Carl Spitteler IMAGO (1906) ------------------------------------------------------------------------ Die Heimkehr des Richters «Warten mit dem Aussteigen! Warten denn, bis der Zug hält!» - «Dienstmann gefällig? Dienstmann?» So, das wäre jetzt also die Heimat, nach welcher man sich das Herz aus dem Leibe gesehnt hat! Dem Landjäger, der dort in der Halle lungert, würde man's auch nicht ansehen. Ich glaube gar, er gähnt. Heimat und Gähnen! «Haben Sie noch Großgepäck?» Ein Bahnhofplatz wie ein anderer; starre Häuser, hart und grau wie überall; nichts von Purpurschein und Goldschimmer. Waren denn eigentlich früher die Gassen auch so zugig und leer? Puh, diese Staubwolken! Und was für ein eiskalter Wind, anfangs September! Vor einem jedenfalls, Viktor, bist du in dieser steinernen Nüchternheit sicher: vor Liebesanfechtungen. Oh, keine Gefahr! Allein der täppische Dienstmann mit seinem zudringlichen Geschwätz erlaubte keine Besinnung. «Würden Sie mir vielleicht eine große Gefälligkeit erweisen?» ersuchte ihn Viktor. «Dann gehen Sie, bitte, langsam, aber ja recht langsam, um diesen Pfeiler, und zählen Sie genau die Schritte. - Wieviel? Sechs? Gut, ich danke; und jetzt, wenn Sie einverstanden sind, ziehen wir weiter.» Da fiel dem Männlein vor Verblüffung der Unterkiefer herunter, daß er auf dem ganzen Wege kein Wort mehr hervorbrachte. Kaum im Gasthof angekommen, verlangte Viktor das Adreßbuch. Wie heißt sie doch gleich, gegenwärtig, die Treulose, mit ihrem angeheirateten Namen? Wyß, glaube ich, Frau Direktor Wyß. Aber wovon Direktor? Es gibt Eisenbahn-, Bank-, Gas-, Zement-, Gummi-, alle möglichen und unmöglichen Direktoren. Nun, wir werden's ja gleich lesen. Richtig, da steht sie; natürlich vorsichtig hinter ihrem Manne versteckt: Dr. Treugott Wyß, Professor, Direktor des städtischen Museums und der Kunstschule, Vorstand der kantonalen Bibliothek, Mitglied der Waisenhauskommission, Münstergasse 6. Hu, wieviel Weisheit! was für ein Haufe voll Würden! Eigentümlich, ein Bankdirektor wäre mir fast lieber gewesen. Zwar also jedenfalls ein hochgebildeter Herr. Trotzdem - ich weiß nicht warum, es ist nicht meine Schuld -, ich kann mir diesen braven Ehefriedrich nicht anders als klein, unansehnlich und ein bißchen unbeholfen vorstellen, ich will nicht gerade sagen komisch. Also morgen vormittag Münstergasse sechs. Gelt, schöne Dame, das sagt dir dein kleiner Finger auch nicht, daß morgen dein Richter naht? ------------------------------------------------------------------------ Und am folgenden Morgen zur Besuchsstunde machte er sich nach der Münstergasse auf den Weg. Wie sie wohl meinen Anblick bestehen wird? Zweierlei ist möglich. Entweder sie erbleicht und wankt aus dem Zimmer, oder sie errötet, faßt sich, trotzt mir und sieht mir dreist ins Gesicht. In diesem Falle werde ich meinen Blick mit Erinnerung laden und sie zwingen, die Augen vor mir niederzuschlagen. Hernach wende ich mich zu ihm, dem Friedrich: «Hochgeehrter Herr, die rätselhafte Pantomime, die wir soeben vor Ihren erstaunten Augen aufgeführt haben, Ihre Frau und ich, verlangt eine Erklärung. Selbstverständlich bin ich bereit, sie Ihnen zu geben, halte es aber für ritterlicher, das Wort Ihrer Frau zu überlassen. Denn ob ich schon ihr Gläubiger bin, ihren Ankläger will ich nicht spielen. Von ihr also mögen Sie sich erzählen lassen, warum und wieso ich der rechtmäßige Eigentümer Ihrer Gattin bin und Sie, mein Herr, bloß mein Stellvertreter und getreuer Statthalter, dank meiner Erlaubnis. Entschlagen Sie sich indessen aller Besorgnisse; nachdem ich Sie stillschweigend als meinen Ehestatthalter anerkannt, bin ich mir bewußt, die Anstandspflicht übernommen zu haben, Ihre Ehe, Ihren Frieden, Ihr Glück in keiner Weise zu stören. Ihr Herd ist mir heilig, und meine klare Aufgabe lautet, mich zu verneigen und zu verschwinden; Sie werden an mir, Herr Direktor, die Tugend der Unsichtbarkeit schätzen lernen. Wie ich denn auch zum ersten und zum letzten Male Ihre Schwelle übertreten habe; und wenn ich heute erschienen bin, so geschah das bloß, um einmal in meinem Leben, ein einziges Mal und nie wieder, Ihrer geehrten Frau Gemahlin ergebenst meinen Mangel an Hochachtung auszudrücken. Dort liegt sie, das fleischgewordene Schuldgeständnis. Das genügt mir. Falls es Ihnen nicht genügen sollte, so wohne ich da und da und stehe jederzeit vom Morgen bis zum Abend zu Ihrer Verfügung.» So ungefähr werde ich zu ihm sprechen. - Hausnummer vierzehn; da bin ich in Gedanken vorübergegangen. Rückwärts denn: Nummer zwölf, zehn; jetzt kommt es näher; acht - also das nächste Haus. Nicht übel, das Häuschen; wie reinlich, wie wohnlich mit den weißen Spitzenvorhängen und dem weit ausladenden Erker; wer würde ihm von außen die Falschheit ansehen, die es birgt? Einen Kanarienvogel hört man auch; und Kinderlachen. Ein Kind? Wie kommt ein Kind da hinein? sollte ich mich in der Hausnummer getäuscht haben? Nein, es ist richtig Nummer sechs. Nun, es können ja mehrere Familien in einem Hause wohnen. Als er an der Tür den Namen Wyß las, begannen urplötzlich seine Pulse ein Wettrennen im Galopp. «Ruhig dort innen!» herrschte er, «Beklemmung geziemt ihr, nicht mir, dem Richter!» Zog die Klingel und eilte die Treppe hinauf, die Stufen überspringend. Es tue ihr leid, flötete das Dienstmädchen mit süßlicher Miene, Herr und Frau Direktor wären ausgegangen. Darob knirschte sein Unwille. Auf jeden Empfang war er gefaßt gewesen, nur nicht auf keinen. Überhaupt liebte er nicht, wenn jemand, den er besuchen wollte, nicht zu Hause war. «Ausgegangen!» Die geht also am hellen, lichten Tage mit jenem aus?! Freilich, das Recht dazu hatte sie, allein es gibt nicht bloß ein Recht, es gibt auch eine Scham. «Hier meine Karte, und ich würde um drei Uhr nachmittag wieder vorsprechen.» «Frau Direktor werden schwerlich heute nachmittag zu Hause sein», wagte das Dienstmädchen. «Sie wird zu Hause sein!» befahl er, kehrte sich und ging. Was für eine boshafte Person, dieses Dienstmädchen! Wie giftig sie das Wort «Frau Direktor» betont hatte, beinahe höhnisch. Auf der Treppe begegnete ihm der Briefträger. «Eine Postkarte für Frau Direktor», meldete er nach oben. Der auch! feiges Volk! Tatsachenknechte! Hätte ich sie geheiratet, so würden sie sie heute wahrscheinlich mit meinem Namen nennen. Auf der Straße zog er die Uhr: «Halb zwölf; reicht zur Not gerade noch zu Frau Steinbach vor dem Mittagessen. Ein wenig weit zwar von der Münstergasse ins Rosental, allein wenn man ein bißchen auszieht ...» - und das trauliche Gärtchen mit den Astern im Herbstsonnenschein leuchtete ihm ins Gedächtnis. Rüstig machte er sich auf den Weg, glücklächelnd ob der Vorstellung, die Freundin wiederzusehen. Und je länger, desto rascher trieb ihn das Verlangen. Vor dem Gartentürchen jedoch stutzte er: «Natürlich wahrscheinlich ebenfalls nicht zu Hause, denn wenn das einmal anfängt, so geht es wie eine Seuche.» Doch nein, Wunder! ein Freudenruf erscholl oben aus dem Fenster, und freundschaftstrahlend eilte sie ihm entgegen, die Treppe herab. Wenig fehlte, so wären sie sich um den Hals gefallen. An beiden Händen zog sie ihn mit sich: «Sind Sie's auch wirklich? - Und nun setzen Sie sich und erzählen Sie mir! Vor allem, lieber Freund, wie geht es Ihnen?» «Wie soll ich das wissen?» Laut auf lachte sie vor Vergnügen: «Daran erkenne ich Sie wieder! Also: reden Sie, sprechen Sie, einerlei was! Nur daß man Ihre Stimme hört! Damit man auch ganz sicher weiß, Sie sind es leibhaftig, und es ist nicht etwa bloß ein schönes Märchen. Denn bei Ihnen, mein Herr, geht ja Phantasie und Wirklichkeit derart durcheinander, daß man sich nicht wundern würde, wenn Sie einem plötzlich wieder unter den Augen verschwänden.» «Ein bißchen aus dem Geleise, der Gedankenzug», scherzte er, «nicht ganz tadellos gekuppelt. Befehlen Sie übrigens, daß ich mich rundherum drehe, um Sie von meiner Leibhaftigkeit zu überzeugen?» «Nein, geben Sie mir lieber noch einmal die Hand. - So! Nun halte ich Sie aber fest. - Nein, diese Überraschung! Wann sind Sie denn eigentlich angekommen?» «Gestern abend. - Aber wissen Sie auch, daß Sie je länger, je jünger und hübscher werden? Und - natürlich, das fehlt nicht, immer mit dem erlesensten Geschmack gekleidet!» «O lala! Schweigen Sie! Eine alte dreiunddreißigjährige Witwe! Und Sie - etwas kräftiger und männlicher, scheint mir, als vor vier Jahren; wie soll ich sagen - sicherer, mutiger!» «Übermütig sogar, unternehmend, angriffslustig!» «Möge es so bleiben. Dann darf man also bald etwas Großes, Schönes von Ihnen erwarten? Sie wissen, wie ich darauf zähle.» «Ach Gott, was das betrifft», seufzte er und sann sorgenvoll vor sich hin. «Und wenn Sie noch so ein kummervolles Gesicht machen», lachte sie, «so habe ich doch kein Mitleid mit Ihnen, nicht das mindeste. Vollendungswehen, Siegessorgen!» Da summte vom Münster drüben die Mittagsglocke ihren tiefen Sang. «Wissen Sie was», schmeichelte sie, während er sich erhob, «kommen Sie diesen Nachmittag zu einer Tasse Tee, ganz allein unter uns.» Schon wollte er freudig zusagen, da erinnerte er sich: «Leider schon anderswo verpflichtet», bedauerte er verstimmt. «Ei, sieh doch! Gestern abend erst angekommen und heute schon vergeben? Indessen, ich will mich nicht in Ihre Geheimnisse drängen.» Ungern gestand er, doch gerade deshalb tat er's, denn er gestattete sich keine Feigheitchen. «Es ist kein Geheimnis», sagte er, «für niemand, geschweige denn für Sie. Ich habe mich nämlich auf drei Uhr nachmittag bei Direktor Wyß angemeldet.» Befremdet schaute sie ihn an: «Was in aller Welt haben Sie in dem demokratischen Tugendtempel verloren? Kennen Sie denn den Herrn Direktor?» «Ihn nicht, hingegen sie.» ------------------------------------------------------------------------ Jetzt verwandelte sich ihr Gesicht und nahm einen kalten Ausdruck an. «Ich weiß, ich weiß», sagte sie, sich abwendend, «Sie haben sie vor vier Jahren einmal flüchtig an einem Kurorte getroffen. Ein oder zwei Tage, glaub' ich.» «Flüchtig!» rief er empört, «flüchtig? Das sagen Sie, die Sie es doch besser wissen? 'Ein oder zwei Tage?', was heißt das: 'Tage?' Mißt man den Wert des Lebens mit dem Kalender? Ich denke, es gibt Stunden, die schwerer wiegen als dreißig Jahre der Gewöhnlichkeit; Stunden, die ewig leben, so gewiß wie irgendein Kunstwerk, gewisser sogar; denn der Künstler, der sie schuf, ist der heilige Weltgeist der Schönheit!» «Was sie leider nicht davor schützt, zu vergehen und vergessen zu werden.» «Ich kenne kein Vergessen, ich dulde keine Vergangenheit.» «Sie mit Ihrer Phantasie nicht; dafür andere Leute; namentlich wenn die Gegenwart alle ihre Wünsche befriedigt. Glauben Sie wirklich, daß Frau Direktor Wyß Ihren Besuch erwartet oder ihn sonderlich vermissen würde, wenn er ausbliebe?» «Das glaube ich allerdings nicht, bezwecke auch mit meinem Besuche keineswegs ihr Vergnügen.» Frau Steinbach schwieg eine Weile, dann redete sie wie für sich selber, doch laut und nachdrücklich: «Die schöne Theuda Neukomm ist jetzt ein abgeschnitten Stück Brot; zufrieden in glücklicher Ehe. Ein gebildeter, angesehener und hochachtungswerter Mann, den sie liebt und der ihre Liebe auch wert ist; ein reizendes Kind (ein wahrer Engel von einem Buben, sage ich Ihnen; ein kecker, schwarzlockiger Trotzkopf wie seine Mutter; fängt sogar schon zu sprechen an. - Ja, machen Sie nur ein Gesicht, als ob Sie mit der Achsel zuckten. Ihnen mag das Nebensache sein, der Mutter aber nicht!) - dazu ein reicher Sippschaftssegen von Freunden und Verwandten, in denen ihre Wonne schwimmt; allen voran ihr Bruder Kurt, der Wundermensch, das große Genie, ihr Abgott.» Hier unterbrach sie sich und lächelte ein wenig vor sich hin. «Übrigens, da fällt mir eben ein, sie ist ja diesen Nachmittag gar nicht einmal zu Hause; sie fährt mit dem Gesangverein über Land.» «Verzeihen Sie, sie wird zu Hause sein!» «Ah, wenn Sie das so bestimmt wissen, so füge ich mich natürlich.» Dann plötzlich, ihn ernst anschauend: «Lieber Freund, sagen Sie mir aufrichtig, was wollen Sie von Frau Direktor Wyß?» «Nichts!» schnitt er unwillig ab. «Um so besser, sonst würden Sie einer empfindlichen Enttäuschung entgegengehen. - Also dann ein andermal. Wann immer Sie mögen. Bei mir, das wissen Sie ja, sind Sie jeden Tag, zu jeder Stunde willkommen.» - Und während sie ihn hinausgeleitete, sagte sie noch einmal nachdrücklich: «Die schöne Theuda ist jetzt ein abgeschnitten Stück Brot.» Wie auffällig sie den Spruch vom abgeschnittenen Stück Brot wiederholt hatte! Sie wird doch nicht etwa glauben ...? O nein, meine Teuerste, der Bräutigam der hehren Imago ist gegen eine Frau Direktor Wyß gefeit. - Also das ist jetzt ihr neuester Sport: Buben in die Welt zu setzen? Bitte, gnädige Frau, lassen Sie sich ja nicht etwa stören. Zwillinge, Drillinge, meinetwegen Zwölflinge, tun Sie ganz, als wenn ich nicht da wäre. - Doch halt, daß ich antwortete, ich wollte nichts von ihr, war nicht genau; das müssen wir berichtigen. Und ließ ungesäumt durch den Aufzugsknirps Frau Steinbach einen Zettel zustellen. «Liebe Freundin, eine Berichtigung: Nicht 'nichts' will ich von ihr, sondern daß sie die Augen vor mir niederschlage, das will ich von ihr. Ihr getreuer Viktor.» ------------------------------------------------------------------------ Im Speisesaal langweilten sich die Gäste längs den Wänden auf und ab; bald zum Fenster hinausstierend, bald zerstreuten Geistes die Bildertafeln betrachtend, bis das Mittagessen endlich käme. Vor dem schwarz umränderten Kopfbilde eines Staatsmannes (der Name war natürlich unleserlich) blieb Viktor stehen. Ein kräftiges Gesicht; mit derben, markigen Zügen, wie nach dem Muster eines Holzschnittes geboren. Uneigennützigkeit und Zielbewußtsein im Ausdruck, feurige Überzeugungshaltung, blicklose Vereinsaugen, nicht gewohnt, Mann gegen Mann zu trotzen, sondern gegenstandslos über eine Menge zu gleiten. Des Mannes Kernspruch vermochte er zu buchstabieren: «Alles durch die Volksschule!» Ja, danach sah der gerade geschrobene Herr aus. Die Welt als eine Erziehungsanstalt aufgefaßt; Zweck des Lebens lernen, hernach lehren; keine Wahrheit, sie schmecke denn nach Weisheit, und keine Weisheit, oder sie röche nach Ermahnung. Das Unheil, das der angestiftet hätte, mit seinem wandtafeligen Überzeugungs-Viereck, wenn ihn das Schicksal statt in die unschädliche Abstimmungsschachtel an das Steuer der Weltgeschichte gestellt hätte! Während er so mit dem Staatsmanne klugäugelte, hatte sich ihm unvermerkt ein Nebenmensch beigesellt, der über seine Schulter weg ebenfalls das Bild betrachtete. «Nicht wahr, ein prächtiger Charakterkopf?» urteilte der Unbekannte bewundernd. Andere Gäste sammelten sich herbei, wie die Fliegen um ein Zuckerstück, und aus der Gruppe kam zum zweiten Mal das ehrfürchtige Urteil: «Ein prächtiger Charakterkopf.» Er mußte wohl ein gewichtiger und volksbeliebter Herr gewesen sein, der Charakterkopf; denn das Gespräch blieb bei ihm hangen, nachdem man sich schon längst zu Tisch gesetzt hatte. Beiläufig verlautete auch sein Name - Neukomm. Halt, hast du gehört? Neukomm? So hatte ja auch sie geheißen. Vielleicht gar ein entfernter Verwandter von ihr? «Hat er eigentlich Kinder hinterlassen?» munkelte eine Frage. «Zwei», meldete die Antwort; «einen Sohn und eine Tochter. Mit dem Sohne ist nicht viel, er dichtet; die Tochter dagegen ist an den bekannten Herrn Direktor Wyß verheiratet. Ein Prachtweib, sag' ich Euch; alles dreht sich auf der Straße nach ihr um. Groß, stolz, schwarz wie eine Südländerin (ihre Großmutter war eine Italienerin) und hitzig, potzteufel! Übrigens durch und durch brav und sittsam; kein Mensch kann ihr das mindeste nachsagen. Und eine überzeugungseifrige Patriotin wie ihr Vater selig.» - Der Charakterkopf ihr Vater! So wach doch auf, o meine Vernunft, und reg dich, denn daraus folgt ja eine ganze Menge wichtiger Betrachtungen. Nachlässig bewegte sich seine Vernunft, hob ein wenig den Kopf, dann legte sie sich gleichgültig wieder zur Ruhe, wie ein auf der Straße lagernder Hofhund, wenn der Milchmann vorübergeht. «Die Tatsache ist mir zu dumm», erklärte sie. Nach dem Essen erkundigte sich Viktor beim Oberkellner: «Wohin jetzt, um Zeitungen zu lesen?» «Da gehen Sie