreisen in seiner Hand zu sehen?« »Ja, aber behaupten kann ich nich, daß es ooch eens gewesen is.« »Schon gut. Ihr Beide bleibt hier und bewacht die Spuren, damit sie nicht verwischt werden. Ich habe den Stadtrichter unten bemerkt; er mag die Sache näher untersuchen. Es liegt ein Verdacht nahe, und es kann nicht gar zu schwer sein, die Stiefel zu finden, von denen diese Eindrücke hier herrühren.« »Du denkst doch nicht etwa, daß der Baron seine eestene [eegene?] Braut -« »Ich denke jetzt an nichts weiter als an die Verpflichtung, unsere Entdeckung der Polizei mitzutheilen. Diese mag dann aus dem Gefundenen beliebig weiter schließen. [schließen.«] Er entfernte sich und eilte zu der anderen Seite des Bruches nach unten. ------------------------------------------------------------------------ - 480 - Wie vorhin, so musterte er auch jetzt mit suchenden Augen die gegenüberliegende Wand und blieb plötzlich überrascht und erschrocken stehen. Etwas von der Höhenmitte der Seitenwand war früher ein von Rissen umgebenes Felsenstück durch irgend einen Umstand abgelöst und in die Tiefe gestürzt. So hatte sich eine Höhle gebildet, welcher der Same allerlei Unkrautes, welches den Eingang fast verdeckte, vom Winde zugetragen worden war. Und dieses Gestrüpp, welches seine Zweige nach Außen an das Tageslicht drängte, war jetzt nach Innen gebogen und bildete das Lager einer Frauengestalt, welche regungslos in der Weise auf denselben [demselben] niedergestreckt war, daß ein Theil des unteren Körpers über den Grund der Höhle herausragte und nur in den wenigen Dornenzweigen eine zweifelhafte Stütze fand. Es war die Polin. Die Macht der Explosion hatte sie seitwärts geschleudert, und nur Gottes Hand war es gewesen, die den Sturz so geleitet hatte, daß er nicht in die Tiefe gegangen war. Ob sie todt, ob sie noch lebend sei, Winter fragte nicht darnach. Seine Haare wollten sich emporsträuben bei dem Gedanken an die Gefährlichkeit ihrer jetzigen Lage; denn bei der geringsten Bewegung mußte sie den Halt verlieren und unten auf den Felsentrümmern zerschmettert werden. Von oben war die Höhle selbst mit einer Strickleiter nicht zugänglich, da der Rand des Bruches weit hervorragte, und von unten konnte sie wegen ihrer außerordentlichen Höhe auch durch zusammengebundene Leitern nicht erreicht werden. Es gab nur einen Weg zu ihr, und dieser eine Weg mußte sofort und ohne die mindeste Versäumniß betreten werden, wenn Hilfe überhaupt noch gebracht werden sollte und konnte. Ohne zu beobachten, daß die Nähe des Abgrundes ihm selbst Gefahr drohe, rannte er in mächtigen Sätzen den steilen und glatten Pfad hinab. Die Umstehenden sahen ihn kommen, schlossen aus der Eile, mit welcher er seinen Weg zurücklegte, daß er eine Entdeckung gemacht habe und drängten sich ihm entgegen. »Wo ist der Herr Stadtrichter?« rief er athemlos. »Hier bin ich, Herr Winter. Was giebt es?« »Verfügen Sie sich so schleunig wie möglich, aber ohne Begleitung dieser Leute hier, hinauf an die Stelle, an welcher der Altan sich befunden hat. Es erwarten Sie wichtige Mittheilungen oben.« Und sich zu den Anderen wendend, fragte er: »Haben Sie bei Ihrem Suchen vielleicht ein Seil oder so etwas Aehnliches bemerkt?' »Sie [Wir?] haben ein Seil unten in unserer Hütte,« antwortete einer der Steinbrecher, welche mit herbeigetreten waren. »Langt es bis hinauf an die Höhle dort?« »Ja, es is das große Windeseil.« »Holen Sie es sofort, und hier, Junge, hast Du Geld und hole von Deinem Meister zwei Päcke vom stärksten Bindfaden. Aber laufe um Gottes willen schnell: es gilt ein Menschenleben. In fünf Minuten mußt Du wieder hier sein!« Wie aus einer Pistole geschossen, flog der Seilerlehrling von dannen, und Winter erklärte nun den Umstehenden die Nothwendigkeit, Seile und Bindfaden zu haben. »Fränlein von Chlowicki ist von dem Sturze dort oben in die Höhle geschleudert worden. Der Zugang zu dieser Höhle ist nur dadurch möglich, daß man die Risse im Felsen zum Emporsteigen benutzt, das schwere Seil dann mittelst des Bindfadens emporzieht und erst die Verunglückte und dann sich selbst daran herunterläßt.« Die Aufregung der Leute war groß. Rufe des Erstaunens und der Verwunderung über die glückliche Richtung des Falles mischten sich mit mißbilligenden Ausdrücken über die von Winter gehegte Ansicht von der Art und Weise, wie das Mädchen zu retten sei. Hunderterlei Meinungen wurden ausgesprochen; der Essenkehrer aber hörte gar nicht auf die Worte. Er verfolgte den Lauf der verschiedenen Risse und Klüftungen und schien endlich über den Weg, den er einzuschlagen hatte, mit sich einig zu sein. Jetzt brachten auch mehrere Arbeiter das Seil, und gleich hinter ihnen kam der schnellfüßige Lehrling gesprungen und übergab Winter den verlangten Bindfaden. »Nun paßt auf, ihr Leute. Ich steige hinauf, und wenn ich Euch den Faden herablasse, so befestigt Ihr das Seil daran. Das ist Alles, was ihr zu thun habt!