Geneigter Leser! Es wird dir in folgenden Blättern eine Geschichtsbeschreibung vorgelegt, die, wo du anders kein geschworner Feind von dergleichen Sachen bist, oder dein Gehirne bei Erblickung des Titulblattes nicht schon mit widerwärtigen Praejudiciis angefüllet hast, ohnfehlbar zuweilen etwas, obgleich nicht alles, zu besonderer Gemütsergötzung überlassen, und also die geringe Mühe, so du dir mit Lesen und Durchblättern gemacht, gewissermaßen rekompensieren kann. Mein Vorsatz ist zwar nicht, einem oder dem andern dieses Werk als einen vortrefflich begeisterten und in meinen hochteutschen Stylum eingekleideten Staatskörper anzuraisonieren; sondern ich will das Urteil von dessen Werte, dem es beliebt, überlassen, und da selbiges vor meine Partie nicht allzu vorteilhaftig klappen sollte, weiter nichts sagen, als: Haud curat Hippoclides. Auf teutsch: Sprecht, was ihr wollt, von mir und Julio dem Sachsen, Ich lasse mir darum kein graues Härlein wachsen. Allein, ich höre leider! schon manchen, der nur einen Blick darauf schießen lassen, also raisonieren und fragen: Wie hält's, Landsmann! kann man sich auch darauf verlassen, daß deine Geschichte keine bloßen Gedichte, Lucianische Spaßstreiche, zusammengeraspelte Robinsonadenspäne und dergleichen sind? Denn es werfen sich immer mehr und mehr Skribenten auf, die einem neubegierigen Leser an diejenige Nase, so er doch schon selbst am Kopfe hat, noch viele kleine, mittelmäßige und große Nasen drehen wollen. Was gehöret nicht vor ein baumstarker Glaube darzu, wenn man des Herrn von Lydio trenchierte Insul als eine Wahrheit in den Backofen seines physikalischen Gewissens schieben will? Wer muß sich nicht viel mehr über den Herrn Geschichtschreiber P. L. als über den armen Einsiedler Philipp Quarll selbst verwundern, da sich der erstere ganz besondere Mühe gibt, sein, nur den Mondsüchtigen glänzendes Märlein, unter dem Hute des Hrn. Dorrington, mit demütigst-ergebensten Flatterien, als eine brennende historische Wahrheitsfackel aufzustecken? Die Geschicht von Joris oder Georg Pines hat seit ao. 1667 einen ziemlichen Geburts- und Beglaubigungsbrief erhalten, nachdem aber ein Anonymus dieselbe aus dem Englischen übersetzt haben will, und im Teutschen, als ein Gerichte Sauerkraut mit Stachelbeeren vermischt, aufgewärmet hat, ist ein solche Ollebutterie daraus worden, daß man kaum die ganz zu Matsche gekochten Brocken der Wahrheit, noch auf dem Grunde der langen Titsche finden kann. Woher denn kommt, daß ein jeder, der diese Geschicht nicht schon sonsten in andern Büchern gelesen, selbige vor eine lautere Fiktion hält, mithin das Kind samt dem Badewasser ausschüttet. Gedenket man ferner an die fast unzählige Zahl derer Robinsons von fast allen Nationen, sowohl als andere Lebensbeschreibungen, welche meistenteils die Beiwörter: Wahrhaftig, erstaunlich, erschrecklich, noch niemals entdeckt, unvergleichlich, unerhört, unerdenklich, wunderbar, bewundernswürdig, seltsam und dergleichen, führen, so möchte man nicht selten Herr Ulrichen, als den Vertreiber ekelhafter Sachen, rufen, zumalen wenn sich in solchen Schriften lahme Satiren, elender Wind, zerkauete Moralia, überzuckerte Laster-Morsellen, und öfters nicht sechs rechtschaffene oder wahre historische Streiche antreffen lassen. Denn - - - Halt inne, mein Freund! Was gehet mich dein gerechter oder ungerechter Eifer an? Meinest du, daß ich dieserwegen eine Vorrede halte! Nein, keinesweges. Laß dir aber dienen! Ohnfehlbar mußt du das von einem weitberühmten Manne herstammende Sprichwort: Viel Köpfe, viel Sinne, gehöret oder gelesen haben. Der liebe Niemand allein, kann es allen Leuten recht machen. was dir nicht gefällt, charmiert vielleicht zehn, ja hundert und wohl noch mehr andere Menschen. Alle diejenigen, so du anitzo getadelt hast, haben wohl eine ganz besondere gute Absicht gehabt, die du und ich erstlich erraten müssen. Ich