am besten ins 'Café Scherz' beim Bahnhof; jedes Kind kann Sie weisen.» Im vollen Saale fand er noch ein Tischlein am Fenster mit zwei unbesetzten Plätzen. Leute gingen, Leute kamen, sahen sich um; doch niemand nahm ihm gegenüber Platz. «Hier wie überall! Entschieden, Viktor, du hast nichts Einladendes, du bist nicht 'gemütlich'. - Ein fröhlicher Gedanke: Wenn jetzt mitten unter all dem Volk mein getreuer Statthalter säße? warum auch nicht? Er wird sich doch wahrscheinlich auch seine Zeitungen gönnen. Etwa so einer wie der dort hinten, mit den flachsblonden Strähnen und der doppelten Brille im Schafsgesicht? Ein Adonis ist er gerade nicht, das könnte man mit dem besten Willen nicht behaupten; und mehr Geist, als zu einem Herrn Professor unbedingt nötig ist, scheint er auch nicht zu haben. Statthalter, Statthalter, wenn ich dir raten darf, verlaß dich nicht allzusehr auf deine Gelehrtheit, sonst tauft dich eines trüben Morgens deine schöne Juno, auf die du dir so viel einbildest, 'Doktor Überdruß'. Eigentlich nach den Gesetzen der Schicklichkeit müßte man zu ihm hinüber und ihn ein wenig hänseln. Wenn ich nur ganz sicher wäre, daß er's ist! Nun, wir werden's ja bald erwähren. Zehn Minuten nach zwei Uhr; noch drei Viertelstunden. Wie die Zeit schleicht! - Ha! was für ein stattlicher Mann kommt jetzt hereinspaziert! Brr! Ein Held für Mädchenträume. Etwas zum 'sich ablehnen', zum 'sich emporranken', 'eine Stütze fürs Leben'! Könnte ich singen, ich sänge: 'Er, der Herrlichste von allen!' Und Jupiterlocken hat er auch! An wen erinnert mich doch dieser minnesame Herkules? - Richtig, an den Herzkönig im Kartenspiel. - Wehe, ihr Jungfrauen, weinet! Schauet den Ehering! Sogar bereits Papa, denn so weltzufrieden schreitet bloß, wer Vatergefühle kennt. - Wie sorgsam er seinen Überrock faltet! und die feine, tadellose Wäsche, die jetzt zum Vorschein kommt! Was noch gar! Ich glaube wahrhaftig, er steuert zu mir. Willkommen, Herrlichster von allen!» Mit einer höflichen Verbeugung ließ sich der Herzkönig nieder; darauf zog er eine Zigarrentasche hervor: «Darf ich mir vielleicht erlauben?» Dankend erwiderte Viktor: «Ich rauche nicht.» Aber hast du die kunstvoll gestickte Zigarrentasche gesehen? Jedenfalls von seiner Frau. Jetzt griff der Herzkönig - «Ist es gestattet?» - eine illustrierte Zeitung auf und schaute wohlwollend, fast gnädig hinein, mit halber Aufmerksamkeit; dazu trommelte er mit den Fingern auf den Tisch. Was für gepflegte Fingernägel! Dem Herzkönig schien jedoch nicht sonderlich ums Lesen zu tun; eher ums Plaudern; offenbar hatte ihm das Mittagessen geschmeckt. «Sie als Fremder», begann er mit zögernder Einleitungsstimme die Unterhaltung, als sich die Kehllaute in ihrer Nähe kräftiger vernehmen ließen, «werden wohl auf unseren etwas rauhen Dialekt nicht besonders günstig zu sprechen sein?» «Nicht Fremder», berichtigte Viktor, kurz ablehnend, «hier geboren und aufgewachsen; bloß viele Jahre in der Fremde gewohnt.» «Ah, um so besser; dann habe ich also das Vergnügen, einen Landsmann in Ihnen zu begrüßen.» Hiernach hüllte er sich wieder hinter die Zeitschrift und begann vor sich hin zu schmunzeln. «Er lutscht an seinem Eheglück wie an einem Lakritzenstengel», dachte Viktor. Als der Lakritzenstengel zu Ende war, zeigte der Herzkönig auf ein Wertherbildnis in seiner Zeitung. «Was ist Ihre Ansicht», hub er nach einigem Zaudern an, «glauben Sie, daß solch eine leidenschaftliche, schwärmerische Liebe heutzutage noch vorkommen könnte?» «Natur kommt immer vor», entgegnete Viktor. Der Herzkönig schmunzelte. «Nicht übel. Es kommt eben alles darauf an, wie eng oder wie weit man den Begriff Natur faßt. Also Sie glauben allen Ernstes, in unserem realistischen Zeitalter ...» «Es gibt keine realistischen Zeitalter.» «Wenn Sie so wollen, allerdings nicht. Immerhin, es gibt doch, das werden Sie zugeben, verschieden gestimmte Zeitalter; zum Beispiel solche, in welchen gewisse Seelenzustände, die früher beobachtet wurden, einfach undenkbar wären. Oder könnten Sie sich zum Beispiel einen Johannes der Täufer, einen Franz von Assisi oder, um bei unserem Beispiel zu bleiben, einen Werther mit einem hohen, steifen Hemdenkragen vorstellen? - Verzeihen Sie, ich sagte das ohne die mindeste Anzüglichkeit. Nein, wirklich, ich bitte, glauben Sie mir, es war durchaus harmlos gemeint.» Viktor begütigte lächelnd: «Ich mache keinen Anspruch auf den Titel eines Täufers oder eines Heiligen - ob jedoch der Heilige Geist vom Heuschreckenessen komme oder die Ekstase vom Hemdenkragen abhange, möchte ich bezweifeln. Übrigens pflegte sich der Schöpfer des 'Werther', wenn ich nicht falsch berichtet bin, zierlich, sogar geziert zu kleiden.» ------------------------------------------------------------------------ Und da nun eine längere Pause entstand, fuhr dem Viktor von der Seite ein Gedanke in den Kopf, den er je länger, je weniger los wurde. «Kennen Sie vielleicht», wagte er endlich unvermittelt, mit banger Stimme, «kennen Sie vielleicht zufällig hier in der Stadt einen gewissen sogenannten Herrn Direktor Wyß?» - Kaum hatte er den Satz draußen, so spürte er, daß er heiß errötete. Der Herzkönig schaute überrascht auf. «Gewiß; warum?» «Was ist er für eine Spielart von Mensch? ich meine: wie sieht er aus? groß oder klein? jung oder alt? garstig oder angenehm? jedenfalls ein hochgebildeter Herr, nicht wahr? nach seinen Titeln und Ämtern zu schließen?» Der Herzkönig zog ein überaus schlaues Gesicht und lächelte belustigt vor sich hin. «Nun, er hat wie jedermann seine zahlreichen Fehler; daneben vielleicht auch, wie ich mir wenigstens schmeichle, einige erträgliche Eigenschaften. - Doch erlauben Sie mir, daß ich mich Ihnen vorstelle: Direktor Wyß ist mein Name.» Das kam so anmutig, mit so liebenswürdiger Ironie heraus, daß Viktor, der nichts höher schätzte als Gefühlsfeinheit, jählings von Sympathie erfaßt aufsprang und ihm die Hand anbot, welche der andere eifrig ergriff und schüttelte. Es entstand wie ein Freundschaftsbund zwischen den beiden. Nachdem dann Viktor auch seinen Namen genannt hatte, rief der Direktor hocherfreut: «Da sind Sie also offenbar der Herr, der uns heute morgen die Ehre seines Besuches zugedacht hatte. Wir bedauern aufrichtig; besonders meine Frau, mit der Sie, glaub' ich, wenn ich nicht irre, einmal in einem Meerbade zusammengetroffen sind.» «Nicht in einem Meerbade», verbesserte Viktor verstimmt, «sondern in einem Bergkurort.» «Leider muß sie auch diesen Nachmittag auf das Vergnügen verzichten, da sie einen Ausflug mit den Damen des Gesangvereins verabredet hatte; ich komme soeben von der Eisenbahn. Hoffentlich lassen Sie sich indessen dadurch nicht abschrecken, und wenn Sie mir's nicht als eine Zudringlichkeit auslegen wollen, so möchte ich Ihnen vorschlagen, in die Idealia zu kommen; es braucht keinerlei Förmlichkeit; Sie erscheinen ganz einfach als von mir. Zudem ist ja meine Frau Ehrenpräsidentin.» «Idealia?» «Ach so, ich vergaß, ich bin zerstreut - Sie können ja natürlich nicht wissen ...» Hiernach begann er, weit ausholend, von der Idealia zu erzählen: eine Stiftung seines seligen Schwiegervaters - anspruchslose Zusammenkünfte ohne Zwang und Feierlichkeit - weder Kleiderprunk noch Schmauserei - nur zur Pflege einer etwas gehaltvolleren Geselligkeit, wo die Erhebung Hand in Hand mit der Erholung gehe (eines schließt ja das andere nicht aus), hauptsächlich die Musik empfehle sich zu solchem Zwecke - und dergleichen mehr, mit Aufzählung von Namen der Mitglieder und Daten der Zusammenkünfte und wie die Runde laufe; gewöhnlich Mittwoch, Freitag und Sonntag. Aufmerksam hielt Viktor der Rede sein Ohr hin, mit dem Geiste dagegen schlich er am Gehör vorbei in die Augen: Das der Statthalter! der Herzkönig! der Herrlichste von allen! Und er, der den Adonis für den Statthalter genommen hatte! Warum hatte er eigentlich vorausgesetzt, der Statthalter müsse ein komischer, mindestens unbeholfener Mensch sein? Oh, durchaus nicht komisch, der Herzkönig! durchaus nicht! - Und starrte ihn unverwandt verblüfft, fast erschrocken an. - Nun, so sei doch froh, Viktor! dient es doch auch deinem Stolze, wenn dein Statthalter eine gute Figur macht. Auch das finde ich völlig in der Ordnung, daß sie ihn offenbar liebt; oder habe ich denn jemals etwas anderes gewünscht? Bewahre; im Gegenteil; es müßte mich bekümmern, wenn es nicht so wäre. - Hingegen wieder sie! Diese Herausforderung! Mit einem Gesangverein über Land zu trudeln, nachdem ich meinen Besuch angekündigt! Ohne Frage, der Dame fehlt das Schamgefühl. «Sie sind doch wahrscheinlich auch musikalisch?» tönte des Statthalters Stimme in seine Gedanken; «oder lieben wenigstens die Musik?» «Ich glaube, ja; das heißt, ich weiß nicht recht, es kommt darauf an.» Da schlug drüben vom Kirchturm die Stunde. «Drei Uhr!» entsetzte sich der Statthalter, erschrocken aufspringend, «ich habe mich verplaudert, ich muß schleunigst ins Museum. - Also, nicht wahr, ich zähle darauf, Sie in der Idealia begrüßen zu dürfen?» Reichte ihm hastig die Hand und sputete davon. ------------------------------------------------------------------------ Viktor aber zog verstört durch die Gassen. Er mochte sich noch so oft vorsagen: «Viktor, sei froh», es half nichts, er war gedrückt, niedergeschlagen, entmutigt. Was war ihm denn Schlimmes widerfahren? Nicht das mindeste; und trotzdem war er eben niedergeschlagen. Bis er sich draußen vor der Stadt müde gelaufen hatte. Darauf, zu Hause, wie er die Glieder aufs Ruhbett streckte, wurde ihm wieder leichter. «Zur Gesundheit», wünschte ihm sein Körper. «Danke, Konrad», erwiderte er freundlich. Er pflegte nämlich, weil er mit ihm so gut auskam, seinen Körper kameradschaftlich Konrad zu nennen. Nachdem er sich sattsam gedehnt hatte, bemerkte er auf dem Tisch ein Brieflein, welches, nach den Naturgesetzen zu schließen, vermutlich schon geraume Weile dort gelegen hatte. Von Frau Steinbach. «Sie böser Mensch! Frau Direktor Wyß braucht vor niemand die Augen niederzuschlagen. Augenblicklich kommen Sie zu mir, damit ich Sie schelte.» Gefaßt, in trotziger Stimmung, gehorchte er der Aufforderung. «Ich wußte gar nicht, daß Sie solch ein unangenehmer Mensch sein können!» überfiel sie ihn. «Da! setzen Sie sich auf die Anklagebank, und lassen Sie sich verhören. Was haben Sie Frau Direktor Wyß vorzuwerfen?» «Den Ehebruch.» «Was heißt das, in vernünftige Sprache übersetzt?» «Das heißt in vernünftiger Sprache - eine Übersetzung braucht es nicht -, daß sie die Ehe gebrochen hat.» «Jetzt aber, mein Herr, muß ich ernst und scharf mit Ihnen reden; denn es geht um die Ehre einer unbescholtenen Frau. Ich rufe Ihre Wahrhaftigkeit an, der ich fest vertraue, und frage Sie auf Ihr Gewissen: Hat zwischen Ihnen und Theuda Neukomm ein Verlöbnis bestanden?» Heftig wehrte er ab: «Wohin denken Sie!» «Oder dann wenigstens etwas, was einem Verlöbnis gleichkam, was Sie zu der Annahme berechtigte - ein Liebesgeständnis? ein bindendes Wort oder Zeichen? ein Kuß? was weiß ich?» Wiederum verwahrte er sich eifrig: «Nein, nein, nein! Sie sind auf ganz falscher Fährte; es wurden nur wenige und völlig bedeutungslose Worte gewechselt. Ich saß bei Tische neben ihr, wir taten zusammen ein paar Gänge durch den Garten, dann hat sie mir im Saal ein Lied vorgesungen. Weiter nichts.» «Dann also Briefe?» «Warum nicht gar! Dazu war ich viel zu ehrfürchtig, auch zu gewissenhaft; sie wiederum zu vorsichtig. Frauen vergessen sich ja nicht schriftlich, das wissen Sie wohl.» «Ja, was denn? Bitte helfen Sie meinem armen Verstande.» Da verwandelte sich plötzlich sein Gesicht zu fremdem, tiefernstem Ausdruck, als ob er ein Gespenst erblickte. «Eine persönliche Zusammenkunft in der fernen Stadt», bebte seine Stimme. «Verzeihen Sie, daß ich Ihnen rund widerspreche: Ich weiß das Gegenteil von Frau Direktor, und Frau Direktor Wyß lügt nicht.» «Ich ebenfalls nicht! Wenn ich daher sage: 'eine persönliche Zusammenkunft', so meine ich natürlich keine körperliche.» Unwillkürlich rückte sie mit dem Stuhle und starrte ihn an. «Keine körperliche? Sie werden doch hoffentlich nicht etwa - oder wie soll ich das verstehn?» «Sie verstehen richtig, es handelt sich um eine Zusammenkunft von Seele zu Seele. - Beruhigen Sie sich; ich bin bei gesundem Verstande und gewahre die äußeren Dinge so scharf wie irgendein anderer. Warum machen Sie so ein ungläubiges Gesicht? Meinen Sie vielleicht, man sähe aus einem möblierten Hause minder deutlich als aus einem leeren? Wenn ich daher von einer Erscheinung rede ...» «Sie glauben an Erscheinungen?» klagte sie. «Wie jedermann, wie zum Beispiel auch Sie. Oder ein Traum, eine Erinnerung, der Nachglanz eines geliebten Antlitzes, das Aufleuchten einer Vision in der Seele eines Künstlers, sind das etwa keine Erscheinungen?» «Bitte, keine sophistischen Kunststücklein! sprechen wir ernsthaft. Denn bei einer Erinnerung, bei einer künstlerischen Offenbarung bleibt man sich eben bewußt, daß es sich um ein bloßes Phantasiebild handelt.» «Dessen bleibe ich mir auch bewußt.» «Gottlob, Sie heilen mich; ich atme auf Sie hatten sich nämlich vorhin so ausgedrückt, daß ich einen Augenblick meinte, Sie wollten ihrer sogenannten Erscheinung bestimmenden Einfluß auf Ihr wirkliches Leben, auf Ihre Handlungen einräumen.» «Das tue ich auch in der Tat.» «Nein, das tun Sie nicht!» rief sie verbieterisch, «das können Sie nicht tun!» Er verbeugte sich: «Verzeihen Sie mir, daß ich mir erlaube, es doch zu tun.» «Aber das ist ja Wahnsinn!» schrie sie auf. Er lächelte: «Was soll Wahnsinn sein, bitte was? Daß ich innere Erlebnisse so hoch werte wie äußere? oder vielmehr unendlich höher? Oder daß ich mich von ihnen bestimmen lasse? - Und das Gewissen? und Gott? Ist es etwa auch Wahnsinn, wenn einer sich von seinem Gewissen oder von seinem Gott in seinen Handlungen beeinflussen läßt?» Sie stutzte einen Augenblick, betroffen, um Antwort verlegen. ------------------------------------------------------------------------ Er aber fuhr fort: «Der einzige Unterschied ist der, daß die andern sich mit undeutlichen Erscheinungen begnügen, während ich sie klar sehen muß, wie der Maler Mariens Himmelfahrt. 