« Er steckte Hammer und Meißel. welche er schon vorhin aus der Werkzeughütte geholt hatte, zu sich, kletterte über die Steintrümmer hinüber zur Felsenwand und begann den gefahrvollen Aufsteig [Aufstieg?]. Der Felsen stieg senkrecht in die Höhe und zeigte sogar Stellen, wo er sich nach außen wölbte. Hier galt es nicht nur ein sichres Auge und ein muthiges Herz, sondern vor allen Dingen war ein mit ungewöhnlicher Muskelkraft ausgerüsteter Körper nothwendig. Denn bei dem geringsten Nachlassen der angespannten Muskeln war der verderbliche Sturz die augenblicklichste Folge. Mit dem Rücken nach Außen, stemmte er Arme und Beine in die Kluft und arbeitete sich langsam und ruhig nach Schornsteinfegermanier empor. Die Augen der Umstehenden hingen mit Spannung an ihm; ununterbrochene Zurufe, die ihn anfeuern oder auf eine schlimme Stelle aufmerksam machen sollten, ertönten, und wenn er blos mit einer Hand oder nur mit einem einzigen Fuße Halt nehmen durfte, um den Uebergang aus einem Risse in den andern zu erzwingen, so konnte man die Herzen fast klopfen hören. Und je weiter hinauf er kam, desto größer wuchs auch die Gefahr. Aber nicht ein einziges Mal stieg oder griff er fehl. Es war, als hätte er den Weg schon hundert Male zurückgelegt und sei mit jedem Fußbreit des Felsens genau und innig vertraut. Die Nachricht von dem Unglücke, welches die schöne Polin betroffen hatte, war mittler Weile durch die ganze Stadt gelaufen, und wer nur einigermaßen von zu Hause fort konnte, der eilte hinaus, um Augenzeuge sein zu können. (Fortsetzung folgt.) ------------------------------------------------------------------------ - 495 - Wanda. Novelle von K a r l M a y . (Fortsetzung.) Der Baron war sofort in die Wohnung der Baronin geeilt, hatte schleunigst anspannen lassen und fuhr mit der alten Dame so weit heran, als es das Terrain erlaubte. Dann half er ihr aus dem Wagen und führte sie vollends hinauf bis in den obersten Bruch. Kein Zug in dem Angesichte der kalten, strengen Aristokratin verrieth eine Spur von innerer Aufregung; aber ein sorgfältiger Beobachter hätte hinter dem feuchten Glanze ihres Auges die tiefe Angst bemerken können, welche ihr bei gewöhnlichen [gewöhnlicher] Gelegenheit starres, durch die Unglückskunde jetzt aber zum Bewußtsein gekommenes Herz erfüllte. Auf dem ganzen Wege hatte der Baron kein Wort gesprochen, aber als er jetzt den unerschrockenen Kletterer bemerkte, stieß er einen lauten Ruf der Verwunderung aus. »Wer ist der Mann?« fragte er Einen der Leute. »Der Essenkehrer Winter.« »Ach dieser,« dehnte er mit einem eigenthümlichen Tone der Befriedigung. »Ich kann nichts dagegen haben, wenn er den Hals brechen will. Die Sache konnte anders und besser angegriffen werden!« Thomas und Gräßler waren jetzt wieder nach unten gekommen, und da sie eben vor dem Sprecher vorübergingen, vernahmen Beide die Worte. Rasch drehte sich der Schmied um und schlug dem Baron die große, schwielige Hand derart auf die Schulter, daß er tief zusammenzuckte. »Maul halten, Bruderherz! Wie so vieles Andre, scheint der da droben ooch diese Sache besser zu verstehen, als Sie. Eegentlich wäre es Ihre Pflicht, sich da noff zu würgen und ich kann mich nich genug wundern, daß Sie so ruhig hier stehen bleiben können. Also, Schatz, nehmen Se sich mit Redensarten in Acht; wir sind heut' nich mehr im Tanzsaale!« Säumen schien erst jetzt zu erkennen, was sein Verhältniß zu Wanda von ihm fordere. Rasch warf er den Ueberrock ab und trat einige Schritte vor. »Bringt das Seil nach oben. Ich werde mich daran herablassen!« »Das wird nich gehen,« entgegnete ihm Thomas. »Warum nicht?« »Winter hats für sich holen lassen.« »Aber es gehört dahin, wo es am Nothwendigsten gebraucht wird!« »Und das wird gerade hier bei uns sein.« »Wissen Sie, mit wem Sie sprechen?« »Noch nich so ganz genau; vielleicht aber erfahre ichs noch!« Jetzt erscholl ein lauter, einstimmiger Ruf der Freude. Winter hatte die Höhle erreicht und war in ihrer Vertiefung verschwunden. Die Spannung war eine so aufreibende und bedeutende gewesen, daß selbst die Zuschauer einer Erholung bedurften, und diese fanden sie dadurch, daß sie ihrer Beklemmung in lauten Ausbrüchen Luft machten. »Nehmt doch Verstand an, ihr Leute!« rief der Schmied in die schreiende und gestikulirende Versammlung hinein. »Wenn der Winter uns was zurufen will, so hören wir mein' Seel keen Wort dervon!« Augenblicklich trat die gewünschte Stille ein; aber der erwartete Zuruf blieb aus. Aller Augen hingen an der Mündung der Höhle. Da endlich bewegte sich oben das Gebüsch und ein Kopf kam zum Vorschein. »Er hat se neingezogen, und nun is er wieder haußen und wird die Schnure runterlassen.« »Nee, das is der Winter nich, das is alleweile de Polin selber. Potz Himmel und Wolken, is das een Mädel. Se will sich de Passage erst selber ansehen. Die hat keene Spur von Schwindel im Blute. Aber se is doch nich so ganz und gar billig weggekommen; seht Ihrs, daß se sich den Kopp verbunden hat?