wollte zwar ein vieles zu ihrer Defension anführen, allein, wer weiß, ob mit meiner Treuherzigkeit Dank zu verdienen sei? Über dieses, da solche Autores vielleicht klüger und geschickter sind als du und ich, so werden sie sich, daferne es die Mühe belohnt, schon bei Gelegenheit selbst verantworten. Aber mit Gunst und Permission zu fragen: Warum soll man denn dieser oder jener, eigensinniger Köpfe wegen, die sonst nichts als lauter Wahrheiten lesen mögen, nur eben lauter solche Geschichte schreiben, die auf das kleineste Jota mit einem körperlichen Eide zu bestärken wären? Warum soll denn eine geschickte Fiktion, als ein Lusus Ingenii, so gar verächtlich und verwerflich sein? Wo mir recht ist, halten ja die Herren Theologi selbst davor, daß auch in der heil. Bibel dergleichen Exempel, ja ganze Bücher, anzutreffen sind. Sapienti sat. Ich halte davor, es sei am besten getan, man lasse solchergestalt die Politikos ungehudelt, sie mögen schreiben und lesen was sie wollen, sollte es auch gleich dem gemeinen Wesen nicht eben zu ganz besondern Vorteil gereichen, genug, wenn es demselben nur keinen Nachteil und Schaden verursachet. Allein, wo gerate ich hin? Ich sollte dir, geneigter Leser, fast die Gedanken beibringen, als ob gegenwärtige Geschichte auch nichts anders als pur lautere Fiktiones wären? Nein! dieses ist meine Meinung durchaus nicht, jedoch soll mich auch durchaus niemand dahin zwingen, einen Eid über die pur lautere Wahrheit derselben abzulegen. Vergönne, daß ich deine Gedult noch in etwas mißbrauche, so wirst du erfahren, wie diese Fata verschiedener Seefahrenden mir fato zur Beschreibung in die Hände gekommen sind: Als ich im Anfange dieses nun fast verlaufenen Jahres in meinen eigenen Verrichtungen eine ziemlich weite Reise auf der Landkutsche zu tun genötiget war, geriet ich bei solcher Gelegenheit mit einen Literato in Kundschaft, der eine ganz besonders artige Conduite besaß. Er ließ den ganzen Tag über auf den Wagen vortrefflich mit sich reden und umgehen, sobald wir aber des Abends gespeiset, mußte man ihm gemeiniglich ein Licht alleine geben, womit er sich von der übrigen Gesellschaft ab- und an einen andern Tisch setzte, solchergestalt beständig diejenigen geschriebenen Sachen las, welche er in einem zusammengebundenen Paket selten von Abhänden kommen ließ. Sein Beutel war vortrefflich gespickt, und meine Person, deren damaliger Zustand eine genaue Wirtschaft erforderte, profitierte ungemein von dessen Generosité, welche er bei mir, als einem Feinde des Schmarotzens, sehr artig anzubringen wußte. Dannenhero geriet ich auf die Gedanken, dieser Mensch müsse entweder ein starker Kapitaliste oder gar ein Adeptus sein, indem er so viele güldene Spezies bei sich führete, auch seine besondere Liebe zur Alchimie öfters in Gesprächen verriet. Eines Tages war dieser gute Mensch der erste, der den blasenden Postillon zu Gefallen hurtig auf den Wagen steigen wollte, da mittlerweile ich nebst zweien Frauenzimmern und soviel Kaufmannsdienern in der Tür des Gasthofs noch ein Glas Wein ausleereten. Allein, er war so unglücklich, herunterzustürzen, und da die frischen Pferde hierdurch schüchtern gemacht wurden, gingen ihm zwei Räder dermaßen schnell über den Leib und Brust, daß er sogleich halb tot zurück in das Gasthaus getragen werden mußte. Ich ließ die Post fahren, und blieb bei diesen im größten Schmerzen liegenden Patienten, welcher, nachdem er sich um Mitternachtszeit ein wenig ermuntert hatte, alsofort nach seinem Paket Schriften fragte, und sobald man ihm dieselben gereicht, sprach er zu mir: »Mein Herr! nehmet und behaltet dieses Paket in Eurer Verwahrung, vielleicht füget Euch der Himmel hierdurch ein Glücke zu, welches ich nicht habe erleben sollen.