'Finger Gottes', 'Auge Gottes', 'Stimme der Natur', 'Wink des Schicksals' - was tue ich mit diesem anatomischen Museum? Ich will immer das ganze Gesicht sehen.» Mutlos seufzte sie: «Im spitzfindigen Denken sind Sie ja natürlich meinem schwachen Weibesgehirn hundertmal überlegen; auf dieses Gebiet will ich mich indessen gar nicht begeben. Ich kann nur noch bedauern und trauern.» Da legte er die Hand auf ihre Schulter: «Edle Freundin, nicht wahr, Sie haben niemals begriffen, weshalb ich Ihren wohlgemeinten Wink, mir Theuda durch ein bindendes Verlöbnis zu sichern, unbeachtet ließ? Gestehen Sie, Sie waren und sind der Ansicht, ich hätte mein Lebensglück albernerweise aus gemeiner Ehefeigheit verscherzt. Sehen Sie, Sie nicken.» «Sagen wir Unentschlossenheit», milderte sie. «Nein, sagen wir Feigheit; denn Unentschlossenheit ist auch eine Feigheit: Willensfeigheit. Ich aber ertrage es nicht länger, vor Ihrem Urteil in unrichtigem Lichte dazustehen. Ich will Ihnen deshalb meine Gründe mitteilen. Sind Sie bereit zu hören?» «Ich bin zu allem bereit», flüsterte sie und senkte den Kopf, «obschon ich Ihnen nicht verhehle, daß mir dieses Thema peinlich ist, und daß ich nicht einsehe, was das Aufrühren veralteter Geschichten nützen soll. Indessen, wenn Sie wollen ...» «Nicht, wenn ich will», verbesserte er, «sondern, wenn ich muß!» Und mit veränderter Stimme, in gehobenem Tone fing er an: «Nein, nicht aus feiger Unentschlossenheit, nicht aus alberner Torheit habe ich nicht zugegriffen, als leisen Schrittes das heilige Glück mir nahte, mich mit seinen klaren Augen anschauend und mir zuflüsternd: 'Nimm mich!', sondern wissend, was ich tat, wertend, was ich von mir wies, nach schwerer, reifer Wahl habe ich mit männlichem Entschluß entschieden. Und nun will ich Ihnen meine Entscheidungsstunde erzählen.» Nach diesen Worten machte er eine Pause, wie um Atem zu schöpfen. Als jedoch die Pause nicht enden wollte, schaute sie auf. Da stand er bebend vor ihr, von inneren Stürmen geschüttelt, die Lippen gewaltsam schließend. «Ich kann es Ihnen doch nicht erzählen», brachte er mühsam hervor, «es geht zu tief» - und stemmte sich aufs Klavier. Geschwind sprang sie auf, um ihn nötigenfalls zu stützen. Doch er hatte sich bereits wieder aufgerichtet. «Ich habe recht entschieden!» rief er, «ich weiß, ich habe recht entschieden! Und stände ich nochmals vor der Wahl, ich würde nicht anders entscheiden!» Dann nahm er seinen Hut, verbeugte sich und küßte ihr die Hand. «Ich werde es Ihnen aufschreiben», sagte er. Tief ergriffen begleitete sie ihn bis zur Haustür. «Gut», sagte sie, nur um etwas zu reden, und zwang ihre Stimme zu unbefangenem Ton: «Gut, schreiben Sie mir's auf. Sie wissen, daß alles, was Sie bewegt, auch mir nahegeht; und glauben Sie mir, ob ich Sie schon nicht jederzeit verstand und auch jetzt nicht verstehe, so habe ich doch niemals, auch nur einen Augenblick, an der Lauterkeit und Vornehmheit Ihrer Beweggründe gezweifelt.» «Dank! treue edle Freundin!» rief er leidenschaftlich, sie mit beiden Händen stürmisch ergreifend. «Sie heilen mich; es tut so weh, so unerträglich weh, wenn jemand an der Vornehmheit meines Charakters zweifelt.» «Wer hat das jemals getan?» rief sie heftig, fast zornig. Er erstaunte. «Jedermann», antwortete er zaudernd, «das heißt - eigentlich niemand Bestimmtes.» Unterdessen hatte sie sich ihm entwunden und flüchtlings einige Stufen nach oben zurückgezogen. «Und eins noch: nicht wahr, Sie sind nicht ungerecht? Sie tun ihr nichts zuleide?» Er lächelte: «Ich tue keinem Menschen etwas zuleide als höchstens mir selber.» Damit verließ er das Haus. «Sind Sie ein gefährlicher, ein unerlaubter Mensch!» seufzte sie ihm nach und warf sich erschöpft in den Lehnstuhl, um sich von der Anstrengung zu erholen. ------------------------------------------------------------------------ Er aber eilte auf sein Zimmer, das Bekenntnis niederzuschreiben, das er ihr mündlich schuldig geblieben. Und siehe da, während ihn sonst das Schreiben wie Krötengift anwiderte, verspürte er jetzt, nachdem ihm durch das Verhör die Erinnerung aufgewühlt worden war, ein gieriges Verlangen, die Entscheidungsstunde seines Lebens einmal leslich festzubannen, damit sein erhabenes Geheimnis auch außer ihm dastände, unabhängig von seinem Gedächtnis, als feste Wahrheit. So schrieb er denn, knirschend zwar und gegen den Zwang der nüchternen Denkgesetze schäumend, aber in einem einzigen Zuge, in fieberhafter Eile: An Frau Martha Steinbach Fluch und Schmach der kahlen Prosa zuvor, denn sie entweiht! Also, ich erzähle und entweihe: Meine Stunde Ihr Brief mit Theudas Bild war am Morgen angekommen, jener Brief, in welchem Sie mir andeuteten, daß ein klares Wort von mir erwartet werde, daß dem Wort eine holde Antwort gewiß wäre, daß dagegen längeres Zaudern als Verzicht ausgelegt würde. Ich verstand: eine Mahnung, verstärkt durch eine Warnung, und ich begriff: dieser Tag ist ernst; heute gilt die Entscheidung. Ich betrachtete das Bild; tausend wonnige Werte schauten mir daraus entgegen; die Reinheit einer auserlesenen, durch Schönheit, Tugend und Erziehung hervorragenden Jungfrau - die Erinnerung an gemeinsam verlebte Stunden, zwar von nichtigem Ereignisgehalt, doch von ewigem Poesiewerte (Parusie nenne ich jene Stunden für mich) - der innige Blick der seelenvollen Augen, die zu mir sprachen: «Dein denkt meine Hoffnung» - die Verheißung einer Unsumme von Seligkeiten jenem, der sie zu erwerben wissen werde. Unter dem Bilde stand in unsichtbarer Schrift zu lesen: «Dies ist der höchste Preis», und die Worte Ihres Briefes flüsterten: «Der Preis ist dein.» Solange des Tages Unruhe meine Sinne beschäftigte, behielt ich das Bild im verborgenen, nur flüchtig daran naschend, sei es, um in die wundersamen Rätsel der tiefsinnigen Augen zu tauchen, sei es, um die unerschöpflichen Wunder der weiblichen Schönheit zu kosten. So weidete ich im verstohlenen mein Herz an dem lieben Bilde. Am späten Abend jedoch, während ich einsam im dunklen Zimmer saß, stellte ich das Bild vor mich auf den Tisch, andächtig nach ihm schauend, ob ich es schon in der Finsternis nicht sehen konnte. Durch das Schweigen der weiten Wohnung, in welcher sämtliche Türen offenstanden, tönten melodische Laute: das weiche Gurren eines Turteltaubenpaares aus dem nachtschwarzen Speisezimmer und drüben, vom kronleuchtererhellten Saale das träumerische Trillerschwirren eines Kanarienvogels, von jenen, welche beim künstlichen Lichte singen. Da saß ich nun und wog mein Schicksal. Wie zweierlei Odem aus entgegengesetzten Weltgegenden umschauerte es mich; in der Mitte aber drohte die Frage: «Darfst du? Sprießt der Größe mit dem Glück ein Vergleich?» - Traurig vernahm ich die Frage, ahnend, daß die Antwort verneinend ausfallen müsse, sonst hätte ja die Frage nicht verlautet. Mein Herz aber, die Gefahr spürend, begann zu toben: «Deine Größe», schrie es, «der du mich opfern willst, wo ist sie? Zeig her, beweise deine Werke! - Zukunftsgröße? Ei, wer bürgt dir denn, daß du sie nur erlebst, die Zukunft? Es gibt Krankheiten, es gibt einen Tod. Oder wähnst du dich etwa den Nöten der Natur enthoben? Doch gesetzt, du bleibest leben, woher beziehst du es, das Märlein deiner künftigen Größe? Bitte, sage, woher? Aus deinem Selbstbewußtsein? O Jammer! o Fastnacht! Nimm mir's nicht übel, laß mich lachen. Nach Zehntausenden zählt man sie, die Jünglinge, die großwichtig von ruhmwürdigen Taten träumen; mit einem Selbstbewußtsein, so riesig, daß sie zur Weltkugel aufschwellen. Und was wird später aus ihnen? Schau hin: unnütze Wichte, Nullen, mit Bitterkeit gefüllt und mit Selbstkrieg behaftet. Oder meinst du etwa, dein Selbstbewußtsein wäre von besserem Karat? Weswegen? Woher? Weil es größer ist? Um so schlimmer, um so gewisser, daß du ein Tropf bist! Größenwahn, mein Teuerster! gemeiner germanischer Schulbubengrößenwahn! Nur, daß die andern, weniger unbescheiden, weniger verbohrt als du, den bübischen Blast mit dem Staatsexamen abzuwerfen pflegen. Viktor, ich sage dir, dein sogenannter 'Beruf' mitsamt deiner eingebildeten künftigen Größe ist eitel Wunsch und Wind; das köstliche Geschenk dagegen, das dir die Gunst des Schicksals heute anbietet, ist haltbare, weltwirkliche Seligkeit. Lächerlichkeit über dich und Reue, lebenslängliche höllische Reue, lässest du für ein gaukelndes Irrlicht der Eitelkeit dein Liebes-, dein Lebensglück entgleiten. Nicht einmal Mitleid wird man dir zollen, wenn du elendiglich verendest, sondern statt des erhofften Nachruhms wird über deinem Grabe der Gedenkspruch warnen: 'Hier platzte eine Blase.'» Da lernte ich zum ersten Male in meinem Leben den Zweifel. Unsicher erwiderte ich: «Du weißt doch, o mein Herz, daß ich meinen Beruf, meinen Glauben, mein Selbstbewußtsein nicht aus mir selber beziehe, sondern ...» - «Sondern von wem?» höhnte das Herz, «gelt, du verstummst? gelt, du schämst dich vor deinem Verstande, deine Torheit mit deutlichen Worten auszusprechen? Weil du, ob du dir's schon nicht gestehst, in deinem Innersten spürst, daß du einen kindischen Götzendienst züchtest, an Stelle eines anständigen, namhaften, weltschöpferischen Gottes ein wesenloses, selbstgeschaffenes Gespenst anbetend, ein luftiges Spiegelbild deiner eigenen Seele, das du mittels Phantasie-Kunststücklein außer dich setzest, in der albernen Hoffnung, daran über dich selber emporzuklettern wie Münchhausen an seinem Zopf. Nicht einmal den Namen deines Götzen wagst du ja ohne Erröten zu bekennen. Was ist das, deine geheimnisvolle 'Herrin deines Lebens', die 'Strenge Frau', der du mit fanatischer Hingebung dienst wie ein Prophet seinem Jehova? Ich will dir sagen, wer deine 'Strenge Frau' ist! Jeder Student kennt sie, jeder Pfuscher, jeder Polterabenddichter, jeder Zuckerbäcker: Die Muse ist es, verjährten Angedenkens; die alte abgeschmackte Allegorientante, die Patin der Leblosigkeit, die Schutzpatronin des Nichtkönnens. Und solch einem verstaubten, von der Landstraße aufgelesenen Lehrbegriff soll ich mich von dir Narren verkaufen lassen? Wegen dieses Schulstubentrödels wagst du's und willst meine Seligkeit verschachern? Was schäumst du, was entrüstest du dich? Daß ich deine 'Strenge Frau' gemeinhin eine Muse nenne? - Wäre sie nur wenigstens eine Muse! - Aber sie ist ja nicht einmal das! Eine Muse lehrt doch einen Gymnasiasten zwei Verse wohl oder übel zusammenreimen. Kannst du das? Und was kannst du denn sonst, du dreißigjähriger Bube? Gar nichts kannst du, nicht einmal einen gerechten Satz auf ein Stück Papier schreiben! Eine Null warst du, eine Null bist du, und eine Null wirst du bleiben; ungefähr wie die übrigen, nur noch um eine Nummer unbedeutender. Die übrigen aber bescheiden sich, und zum Lohne dafür dürfen sie glücklich sein. Bescheide dich, und du darfst es gleichfalls!» ------------------------------------------------------------------------ In dieser Not flüchtete ich zu ihr selber, der Herrin meines Lebens, der Strengen Frau: «Siehe, mein Herz versucht mich schwaches Menschenkind; mit Reue mich bedrohend, deinen heiligen Ursprung leugnend, dich eine gemeine Muse schmähend. Darum höre: Ich, der dir ohne Murren alle Hündlein meines Herzens dahingegeben, damit du sie erwürgest, ich heische heute, ehe ich dir das letzte, schwerste Opfer bringe, von dir ein Zeichen, daß du kein täuschend Trugbild bist, ein Pfand, daß du Gewalt und Macht hast, tauglich, mich ans Ziel zu geleiten. Gib mir das Pfand, gewähre mir das Zeichen, und ich gehorche. Wo nicht, verlange nicht von einem schwachen Menschenkinde, daß es sein süßes, seliges Glück für ein Geflüster ohne Unterschrift dahintausche.» Die strenge Antwort kam: «Ich gewähre weder Pfand noch Zeichen. Willst du mir dienen, so diene mir blindgläubig bis ans Ende!» «So vergönne mir wenigstens deutlichen Befehl. Befiehl 'entsage!', so entsage ich. Nur befiehl deutlich und erlöse mich vom Zweifel.» Die strenge Antwort kam: «Ich weigere den Befehl. Dein ist der Zweifel, dein ist die Wahl! denn am Scheideweg des Schicksals richtig wählen, ist die Beglaubigung der Größe; doch wäg es wohl, denn wählst du falsch, lohnt dir mein Fluch!» Zur Linken die Reue, zur Rechten der Fluch! Bekümmert starrte mein Zweifel auf das Zünglein der schlimmen Waage. Da keimte es in den Tiefen meiner bangen Seele, und in die Not der Gegenwart herüber wuchs die Erinnerung an die weihevolle Stunde, da ich zum ersten Male der Strengen Herrin Flüsterhauch vernahm und die inhaltschweren Bilder ihrer überirdischen Sage schaute: die Forderung der kranken Kreatur, als Löwe durch die Felsenkluft dem Erdental entsteigend, das Himmelsvolk erschreckend und den Schöpfer aus den stolzen Hallen seines herrlichen Palastes scheuchend - und was sich alles sonst im Himmelreiche mit dem Löwen außerdem begeben. Diese Stunde schaute ich wieder, und Sehnsucht stärkte meinen Glauben. «Wohlan, es sei! So nimm denn auch dies letzte, größte Opfer. Ein Bettler, steh' ich dann auf Erden; ist nichts mein eigen als du und deines Odems flüsternde Verheißung.» Ich rief's und lud mit gramerfülltem Mut den Willen zum entsagenden Entschluß. Da tat mein Herz einen letzten verzweifelten Ansprung: «Und sie selber, die auf dich hofft und wartet? Willst du sie gleichfalls opfern? Darf, kann das deine Menschlichkeit? Erlaubt das dein Gewissen?» Kleinmütig spannte ich den Willen wieder ab. Das Herz aber fuhr eifrig fort: «Was wird sie fühlen? was muß sie von dir denken? welch ein Urteil über dich fällen, wenn du sie verschmähst? Sie wird dich für einen zaudernden Schwächling halten, zugleich für einen albernen Toren, unfähig, ihren Wert zu erkennen. Das muß sie von dir denken; und also denkend, wird sie dich verachten.» Unerträgliche Vorstellung! Das Opfer konnt' ich leisten, nicht aber die schimpfliche Mißdeutung des Opfers ertragen, nicht ihre Verachtung auf mich laden. Nun wußte ich nicht mehr aus und ein, denn erschöpft versagte mein müder Geist den schlichtenden Gedanken. Da geschah mir die Erscheinung. Sie selbst erschien mir, Theuda, ihre Seele. Ähnlich wie sie mir einst leiblich in der Parusie erschienen war, nur reifer, ernster, mit tiefsinnigen Augen, so wie sie aus dem neuen Bilde blickte. Aus der Finsternis des Speisezimmers trat sie, von dorther, wo die Turteltauben gurrten, blieb auf der Schwelle stehen und sah mich mit traurigen Augen vorwurfsvoll an: «Warum unterschätzest du mich?» sprach sie. «Ich! dich unterschätzen», schrie ich, «oh, wenn du wüßtest!» «Doch, du unterschätzest mich», sagte sie. «Indem du mir eine so kleinliche Gesinnung zutraust, ich wäre fähig, als Hindernis zwischen dich und deinen erhabenen Beruf treten zu wollen. Ja, meinst du denn, nur du allein könnest groß fühlen? Nur du wärest edel genug, um deines Herzens Opfer zu bringen? Glaubst du, ich spüre nicht ebensogut wie du den Odem deiner Strengen Frau? ich vermöchte nicht die stolze Auszeichnung zu würdigen, von ihrem auserwählten Hauptmann zum Sinnbild erhöht zu werden? ich begriffe und fehlte nicht, daß es unendlich ehrenvoller und beglückender ist, deine gläubige Begleiterin auf der kühnen Bergstraße des Ruhmes zu sein, als deine geschäftige Gattin und Kinderfrau? Komm, laß uns gemeinsam unsere Herzenswünsche zu den Füßen der 'Strengen Frau' niederlegen, einen edleren Bund vor ihrem Antlitz schließend als den gemeinen Geschlechterbund vor dem Altar der Menschen, den Bund der Schönheit mit der Größe! Ich will dein Glaube, deine Liebe und dein Trost sein, und du sollst mein Stolz und mein Ruhm sein, der mich erbärmliches vergängliches Geschöpf zum Symbol verklärt, in die Unsterblichkeit hinüberrettet.» - So sprach sie, und voll jubelnden Dankes grüßte ich den Adel ihrer Größe. Darauf taten wir wie beschlossen. Wir legten unsere Herzenswünsche zu unsern Füßen nieder, dann nahm ich den Brautkranz von ihrem Haupt, hernach streifte sie den Ring von meinem Finger, und wir legten es zu dem übrigen. Und als wir nun leer und kahl dastanden, wie zwei Bäume, die sich selbst entblättert hatten, ohne einen anderen Schmuck als die Hoheit der Seele, da rief ich: «Herrin meines Lebens, du meine Strenge Frau; es ist geschehen! Schau her, das Opfer, das du heischest, ist vollzogen.» Ihr Odem erschien, und vor dem Schauer ihres Schattens sank meine Geliebte auf die Knie und vergrub zagend ihr Gesicht in meinen Händen. «Wohl dir», begann die Strenge Frau, «o mein getreuer Hauptmann, daß du recht entschieden; nimm drum zum Lohne meinen Segen. Dies ist mein Segen: Mit Pathos bist du nun geprägt und mit Größe gestempelt; ausgezeichnet vor allen, die ohne das schwarze Siegel meiner Berufung ihre Tage dahinstümpern. Ich befehle dir ein Selbstgefühl, das dich in Irrtum und Narrheit, in Schimpf und Mißachtung nicht verläßt, und ich verbiete dir, jemals in deinem Leben unglücklich zu sein. Denn nicht du bist es, den du fortan in dir fühlst, sondern mich fühlst du in dir; also daß, wenn du nicht hochmütig fühlst, du mich beleidigst. - Doch wer ist jene, die an deiner Seite kniet?» Ich antwortete: «Dies ist meine edle Freundin, deine gläubige Magd, die gleich mir die Wünsche ihres Herzens zum Opfer dir gebracht. Nimm sie an, wie du mich selber angenommen.» «Steh auf», befahl meiner Freundin die Strenge Frau, «und zeige mir dein Angesicht! Dein Angesicht ist schön und wahr; wohlan, ich nehme dich an, nicht als meine Magd, sondern als meine Tochter. Neige dein Haupt, o meine Tochter, damit ich dich taufe!» Da neigte meine Freundin ihr Haupt, und meine Herrin taufte sie mit dem Namen Imago. «Und nun», schloß die Strenge Frau, «reicht euch die Hände, damit ich euern Bund segne.» Nachdem wir uns die Hände gereicht, sprach sie den Segen: «Im Namen des Geistes, der da höher ist als die Ordnung der Natur, im Namen der Ewigkeit, die heiliger ist als das vergängliche Gesetz der Menschen, erkläre ich euch hiermit als Braut und Bräutigam verbunden, lebenslänglich, untrennbar, durch Glück und Unglück, mit der Seele in steter Hochzeit beieinander wohnend. Du sollst ihr Ruhm und ihre Herrlichkeit sein, und sie soll deine Wonne und deine Süßigkeit sein.» - Nach diesen Worten verschwand die Strenge Frau, und wir waren wieder zu zweien allein. «Ward dir das Opfer schwer?» lächelte Imago. Ich jauchzte: «O Krönung meines Lebens, o Verschwendung der Gnade!» Darauf grüßte Imago den Abschied: «Du bist nun müde, und