« Jetzt zog sie sich wieder zurück, und kurze Zeit darauf vernahm man laute Hammerschläge. Eine Weile, nachdem dieselben verklungen waren, rief Thomas: »Guckt 'mal! Is das nich der Faden, der da 'runter kommt? Ja wirklich. Er hat eenen Steen daran gebunden, daß er nich fliegen soll. So, da haben wir ihn. Er is doppelt, und das is gescheidt; er könnte sonst an den Steenen gescheuert werden. Gebt das Seil her; wir wollen es anschlingen!« Es geschah, und bald darauf wurde es in die Höhe gezogen. Dann wurde das Gestrüpp ausgerissen und herunter geworfen, und nun konnte man die Beiden oben stehen sehen. Das Mädchen hatte das Oberkleid hosenartig zusammengeschlagen und ließ sich furchtlos an dem Rande des Abgrundes nieder. Sie hatte sich das Seil um den Leib befestigt und stand mit den Füßen in einer Schlinge, welche ihr sicheren Halt gewährte. Die Hände hatte sie sich zur nothwendigen Abwehr gegen den Felsen frei gehalten. Jetzt drehte sie sich gegen die Wand und hing im nächsten Augenblicke frei in der Luft. Winter stand mit vorgestemmtem Beine und zurückgebogenem Oberkörper am Eingange der Höhle und hielt mit kräftiger Hand das Seil, an welchem sie niederschwebte. Langsam und vorsichtig griff sie, jede Umdrehung vermeidend, sich abwärts, und wenn sich auch ihren zarten Händen die Spuren der ungewohnten Berührung mit dem harten und scharfen Gestein einprägten, so kam sie doch nach kurzer Zeit sicher und wohlbehalten unten an, wo sie mit schallendem Jubelrufe empfangen wurde. Sie aber wehrte die stürmischen Freudenbezeugungen von sich ab und wies, nachdem sie sich von den Schlingen befreit hatte, empor zur Höhe, in welcher Winter sich eben anschickte, nachzufolgen. ------------------------------------------------------------------------ - 496 - Das Niederturnen war bei Weitem nicht so gefahrvoll wie das Emporklimmen. und so langte auch er unverletzt auf dem Boden an. Fast, freilich, hätte er ihn nicht erreicht; denn kaum war er ihm nahe, so streckten sich auch ein Dutzend Arme aus, ihn zu empfangen, und die stürmisch erregte Menge machte alle Anstalt, ihn auf die Schultern zu heben und im Triumph nach Hause zu tragen. Er aber machte sich mit einer energischen Bewegung frei und brach sich durch die Umstehenden Bahn, um zu Wanda zu gelangen. »Sind Sie beschädigt, Fräulein?« »Ich danke, nein.« »So gestatten Sie mir den herzlichsten Glückwunsch. Für eine Dame war die Fahrt nicht ganz unbedenklich.« »Das schwache Geschlecht ist zuweilen weniger zaghaft als das sogenannte starke. Man entledigt sich einfach des Rockes und hat damit seine Pflicht natürlich in ihrem vollsten Umfange erfüllt. Nicht wahr, Mama?« Die alte Dame war mit dem Baron herzugetreten, und Letzterer hatte die ihm geltenden Worte vernommen. »Du darfst nicht ungerecht sein, Wanda! Der Herr Baron kam, als die befriedigendsten Anstalten zu Deiner Rettung bereits getroffen waren. Zur unmittelbaren Theilnahme an dem Wagnisse war es für ihn also zu spät.« »Herzlichen Dank für die freundliche Verteidigung, gnädige Frau. Ich wünsche nichts mehr, als daß es mir an Stelle eines Fremden vergönnt gewesen sein möchte, meiner Braut den Beweis zu liefern, daß ich in ihrem Dienste weder Gefahr noch Tod scheue.« »Ich hege die vollständige Ueberzeugung,« entgegnete Wanda, und ihre Stimme hatte eine fast schneidende Schärfe, »daß Du in Absicht auf meine Person eine kleine Gefahr nicht scheuest. Und hätte ich bisher diese Absicht auch nicht gehegt, so würde dieser unerwartete Fund mich eines Besseren belehren.« Sie hielt ihm ein weißes Taschentuch entgegen, an dessen Stickerei er es sofort als das seinige erkannte. Bis hinter die Schläfe erbleichend, streckte er die Hand darnach aus; sie aber zog es rasch zurück. »Du erlaubst mir wohl, dieses freundliche Souvenir in meine eigene Verwahrung zu nehmen?« »Ein so werthloser Gegenstand kann unmöglich Bedeutung für Dich haben.« »Unter gewöhnlichen Umständen allerdings nicht. Der heutige Tag aber zeigt uns eine so eclatante Romantik, daß für mich selbst das sonst Werthloseste große Bedeutung enthält.« »Höchst wahrscheinlich habe ich das Tuch bei meinem Morgenspaziergange verloren.« »Möglich. Doch willst Du nicht Mama sekundiren? Es ist jedenfalls Deine Pflicht, meinem Retter ein Wort der Anerkennung zu sagen!« Die Baronin hatte sich mit ungewöhnlicher Herzlichkeit zu Winter gewandt. Aber obgleich er ihren überraschend wohlwollenden Aeußerungen mit Aufmerksamkeit folgte und mit Gewandtheit auf ihre Redewendungen einging, so war er doch der Einzige, dem keine Silbe des Gespräches zwischen den beiden Verlobten entgangen war. Diese traten jetzt näher, und der Baron versuchte, seinen Worten die größtmöglichste Freundlichkeit zu geben. »Herr Winter, ich ergreife mit Freuden die Gelegenheit, mich Ihnen zu nahen, um -« »Herr Baron, ich ergreife mit Freuden die Gelegenheit, mich von Ihnen zu entfernen!