« Hierauf begehrete er, daß man den anwesenden Geistlichen bei ihm allein lassen sollte, mit welchen er denn seine Seele wohl beraten, und gegen Morgen das Zeitliche mit dem Ewigen verwechselt hatte. Meinen Gedanken nach hatte ich nun von diesem andern Jason das güldene Fell ererbet, und vermeinte, ein Besitzer der allersichersten alchimistischen Prozesse zu sein. Aber weit gefehlt! Denn kurz zu sagen, es fand sich sonst nichts darinnen, als Albert Julii Geschichtsbeschreibung, und was Mons. Eberhard Julius, zur Erläuterung derselben, diesem unglücklichen Passagier sonsten beigelegt und zugeschickt hatte. Ohngeacht aber meine Hoffnung, in kurzer Zeit ein glücklicher Alchimiste und reicher Mann zu werden, sich gewaltig betrogen sahe, so fielen mir doch beim Durchlesen dieser Sachen, verschiedene Passagen in die Augen, woran mein Gemüt eine ziemliche Belustigung fand, und da ich vollends des verunglückten Literati besonderen Briefwechsel, den er teils mit Mons. Eberhard Julio selbst, teils mit Herrn G. v. B. in Amsterdam, teils auch mit Herrn H. W. W. in Hamburg dieses Werks wegen eine Zeit her geführet, dabei antraf, entbrannte sogleich eine Begierde in mir, diese Geschichte selbst vor die Hand zu nehmen, in möglichste Ordnung zu bringen, und hernach dem Drucke zu überlassen, es möchte gleich einem oder den andern viel, wenig oder gar nichts daran gelegen sein, denn mein Gewissen riet mir, diese Sachen nicht liederlicherweise zu vertuschen. Etliche Wochen hierauf, da mich das Glück unverhofft nach Hamburg führete, geriet ich gar bald mit dem Herrn W. in Bekanntschaft, eröffnete demselben also die ganze Begebenheit des verunglückten Passagiers, wie nicht weniger, daß mir derselbe vor seinem Ende die und die Schriften anvertrauet hätte, wurde auch alsobald von diesem ehrlichen Manne durch allerhand Vorstellungen und Persuasoria in meinem Vorhaben gestärkt, anbei der Richtigkeit dieser Geschichte, vermittelst vieler Beweistümer, vollkommen versichert, und belehret, wie ich mich bei Edierung derselben zu verhalten hätte. Also siehest du, mein Leser, daß ich zu dieser Arbeit gekommen bin, wie jener zur Maulschelle, und merkest wohl, daß mein Gewissen von keiner Spinnewebe gewürkt ist, indem ich eine Sache, die man mir mit vielen Gründen als wahr und unfabelhaft erwiesen, dennoch niemanden anders, als solchergestalt vorlegen will, daß er darvon glauben kann, wieviel ihm beliebt. Demnach wird hoffentlich jeder mit meiner Generosité zufrieden sein können. Von dem übrigen, was sonsten in Vorreden pflegt angeführet zu werden, noch etwas weniges zu melden, so kann nicht leugnen, daß dieses meine erste Arbeit von solcher Art ist, welche ich in meiner herzallerliebsten deutschen Frau Muttersprache der Presse unterwerfe. Nimm also einem jungen Anfänger nicht übel, wenn er sein erstes Händewerk so frei zur Schaue darstellet, selbiges aber dennoch vor kein untadelhaftes Meisterstücke ausgibt. An vielen Stellen hätte ich den Stylum selbst ziemlich verbessern können und wollen, allein, man forderte mich, die Herausgabe zu beschleunigen. Zur Mundierung des Konzepts ließen mir anderweitige wichtige Verrichtungen keine Zeit übrig, selbiges einem Kopisten hinzugeben, möchte vielleicht noch mehr Händel gemacht haben. Hier und dort aber viel auszustreichen, einzuflicken, Zeichen zu machen, Zettelgen beizulegen und dergleichen, schien mir zu gefährlich, denn wie viele Flüche hätte nicht ein ungeduldiger Setzer hierbei ausstoßen können, die ich mir alle ad animum revocieren müssen. Ich weiß, was mir Mons. Eberhard Julii kunterbunte Schreiberei quoad formam vor Mühe gemacht, ehe die vielerlei Geschichten in eine ziemliche Ordnung zu bringen gewesen. Hierbei hat mir nun allbereits ein guter Freund vorgeworfen, als hätte ich dieselben fast gar zu sehr durcheinandergeflochten, und etwa das Modell von einigen Romainenschreibern genommen, allein, es dienet zu wissen, daß Mons. Eberhard Julius selbst das Kleid auf solche Fasson zugeschnitten hat, dessen Gutbefinden mich zu widersetzen, und