ich habe einen weiten Weg; doch morgen kehre ich zurück, denn wir weilen ja nun in ewiger Hochzeit täglich beisammen.» Nach diesen Worten schieden wir in Hoheit und Seligkeit. Aber noch lange blieb ich, dem schweren Nachhall des Ereignisses lauschend, am dunklen Schreibtisch gebannt; denn wie ein Ozean rauschte es durch meinen Geist, und ein feierlicher Gesang umtönte mich wie nach einem Gottesdienste. Und am folgenden Morgen begann in Wahrheit, wie uns verkündet worden, unser stetes Beisammensein. Eine fliegende Hochzeit, ein jauchzendes Duett, mit vereintem Siegesmunde gesungen. Doch ihre Stimme klang höher als die meinige, so daß ich öfter innehielt, um ihrem Gesang zu lauschen. Wenn ich an ihrer Seite über die Hügel der Erde in das Reich meiner Strengen Frau sprengte, welches reiner ist als das Reich der Wirklichkeit, aber wesenhafter als das Reich der Träume, also daß die Wirklichkeit sich zu ihm verhält wie das Getier zum Menschen, aber der Traum zu ihm sich verhält wie der Geruch zur Blume, und welches sich bis zu den Gefilden der Erinnerungen und Ahnungen erstreckt, da jubelte Imago: «O mein Geliebter, in was für neue, weite Welten führst du mich die Straße? Mein überraschtes Auge nennt sie fremd, doch mein beglücktes Herz begrüßt sie 'Heimat'.» - Und gute Völker, freundlicher als der Menschen Völker, hießen an den Pforten der Täler uns brüderlich willkommen. Wenn ich unter sorgenschwerer Arbeit, während welcher sie bescheiden ihre Gegenwart verhehlte, hin und wieder rastete und seufzend aufschaute, traf mich Imagos andächtiger Blick: «Wie beglückt mich der Stolz», erwiderte ihr Blick, «Mich von einem solchen geliebt zu wissen.» Wenn ich nach redlich erworbenem Ruherecht mit ihr in das Außenleben hinunterstieg, mit ihr scherzend wie mit einer menschlichen Ehefrau, sie mit törichten Kosenamen nennend, ihr beim Essen einen Teller und ein Besteck hinstellend, als säße sie körperlich neben mir, lachte Imago vergnügt: «Was sind wir Kinder! Wie aber vollbringst du Tiefer das Wunder, daß du mich so fröhlich lachen lässest, wie ich nie zuvor so fröhlich lachen konnte?» Darüber wurde ich reich und freundlich, so daß die Menschen verwundert zu mir sprachen: «Angenehm; wie hast du dich lieblich verwandelt.» Wie ein Baum auf freier, sonniger Wiese, der den Wipfel nach allen Seiten entfalten darf und dem die Früchte sämtlich reifen. Und das währte so weiter, eine unendliche Seligkeit, jenseits von Zeit und Raum, bis zu dem Tage, da die Schnauze des Verrates in die goldige Wonne hereinfuhr wie ein Wildschwein durch eine Tapete. Eine gedruckte Verlobungsanzeige mit einem Fremden; ohne ein Wort der Freundschaft, ohne ein Zeichen der Erinnerung; nichts als die rohe Tatsache. Das Ganze eine stumme Frechheit! Verächtlich warf ich den Wisch in den Winkel. Nicht der mindeste Schmerz, bloß Empörung über den Verrat, gemischt mit Trauer über die Offenbarung ungeahnter Kleinheit. Etwa so, wie wenn man berauschenden Herzens ein herrliches Klavierstück spielt und plötzlich läge vor einem an Stelle der Noten eine Kröte. Es ist also menschenmöglich, daß ein weibliches Geschöpf, dem das Schicksal die Gunst anbot, als Liebesgenossin eines Berufenen Ewigkeitsluft zu atmen, vorzieht, mit dem ersten besten Bärtling in den Sumpf der Familie zu waten. Verblüfft staunte ich dem wunderlichen Phänomen der Kleinheit nach, wie einst in der Kinderzeit, als ich einen Krebs betrachtete. «Wie kann man ein Krebs sein!» hatte ich damals gerufen. Heute rief ich: «Wie kann jemand nicht groß sein!» ------------------------------------------------------------------------ Und durch ihren schmählichen Abfall soll jetzt meine schöne Seligkeit elendiglich verwesen? Plötzlich lachte ich laut auf Fasching und Fabel! Das hattest du ja alles nur in sie hineingedichtet: die Schicksalsstunde der Verlobung, ihre Hoheit, ihre Größe, ihren Seelenadel, ihre Liebe, ihre Freundschaft. Imago lebt nicht als einzige in dir; die menschliche, leibliche Theuda aber ist eine Verschiedene, eine Fremde, namens Ix; und zwar ein unbedeutendes Vögelein, wie deren in jeder Stadt zu Hunderten piepsen. Ich hob die schamlose Karte wieder auf und roch daran. Kein Zweifel, ganz deutlich, sie roch nach Gewöhnlichkeit. Genau wie die andern: war entschlossen, überhaupt zu heiraten (vermutlich nach einer unglücklichen Liebe - der Weg zum Altar führt ja bei den Frauen meistens über das Grab des Herzens), von einem Schwarm verhaßter Bewerber bedrängt, sieht sie in mir, dem fremden Neuling, einen Erlöser, findet mich annehmbar - glaube schon -, erhält mich nicht, um so schlimmer, so nimmt sie eben in Gottes Namen einen andern. So geht es gewöhnlich, so ging es auch mit ihr, der Gewöhnlichen. Fort mit ihr! Jüngferlein Ix, dein Name lautet: «Nicht vorhanden!» Zum Beweis dafür, schau her, was ich mit dir mache. So mache ich mit dir! Zerriß die Karte und warf die Fetzen in den Papierkorb. Und jetzt wollen wir mit deinem hübschen Lügenlärvlein also tun. Nahm das Bild hervor, um es gleichfalls zu zerstückeln. Zum Abschied aber mochte ich es vorher noch einmal anschauen. Also diese tiefsinnigen schwermütigen Augen trügen; der ganze Adel dieses Schönheitsfrühlings ist gemeiner Jugendspeck! Da fing das Bild bitterlich an zu weinen: «Nein, ich lüge nicht», weinte es, «denn damals, als dieses Bild mich spiegelte, dürstete meine Seele wahrhaftig nach Hoheit; diese Augen, die dich anblicken, schauten einst nach dir; dein dachte mein Wunsch, dein sehnte meine Hoffnung. Eine andere, spätere, mit deren Taten ich keine Gemeinschaft habe, hat dich verraten. Jedoch nicht aus niedriger Gesinnung, sondern eitel aus Schwäche und Kleinheit. Und wer weiß, vielleicht kommt später einmal eine Stunde, da sie sich besinnt, sich erinnert, sich ihres Abfalls schämt und zu dir zurückkehrt, mein Angesicht entsühnend, damit es nicht mit gebrandmarkter Schönheit schmachvoll in die Welt schaue wie ein gefallener Engel.» Da erbarmte ich mich des Bildes und hob es andächtig auf, wie das Bild einer Verstorbenen. Der andern aber, der Neuen, der Treulosen, erkannte ich den lieben Namen Theuda ab und nannte sie fortan Pseuda, das heißt: die Falsche. Jenen Abend, als ich wie gewöhnlich spazieren ritt (wohlverstanden, auf einem wirklichen, leibhaftigen Pferde), hörte ich jemand hinter mir reiten. Ich wußte, wer es war, denn ich hatte sie erwartet. «Imago», mahnte ich, «was reitest du hinter mir? und kommst nicht an meine Seite?» Sie antwortete: «Weil ich jetzt deiner unwürdig bin, da ich die Gesichtszüge einer Treulosen trage.» Ich sprach: «Imago, meine Braut, du trägst nicht ihre Gesichtszüge, sondern jene trägt fälschlich die deinigen. Darum komm an meine Seite, dein Antlitz sei mir gesegnet!» Da ritt sie an meine Seite, verbarg jedoch ihr Gesicht mit den Händen. Ich aber entfernte ihr sanft die Hände vom Gesicht. «Siehst du, wie du schön bist und groß und seelenvoll! Darum schaue mich frei offen an, unbekümmert um dein unwürdig Urbild, so wie auch ich mich nicht darum bekümmere.» Jetzt schaute sie mich offen an, dankend mit den Augen, und wir begannen wieder zu singen wie vordem. Und ihre Stimme klang noch schöner als zuvor; allein mit wehmütigem Ton, wie wenn ein Unschuldiger leidet; so daß es einen zu Tränen hätte erbarmen mögen. Plötzlich jedoch, mitten im Singen, brach sie ab, mit einem gurgelnden Schrei, preßte die Lippen zusammen wie ein sterbender Engel und wankte im Sattel. «O wehe mir!» klagte sie, «es hat mir jemand einen häßlichen Stoß versetzt, so daß ich krank bin und die Stimme nicht mehr schwinge. Darum laß nun ab von mir, Viktor, und suche dir eine frische Imago; eine, die da gesund und kräftig ist und ein unbescholtenes Gesicht hat, damit sie dir jauchze und singe, dir zur Süßigkeit und zum verdienten Lohne.» Ich rief. «Imago, meine angelobte Braut, man läßt nicht von der Freundin, weil sie krank ist. Denn ich habe einen Bund mit dir vor dem Odem meiner Strengen Herrin geschlossen, also, daß mir dein Antlitz das Sinnbild alles Edlen und Hohen bedeutet. Darum höre, was ich dir verkünde: Dafür, daß du krank und traurig bist, dafür ist meine Liebe zu dir noch vielmal größer als ehedem, als du in Freuden und Seligkeit an meiner Seite jauchztest.» Sie sprach: «O wehe dir, Viktor, daß du nicht von mir lässest! denn ich kann dir fortan nichts mehr bringen als Herzeleid.» Ich erwiderte: «So bring mir Herzeleid, Imago, meine edle Braut. Ich aber lasse nicht von dir.» Also erneuerte ich den Bund mit der kranken Imago; und war alles wie vorher, nur daß ihre Stimme verstummt war und ihre Augen schmerzlich blickten. - Und also ist es geblieben bis auf den heutigen Tag. Und sie ist meine Braut, und ich lasse nicht von ihr, und sie ist mir tröstlicher als alle Reichtümer der Welt, ob sie gleich stumm und krank ist. - Heida! Mut, Trotz und Freiheit! Mein ist die Strenge Frau, mein ist Imago; jene für mein Werk, meinen Beruf, meine Größe, diese für meine süße Liebe; der Rest ist Unrat. Der irdischen Weiber scherz' ich; ein Trunk am Wege, genossen, verdankt und vergessen. Ich sehe ihrer mancherlei, lichte und dunkle. O lecker die lichten, o Wollust die dunklen! doch ihren Namen unterscheide ich nicht. Nur einen einzigen Namen habe ich mir gemerkt: das ist Pseuda, namens Ix, die Kleine, die Abtrünnige, die mir Theuda betrübte und Imago kränkte. Unter mir die Rache! Eines bloß begehr' ich von ihr zum Entgelt: sie einmal, nur ein einziges Mal wiederzusehen, um zu erfahren, wie eine Treulose in den sauberen Tag schaut, um zu erleben, daß sie die Augen vor mir niederschlägt. Dies ist mein gutes Recht, das sei ihre verdiente Strafe. Damit genug; wohl bekomm ihr der Sumpf, Gott segne ihre Ehe. Hiermit bin ich fertig, und da ich fertig bin, höre ich auf Ihr getreuer Viktor Dies Bekenntnis schob er noch in der nämlichen Nacht eigenhändig in die Brieflade. Und am folgenden Morgen schon, mit der Elfuhrpost, erhielt er der Freundin Antwort: Verehrter Freund! Ich habe Ihr erstaunliches Bekenntnis, dessen Mitteilung ich Ihnen als einen Beweis des Vertrauens verdanke, mit der gebührenden Andacht gelesen. Ehe ich indessen auf den Inhalt eingehe, lassen Sie mich zuerst etwas Störendes beseitigen; es brennt mich auf der Zunge, ich will es daher gleich erledigen: Nicht wahr, es ist nicht Ihr Ernst, eine Frau durch einen Vorgang gebunden zu glauben, von dem sie nichts weiß und auch nichts wissen kann; einen Vorgang, der einzig in Ihrer Phantasie geschah: durch ein erträumtes Verlöbnis, mit einem Wort. Das tun Sie nicht, das können Sie nicht tun, weil es ebenso unvernünftig wie unbillig wäre. Den häßlichen Namen Pseuda, lieber Freund, verdient Frau Direktor Wyß nicht; denn wenn es eine Frau auf Erden gibt, die offen und wahr ist, so ist sie's. Zur Größe wollten Sie sie verpflichten? Ich weiß nicht, ob Frauen überhaupt der Größe fähig sind - wir haben andere Eigenschaften -, aber gesetzt, sie wären dessen fähig, wer ist denn zur Größe verpflichtet? Die bedauernswerte Menschheit, wenn Größe Pflicht wäre! Frau Direktor Wyß ist wie jede andere, wie ich, wie wir alle, dazu erzogen worden, einem braven Manne eine treue Gefährtin zu sein, und diesen Beruf erfüllt sie aufs beste, sich zum Frieden, ihren Nächsten zum Glück, den übrigen zur Erbauung. Ich kenne in der ganzen Stadt keine tugendhaftere, treuere, selbstlosere Gattin und bessere Mutter. Ich muß mich daher nochmals dagegen verwahren, daß jemand ihr zumutete, die Augen niederzuschlagen. Das braucht sie nicht zu tun, und, beiläufig bemerkt, das wird sie auch nicht tun; verlassen Sie sich darauf. Zugegeben, daß vielleicht eine andere Frau den Zauber der Parusie mitgefühlt hätte - es müßte freilich eine Frau von seltenen Eigenschaften sein, und sie müßte Sie mit allen Fasern ihres Herzens geliebt haben. Allein sie hat nun einmal die Parusie nicht gefühlt, und es war auch keineswegs ihre Pflicht, sie zu fühlen. Dies vorausgeschickt, fange ich nochmals von vorne an. Ja, mit wahrer Andacht habe ich Ihr Geständnis gelesen; ergriffen und verwirrt, erschrocken und erhoben. Ich besitze nicht die gehörige Gabe von nüchterner Vernunft, auch nicht das nötige Maß von Verständnislosigkeit, um mich über die ungeheuerliche Vermengung von Phantasie und Wirklichkeit aufzuregen. Obschon! was sind das für Sachen: «Theuda», «Pseuda», «Imago» (Fräulein Ix will ich Ihnen noch schenken), drei Personen mit einem einzigen Gesicht! Die eine existiert nicht, die andere ist tot, die dritte ist «nicht vorhanden», und jene, die nicht existiert, ist krank! Wenn nur das Herz nicht Mus macht! Mir stockt einfach der Atem; ich weiß nicht recht, ob mehr vor Furcht oder vor Ehrfurcht. Sie sind - verzeihen Sie, ich weiß, Sie hassen den Namen, aber ich kann Sie doch nicht Rabbi nennen -, Sie sind, ob Sie sich noch so sehr dagegen sträuben, ein Dichter. Wenn Sie übrigens lieber ein Seher oder Prophet heißen wollen ... Ich habe Ihr Hohelied von Imago mit dem frohen Staunen gelesen, wie man ein Großwerk der Poesie anhört, bin auch im Innersten davon überzeugt, der Dämon, von welchem Sie besessen sind, mögen Sie ihn nennen, wie Sie wollen, «Imago» oder «Strenge Frau» oder sonstwie (er wird wohl ein naher Verwandter des Genius sein), ist heiligen Ursprungs. Denn das steht bei mir fest: etwas, dem ein erwachsener Mann, so überlegen gescheit und verständig wie Sie, sein Liebesglück zum Opfer bringt, ist kein Irrwisch. Kurz, ich glaube an Ihre «Strenge Frau» und auch an Sie, mein lieber Freund, an Ihr Werk, an Ihre künftige Größe, die ich bisher bloß gehofft und ahnend vermutet hatte. So sehr glaube ich daran, daß mich Ihre Erzählung mit reinern Seelenglück erfüllen würde, wie das Erlebnis eines unsterblichen Kunstwerkes, wenn ich nicht zugleich Ihre Freundin wäre, wenn ich nicht durch meine herzliche Teilnahme gezwungen würde, auch an Ihr menschliches Heil oder Unheil zu denken. Schrecken aber erfaßt mich bei dem Gedanken, was Sie leiden werden, wenn Sie mit Ihrer schönen Phantasiewelt (verzeihen Sie einer Frau den Romanausdruck) an die harte Wirklichkeit stoßen (o weh, aber ich finde kein anderes Wort); und nur eines wundert mich, daß der grausame Stoß nicht schon längst erfolgt ist. Müssen das seltene Menschen von zarter Seelenfeinheit gewesen sein, unter denen Sie in der Fremde wohnen durften, daß Ihnen vergönnt war, sich dermaßen ungehindert und ungestraft in eine Idealwelt einzuträumen, zumal im Gewühl einer großen Stadt! Schwerlich rate ich fehl, daß es eine Frau war, und zwar eine hochsinnige Frau von außerordentlichen Eigenschaften, deren Sorge über Ihren Weg wachte. Ich würde solch ein dauerndes Phantasieglück mitten unter den Menschen überhaupt nicht für möglich gehalten haben, wenn Ihre Schilderung mir's nicht bezeugte. Ich bewundere die Willenskraft, die Treffsicherheit, mit welcher Sie unter der Leitung der «Strengen Frau» Ihren Lebensweg im verworrensten Dickicht zurechtfinden; allein, verzeihen Sie, ein Fehler läuft doch mit unter. Sie sind hier, und Sie sollten nicht hier sein. (Nicht wahr, Sie mißverstehen mich nicht? Ich denke eben nicht an mich, sondern an Sie.) Gestatten Sie mir, daß ich mich durch die Miggimaggi Ihres Herzens nicht täuschen lasse: Sie wollen Frau Direktor Wyß einfach wiedersehen. Und warum wollen Sie sie wiedersehen? Weil Sie sie nicht vergessen können. Das ist bedauerlich; ich hätte Ihnen gewünscht, Sie könnten's; denn das Nachsehen nach etwas, was man endgültig weggegeben hat - Sie sehen, ich unterstreiche das Wort «endgültig» -, bringt nur unnützes Augenweh. Allein es ist wahrlich nicht die Rolle einer Frau, Sie deswegen zu tadeln; denn daß man seinem Herzen nicht gebieten kann, wer wüßte das besser als wir? Nur möchte ich Sie eben davor bewahren, daß Sie sich durch vergebliche Hoffnungen grausame Enttäuschungen zuziehen. Wollen Sie von Ihrer alten Freundin eine wohlgemeinte Warnung annehmen? - es wird zwar nichts nützen, allein ich muß es trotzdem tun, weil ich mir's nicht verzeihen könnte, es nicht getan zu haben: Sehen Sie sie nicht wieder; verlassen Sie so schnell wie möglich diesen gefährlichen Boden, und singen Sie Ihr herrliches Duett mit Imago weiter, aber in sicherer Ferne. Imago wird mit der Zeit genesen und ihre Stimme wiederfinden, darum ist mir nicht