« Es lag eine unendliche Verachtung in dem Zucken seiner Augenwinkel und der legeren Art und Weise, in welcher er die Spitzen seines Bärtchens drehte. Sofort aber nahmen, der Baronin gegenüber, seine Züge den Ausdruck tiefsten Respectes an, als er, von ihr sich verabschiedend, sprach: »Gnädige Frau, ich kenne kein härteres Loos, als nach einem Leben voller Entsagung und Enttäuschung weder Liebe noch Verständniß zu finden. Verzeihen Sie meiner Indiscretion, welche aus dem Bestreben entspringt, Ihnen meine Hochachtung zu beweisen.« Trotz der Zudringlichkeit, welche zu jeder andern Stunde in diesen Worten gelegen hätte, ging es wie eine tiefe, ungewohnte Rührung über ihr sonst so starres und hartes Angesicht, und man sah es ihr an, daß sie ihm gern eine wohlwollende Antwort gegeben hätte. Aber er hatte sich schon entfernt und schritt auf Gräßler und Thomas zu, welche ihn erwarteten. Jedoch mitten im Laufe hielt er inne und bückte sich zu dem noch am Boden liegenden Ueberzieher, um ihn aufzuheben und einer näheren Betrachtung zu unterwerfen. Mit sichtbarer Spannung richtete er das Auge auf die innere Seite des Kragens, wo gerade unter dem Henkel in weißer Seidestickerei die Worte »Jules Ragellef, marchand tailleur, Paris« angebracht waren. Kaum hatte er die Schrift überflogen, so legte er das Kleidungsstück mit gleichgiltiger Miene wieder nieder, und nur einem scharfen Auge wäre die Bemerkung geglückt, daß diese Gleichgiltigkeit nur eine scheinbare sei. Schon wollte er sich mit den beiden Freunden entfernen, da trat Wanda auf ihn zu. »Herr Winter, Sie haben mir das Leben gerettet; ich darf Ihnen also nicht grollen.« »Eine von der Höflichkeit gebotene oder durch die Dankbarkeit erzwungene Verzeihung kann nur den Oberflächlichen befriedigen. Sie haben das Recht, mir zu zürnen, und ich bitte Sie, auf dieses Recht nicht Verzicht zu leisten. Ich bin nicht schwach genug, um vor einer bloßen Gesinnung zu zittern.« »Gut, so werde ich zürnen, bis Sie selbst mich um Verzeihung bitten.« »Das werde ich thun, sobald ich die Gewißheit habe, daß der Sünder nicht aus bloßer Dankbarkeit begnadigt wird.« »Wenn die Verzeihung Ihnen überhaupt einmal wünschenswerth sein könnte, so würden Sie jetzt nicht ein so großes Verlangen nach meinem Zorne geäußert haben.« »Der Zorn kann nicht größer sein als seine Begründung, und diese ist wohl nicht von sehr erschreckenden Dimensionen.« »O doch; oder soll ich gleichgiltig dazu sein, daß Sie meine Schuld ohne meine Erlaubniß quitt gemacht haben dadurch, daß Sie sich nach Belieben Ihren Lohn wählten und ihn in Empfang nahmen ohne meinen Willen und noch ehe Ihr Werk beendet war?« (Fortsetzung folgt.) ------------------------------------------------------------------------ - 510 - Wanda. Novelle von K a r l M a y . (Fortsetzung.) »Ist's möglich, Fräulein, Sie zürnen mir nicht meiner Schwachheit wegen, sondern deshalb, weil wir nun quitt sind?« »Ich zürne!« erwiederte sie erröthend, indem sie eine verabschiedende Handbewegung machte. »Ueber den wahren Grund dürfen Sie nachdenken.« Sie schritt in Begleitung ihrer Mutter und des Barons dem Wagen zu, während Winter zu Gräßler und Thomas zurücktrat. »Was wird denn nun mit dem Seile, Emil?« »Die Leute mögen es losreißen; der Keil wird mehr als die Schwere einiger Menschen nicht tragen.« »Na, das können se ooch ohne uns machen, Emil. Da kommt der Stadtrichter und wirklich schon zwee Polizisten hinter ihm.« Der Genannte trat zu den Dreien und richtete seine Fragen besonders an Winter, welcher ein einfaches Referat des Sachbefundes gab, ohne sich auf Schlüsse oder Verdachtserklärungen einzulassen. Am Schlusse der Unterredung bat der Vater der Stadt um Verschwiegenheit und gab die Erklärung, die Sache sofort der Staatsanwaltschaft zu übergeben. Dann verabschiedete er sich von ihnen. »Da wird unser Special in eene schöne Patsche gerathen. Ich werde mein Möglichstes thun, ihn in Trapp zu bringen.« »Man muß vorsichtig sein, Anton. So klar ich mir in dieser Beziehung auf meine Ansicht bin, so hüte ich mich doch vor einem lauten, voreiligen Urtheile. Wir haben unsere Pflicht getan; das übrige ist nicht unsere Sache.« »Warum gucktest Du denn seinen Rock off so 'ne eigenthümliche Weise an?« »Der Name, welcher inwendig am Kragen sich befand, fiel mir auf.« »Ach so! Das itzt neue Mode. Wenn een Schneider nur halbege vierteljährlich drei alte Röcke zu wenden hat, so steppt er seinen Geburtsschein, sein Taufzeugniß und wo möglich ooch noch seine Impflegitimation unter den Henkel, damit der Lumpensammler später sieht, wem er den Profit zu verdanken hat. - Aber, Emil, was ich Dir sagen wollt: Du bist wirklich een tüchtiger Kerl!« »Warum?« »Warum? Das brauche ich Dir wieder nich erst zu sagen. Hier is de Thüre. Mach, daß Du 'nein kommst, und ruhe Dich gehörig aus. Es is mein' Seel' keen Spaß, nur immer so den Lebensretter spielen. Gestern off der Dachfirste und heut gar im Felsenbruche. Ich bin nur neugierig, wo's morgen werden wird; vielleicht droben im Monde. Das halte der Deixel aus, ich nich! Leb wohl, Emil! Komm, Heinrich; Du gehst doch mit heeme?