bange. Hier dagegen ist nichts für Sie zu holen als Unfriede. Merken Sie wohl, was ich Ihnen sage, ich, die ich Frau Direktor Wyß kenne - sie war ja sozusagen in gewissem Sinne meine Schülerin (wenn auch nur vorübergehend) und hat mich eine Zeitlang mit ihrem Vertrauen beehrt -, merken Sie wohl, was ich Ihnen sage: sämtliche Fächlein ihres Herzens sind besetzt. Liebe suchen Sie ja nicht bei ihr, nicht wahr? Dazu sind Sie zu gewissenhaft; Freundschaft aber werden Sie nicht erhalten, denn zur gemeinen Konzert- und Hausfreundschaft kommen Sie zu spät, und zur hohen Seelenfreundschaft, wie Sie sie meinen, zu früh. Dazu ist sie viel zu jung, zu ungequetscht, zu glücklich. Und daß Sie sich ja nicht etwa auf Ihre geistigen Eigenschaften verlassen! Sie ißt nicht von dieser Konfitüre. Wer den Hauch der Parusie nicht gespürt hat, wird auch den Odem der «Strengen Frau» und den Tritt des himmelstürmenden Löwen nicht spüren. Ich sage das, ohne den Wert der Dame im mindesten herabzusetzen, den ich wahrlich hoch genug anschlage, da ich sie zu Ihrer Frau berufen glaubte. Allein wenn ich sie für würdig hielt, Ihre Frau zu werden, so halte ich sie darum noch nicht für fähig, Ihre Freundin zu sein. Beides verlangt ganz verschiedene Eigenschaften. Also noch einmal: verlassen Sie diesen gefährlichen Boden, denn Sie sehen mir stark danach aus, große Torheiten begehen zu wollen; zur Belästigung anderer und zu Ihrer eigenen bitteren Enttäuschung. So, nun habe ich meine Seele gerettet. Jetzt tun Sie, was Sie wollen, oder vielmehr, was Sie müssen; denn das Schicksal wird schon wissen, was es mit Ihnen vorhat. Ich schwaches Menschenkind vermag nicht mehr, als Ihnen meinen Herzenswunsch auf den Weg mitzugeben: Sie möchten Ihr hohes Lebensziel, das Sie ganz sicher erreichen werden, nicht mit allzu grausamen Wunden erkaufen müssen. Also ich hoffe, Sie nicht wiederzusehen. Und grüßen Sie mir Ihre herrliche Imago. Ihre Ihnen in Freundschaft und Ehrerbietung ergebene Martha Steinbach Nachschrift: Und geben Sie acht, daß die irdischen Weiber nicht Ihrer «scherzen»! «Nichts nützen?» wiederholte Viktor, nachdem er den Brief gelesen hatte. «Warum nichts nützen? Dadurch unterscheidet sich doch der Mensch vom Maultier, daß er einen gescheiten Rat annimmt. Liebe Freundin, Sie haben einfach recht. Was tue ich hier? was geht mich überhaupt das ganze verpfuschte, verheiratete Dämchen an? Fertig! beschlossen! bleibt's dabei: ich will sie meiden, ich will abreisen. Das heißt natürlich, sobald ich meinen alten Freunden und Schulgenossen den schuldigen Gruß werde abgestattet haben. Denn ob ich die Dame schon meiden will, flüchten vor ihr, angstvoll flüchten wie ein christlicher Jüngling vor der Versuchung, das denn doch nicht; dazu habe ich denn doch wahrlich keine Ursache. Sollte also vielleicht der Zufall es fügen, daß ich ohne mein Zutun mit ihr zusammentreffe, um so schlimmer für sie.» Und ein kleines, krummes Wünschlein wurmte zuunterst in seiner Seele, der Zufall möchte es fügen. ------------------------------------------------------------------------ Eine schlimme Enttäuschung Wie sie sich sämtlich ein behagliches Plätzlein im Staat erarbeitet hatten, seine alten Schulkameraden! Der eine Professor, der andere Hauptmann im Generalstab, der dritte Gasröhrenfabrikant, wieder einer Kantonsförster, und ähnlich weiter; die meisten überdies zur Ruhe geheiratet, rund und zufrieden; alle ohne Ausnahme nützlich und angesehen. Dagegen er, mit seinen vierunddreißig Jahren! ohne Beruf und Stand, ohne Namen und Wohnsitz, ohne Verdienst und Werke, nichts. Und die grausamen Bisse, wenn sie ihn an die verlorenen Reichtümer seiner natürlichen Gaben erinnerten! «Kannst du noch so schön zeichnen wie damals?» - «Und was macht denn die Musik?» - Ach, seine armen Talente! verkümmert, verschmachtet im Dienste seiner Strengen Herrin! Und wofür? Für einen Wechsel auf die Zukunft. Immer und immer nur Zukunft, niemals Gegenwart! Es wäre bald Zeit, dünkte ihn, daß sie endlich anlangte, die Zukunft, mit vierunddreißig Jahren! «Erinnerst du dich noch, Viktor», fragte ihn Vital, der Polizeileutnant, «an unseren gutmütigen Deutschlehrer, den Fritzli? Aus dem machen sie jetzt eine gewaltige Geschichte in den Zeitungen wegen seiner Bücher. Ach Gott erbarm, es hilft ihm wenig mehr, dem Schlucker, alt und krank, wie er ist!» Dem Fritzli trug Viktor einen alten Dank nach, weil der ihn einst in der Lehrerversammlung vor der Ausweisung aus der Schule gerettet hatte - «wegen schlechten Betragens»; das wollte sagen wegen Auflehnung. Den aufzusuchen mahnte ihn das Herz. Er traf ihn gekrümmt im Bette liegend, ein gebrochenes, ächzendes Geschöpf. Mühsam kehrte der Kranke den Kopf nach dem Besucher, mit gleichgültigem, leidbefangenem Blick. Allmählich aber schaute er den Viktor aufmerksam an, in seinen Zügen forschend, eine lange Zeit; übrigens ohne Unfreundlichkeit, bloß gefesselt und erstaunt, ungefähr wie ein Naturforscher, der eine seltene Raupe betrachtet. Während dann Viktor seinen Dank vorbrachte - in stammelnden Worten, denn er war ein schlechter Sprecher -, hörte der Fritzli gar nicht zu, sondern las nur immer weiter in seinem Gesichte. Endlich hub er wehmütig an: «Sie also auch! Ich weiß nicht, soll ich Ihnen Glück dazu wünschen oder Sie beklagen? Wie sagten Sie doch gleich, daß Sie heißen? Den Namen wird man aussprechen lernen.» Darauf schenkte er ihm mit erhobener Stimme und nachdrücklicher Betonung einen rätselhaften Gedenkspruch: «Nicht die Alten, die glauben's nicht; nicht die Zeitgenossen, die leiden's nicht; nicht die Frauen, die folgen dem Erfolg; sondern einzig und allein die auserlesene Mannschaft eines nachkommenden Geschlechts. - Gehen Sie jetzt, lieber Freund, Ihr Platz ist nicht neben dem Leichnam eines garstigen Greises, Sie haben genugsam mit eigenen Nöten zu schaffen; möge es gnädig ablaufen. Übrigens Dank, daß Sie gekommen sind, es war mir ein großer Trost; ich sagte Ihnen ja: einzig die auserlesene Mannschaft eines jüngeren Geschlechts. Doch gehen Sie jetzt, gehen Sie, ich bitte Sie darum.» Und als Viktor seine Besuche erneuern wollte, wurde er nicht mehr vorgelassen. ------------------------------------------------------------------------ Bis jetzt war er Pseuda nirgends begegnet, und nur ein einziger Gang noch blieb zu erledigen: Frau Regierungsrat Keller. Nachher konnte er reisen - «sagen wir Montag, spätestens Dienstag». Zweimal schon hatte er bei ihr vorgesprochen und sie nicht zu Hause getroffen, jetzt versuchte er's zum dritten Mal und fand sie wieder nicht daheim. Es scheint, es soll nicht sein! «Gut, dann fahr' ich also Montag.» Da erhielt er von ihr eine schriftliche Einladung auf nächsten Mittwochnachmittag zum Tee. «Ich habe am Mittwochnachmittag die Idealia, Sie werden einige interessante Menschen vorfinden, und wahrscheinlich gibt es sogar Musik.» - «Sogar Musik», wiederholte er, «Musik als Unterhaltungsgipfel! Interessante Menschen, Idealia!» - das Programm hatte nichts Verlockendes, und spätestens Dienstag hatte er ja reisen wollen. Anderseits mochte er der verehrten Dame, der er von früher her zu Dank verpflichtet war, keine abschlägige Antwort erteilen. «Sei's darum! was habe ich schließlich zu versäumen?» und sagte zu, obgleich nur halbwillig. Die Regierungsrätin empfing ihn mit alter Herzlichkeit, wiewohl etwas flüchtig und zerstreut. «Wir erwarten den Kurt», meldete sie glückstrahlend, mit gedämpfter Stimme, als verriete sie ihm ein Osterei. Kurt? wo hatte er doch den Namen schon gehört? Nicht möglich - ereiferte sie sich -, daß er den Kurt nicht kenne! Allerdings von jemand, der frisch aus der Fremde komme, lasse sich's entschuldigen. Und fing an, ihm das Lob des Kurt zu preisen, wie es nur eine Frau vermag, wenn sie mit dem Herzen urteilt. Alle erdenklichen Tugenden und Gaben; und in der Mitte der siebenfachen Perlenschnur leuchtete eine Spange, die das Ganze zusammenheftete: «Mit einem Wort ein Genie! Und zwar ein solches Genie und so weiter.» - «Und dabei von einer wahrhaft rührenden Bescheidenheit.» - «Und fein! und liebenswürdig!» - Und also fort. Viktor lächelte. Noch immer die nämliche, die Regierungsrätin, immer gleich in den höchsten Tönen, wenn sie jemand mochte. Freilich erriet er nun auch, daß er hier nur ein Stück Volk für den Wundermann Kurt bedeuten sollte; was ihn ein wenig verstimmte, so daß ihn beinahe reute, hergekommen zu sein. Mit verändertem Ton, wie wenn eine Opernsängerin in die Sprechweise verfällt, fügte sie nachlässig hinzu: «Seine Schwester ist ebenfalls da; ich glaube, Sie haben sie schon einmal gesehen, Frau Direktor Wyß.» Ah, also jetzt! Mit einem tiefen Atemzug rüstete er seine Rache. «Nur ja keine Verwechslung! halt scharf auseinander: nicht Imago, nicht einmal Theuda, sondern bloß Pseuda die Verräterin! Und daß du mir nicht etwa wieder mit den Pulsen hämmerst, du dort drinnen!» Also gewappnet trat er ein. Richtig, wahrhaftig! Dort saß sie, die Falsche! über ein Notenheft gebückt, im Glanz ihrer gestohlenen Schönheit, der Schönheit Theudas, umjauchzt von der Poesie der verratenen Erinnerungen. Aber wie sie Imago gleichsah! Kann sie denn das? Ob diesem Anblick jagte sein Blut herum wie ein Eichhörnchen in der Drille; und in seinen Ohren tobte ein Lärm, als ob eine vom Nachttisch gefallene Weckeruhr auf dem Boden abschnurrte. «Alle gescheiten Geister, kommt mir zu Hilfe!» betete er angstvoll. Allein, wehe, wo sind sie? Nichts Gescheites kam. Blindlings überstand er die Vorstellungen, erledigte er die Verbeugungen. Wie wohl sie ihn begrüßen wird? Siehe, jetzt streift ihn ihr Blick! Ein gleichgültiger Blick wie gegen einen Fremden. Sie erhebt sich ein klein wenig zur Form, dann guckt sie gelassen wieder in ihr Notenheft. «Ist das alles?» fragte er sich, erstarrt. Nein, es war nicht alles. Eine Schale voll Schlagsahne stand vor ihr; die äugelte sie mit liebevoller Zärtlichkeit an, sah sich ein paarmal scheu um, ob niemand sie beobachte, dann gönnte sie sich davon ein verschämtes halbes Löffelchen; endlich mit kühnerem Mut volle zwei und drei. Solch ein Empfang! ihm! sie! Schmach und Empörung! Ingrimmig bohrte er ihr verdammende Blicke ins Antlitz. Bis ihn der Verstand am Ärmel zupfte: «Du, Viktor, falls du dir etwa einbildest, daß sie deine erhabenen Grimassen bemerkt, so täuschest du dich.» Da ließ er's bleiben und stierte sie sinnlos an, verstört wie in einem Operationsstuhl, gewärtig, was wohl zweitens anreisen werde, eine Schere oder ein Messerchen. Während er so betäubt dasaß, drang ohne seinen Willen das Geräusch der Gespräche an sein Ohr; Brocken ohne Zusammenhang: «Protestantische Landstraßen besser gepflegt als die katholischen.» - «Im dritten Akt wird der Held unschuldig schuldig.» - «War der Kurt auch dabei?» - «Genie bricht sich immer Bahn.» - «Hatte der Kurt seinen guten Tag?» Was jedoch wohl sie zuerst für einen Spruch tun wird? Mit dem seelenvollen Ton ihrer trautheiligen Stimme von damals? Lange Zeit wartete er umsonst. Doch halt, still! jetzt lauscht sie in die Unterhaltung herüber. Sie runzelt die Brauen, ihre schwarzen Augen blitzen, sie öffnet die Lippen: «Ach was!» rief sie, «die höflichen Menschen sind alle mehr oder weniger falsch!» Das kam dermaßen unversehens daß er hellauf lachen mußte. Da drehte sie langsam den Kopf nach seiner Richtung und schickte ihm einen Seitenblick: «Du, was dich betrifft», sagte der Blick, «mit dir bin ich fertig!» Und während sie den Kopf wieder abwendete, gewährte sie ihm auf geistigem Wege noch ein paar Nachtragsätze mit kleinen Buchstaben, die er deutlicher zu lesen vermochte, als ihm lieb war. «Mein Herr, was wollen Sie von mir? warum weisen Sie mir solch eine wichtige inhaltsvolle Erinnerungsmiene? Falls Sie etwa von früher her etwas wurmt, um so schlimmer für Sie; klagen Sie sich selbst an; mich aber lassen Sie gefälligst in Frieden, sonst holla! Heute gilt die Gegenwart, morgen die Zukunft; mein Mann und mein Kind sind mir alles, und Sie sind mir gar nichts.» Es war weder ein Messerchen noch eine Schere, es war eine fürchterliche Säge. Und Schmerz und Zorn stürmten vereint wider seine mühsam verteidigte Fassung. «Sie wagt es! Mit den gemeinen Anhängseln ihrer nichtsnutzigen Ehe - Mann, Kind und dergleichen Hausrat mehr - möchte sie das unsterbliche Gemälde der Parusie auslöschen?!» Und wiederum tönte in seinen Ohren die Raspel der Gespräche. Von links her: «Glauben Sie wirklich, daß der Kurt noch kommen wird?» - «Schon vier Uhr! fertig, er kommt wieder einmal nicht!» - «Und ich behaupte: er kommt.» - Zur Rechten: «Glatte Höflinge.» - «Freudloses Familienleben der Großstädter.» - «Geistlose Unterhaltung der sogenannten vornehmen Welt.» - «Steifes, lächerliches Zeremoniell in den Palästen der Großen.» - Ihm war, er hätte in zehn Jahren nicht so viele Albernheiten gehört wie in dieser Viertelstunde. Überhaupt gesellte sich zu seiner Beschämung mehr und mehr der Unwille. Warum kümmert sich denn niemand um mich? Wie lange soll ich noch einsam auf meinem Stuhl sitzen wie Robinson auf der Klippe? Da, mit einem Male lief eine freudige Erregung durch die Versammlung, begleitet von Geflüster und unterdrückten Jubelrufen, als nahte ein Festzug. Während er sich trägen Geistes - denn was galt ihm die Umgebung? - nach der Ursache der plötzlichen Glückseligkeit umdrehte, stürzte ein Mannsbild durchs Zimmer, ohne Gruß noch Vorstellung, im Vorbeistürmen ihn, den Viktor, mit dem Ärmel streifend, ohne sich zu entschuldigen; pflanzte sich ohne weiteres vors Klavier, legte ein Notenbuch bereit - er wird doch etwa nicht...? Doch, weiß Gott, er fängt an zu singen, mitten in der Versammlung, ohne Aufforderung noch Erlaubnis, wie ein Schnapsbruder im Wirtshaus. Eins, zwei war Viktor neben ihm, klappte ihm das Notenbuch zu und warf es ihm auf die Knie, worauf der Einbrecher ohne einen Mucks wieder aus dem Zimmer stürzte. Das Ganze war so schnell verlaufen, wie wenn eine Fledermaus zum Fenster hereinflattert und wieder hinaus. «Was war das für ein Individuum?» fragte Viktor belustigt, gegen die Regierungsrätin gewandt, in der Meinung, ihren Dank für die schlanke Hinausbeförderung zu ernten. Doch siehe da: Verwirrung und Aufstand ringsum, Bestürzung auf allen Gesichtern. «Durchaus kein Individuum», brauste Pseuda mit zornrotem Gesicht auf, feindliches Schnellfeuer aus ihren funkelnden Augen schießend. Die Regierungsrätin aber, Tränen in den Augen, zischte ihm vorwurfsvoll ins Ohr: «Das war ja ihr Bruder, der Kurt!» Jetzt verbeugte sich Viktor mit spöttischer Ehrerbietung vor Pseuda: «Gnädige Frau, mein aufrichtiges, tiefgefühltes Beileid!» «Es braucht kein Beileid!» herrschte sie, «ich bin stolz auf meinen Bruder und darf es sein!» Hiermit verließ sie geräuschvoll das Zimmer, und alles rüstete sich zum Aufbruch. «Ach, mein schöner musikalischer Abend!» jammerte mit trostloser Miene die Regierungsrätin. Und als Viktor sich angelegentlich bei ihr entschuldigte, beteuernd, wie er doch unmöglich habe ahnen können, daß ein ungezogener Mensch, der ohne Gruß noch Vorstellung durch eine Versammlung stürmt und dabei die Anwesenden mit den Ellenbogen stößt - «Zeremonienmeister!» -, unterbrach sie ihn erbittert: «Er ist eben ein Original, ein Genie» - und schlich betrübt von dannen. Lehmann aber, der Förster, Viktors Schulkamerad, klopfte ihm lachend auf die Schulter: «Viktor, Viktor, das war ein schlimmes Versehen!» «Entschuldige, lieber Freund, das war kein Versehen, sondern eine Züchtigung.» «Nenne es, wie du willst, jedenfalls mit Frau Direktor Wyß hast du es jetzt auf ewige Zeiten verdorben.» «Das werden wir sehen!» trotzte Viktor furchtlos. ------------------------------------------------------------------------ Draußen auf der Straße war ihm, als käme er aus einer närrischen Posse. Das also war der gepriesene Kurt gewesen! «Fein, liebenswürdig, bescheiden!» Haben denn hier die Wörter der deutschen Sprache einen anderen Sinn als sonst auf Erden? Der, und ein Genie?! Ja, eines von den zehntausend Werdenichts-Genies, von denen jede Familie eins auf Lager hat; in schwesterlicher Verhimmelung verzuckert, garniert mit einem Kranz schmachtender Basen. - Überhaupt, in was für eine Grube war er gefallen! Was für Gespräche! Verfaulte Gemeinplätze, die man anderswo