« »Ja wohl; 's wird endlich 'mal Zeit. Leb wohl, Emil!« »Adieu!« Er trat in seine Stube, die er verlassen hatte, ohne zu ahnen, welche Bedeutung die nächsten Viertelstunden für ihn haben würden. Aber er gönnte sich die nach der gehabten Aufregung und Anstrengung so nothwendige Ruhe nicht, sondern kaum hatte er die schadhaft gewordene Kleidung mit einer andern vertauscht, so öffnete er ein Fach seines Schreibpultes und zog einen Packt Briefe hervor, aus denen er einen herausnahm und öffnete, um ihn zu lesen. Den ersten Theil des Schreibens überblickte er mit flüchtigem Auge; den letzten Zeilen aber schenkte er doppelte Aufmerksamkeit. Sie lauteten: »Selbst ein nur leidlicher Polizist hätte das Material ein hinreichendes nennen müssen. Der Stubennachbar war jedenfalls der Thäter; denn er hatte bei seiner Entfernung das sämmtliche Gepäck des Ermordeten bei sich gehabt, worauf der Hausknecht sich leider zu spät besann. Sein Signalement war ein vollständiges, und wenn ich auch annehme, daß der dichte, schwarze Vollbart ein falscher gewesen sei, so kann doch dieser Umstand ein gutes Auge nicht irre leiten. Als vorsichtiger Mann hat er die eingeschlagene Route jedenfalls bei der nächsten Station schon verändert; aber man hatte ja Erkennungszeichen, und das sicherste, wenn auch nicht auf den ersten Blick zu ermittelnde, war eine Namenstickerei, welche der Hausknecht beim Reinigen des Oberrockes an der inneren Seite des Kragens bemerkt hatte. Sie lautete: »Jules Ragellef, marchand tailleur, Paris«. Hiermit war der Nachforschung das Terrain geöffnet. Aber man gefiel sich wie gewöhnlich in dem ignoranten Belächeln meiner Gründe und Folgerungen und lief in's Blaue hinein, bis man Weg und Steg verloren hatte und endlich froh war, zu Hause bei Muttern von der erfolglosen Hetzjagd ausruhen zu können. Meine akademischen Kenntnisse geben mir das Uebergewicht über die Mehrzahl meiner Kameraden. Das erweckt Neid und Mißgunst und stellt mich in die traurige Lage, immer nur zu meinem Schaden gegen die Feindschaft meiner Vorgesetzten ankämpfen zu müssen. Man scheut keine Anstrengung, mich müde zu machen, und erreicht man diesen Zweck nicht, so wird man über kurz oder lang eine Gelegenheit, mich zu blamiren, bei den Haaren herbeiziehen, welche die Veranlassung zu meiner Entfernung sein wird. Commissär Hagen, ein Neffe Eures Polizeirathes ist der unversöhnlichste meiner Gegner; doch fürchte ich weder ihn noch die Anderen. Ich thue einfach meine Pflicht und werde ja sehen, wessen Geduld die ausdauerndste ist. Dein Bruder.« Als er die Zeilen wiederholt gelesen, blickte er lange mit sinnendem Ausdrucke über das Papier hinweg durch das Fenster hinaus. Er mochte an die Schwierigkeiten denken, welche sich Dem entgegenstellen, welchem die Hebel fehlen, die der ------------------------------------------------------------------------ - 511 - Bevorzugte zum Zwecke eines raschen Avancements anzusetzen pflegt. Gerade so wie er war auch sein Bruder lediglich nur auf seine eigene Kraft und Geschicklichkeit angewiesen gewesen und hatte unausgesetzt mit widerlichen Schicksalen zu ringen gehabt. Die Liebe hatte ihn mit der Tochter eines seiner höchsten Vorgesetzten zusammengeführt; aber obgleich seine Neigung mit aller Treue und Herzlichkeit erwiedert wurde, durfte er sich doch nicht eher Hoffnung auf die Erfüllung seiner Wünsche machen, als bis es ihm geglückt war, aus seiner untergeordneten Stellung in eine höhere empor zu rücken. Aber bei der feindseligen Beharrlichkeit, mit welcher man ihm jede Gelegenheit, sich auszuzeichnen, entzog und seine Befähigung in Zweifel zu ziehen strebte, war dieser Zeitpunkt in die größeste Ferne hinausgeschoben. Die Lage des Bruders drückte Emil mehr, als es früher eigene Hilfsbedürftigkeit gethan hatte. Längst schon hatte er den sehnlichen Wunsch gehegt, ihm dienen, ihn unterstützen zu können; aber bei der Ungleichheit ihrer Stellungen und der weiten Entfernung ihrer gegenseitigen Wohnorte war ihm das eine Unmöglichkeit gewesen. Jetzt nun schien sich eine treffliche Gelegenheit dazu zu bieten, und er beschloß, sie zu benutzen. Langsam griff er zur Feder, legte in Gedanken die vorliegenden Verhältnisse noch einmal zurecht und begann dann, einen ausführlichen Bericht nebst der klaren Darstellung seiner Vermuthungen aufzuzeichnen. Als er geendet hatte. überlas er das Geschriebene noch einmal und meinte dann mit einem Lächeln, in welchem sich das wohltuende Gefühl der Hoffnung aussprach: »So, das wäre der Anfang. Gott gebe, daß es ein Gelingen hat und ihm Erfüllung seiner Wünsche bringt.« ------------------------------------------------------------------------ III. Auf der Fährte Es läutete zum dritten Male, und die drei Schläge der Perronglocke gaben das Zeichen zum Schließen des Waggons. Eine schrillpfeifende Anfrage des Maschinisten, ob Alles zur Abfahrt fertig sei, wurde in bejahender Weise durch das Signal des Zugführers beantwortet, und nach einigen tiefen Athemzügen der Locomotive setzte sich die lange Wagenreihe in Bewegung. »Halt!« rief ein jetzt herbeistürzender Passagier, welcher sein Coupee zweiter Classe auf einige Zeit verlassen hatte und nun nicht mehr erreichen konnte. »Nok will auk ich mit!« »Springen Sie schnell hier herein!« rief ihm der nächste Schaffner zu, indem er eine Thüre öffnete. Mit einem Sprunge stand der Verspätete im Coupee und befand sich einem jungen Manne gegenüber, welcher als alleiniger Besitzer des Raumes die Größe desselben benutzt und sich lang auf die Bank hingestreckt hatte. »Fi donc! Hier ist nicht su sein agréable. Mak Sie su der Fenster. Ich bin gesprung', daß Schweiß marschier über meine ganze Leib.« Der Daliegende war bei dem ersten Anbiicke [Anblicke] des Fremden in halber Ueberraschung in die Höhe gefahren, hatte sich aber sofort mit einem Lächeln ironischer Befriedigung wieder niedergelegt und die Worte scheinbar überhört. »Nun, was lieg' Sie da und geb' nicht Folge? Hab' Sie nicht verstand' meine Befehl?« »Helas! Wo'er hab' Sie die Rekt, su geb' mir eine Befehl?« »Ah! Sie sind auk ein Franzos?« »Bitte, bitte, Herr Professor,« rief der Banklagernde lachend. »Geben Sie sich doch nicht die wenigstens bei mir vergebliche Mühe, für einen Franzosen zu gelten. Sie radebrechen ja Ihre Gallicismen mit wahrhaft halsbrecherischer Schülerhaftigkeit.« »Wie-wieso? Oder vielmehr, wie meinen Sie das?« stotterte der Professor Genannte verdutzt. »Ich will,« antwortete der jetzt nur noch lauter Lachende, »Ihnen das Unangenehme des jetzigen Augenblickes durch das Geständniß kürzen, daß wir alte Bekannte sind, welche sich vor einander nicht zu maskiren brauchen.« »Alte Bekannte? Woher denn?« fragte er, sich setzend. während der Andre sich nun erhob, um das Fenster zu schließen. »Wir hatten vor einiger Zeit Beide das Unglück, zwischen den Mauern des Vicetre eingeschlossen zu sein. Was mich betrifft, so war ich allerdings nicht nach Paris gekommen, meinen Wechselstudien eine in der Gefängnißzelle endende Richtung zu geben. Und auch Sie werden sich ungern jener unangenehmen Zeiten erinnern. Doch mußte ich diese Bemerkung machen, um Sie durch den Beweis unserer Bekanntschaft vor neuen grammatikalischen Schnitzern sicher zu stellen.« »Im Vicetre waren Sie? Ich erinnere mich nicht, Sie gesehen zu haben.« »Bei der großen Zahl der Gefangenen, ist es dort sehr leicht möglich, ein Gesicht zu übersehen. Desto vertrauter freilich bin ich mit ihren [Ihren] Verhältnissen.« »Ich zweifle.« »Ohne Grund. Ich hatte in der Schreibstube Beschäftigung, und Ihre Acten. welche mir dabei in die Hände kamen, haben mir ein sehr lebhaftes Interesse für Ihre Person eingeflößt, und als Sie dann so plötzlich -« »Halten Sie ein. Es ist nicht nothwendig, von Dingen zu sprechen, welche mich ganz und gar nichts angehen. Sie verkennen mich!« »Wohl nicht, Herr Professor. Wen ich einmal gesehen, den kenne ich noch nach Jahren sicher wieder, und überdieß sprechen Sie jetzt plötzlich ein sehr reines Deutsch. Beweis genug, daß Sie der nicht sind, für den Sie gelten wollen. Also erlauben Sie mir, meinen unterbrochenen Satz zu Ende zu führen.« »Ich wünsche es nicht.« »Warum nicht? Wir sind hier vollständig unter uns, und ich sehe nicht ein, warum zwei Männer, welche gleiches Loos getragen haben, sich scheuen sollten, von diesem Loose zu sprechen. Also - und als Sie dann so plötzlich über die Mauern hinweg verschwunden waren, bedauerte ich es sehr, nicht in nähere Verbindung mit Ihnen getreten zu sein. Aber ich konnte allerdings nicht wissen, daß wir die gleiche Absicht gehegt hatten, unsere Gefangenschaft auf eigene Faust abzukürzen. Glücklicher Weise ist mir das ebenso gut gelungen wie Ihnen, und ich wundere mich nur, daß Sie die Unvorsichtigkeit begehen, sich für einen Angehörigen der berühmten Nation auszugeben.« »Das geschieht aus mehreren Rücksichten.« ------------------------------------------------------------------------ - 512 - »Darf ich neugierig sein?« fragte der junge Mann, und in seinen Augen blitzte es auf wie Siegesbewußtsein bei den ein volles Zugeständniß enthaltenden Worten des Professors. »Erstens bin ich jetzt Aeronaut und hege die Ansicht, daß ich als Professor und Mitglied der academique française mehr Effect erziele, als unter einem weniger aplomben deutschen Namen.« »Und zweitens?« »Und zweitens ist sehr zu vermuthen, daß man unter einem französischen Professor keinen deutschen Flüchtling suchen wird. Der Deutsche würde in der Heimath nicht französisch sprechen.« »Sie sind scharfsinnig. Nur sollten Sie besser vertraut mit den Eigenthümlichkeiten eines von einem ächten Franzosen gesprochenen Deutsch sein.« »Ich habe diesen Mangel oft gefühlt; aber es hat sich keine passende Gelegenheit gefunden, ihm abzuhelfen. Sprechen Sie rein französisch?« »Ja.« »Und kennen Sie jene Eigenthümlichkeiten genau?