mit keinem Stöcklein mehr anzurühren wagt, Urteilsmißgeburten, wert, in Weingeist aufbewahrt zu werden. «Steifes, lächerliches Zeremoniell in den Palästen der Großen!» Die glauben offenbar, es gehe in den «Palästen der Großen» so feierlich zu wie bei der Eröffnung einer Zuchtstierausstellung. «Glatte Höflinge!» Was die sich wohl unter einem Höfling vorstellen mochten? Vermutlich einen staatlich geeichten Ränkeschmied, der von Morgen bis Abend den Thron umschleicht wie ein Bühnenbösewicht den Souffleurkasten. «Freudloses Familienleben der Großstädter!» Wahrscheinlich, weil sie ihre Buben nicht prügeln! «Geistlose Unterhaltung der sogenannten vornehmen Welt!» Allerdings, von «unschuldig schuldig» redet man dort nicht. - Freilich, was den geistigen Horizont betrifft, scheint sie selber auch nicht gerade sonderlich ... nun, kein Wunder, in solch einer Sippschaft! Mit einem Charakterkopf zum Vater und einem Genie zum Bruder! «Die höflichen Menschen sind alle mehr oder weniger falsch» - aus was für einem Demokratenkübel sie das elende Sprüchlein wohl aufgelesen haben mag; Aber hübsch hat sie's aufgesagt; sicher und beifallsbewußt wie eine Jahreszahl im Examen. «Schlacht bei Salamis? - Ich weiß», triumphierend den Zeigefinger in die Höhe. Soll ich dir sagen, was sie ist, Viktor? Ein unreifes Kind ist sie, auf der Schnellbleiche geheiratet; noch die Puppe auf dem Arm, und wupp! ohne daß sie merkt woher, ein Büblein auf dem Schoß. Dieses gilt ihr dann so für eine Art Fortbildungspuppe. Hast du gesehen, wie verliebt sie die Schlagsahne schleckte? Um ein weniges (schade, daß sich's für Erwachsene nicht schickt), so hätte sie sich den Magen gestreichelt wie der Clown im Zirkus. Aber war sie schön! Fast wäre man versucht, der Schöpfung eine bessere Note zu erteilen, ihretwegen; womöglich noch schöner als damals in der Parusie. Nichts verloren und mehreres dazugewachsen; «aufgebläht», mit einem Wort, wie die Romanschreiber sagen. Und wie tapfer sie ihren Hanswurst von Bruder verteidigte! Pseuda, du gefällst mir. Sie schlägt zwar noch ein bißchen aus wie ein wildes Rößlein; um so besser, Beweis, daß sie Rasse hat; ich sehe es gar nicht ungern, wenn sie zornig ist; im Gegenteil, das steht ihr gut, es paßt zu ihrer schwarzhaarigen Verfassung. Pseuda, wir werden noch gute Freunde werden. - Und fröhlich trällernd schritt er die Straße. Allein, die ganze Lustigkeit war nur Kinderball auf dem Verdeck; unten in der Kajüte stöhnte ein gestochener Mann, und das war der Kapitän. Kaum im Gasthof zurück, warf Viktor die gekünstelte Fröhlichkeit weg und ging tiefsinnig in sich. «Viktor, eine Wahrheit hat gesprochen, und an dem Spruch einer Wahrheit soll man nichts abmarkten wollen. Die Wahrheit lautet: Auf Cäsarenmanier, nur so erscheinen und niederschmettern, ist es nicht gegangen; dein Auftritt, dein Blick, deine gerechte Empörung haben versagt, und zwar kläglich. Was war der Grund des Versagens, und wie steht es nach alledem zwischen dir und Pseuda? Denk nach, hernach antworte.» Viktor dachte nach, hierauf antwortete er: «Der Grund des Versagens ist folgender: Dieses Dämchen ist glücklich und zufrieden; sie bedarf daher nichts und begehrt deshalb nichts, am wenigsten von mir; ich bin ihr einfach überflüssig. Die Vergangenheit aber hat sie begraben, und zwar ohne Denkmal. Das also ist der Grund, daß mein Auftreten versagt hat. Mit meinem künftigen Verhältnis zwischen mir und ihr aber steht es so: Meine geistige Überlegenheit nützt mir hier nicht das mindeste, denn sie vermag sie gar nicht zu ermessen. Sie schadet mir sogar; denn durch meinen Geist gerate ich in Widerspruch zu ihren Überzeugungen, die darum nur um so störrischer sind, daß sie sie aus anderer Leute Köpfen bezieht. Mit einem Wort: 'Sie ißt nicht von dieser Konfitüre', um mit Frau Steinbach zu reden. Wer einen Charakterkopf verehrt, wer einen Kurt bewundert, wird niemals einen Viktor hochschätzen; das ist naturunmöglich; denn eines schließt das andere aus. Nun ist aber der Charakterkopf ihr Vater, der Kurt ihr Bruder. Ich mußte demnach einen Kampf gegen ihr eignes Blut und gegen ihre schönste Tugend, die Pietät, beginnen. Folglich...» Hier jedoch stockte sein Gedanke, gegen die Schlußfolgerungen sich sträubend. Statt seiner ergänzte den Satz eine leise Stimme aus dem dunkelsten Grunde seines Gefühls: «Hoffnungslos», murmelte die Stimme. Und als ob das ein Stichwort gewesen wäre, erhoben sich jetzt plötzlich von allen Seiten Hunderte von Stimmen, die sämtlich das Wort «hoffnungslos» hersagten, in ewiger Wiederholung, mit scharfem Tonschritt, immer lauter und mächtiger, lawinenartig anschwellend, wie die Zuschauer im Zwischenakt, wenn der Vorhang nicht auf will. Da ließ Viktor den Kopf hangen, überzeugt, aber willenlos. Ihm tippte der Verstand auf die Schulter: «Viktor, du hörst das Urteil des Volkes, es stimmt zu dem meinigen, und im Grunde auch zu deinem eigenen. Kurz, hier ist kein Klima für dich.» «Also was denn?» «Aufpacken und abreisen.» «Ja, wenn du meinst, es munde meinem Selbstgefühl, mich kleinlaut davonzuschleichen, nachdem ich als zürnender Odysseus dahergefahren, so täuschest du dich.» «Wird es etwa deinem Selbstgefühl besser munden, dereinst gedemütigt abzuziehen, schimpflich geschlagen, mit schwärenden Wunden, das Herz voll bittrer Galle?» «Irgendeine Genugtuung, irgendeinen Triumph über die Verräterin ist mir das Schicksal doch schuldig.» «Das Schicksal ist ein schlechter Zahler. Komm, sei gescheit und renn nicht mit dem Kopf gegen die Mauer.» Viktor seufzte und schwieg eine Weile. Darauf versetzte er: «Du magst vielleicht recht haben; auch ist ja nicht gesagt, daß ich dir nicht schließlich nachgebe; allein ich möchte zuerst noch ein bißchen die Torheit strampeln lassen; das tut einem so wohl, und ein wenig Trost habe ich doch auch nötig. Morgen früh gebe ich dir dann Bescheid; zunächst laß mich eins darüber schlafen.» ------------------------------------------------------------------------ Wie er dann im linden Bette lag und, mit Vorausnahme der nahen Abreise, im Gefühl schon halb ein Abwesender, weich und weh seinem verunglückten Richterrachezuge nachsann, benützte das Herz die mürbe Stimmung: «Schade», zischelte es, «ich hätte dir einen besseren Abschied gegönnt. Mißversteh mich nicht, ich maße mir keineswegs an, deinen Entschluß zu beeinflussen, folge nur gehorsam dem Verstande, er ist bei weitem der Gescheiteste von uns allen - nur ist es halt doch zu bedauern, daß du so in Unfrieden von ihr wegziehen mußt, das Gedächtnis zeitlebens mit einer feindseligen Pseuda behaftet. Denn darüber, denke ich, bist du doch im klaren, daß du sie zeitlebens nie mehr wiedersehen wirst; du kannst mithin das Erinnerungsbild nicht mehr ändern; so, wie du sie heute zuletzt geschaut hast: als eine Fremde und Erzürnte, so mußt du sie fortan ewig vor Augen haben. Ich hätte dir zum Abschied etwas Versöhnliches gewünscht, einen guten Blick, ein herzliches Wort, was weiß ich, kurz irgend etwas Schönes, was man hätte mitnehmen können und was einem in der Fremde nachgeleuchtet hätte. Dir hätte es wohl getan (ich rede nicht von mir, ich bin ja, scheint's, nur zum Entbehren auf der Welt), und für die kranke Imago wäre es Arznei gewesen.» Und so weiter in schummrigem Verführungsgeflüster, bis er darüber einschlief. In der Nacht aber, gegen Morgen, träumte ihm ein Märlein. Auf der Insel eines Teiches erblickte er Pseuda als verwunschene Prinzessin zwischen Fröschen und Molchen sitzend, unter denen der Kurt als Froschkönig mit abenteuerlichen Sätzen umherhopste. «Ist denn kein Edler auf Erden, der mich von den Fröschen erlöst?» jammerte ihre Stimme. Und am Ufer, in einem Weidenstrauch, kauerte der Statthalter, die Arme rhythmisch gegen seine Frau bewegend, als ob er mähte. «Hilf ihr», winkte flehentlich seine Miene, indem er die Augäpfel verdrehte. Er selber, Viktor, vermochte sich natürlich nicht zu rühren, weil es ein Traum war. Als er dann am Morgen aufwachte, gesund und munter, frisch im Geiste, der Leib gestärkt mit Mut und Selbstgefühl, sprang er kriegerisch aus dem Bette: «Getrost, Pseuda», gelobte er gerührt, «ich werde dich von den Fröschen erlösen», kleidete sich an, öffnete das Fenster, schwang seine Seele über die Berge, blitzte mit den Augen und stampfte mit dem Fuße: «Wieso hoffnungslos? Wer behauptet 'hoffnungslos'? Sie ist ja doch inwendig nicht hohl, sondern hat eine Seele wie jeder Mensch, und in der Seele schlummert ein Kern, und in dem Kern träumt, ob sie's schon selber vielleicht nicht weiß, eine Sehnsucht, und die Sehnsucht dürstet nach etwas Höherem, Edlerem, Schönerem, als was ihre nichtsnutzige alltägliche Umgebung ihr bieten kann. Sie ist bloß verkrustet. Wenn ich indessen in ihrer Nähe bleibe, so muß unfehlbar früher oder später die Magie meiner Persönlichkeit - vielmehr, besser gesagt, der glühende Blick der erhabenen Fremdgestalten, die mich erleuchten - aus meiner Seele in ihre Seele hinüberzünden, die Kruste durchbrechend, so daß sie aufwacht, entblindet, meinen Wert erkennt und meiner hohen selbstlosen Gesinnung huldigt. Seele gegen Gewöhnlichkeit, Geist gegen Trägheit, Person gegen Sippschaft, so gilt jetzt die Fehde; Magie heißt meine Waffe, und die Strenge Frau ist mein gewaltiger Feldherr. Wollen doch wahrlich sehen, wer stärker ist!» Und denselben Morgen noch suchte er, in der mutmaßlichen Voraussicht, daß die magische Heilkur vielleicht längere Zeit beanspruchen könnte, eine Privatwohnung. «Wohl bekomm's!» rief der Verstand, als er abends spät einzog. Und zwei Gedanken strichen, eifrig miteinander flüsternd, zuäußerst an seinem Geiste vorüber. Der nähere der beiden Gedanken sagte: «Auch wieder einer, der erst ein Bein abgeschlagen haben will, ehe er Verstand annimmt.» Der andere Gedanke aber wartete vorsichtig, bis er außer Bereich war, dann höhnte er, zurückschauend, die freche Bemerkung: «Weil er halt einfach verliebt ist», flüchtete jedoch Hals über Kopf, da Viktor jähgrimmig mit Bengeln nach ihm warf. Den Viktor aber winkte vertraulich die Phantasie beiseite: «Laß sie schwatzen. Komm, ich will dir etwas zeigen», und zog sachte einen Vorhang auseinander, nur etwa drei Finger breit, gerade soviel, daß man durch den Spalt sehen konnte. Und siehe da, auf einer Bühne standen Pseuda und er selber, Viktor. Hand in Hand standen sie und sahen einander innig an. Dann sprach sie zu ihm: «Hoher du, Guter, Selbstloser, alles, was ich dir ohne Sünde gewähren darf, ist dein, nenn's Freundschaft oder nenn's Liebe.» «Das war nur eine kleine Probe, um dir einen Begriff zu geben», schmunzelte die Phantasie, indem sie den Vorhang wieder zuzog, «später zeige ich dir dann noch viel, viel Schöneres.» ------------------------------------------------------------------------ In der Hölle der Gemütlichkeit Um der widerspenstigen Dame seine Persönlichkeit zu demonstrieren, mußte er vor allem mit ihr zusammentreffen können, und zwar öfters, womöglich regelmäßig, denn persönliche Vorzüge sind keine Fernwaffen. Wo? Diese Frage! Was einfacher? Bei ihr daheim natürlich! Wozu hat man denn sonst einen Statthalter? Der hatte ihn doch eingeladen! Der Statthalter empfing ihn aufs herzlichste, eine lange Stunde mit ihm über wissenschaftliche Fragen verhandelnd; seine Frau dagegen, auf welche der Besuch gemünzt war, blieb unsichtbar; und als er ihr beim Fortgehen begegnete, bedachte sie ihn mit einem solchen eisigen Gruß, daß er begriff: sie verbat sich seine Besuche. Auf diesem Wege also ging es nicht. Er mußte versuchen, sie an einem dritten Orte zu fassen. Er erkundigte sich, wo und mit wem sie zu verkehren pflege; übereinstimmend meldeten die Nachrichten, ihr gesellschaftlicher Verkehr beschränke sich fast ausschließlich auf die Idealia. Aus tiefstem Herzen seufzte Viktor: «Idealia!» Er hatte sie bereits gekostet, die Idealia, damals, bei Frau Keller. - «Bah», ermutigte er sich, «es sind im Grunde liebenswürdige, wackere Leute; sogar von seltener Herzenshöflichkeit, trotz ihrem schulbuchdogmatischen Blast, womit sie prahlen. Schon allein, daß mich kein Mensch seine Verstimmung über den Vorfall mit dem Kurt fühlen läßt! - Also mit einigem guten Willen ...», und andere Einladungen verschmähend, Frau Steinbach vernachlässigend, schloß er sich den Zusammenkünften der Idealia an, auf die schlimmsten Abenteuer der Gemütlichkeit in Geduld gefaßt. Auch sie brachten ihm guten Willen entgegen, doch bald spottete die Macht der Gegensätze des künstlichen Harmoniespiels. Da war vor allem seine angeborene (oder anerfahrene?) Absonderungssucht, die ihm vor jeder Vergruppung der Menschen, heiße sie, wie sie wolle, einen Schauder einflößte; und nun gar ein «Verein»! noch dazu mit dem Namen Idealia! Sie wiederum setzten bei jedem Menschen zwei Haupteigenschaften voraus, die er nicht beibrachte: nämlich einen ewigen Bildungsdurst und einen unersättlichen Musikhunger. Ohne Musik waren diese Leute so hilflos wie Beduinen, denen die Kamele davongelaufen. «Wollen Sie uns denn nicht etwas spielen?» konnten sie einander fragen. Dieses «etwas» jagte ihn vom Stuhl. Sagt man auch: «Wollen Sie uns 'etwas' sprechen?» Angesichts der Bildung lautete der Gegensatz noch klarer: sie interessierten sich für alles, er für nichts. (Deshalb für nichts, weil seine mit Gesichten und Gedichten bis zum Überlaufen volle Seele überhaupt jede Aufnahme von außen verweigerte.) Die Hauptsache aber war: ihm fehlten die Vorbedingungen zu ihrem anspruchslosen Geselligkeitsstil: der strenge Beruf mit seinen Pflichten und Mühen, das Familienleben mit seinen Sorgen, mit einem Wort, das Erholungs- und Erschlaffungsbedürfnis. Kurz, der altehrwürdige Lebensgegensatz zwischen dem Geisteszigeuner und den Familienbenedikten. Auch der Umstand, daß er tatenlos auf etwas wartete (nämlich auf die Bekehrung Pseudas), mußte schon für sich allein sein Lebensgefühl verstimmen; denn auf die Lungerlage ist der Menschengeist nicht eingerichtet. So ergab sich denn statt der gehofften Anpassung beiderseitiges Unbehagen. Er war ihnen «ungemütlich», und sie wurden ihm unwohl. Freilich gab er sich redliche Mühe, sein Unwohlsein zu verbergen, um nicht den Schwarzpeter im Kartenspiel vorzustellen; allein versuch's: verbirg's, wenn dir übel ist! «Wie gefällt es Ihnen bei uns? haben Sie sich allmählich ein bißchen eingelebt?» - «O ja! sehr!» versicherte er eifrig, stöhnend wie ein harpunierter Walfisch. Da begannen sie ihn zu trösten. Auf landläufige Manier, nach dem Volkslied «Ihr eigener Fehler». Hinter jedem Trostspruch kam eine Ermahnung getröpfelt, wie aus jenen doppelten Brüheschüsseln, wo aus dem obern Schnabel das Fett, aus dem untern der Satz läuft. Eine unaufhörliche Beugung seiner Person mit Hilfszeitwörtern: «Sie müssen», «Sie sollten», oder, rückwärts angespannt: «Sie müssen nicht», «Sie sollten nicht». Laß sehen, was sollte er dann eigentlich nach ihrer Meinung? und was sollte er nicht? Er sollte nicht: «sich gehen lassen», «sich einwickeln», «sich einspinnen». Er sollte «sich überwinden», «aus sich herausgehen», «Sich aus seiner Lethargie aufrütteln» (Viktor, merk dir dein Zeichen, du bist lethargisch), allmählich mit der Zeit vielleicht heiraten; warum denn nicht? und zwar womöglich eine etwas angriffslustige, derbe Dame, damit sie ihn aus seiner Lethargie (entschieden, das Wort hatte es ihnen angetan) gewaltsam herausreiße. Einstweilen möge er doch die mannigfachen Gelegenheiten benützen, die einem in hiesiger Stadt geboten würden; oder ob er denn für gar nichts Höheres Sinn habe? Am Donnerstag zum Beispiel wäre ein interessanter Vortrag über die Liebe bei den alten Germanen, am Sonntag gebe es einen siebenjährigen Geiger; wohlverstanden durchaus nicht etwa bloß so ein unnatürliches bedauernswürdiges Wunderkind, sie wären vielmehr die letzten, solch eine künstliche Treibhauspflanze zu begrüßen, sondern diesmal ein echter, gottbegnadeter Künstler. Und ob er denn wirklich auch gar nicht singe oder wenigstens irgendein Instrument spiele? Ein Einfall, ein Vorschlag: am 4. Dezember, zum Stiftungsgedenktag der Idealia, wird ein Festspiel vom Kurt aufgeführt: «Könnten Sie da nicht vielleicht eine Rolle übernehmen, zum Beispiel als Meergreis oder als einer der Berggeister?» Und warum er sich denn nicht