« »Sehr.« »Es ist gewiß, daß Sie auch entsprungen sind?« »Würde ich Ihnen im Verneinungsfalle eine so gefährliche Mittheilung gemacht haben?« »Wohl wahr. Sie kennen meinen Namen? Sie nannten mich gleich bei meinem Eintritte Professor.« »Ich sah Sie und las von Ihnen in der Hauptstadt.« »Und Ihr Name?« »Erlauben Sie mir, vorsichtig zu sein!« »Ganz, wie Sie wollen; aber Sie sehen doch ein, daß Sie mir gegenüber keinen Grund zum Mißtrauen haben.« »Ich stimme Ihnen vollständig bei, doch hat bei uns der Name ja nicht die Bedeutung, welche er bei Andern besitzt. Wir wechseln ihn wie einen Rock.« »Zugestanden. Aber nach Ihrer Eigenschaft darf ich fragen?« »Ich habe leider keine feststehende.« »Sie bedürfen doch aber der Mittel, Ihre Existenz zu fristen!« »Ah, pah. Ich bin ein guter Billardspieler.« »Dann ist Ihre Existenz eine sehr problematische. Ich würde zu einer besseren greifen.« »Wäre auch schon längst geschehen, wenn sie sich mir geboten hätte. Ich habe leider nie dem Glücke im Schoße gesessen.« »Hm!« machte der Professor, indem er sein Gegenüber mit einem nachdenklichen und vorsichtigen Blicke musterte. »Hm; ich hätte etwas für Sie, wenn ich nur wüßte -« »Was?« »Ich wollte sagen: wenn ich nur wüßte, ob ich Ihnen trauen darf?'. »Sehr aufrichtig,« lachte sein Gegenüber. »Aber ich kann Ihnen nicht zürnen und noch weniger Sie tadeln.« »Ich weiß so wenig von Ihnen, und dieses Wenige beschränkt sich nur auf das, was Sie selbst mir gesagt haben.« »Habe ich für meine Lage Ihnen nicht genug oder gar schon zu viel gesagt? Zu näheren Details könnte ich mich nur entschließen, wenn mir sowohl in Beziehung auf Ihre Person als auch durch Das, was Sie mir bieten, eine sichere Garantie geboten wird.« »Hm. Wenn Sie von der Residenz kommen, werden Sie wohl auch erfahren haben, daß mein Gehilfe bei unserer letzten Ballonfahrt verunglückt ist.« »Ich weiß es.« »Ich kann nicht allein stehen und bedarf eines Ersatzmannes. Doch müßte es ein etwas wissenschaftlich gebildeter Mensch sein.« »Ich habe studiert.« »Ah, wirklich?« »Ein solcher Platz wäre mir angenehm, zumal ich die feste Ueberzeugung hege, Ihre Ansprüche befriedigen zu können.« »So, das wäre wünschenswerth, besonders da ich mehr Practiker als Theoretiker bin. Mein Bruder nämlich war Aëronaut. Zu ihm flüchtete ich mich, und er weihte mich in die Kunst der Luftschiffahrt ein. In England starb er und hinterließ mir seinen Ballon, seinen Namen und seine Papiere. Er galt für einen Franzosen, und ich habe diese Geltung auf mich übertragen.« »Das Glück ist Ihnen günstiger gewesen als mir.« »Vielleicht erklärt es sich endlich doch auch noch für Sie. Wollen Sie bei mir bleiben?« »Unter welchen Bedingungen?« »Ueber diese werden wir uns schnell einigen, wenn wir uns nur erst näher kennen gelernt haben. Jetzt fragt es sich in erster Linie, ob Sie Lust zu einer Stellung wie die gebotene haben.« »Ich sage: Ja.« »Topp; schlagen Sie ein!« »Hier meine Hand. Ich bin frei von Furchtsamkeit und Schwindel.« »Aufsteigen werden Sie wenigstens in der ersten Zeit nicht mit. Meine Einnahme erstreckt sich außer auf das Ergebniß der unter den Zuschauern stattfindenden Sammlung, welche Sie zu besorgen hätten, auch auf die Gratificationen der Passagiere, und so muß ich mit den Gondelplätzen geizen.« »Hoffen Sie, auch in dem einfachen Provinzialstädtchen, nach welchem Sie gehen, solche Passagiere zu finden?« »Sie wissen, wohin ich gehe?« »Die Zeitungen plaudern davon.« »Ich bin von dem dortigen Gewerbeverein eingeladen und werde Unterstützung finden. Es scheint ein sehr lernbegieriges Völkchen dort zu wohnen.« Der Professor hatte es sich längst bequem gemacht und blieb auch dann noch in dem Coupee, als der Schaffner ihn zur Uebersiedelung bewegen wollte. Das Gespräch wurde lebhaft fortgesetzt, und es wäre für einen ungesehenen Beobachter von Interesse gewesen, die Herzensgesinnung der beiden Männer zu erforschen. Trotz der Schnelligkeit, mit welcher der Luftschiffer seinen Vorschlag gemacht hatte, schien es doch kein freiwilliger zu sein; denn es lag, sobald er sich unbemerkt wähnte, in seinen Blicken etwas Lauerndes und Feindseliges. (Fortsetzung folgt.) ------------------------------------------------------------------------ - 526 - Wanda. Novelle von K a r l M a y . (Fortsetzung.) Der neu engagirte Gehilfe aber schien alle Vorsicht vergessen zu haben und machte die offenherzigsten Enthüllungen aus seiner Vergangenheit. So war der letzte Anhaltepunkt erreicht und nach kurzer Zeit gab die Maschine das Zeichen, daß für die beiden durch den Zufall Vereinigten die Fahrt bald zu Ende sei. »Parbleu, welch' ein Mädchen!« rief da plötzlich der Professor und zeigte zum Fenster hinaus. »Sehen Sie dort die Dame auf dem Rappen? Es ist ein Andalusier vom reinsten Geblüt; ich kenne von meinen früheren Wanderungen durch die Halbinsel diese Rasse von Thieren und behaupte geradezu, daß er seine vollen zwei Tausend Thaler gekostet hat. Dem Besitzer muß ein großes Vermögen zur Verfügung stehen.« Der Zug befand sich schon in der Nähe des Stationsgebäudes und verminderte aus diesem Grunde seine bisherige Schnelligkeit. Die von beiden Seiten mit Kastanien berandete Allee, welche von der Stadt zum Bahnhofe führte, ging eine Strecke mit dem Trace der Bahn fast parallel, und so konnten die beiden Reisenden während der sich verlangsamenden Fahrt zwei Personen beobachten, welche sich zu Pferde dem Haltepunkte näherten. Es war eine Dame, welche einen spanischen Rapphengst ritt, dessen dunkle Farbe und feurigen Bewegungen effektvoll von dem lichten Kleide und der nachlässig sicheren Haltung der Reiterin abstachen. Der sie begleitende Herr saß auf einem braunen Trakehner. Er hing mit dem Anstande eines Mannes auf dem Pferde, den der Vorwurf, auf Studium und Ausübung der edlen Reitkunst zu viel Sorgfalt und Anstrengung verwendet zu haben, nicht gut treffen kann. Deshalb war, trotzdem seine Aufmerksamkeit schon aus Kavaliersrücksichten, der Begleiterin zugewandt sein sollte, dieselbe doch mit einer leicht ersichtlichen Aengstlichkeit auf sich selbst gerichtet, und es ließ sich unschwer erkennen, daß in den Blicken, welche die junge Dame ihm zuweilen zuwarf, sich eine Art von verächtlicher Besorgniß aussprach. »Wer muß denn die Dame sein?« fragte der Professor. »Zufällig kenne ich sie von der Residenz her. Es ist Fräulein von Chlowicki, welche mit ihrer Pflegemutter aus Gesundheitsrücksichten hierher gezogen ist.« »Und der Herr an ihrer Seite?« »Habe ihn noch nicht gesehen,« erwiderte der Andere; aber sein Auge war mit einer durchdringenden Schärfe auf den Gegenstand ihres Gespräches gerichtet und schien denselben durchbohren zu wollen. Da aber stieß der Aëronaut einen Ruf der Ueberraschung aus und sprang erregt in die Höhe. »Ventre-saint-gris! Das ist ja der Morelly, welcher - Wie kommt denn der an die Seite einer Dame von solcher Distinction!« Er rüttelte mit beiden Händen an der Thür des Waggons, als könne er das Oeffnen desselben nicht erwarten, und als einen Augenblick später der Zug hielt, verließ er hastig das Coupée und schritt eiligen Laufes über den Perron nach der Straße zu, wo die Reitenden noch vor der geschlossenen Barriére hielten. Ueber das Gesicht seines Gefährten war es bei dem Namen Morelly wie ein plötzlich aufleuchtender Strahl geflogen. Er ergriff das beiderseitige Gepäck und folgte dem Vorangeeilten mit raschen Schritten, um bei dem Zusammentreffen der beiden Männer gegenwärtig zu sein. Leider war es ihm nicht möglich, die ersten Worte zu vernehmen; aber er bemerkte, die Leichenblässe auf dem Angesichte des Reiters und das vergeblich unterdrückte Vibriren seiner Stimme, als er jetzt zum zweiten Male antwortete: »Ich danke, Herr Professor, für die Nennung Ihres Namens; aber ich kenne keinen Grund, welcher Sie veranlassen könnte, sich mir auf offener Straße und in so derangirter Weise vorzustellen. Ich habe von Ihrem Kommen gehört und interessire mich allerdings sehr für das Schauspiel, welches Sie den Bewohnern dieser guten Stadt bereiten wollen. Wenn Sie aber auf meine Unterstützung rechnen, so müssen Sie vor allen Dingen den Forderungen der Höflichkeit Rechnung tragen. Ich bin der Baron Eginhardt von Säumen." »Entschuldigen Sie meine Zudringlichkeit, Herr Baron! Eine kleine Aehnlichkeit, die aber in der Nähe vollständig verschwunden ist, ließ mich in Ihnen einen Freund vermuthen, dessen Bekanntschaft ich vor längerer Zeit in Paris machte. Ich bin von der Grundlosigkeit dieser Vermuthung überführt und bitte um die Erlaubniß, mich zurückziehen zu dürfen.« »Sie haben diese Erlaubniß. Bedürfen Sie während Ihres Aufenthaltes hier meiner Hilfe, so können Sie sich bei mir anmelden. Adieu!« »Ich empfehle mich, gnädiger Herr!« Er machte dem Baron eine respectvolle Reverenz; trotz dieser Ehrenbezeugung aber fuhr ein dämonisches Glühen seines Auges über die beiden Reiter hin, und eben wollte er mit einem höchst zweideutigen Lächeln zurücktreten, als seine Aufmerksamkeit auf den Andalusier gerichtet wurde. Der Maschinist des eben angekommenen Zuges hatte mehrere Güterwagen einzurangiren und dirigirte die schnaubende und sprühende Lokomotive an der Barrière vorüber. Das feurige Pferd kam in Aufregung, und die Reiterin mußte alle Geschicklichkeit und Anstrengung aufbieten, es zu beherrschen und festzuhalten. Als aber die Wagen eingehängt waren und der Führer durch einen gellenden Pfiff das Zeichen zum Umstellen der Weiche gab, stieg es kerzengrade in die Höhe und hätte mit einem raschen Satze die Barrière übersprungen, wenn nicht unerwartet eine kräftige Hand in die Zügel gegriffen und das Thier zurückgerissen hätte. Die Polin wäre verloren gewesen; denn kaum war der rettende Griff geschehen, so pustete die Maschine herbei und hätte ohne allen Zweifel Pferd und Reiterin ergriffen und zermalmt. ------------------------------------------------------------------------ - 527 -