einfach als Mitglied der Idealia anmelde? Und ob es nicht viel natürlicher und gemütlicher wäre, wenn er sich mit den Männern duzte wie die übrigen? Oder sie versuchten ihn «aufzuheitern». Gab es ein Tänzchen oder ein Gesellschaftsspielchen, Ringsuchen, Tellerdrehen und dergleichen, so rissen sie ihn herzhaft am Arm: «Kommen Sie! ziehen Sie kein so verzweifeltes Gesicht und helfen Sie mit! Man braucht nicht immer so feierlich zu sein.» Wie dann alles nichts helfen wollte, wie er sich je länger, je mehr als ein «Egoist» entpuppte, der F-Moll bekannte, wenn die andern Cis-Dur anstimmten, überdies als verstockter «Realist», der sich für nichts, aber auch für gar nichts interessieren wollte, überdies von haarsträubender, geradezu empörender Unwissenheit (er hatte zum Beispiel den «Tasso» nicht gelesen!), nahmen sie die Tonart ein bißchen schärfer, und zu den Ratschlägen, zu den Ermahnungen gesellte sich der Tadel. Immer natürlich in aller Freundschaft; oder ist denn nicht Tadel an sich der untrüglichste Beweis von Freundschaft? Sie besserten also in der wohlmeinendsten Absicht an ihm herum; lediglich, um ihn der Idealia anzugleichen; ungefähr so, wie ein Familienrat vor der Reise einen Frack behandelt, damit er in den Koffer gehe: der eine meint, man müsse die Ärmel so falten, der andere vielmehr so; der dritte richtet den Kragen in die Höhe, der vierte schlägt die Schöße um; ihrer zwei drücken schonend mit Fäusten und Knien auf das Präparat, und das Virgineli setzt sich darauf. Dabei traf es sich ungeschickt, daß Viktor gerade dagegen einen entschiedenen Widerwillen verspürte, an sich herumbessern zu lassen; deshalb, weil er dieses Geschäft selber besorgte. Am ungeduldigsten ertrug er die Nörgeleien an seiner leiblichen Erscheinung. War das ein unaufhörliches Zupfen und Häkeln an seinem Äußern! Nichts erschien an ihm richtig, vom Scheitel bis zur Zehe; weder seine Sprache noch Aussprache, weder sein Haar- noch Bartschnitt, weder sein Kleid noch seine Schuhe; vollends über seinen Hemdenkragen vermochten sie sich gar nicht zu trösten. Schüchterne Versuche, mit Gegenkritik zu lohnen, fanden kein geneigtes Ohr. Und dann die tausenderlei kleinstädtischen Übelnehmereien! erwidert von seiner unglaublichen Empfindlichkeit, der Empfindlichkeit des Phantasiemenschen (der Rückseite der Feinfühligkeit), die durch unablässiges Wühlen einen Nadelstich zur schwärenden Wunde entzündet, eine kleine Rücksichtslosigkeit zur tödlichen Beleidigung vergrößert! So trug von beiden Seiten jedes das Seinige bei, um jenen Qualzustand zu schaffen, den man mit dem Lindwort «Mißverständnis» zu beschönigen pflegt. Nun hatten zwar nach ihrer Auffassung «Mißverständnisse» wenig auf sich. Du lieber Himmel! in dieser friedlichen Idealia, wo jahraus, jahrein immer eins mit dem andern verzankt war und an Festtagen alle mit allen, was wollten da «Mißverständnisse» besagen! Nahmen einander alles übel, aber trugen sich nichts nach. Er dagegen, mit seiner Überempfindlichkeit und Vergrößerungssucht, mit seinem monströsen Gedächtnis, welches nichts, aber auch gar nichts in die heilsame Vergessenheit entließ, mit seinem metaphysischen Lebensgefühl, welches das kleinste Vorkommnis mit pathetischem Nachdruck belastete, mit seiner summarischen Phantasierechnungskunst, die immer sämtlichen ankreidete, was ihm ein einzelner angetan (es ist am einfachsten so), geriet allmählich in einen Zustand wie ein von Bienen überfallener Bär. Gewiß, gern gab er zu, alles widerfahre ihm aus lauter Freundschaft; allein ihm kam vor, die Freundschaft habe hierzulande eine verwünschte Ähnlichkeit mit einem Zahnschmerz. Und unversehens waren die Bienen, von seiner Phantasie ausgiebig genährt, zu Ungetümen angewachsen, die ihn mit tückischen Blicken umlauerten. Dadurch wurde er jetzt argwöhnisch wie ein Kettenhund in der Dämmerung; überall böse Absicht witternd, links und rechts Erläuterungen heischend, Ehrenerklärungen, Entschuldigungen fordernd, wobei er mitunter ins Kindische fiel. Die Frau Pfarrer Wehrenfels hatte ihm die linke Hand gereicht: «War das mit Vorbedacht geschehen, um mich zu demütigen?», so daß er nach einer schlaflosen Nacht von ihr eine Erklärung verlangte, mit der Miene eines beleidigten Offiziers. «Mit Ihnen ist überhaupt nicht auszukommen», rief nach einem ähnlichen läppischen Stücklein Frau Doktor Richard ärgerlich. Der Vorwurf peinigte nun wieder seine gewissenhafte Seele, die er jeden Augenblick so blank in Bereitschaft halten mochte wie zur Parade am jüngsten Gericht, mit kummervollern Bedenken. «Wenn sie recht hätte? Warum auch nicht? wohl möglich. Allein wie abhelfen? ich kann mich bessern, aber nicht ändern.» Und ganz klein und demütig schrieb er an eine auswärtige Freundin: «Aufrichtig, ohne die mindeste Rücksicht: Ist mit mir nicht auszukommen?» Die Antwort lautete: «Ich lache über Ihre Frage. Kinderleicht, wie mit einem Kaninchen. Nur muß man Sie halt tüchtig liebhaben, wie sich's gehört, und es Ihnen auch von Zeit zu Zeit sagen.» Das Einfältigste war, daß er jene, die er in der Idealia suchte, um deretwillen er sich all dem Freundschaftsungemach unterzog, nur ausnahmsweise zu Gesicht bekam. «Frau Direktor Wyß ist ungemein häuslich», lautete die Erklärung, «sie lebt ganz allein für ihren Mann und ihr Kind.» Er ahnte indessen wohl, daß dies nicht der einzige Grund war, sondern daß sie hauptsächlich deshalb wegblieb, um nicht mit ihm zusammenzutreffen. Das war aber so ziemlich das Schlimmste, was ihm widerfahren konnte. Wenn er dann erschien und sie nicht vorfand, starrte er geistesabwesend auf den Stuhl, auf welchem sie, wenn sie gekommen wäre, vermutlich würde gesessen haben, redete kein Wort und hörte nicht, was man zu ihm sagte. Zu der Unseligkeit des Wartens erhielt er hiermit noch die Beschämung der getäuschten Erwartung. Und jedesmal, den folgenden Tag nach einer solchen Enttäuschung, irrte er verstört in der Stadt umher, wie ein Gespenst, das den Rückweg nach dem Kirchhof verloren hat. In den Ausnahmsfällen wieder, wo Pseuda zugegen war, zahlte sie ihm die Mißhandlung ihres Bruders getreulich heim, aufrechten Hauptes, herzhaft und tapfer, ihn als Türkenkopf gebrauchend, nach welchem sie widrige Bemerkungen schleuderte, einerlei was für? denn zur Genauigkeit fühlte sie sich nicht verpflichtet. Kaum daß er den Mund auftat, fuhr sie ihm darüber. Hierbei setzte es mitunter schwere Verwundungen seines empfindlichen Ehrgefühls. «Ich liebe nicht die Schmeichler», warf sie ihm einmal herrisch zu, als ihm der Ausruf entschlüpfte: «Sind Sie schön!» Ein anderes Mal, als er den Satz bestritt, der Adel Europas wäre idiotisch und verkrüppelt, schalt sie ihn «Snob». Das war nun natürlich bloß als weibliche Stimmungsmusik gemeint; er aber faßte jungtörichterweise das Wort wörtlich, und da er es wörtlich faßte, mußte er's auch ernst und schwer nehmen. Drei Nächte würgte er an dem vermeintlichen Schimpf. Eine Rute, ein Feuer, einen Skorpion legte er neben sich und prüfte seine Seele in den hintersten Winkeln, um sich nötigenfalls schonungslos zu büßen; bis er endlich die tröstliche Gewißheit gewann, daß das schimpfliche Merkmal ihm nicht gebühre. Nein, wer vor dem Bettler, während er ihm das Almosen reicht, den Hut abnimmt, wer gleich einem evangelischen Pfarrer einem überführten Dieb den Handschlag nicht verweigert, wer es wagt, am hellen Mittag eine Dirne zu grüßen, ist kein Snob; und wer zeitlebens das Kunststücklein verschmähte, die Gunst einer Frau durch Herabsetzung ihrer Feindin zu gewinnen, ist kein Schmeichler. «Also warum sagt man mir's dann!» schrie seine Empörung; und fortan saß er Pseuda mit einer Miene gegenüber, als hätte sie ihm ein Auge ausgeschlagen und er hätte ihr's verziehen. ------------------------------------------------------------------------ Dem konnte die Regierungsrätin nicht länger zusehen; denn ihre friedliche Natur ertrug keine tiefspältige Zwietracht in ihrer Umgebung. Und da sie sowohl dem Viktor wie der Frau Direktor herzlich zugetan war, schloß sie nach der liebenswürdigen Unlogik des Frauenherzens, welches da meint, wenn ich A und B gern habe, so müssen sich A und B ebenfalls gern haben, auf ein bloßes «Mißverständnis» zwischen den beiden. Demgemäß unternahm sie jetzt die Vermittlung, indem sie dem Viktor die Tugenden der Frau Direktor und dieser wieder die Vorzüge des Viktor schilderte. Großartig, gemäß ihrer lautern und einfachen Natur, wo die Tugenden in kräftigen Zügen wie in Fresko gemalt waren, erklärte sich Frau Direktor willens, die Geschichte mit dem Kurt zu vergessen, vorausgesetzt, versteht sich, daß Viktor sich künftig der Verträglichkeit befleißige. Hingegen den Lobpreisungen über Viktor lauschte sie mit ungläubiger Miene. Und während Frau Keller sich zugunsten ihres Schützlings in eifriger Rede abmühte, sammelte sie sachte für sich selber ihre Eindrücke zu einem Charakterbilde Viktors, ungern zwar, denn es widerstrebte ihr, die Gedanken mit ihm zu beschäftigen. Daß dieser Mensch ihr zuwider war, und zwar je länger, desto mehr (ganz abgesehen von der Beleidigung ihres Bruders), das brauchte sie sich nicht erst zu fragen, das spürte sie deutlich. Schon sein lockerer Lebenswandel, aus welchem er nicht einmal ein Hehl machte! «Doch seien wir nicht ungerecht; suchen wir ihm eine gute Seite abzugewinnen.» Allein sie mochte ihn drehen, wie sie wollte, es kam nirgends eine gute Seite zum Vorschein, und sein Eigenschaftsverzeichnis sah einem Sündenregister nicht unähnlich. Sein unmännliches, übersanftes, fast süßliches Auftreten, ohne Mark, ohne Kraft, ohne Charakter, mit seiner leisen Stimme, seiner übertriebenen Höflichkeit, seiner geckenhaften Kleidung, seiner gezierten, fremdartigen Sprache - sein undurchsichtiges, vielgestaltiges und vieldeutiges Wesen, verschlossen und hinterhältig, wo man nie weiß, woran man mit ihm ist, jeden Tag ein anderes Gesicht («ich liebe einfache, offene, aufrichtige Menschen») - seine höhnische, frivole Gesinnung, die alles, selbst das Heiligste, Heimat und Vaterland, Moral und Religion, Poesie und Kunst mit wohlfeilen Paradoxen in den Spott zog - ohne Ernst und Tiefe, ohne Grundsätze, ohne Ideale - kein Schwung, keine Wärme, kein Gefühl (wie kann zum Beispiel jemand die Musik nicht lieben? außer er habe kein Herz!). «Gemüt jedenfalls hat er keines; an wen hat er sich denn in den drei Wochen angeschlossen? An niemand.» - Und dann seine anmaßlichen Absprechereien, seine albernen Taktlosigkeiten und Narrheiten, die mitunter an Beleidigung streiften! Hatte man doch zum Beispiel die größte Mühe gehabt, ihm abzugewöhnen, daß er sie «Fräulein» nannte. Nein, ihr Widerwille war nicht ungerecht; was auch Frau Keller und ihr Mann zu seinen Gunsten sagen mochten. Auch ihr Vater würde ihn verurteilt haben; mit einem einzigen Wort hätte er ihn verdammt: «Er ist nicht klar.» Sie hörte den Ton seiner ehrwürdigen Stimme, wie er das gerufen hätte. Und da eben Frau Keller Viktors Talente rühmte: «Ja, wo sind sie denn, seine Talente?» rief sie, «bitte, zeigen Sie mir an ihm ein Talent, ein einziges! Was kann er denn? oder was weiß er? Ich sehe überall von den Talenten nur die Abwesenheit.» «Geist wenigstens werden Sie ihm zugeben müssen», mahnte Frau Keller. Jetzt aber riß der Frau Direktor die Geduld: «Geist?» brauste sie unwillig auf, «auch ich liebe und schätze den Geist; doch es fragt sich, was für ein Geist. Geist nach meiner Meinung fördert etwas Rechtes zutage, Wahrheit oder Schönheit, Taten oder Werke; Geist verehrt das Ehrwürdige, verneigt sich vor dem Verdienst, begeistert sich für das Hohe und Edle; Geist spricht vor allem, wo es sich um ernste Dinge handelt, ernst. Dagegen diese windigen, witzigen Sprachspielchen, ich gestehe, wenn das Geist sein soll, dann mache ich mir aus dem Geist gar nichts, nicht das mindeste; diese Art Geist hasse ich. Statt 'Natur' zu sagen 'Madame Pferdekraft', was habe ich davon? 'Die Psychologen - die schlechtesten aller Psychologen', was soll das heißen? Wenn das Geist sein soll, so beanspruche ich als eine Auszeichnung, für dumm zu gelten. Der Kurt, nicht wahr, hat doch auch Geist, aber da sieht es anders aus!» Und da Frau Keller jetzt eifrigst einstimmte, so mündete die beabsichtigte Erhebung Viktors in einen Lobgesang auf den Kurt. Nachdem sie dann beide an dem Kurt ihr Herz sattsam gelabt, erklärte sich Frau Direktor schließlich bereit - Verträglichkeit kann niemals schaden, und sie vergab sich ja nichts damit -, mit dem leidigen Menschen glimpflicher umzuspringen. Wer sich dagegen bock und stock weigerte, die angebotene Versöhnung anzunehmen, war Viktor. Natürlich, er ließ ja Pseuda, also die wirkliche, leibhaftige Frau Direktor, gar nicht als zu Recht und Tat bestehend gelten. Ehe sie sich «bekehrt» hätte, also rückwärts wieder in die Seele der Jungfrau Theuda hineingeschlüpft wäre, gab es für ihn keine Verhandlung mit ihr. Hier abgeschlagen, suchte die Regierungsrätin den Frieden von einer anderen Seite: den Kurt und den Viktor miteinander aussöhnen. «Es ist ja doch ganz unmöglich, wenn sich die beiden nur erst kennenlernen, und so weiter.» Das ergab dann eine jener verunglückten Harmonieaufführungen, welche die Sache noch weit schlimmer machen als vorher. Und wieder war es Viktor, der den Widerborstigen spielte. Zwar hatte er sich mit Ach und Krach zu einer Zusammenkunft herbeigelassen, enthielt sich auch - so viel vermochte er über sich - eines feindseligen Wortes; zur Entschädigung dafür behandelte er jedoch mit Blick und Gebärden den Kurt dermaßen hochfahrend, daß es der schlimmsten Beleidigung gleichkam. Diesmal aber gab es keine Entschuldigung, die beleidigende Absicht war offenkundig. «Warum nur», fragte er sich nachher selber verwundert, «warum muß ich diesen Menschen durchaus demütigen, ob er mir schon nichts zuleide getan, ob ich schon weiß, daß es unklug ist, daß ich mir durch ein artiges Benehmen die Gunst Pseudas erwerben könnte?» Er fand keine Antwort; es war ihm gekommen wie dem Hund, wenn er eine Katze sieht; läßt sich der vom Angriff zurückhalten, so verschlingt er wenigstens die Katze mit den Augen. «Naturgeschichten!» meinte er ratlos, «unerklärliche, aber unüberwindliche Idiosynkrasie!» Er täuschte sich; es war ein Berufshandel: der Zorn des echten Propheten gegen den falschen Propheten, die Entrüstung des Erben über den Erbschleicher; mit einem Wort: ihn hetzte gegen dieses Talmi-Genie der heiße Atem der Strengen Frau. Jetzt gab die Regierungsrätin die Vermittlung auf. Mit Pseuda aber war es nun natürlich gründlich vorbei. «Zu allem obendrein noch ein boshafter Mensch, der aus eitel Neid auf meines Bruders Genie sich an ihm zu reiben versucht.» So lautete fortan ihr Urteil über ihn; und sie sorgte dafür, daß er über ihr Urteil nicht im unklaren blieb. Wozu hat man denn sonst Seitenbemerkungen und Anspielungen? Über diese neue «Ungerechtigkeit» empörte er sich dann wieder mit einer Beimischung des Erstaunens. «Was geht sie überhaupt ihr Bruder an? Der gehört ja gar nicht zur Handlung. Schon sein Dasein bedeutet einen Fehler im Stück.» Und daß nun vollends sein Verhältnis zu Pseuda Rückschritte statt Fortschritte machen wollte, ging doch gegen allen Sinn. Schon öfters hatte er sich ärgerlich gefragt: «Was zaudert sie? wann will sie endlich aufwachen? meint sie etwa, ich hätte Lust und Zeit, Jahrzehnte auf ihre Bekehrung zu warten?» Und nun sollte es gar noch rückwärts gehen? Eine unerträgliche Vorstellung. Allein, wie dem steuern? Er wußte kein anderes Mittel als seine «Magie», dieselbe Magie, die bisher so kläglich versagt hatte. Wie ging das zu, daß sie versagte? daß seine strahlenden Herrschaften nicht aus ihm hinaus in ihre Seele hinüberzündeten? Eine Vermutung: möglicherweise teilt sich der Funke bloß im Zustande der Ekstase mit, so daß also die Wirkung einzig ausgeblieben wäre, weil er bisher der Dame immer nur lahmen Mutes, mit abgespannter Kraft gegenübergetreten war? Wie er daher eines Abends nach schöpferischer Phantasiearbeit seine Seele dermaßen mit erleuchten Gestalten übervölkert fühlte, daß er meinte, es müsse davon wie ein Dunstkreis um ihn zu spüren sein, faßte er sich ein Herz und suchte sie zu Hause auf, in der heimlich bewußten Absicht, seine Magie diesmal konzentriert auf sie wirken zu lassen, gleichsam im Kurzschluß. Also eine Art psychologisches Experiment, doch beileibe kein leichtfertiges, denn es handelte sich ja um sein Heil. Der Zufall wollte, daß sie jenen Abend eine Schulfreundin bei sich hatte, mit welcher sie, die Vergangenheit zurückspielend und ihre neubackene Mutterwürde auf ein Stündchen abschüttelnd, die harmlose Wonne ausgelassener Kindsköpfereien kostete; es tut ja so wohl, nicht wahr? einmal zur Abwechslung wieder so recht von Herzen töricht zu sein. Da hatte denn die eine ein Kinderhäubchen, die andere einen Zylinderhut aufgestülpt, und die Seligkeit verlangte, damit im Zimmer herumzuhüpfen. Für solch eine Null aber galt Viktor, daß sie ihn bei seinem Eintritt nicht einmal der Störung wert hielten, den Schabernack zu unterbrechen. Da saß er nun und durfte dem Lustspiel zusehen. Nachdem er das eine Viertelstunde getan, wußte er fortan für sein Leben, was es mit der Seelenmagie auf sich hat! Unbeachtet, wie er gekommen, entfernte er sich und schlich kleinmütig nach Hause. Jetzt zum ersten Male kam ihm seine Zuversicht abhanden. Ein Schreck durchbebte ihn, als ob an seinem Siegeswagen die Hinterräder abgebrochen wären und die Achse mit harten Stößen auf dem Boden schleifte. Und wie er seinen Geist nach Trost ausschickte, entdeckte er vor seinem Blick einen schwarzen Vorhang, zwar noch aufgerollt, indessen mit unheimlichen Bewegungen, als könnte er einesmals ungesinnt herniederfallen, ohne ein Klingelzeichen. Nachdem seine Magie sich als unzulänglich erwiesen, was blieb ihm dann? Angst klemmte ihn, und in seiner Angst griff er vorzeitig zu seinem letzten Trumpf, den er eigentlich für später aufgespart hatte, wenn ihr Herz bereits erschüttert worden wäre: die Bekehrung durch ihr eigenes Bildnis aus früherer, edlerer Jungfernzeit. Der Anblick ihrer einstigen jungfräulichen Erscheinung, berechnete er, müsse die Erinnerung wecken, und Theuda werde Pseuda strafen; etwa so, wie wenn ein Verbrecher, dem man unvorbereiteterweise sein Abbild aus seiner unverdorbenen Kinderzeit vorhält, plötzlich in Tränen ausbricht, seine Missetat bereut und schwört, fortan wieder ein rechtschaffener Mensch zu werden wie vormals. Er holte also mit bebender Hand jenes Theudabild (sein Heiligenbild) hervor, das ihm vor drei Jahren Frau Steinbach zugeschickt hatte, ängstlich vermeidend, es anzuschauen, weil er sich nicht die Kraft zutraute, den Ansturm der Erinnerungen zu bestehen. Mit diesem Bilde bewaffnet, wie mit einem geladenen Revolver, pilgerte er am nächsten Tage nochmals zu ihr, gefährlich, so daß er beinahe Mitleidbedenken verspürte, von einer so fürchterlichen Waffe Gebrauch zu machen. Das Bild stellte er dann, ehe sie eintrat, aufs Klavier und erwartete mit klopfendem Herzen die Wirkung. Kaum erschien sie unter der Tür, so gewahrten ihre scharfen Augen auch schon das Bild. «Wer hat Ihnen das gegeben?» heischte sie im scharfen Ton eines Untersuchungsrichters; «woher bezieht Frau Steinbach das Recht, Ihnen meine Photographie weiterzuschenken?» Darauf zuckte sie die Achseln. «Übrigens ein schlechtes Bild; ich habe es nie gemocht.» Das war die Wirkung des Heiligenbildes. Nun wurde seine Lage ernst; denn er hatte keinen Trumpf mehr in der Hand. Noch hielt er zwar an seiner Hoffnung fest, weil er sie eben nötig hatte, allein mit krampfhafter Faust, und der Hoffnung fehlte die vernünftige Berechtigung, da er sich gestehen mußte, daß das, was er hoffte, nunmehr unwahrscheinlich geworden war, daß etwas Unvorherzusehendes ihm von außen zu Hilfe kommen müsse, damit es sich erwähre. Darob sammelte sich in den Gründen seiner Seele Trauer. Diese kam eines Tages ins Gefühl herausgestiegen und zeugte Weh. ------------------------------------------------------------------------ Es war anläßlich eines Gesprächs über «Tasso». Dabei kam die Rede auf die angebliche Anziehungskraft des Genies auf die Frauen. Mit instinktiver Unfehlbarkeit, behauptete Pseuda, fühle sich das Herz des Weibes zu einem wahrhaft bedeutenden, außerordentlichen Mann hingezogen. Nachdem sie das gesagt hatte, seufzte sie sinnend vor sich hin. «Sind Sie der Wahrheit Ihres Satzes so sicher?» wagte er einzuwenden. «Ebenso sicher», trotzte sie, «wie der andern Tatsache, daß wir mit Gewißheit spüren, wer jedenfalls kein bedeutender, außerordentlicher Mensch ist.» Und damit ihm ja die Anzüglichkeit nicht entgehe, schenkte sie ihm einen spöttischen Nick und Blick dazu. Da riß ihn ein tiefes Weh; dann schoß ihm die Empörung das Blut in die Stirn. «Sage, was du zu sagen hast», befahl die Stimme der Strengen Frau. Widerstrebend gehorchte er, denn sein Schamgefühl und seine Bescheidenheit sträubten sich gewaltig; dennoch gehorchte er. Also redete er und sagte: «Wer bürgt Ihnen dafür, daß ich kein außerordentlicher, bedeutender Mensch bin?» Dieser Spruch, mit seiner zaudernden Stimme in die vier Wände des tageshellen Zimmers herausgesägt, tönte so unerträglich häßlich, daß er selber sich dessen schämte und sämtliche Anwesenden vor Verlegenheit die Augen niederschlugen, als wäre eine Unanständigkeit vorgefallen. Der Pfarrer Wehrenfels fand das erlösende Wort: «Es könnte halt doch nicht schaden», meinte er, mit milder Mahnung gegen Viktor gewendet, «wenn einer erst den 'Tasso' läse, ehe er in dieser Frage mitspräche.» «Brav gegeben!» jubelten aller Augen. In die Trauer über seine entziehende Hoffnung mischte sich, anscheinend unabhängig von der Idealia, eine merkwürdige Allgemeinverstimmung, er wußte nicht ob körperlicher oder seelischer Art oder beides zusammen; ein Elendgefühl, dessen erste Anzeichen er schon gleich nach seiner Ankunft verspürt hatte und das ihn nie mehr gänzlich losließ. Jetzt, in seiner übrigen Niedergeschlagenheit, kam die schleichende Krankheit - denn so etwas war es wirklich - zum Ausbruch. Was mochte es nur sein? Ein abscheuliches Gefühl der Leere, eine öde, widerlich schmeckende Empfindung, als ob er eine Lehmwüste verschluckt hätte. Heimweh? Ja, etwas dergleichen; indessen ein Heimweh ohne Poesie, ohne Glanz und Farbe, eine zentrifugale Trostlosigkeit, ein Wegweh. Eines Abends, wie er aus der Idealia durch die finstern Gassen heimkehrte, nirgends Licht und Leben außer in den Wirtsstuben, aus welchen ihm Gejohl, Krakeel und Alkohol entgegenschlug, erkannte er plötzlich sein Leiden: das Elend des Großstädters, der in die Kleinstadt verschlagen worden ist. Auf einer Kirchentreppe heulte ein verlassener Hund. Den Hund begriff er; er hätte mitheulen mögen. ------------------------------------------------------------------------ Trotz alledem war sein Verhältnis zur Idealia bisher ein freundschaftliches geblieben. Sie fanden zwar manches an ihm zu tadeln, genauer gesagt: alles, doch betrachteten sie ihn immer als einen der Ihrigen; er wieder hielt tapfer still, auf bessere Zeiten wartend, so daß er sich wie ein frommer Dulder vorkam, selber ganz gerührt über seine unglaubliche Sanftmut. Da entzündete ein einfältiges Gespräch, das sich ganz harmlos, ja vergnüglich angelassen hatte, innige Feindschaft; nicht bei den andern, denn der Feindschaft war das gemütliche Volk überhaupt nicht fähig, wohl aber bei ihm, dem Ideeneifrigen, Wahrheitsgrimmigen. Das geschah durch eine groteske Szene, die er später seine «Amazonenschlacht» nannte. Bei Frau Doktor Richard nämlich traf es sich, daß er als einziger Herr einem kleinen Dutzend hübscher Damen, worunter Pseuda, gegenübersaß. Durch den lieblichen Anblick aufgemuntert, begann er die Damen zu necken, wie man das darf und soll; allerlei kleine Bosheiten über die Frauen, von welchen er eine ansehnliche Zahl auf Lager hatte, zum besten gebend, aus lauter Liebe zum weiblichen Geschlecht. Nun huldigte jedoch, was er nicht wissen konnte oder in der Fremde vergessen hatte, die hiesige Frauenwelt dem Dogma vom Mysterium des germanischen Weibes, so daß sie, im Gegensatz zu dem intereuropäischen Brauch, zwar persönliche Grobheiten verziehen, dagegen den leisesten Zweifel an der heiligen Geschlechtshoheit des Weibes als einen Altargreuel verdammten. Da stak er denn bald in einem vielstimmigen Entrüstungsgeschrei (Schlachtruf der Amazonen), gegen welches er nicht aufkam. Und in der Hitze des Streites, wie er sich unterfing, das Zigarettenrauchen der Frauen zu entschuldigen, ließen sie sich hinreißen, über das qualvolle Ende einer russischen Studentin, welche vorige Woche beim Zigarettenrauchen jämmerlich verbrannte, laut jubelnd zu triumphieren. «Freut mich.» - «Ist ihr recht geschehn.» - «Möge es jeder, die da raucht, ähnlich ergehen.» Da schäumte in ihm das Gerechtigkeitsgefühl jählings in wildem Zorn empor; eine förmliche Prophetenwut, daß er hätte Feuer und Schwefel auf die blutdürstigen Anstandspriesterinnen herunterfluchen mögen. Er sah nämlich deutlich vor seinen Augen die arme Studentin in brennenden Kleidern herumtanzen, schreiend und sich windend, bald hoch aufspringend vor Schmerz, bald sich zu Boden duckend, und um sie herum beifallklatschend die teuflisch grinsenden Pharisäerinnen. «Mörderinnen!» schrien seine haßerfüllten Blicke. Und bei diesem Anlaß verstand er plötzlich die tödliche Feindschaft zwischen den Propheten und den Weibern. Während jedoch seine anmutigen Gegnerinnen, sobald sie sich von der stürmischen Sitzung erhoben hatten, den heftigen Handel hurtig hinter sich schüttelten - eine Tasse Tee darauf, ein Schinkenbrötchen darüber, und man spürt nichts mehr davon -, blieb in seinem Gedächtnis das grausige Bild der Totentänzerin inmitten jubelnder Pharisäerinnen haften. Die zwölf schuldigen Damen, die in Wirklichkeit keiner Mücke etwas zuleide zu tun vermochten (mit Ausnahme der Motten), bekamen von seiner Phantasie ein Kainszeichen auf die Stirn geprägt, und die gesamte Idealia, weil ja solidarisch für jedes ihrer Mitglieder haftbar, erschien ihm fortan erinnyenfähig, in düsterer Atridenbeleuchtung. «Ob euch schon Polizei und Gericht nicht zu fassen vermögen, ob ihr noch so sittsam einhertrippelt und scheinheilig Schumannlieder schmachtet, in meinen Augen seid und bleibt ihr Verbrecherinnen: Mörderinnen!» Und er verspürte den finsteren Groll des Rächers. Denn die brennende Studentin zeigte beständig mit den verkohlten Fingern nach der Idealia, ihn mahnend wie das Gespenst den Hamlet. Noch brodelte seine Feindschaft unter der Decke; sie grollte, aber blitzte nicht; ihn gelüstete ein Angriff, aber er wollte ihn noch nicht. Da erhielt er, wenige Tage nach der «Amazonenschlacht», verspätet die ersten Briefe aus der Ferne. Was für ein anderer Atem! «Gefeiert und verehrt im Kreise der lieben Ihrigen, werden Sie hoffentlich Ihren alten fernen Freunden ...» Gefeiert und verehrt, o Ironie! die lieben Meinigen, o Jammer! «Ihre hervorragenden Eigenschaften, Ihre Kenntnisse, Ihre Herzensgüte werden nicht ermangeln ...» Was für Neuigkeiten! was für verlernte Dinge! Er und hervorragende Eigenschaften! Kenntnisse! Waren das schöne Zeiten, wo noch jemand an ihm nichts auszusetzen, sogar etwas zu loben gefunden hatte. Diese Briefe wirkten wie ein Wecker. Nämlich sein Selbstgefühl, täglich von der Vielzahl mattgesetzt, war allmählich verblödet, und unmerklich hatte ihn ein neuer, engerer Horizont umzogen, der hiesige, so daß er nachgerade anfing, für selbstverständlich hinzunehmen, was ihn zuerst aufgebracht hatte: die Voraussetzung, er wäre das fehlerhafte Pferd, an welchem jeder herumbessern dürfe. Nun wachte er auf, der enge Horizont entschwebte, sein Stolz erinnerte sich, und sein Gedanke verglich. Was für ein Gegensatz! und welch ein Hohn im Gegensatz! Draußen in der Fremde: offene Arme, warme Aufnahme, gutwillige Duldung seiner Eigentümlichkeit, Nachsicht gegen seine Fehler; hier in der Heimat: engherzige Nörgelei, Unfehlbarkeitsdünkel, Verneinung seiner gesamten Persönlichkeit. Durch diese Vergleichung wurde alle Bitterkeit aufgerührt, die er seit sechs langen Wochen geschluckt hatte, und jäh wie er war, entbrannte er in heißem Kriegszorn. Nicht mehr schweigend dulden! zum Angriff. Ich will unter euch treten, euch die Pharisäermaske herunterreißen, euer heuchlerisches Prahlwörterbuch zerzausen. Haltet still und merket auf, was ich euch sagen will, denn ich will euch zeichnen. Seid ihr bereit? Gut, dann fange ich an. Das habe ich euch zu sagen: Eure «Tugend»? Ein Mundstück, um den Nebenmenschen zu verlästern. Eure «Offenheit»? Ein angemaßtes Vorrecht, dem Nächsten Schnödigkeiten anzuwerfen, ohne selber den mindesten Tadel zu ertragen. Eure «Aufrichtigkeit»? Ein Erlaubnisschein, einem hinterrücks noch viel Schlimmeres nachzusenden, als was ihr einem ins Gesicht sagt. Eure «Wahrhaftigkeit»? Erkauft euch durch Wahrheitspedanterei in Nebensachen die Erlaubnis, im entscheidenden Falle ausnahmsweise zu lügen. Wenn ich mit solch einem Wahrheitsbold ein Geschäft abzuschließen hätte, der Halunke müßte mir's schriftlich unter vier Zeugen geben! Eure «Gemütlichkeit»? Egoismus in Herdenformat, schafwollene Oberhautanwärmung; wettert ein Unglück, hilft keins dem andern. Eure Familienseligkeit, eure Verwandtenliebe? Wirf ein Erbschäftlein dazwischen und sieh dann die Liebe! Eure Musik? O ihr jauchzenden Eiszapfen! Eure Bildung, eure Wonne über Kunst und Literatur? Wenn man euch zur Rechten die Tür zum Paradiese auftäte und zur Linken einen Vortrag über das Paradies ankündigte, ihr würdet sämtlich am Paradies vorbei in den Vortrag laufen. «Interessant, interessant!» So werde ich mit euch reden; macht euch gefaßt und setzt euch bereit. Leider fiel ihm ein, daß in den Empfangszimmern der Idealianer keine Kanzeln stehen, von wo man die Leute hätte insgesamt herunterstriegeln können wie eine bußfertige Gemeinde zur Fastenzeit. «Getrost, so werde ich euch die Bescherung einzeln auftragen. Der erste, der mir eine tugendhafte Miene gleißt, bekommt die ganze Schüssel. Wem beliebt's?» Und wie ein Stier senkte er die Hörner, den Feind erwartend. Allein wie er sich kampflustig umsah, war nirgends ein Feind zu erspähen. Alle standen ihm entgegen, doch keiner; ob ihn niemand sonderlich mochte, bot ihm niemand Übelwollen. Ja, wie aus absichtlicher Bosheit geschah es, daß gerade jetzt, wo er zum Kampfe gerüstet war, sich alle schienen das Wort gegeben zu haben, ihm Freundlichkeit zu bieten; womit sie ihn dann natürlich sofort entwaffneten. Die Möglichkeit, jemand auf die Hörner zu nehmen, der einem mit treuherzigem Gruß entgegenkommt! «Nun, wie geht es Ihnen? Hoffentlich haben Sie sich bei dem 'unnatürlichen' Wetter nicht etwa auch erkältet?» Gierig, doch umsonst ersehnte er einen Feind. Der Kurt? ein wehrloser Mensch, der die Flucht ergriff, wenn er nur Viktors Hut im Vorzimmer erblickte; zudem hatte der Kurt, das war nicht zu leugnen, zwei schöne, gutblickende Augen; was kann man da tun? So wußte sein schnaubender Zorn nicht, wen aufspießen. Einstweilen, in Ermangelung eines Feindes und eines Streitfalles, offenbarte sich sein ohnmächtiger Grimm durch eine mörderliche Laune. Sein Blick wurde drohend, seine Miene höhnisch, der Ton seiner Stimme herausfordernd, der Spruch seiner Behauptungen despotisch, jeden Einwand von vornherein verbietend. Ohnehin als ernster Wahrheitsdenker den Widerspruch angelernter Weisheit ungeduldig ertragend («ich liebe nicht, wenn man mit geliehenen Gedankengabeln gegen die Wahrheit fuchtelt»), setzte jetzt seine Stimme noch ausdrücklich die Warnung hinzu: «Untersteh dich, du Wicht, und widersprich!» Es fehlte ihm bloß die Leibwache von Söldnern, um den Gegner am Kragen packen zu lassen. Damit erreichte er jedoch keineswegs den ersehnten Kampf; es ging ihm nur fortan jedermann aus dem Wege, wie einem unberechenbaren und unzurechnungsfähigen Tiere. Der Pfarrer, wenn über Viktor gesprochen wurde, nannte ihn jetzt einen toll gewordenen Nepomuk; der Doktor verglich ihn mit einer stigmatisierten Nonne, der Förster mit einem sonst durch und durch gutartigen, lammsanften, aber plötzlich aus unbekannter Ursache wild gewordenen Elefanten. Allerdings konnte er bisweilen einen Abend lang bescheiden und stumm dasitzen, trüb und traurig vor sich hin starrend; doch war man nie sicher, was für ein Unwetter vielleicht noch aufziehen mochte; da aber niemand die Verpflichtung hat, sich unliebsamen Überraschungen auszusetzen, ließ man ihn eben mit seiner stillen Wut a