sein Werk ohne Ursach zu hofemeistern, ich ein billiges Bedenken getragen, vielmehr meine Schuldigkeit zu sein erachtet, dieses von ihm herstammende Werk in seiner Person und Namen zu demonstrieren. Über dieses so halte doch darvor, und bleibe darbei, daß die meisten Leser solchergestalt desto besser divertiert werden. Beugen doch die Postkutscher auch zuweilen aus, und dennoch mokiert sich kein Passagier drüber, wenn sie nur nicht gar steckenbleiben, oder umwerfen, sondern zu gehöriger Zeit fein wieder in die Gleisen kommen. Nun sollte mich zwar bei dieser Gelegenheit auch besinnen, ob ich als ein Rekrute unter den Regimentern der Herrn Geschichtsbeschreiber, dem (s. T. p.) hochgeöhrten und wohlnaseweisen Herrn Momo, wie nicht weniger dessen Duzbruder, Herrn Zoilo, bei bevorstehender Revüe mit einer spanischen zähnfletschenden Grandezze, oder polnischen Subsubmission entgegengehen müsse? Allein, weil ich die Zeit und alles, was man dieser Konfusionarien halber anwendet, vor schändlich verdorben schätze, will ich kein Wort mehr gegen sie reden, sondern die übrigen in mente behalten. Sollte aber, geneigter Leser! dasjenige, was ich zu diesem Werke an Mühe und Fleiße beigetragen, von dir gütig und wohl aufgenommen werden, so sei versichert, daß in meiner geringen Person ein solches Gemüt anzutreffen, welches nur den geringsten Schein einer Erkenntlichkeit mit immerwährenden Danke zu erwidern bemühet lebt. Was an der Vollständigkeit desselben annoch ermangelt, soll sobald als möglich, hinzugefügt werden, woferne nur der Himmel Leben, Gesundheit, und was sonsten darzu erfordert wird, nicht abkürzet. Ja, ich dürfte mich eher bereden, als meinen Ärmel ausreißen lassen, künftigen Sommer mit einem kurieusen Soldatenromain herauszurutschen, als wozu verschiedene brave Offiziers allbereit Materie an die Hand gegeben, auch damit zu kontinuieren versprochen. Vielleicht trifft mancher darinnen vor sich noch angenehmere Sachen an, als in Gegenwärtigen. Von den vermutlich mit einschleichenden Druckfehlern wird man mich gütigst absolvieren, weil die Druckerei allzuweit von dem Orte, da ich mich aufhalte, entlegen ist, doch hoffe, der sonst sehr delikate Herr Verleger werde sich dieserhalb um soviel desto mehr Mühe geben, solche zu verhüten. Letztlich bitte noch, die in dieser Vorrede mit untergelaufenen Scherzworte nicht zu Polzen zu drehen, denn ich bin etwas lustigen Humeurs, aber doch nicht immer. Sonsten weiß vor dieses Mal sonderlich nichts zu erinnern, als daß ich nach Beschaffenheit der Person und Sachen jederzeit sei, Geneigter Leser, den 2. Dez. dienstwilliger GISANDER WUNDERLICHE FATA EINIGER SEEFAHRER Ob denenjenigen Kindern, welche um die Zeit geboren werden, da sich Sonnen- oder Mondfinsternissen am Firmamente präsentieren, mit Recht besondere Fatalitäten zu prognostizieren sein? Diese Frage will ich den gelehrten Naturkündigern zur Erörterung überlassen, und den Anfang meiner vorgenommenen Geschichtsbeschreibung damit machen: wenn ich dem geneigten Leser als etwas Merkliches vermelde: daß ich Eberhard Julius den 12. Mai 1706 eben in der Stunde das Licht dieser Welt erblickt, da die bekannte große Sonnenfinsternis ihren höchsten und fürchterlichsten Grad erreicht hatte. Mein Vater, der ein wohlbemittelter Kaufmann war, und mit meiner Mutter noch kein völliges Jahr im Ehestande gelebt, mochte wegen gedoppelter Bestürzung fast ganz außer sich selbst gewesen sein; jedoch nachdem er bald darauf das Vergnügen hat meine Mutter ziemlich frisch und munter zu sehen, mich aber als seinen erstgebornen jungen, gesunden Sohn zu küssen, hat er sich, wie mir erzählet worden, vor Freuden kaum zu bergen gewußt. Ich trage Bedenken von denenjenigen Tändeleien viel Wesens zu machen, die zwischen meinen Eltern als jungen Eheleuten und mir als ihrer ersten Frucht der Liebe, in den ersten Kinderjahren vorgegangen. Genung! ich wurde von ihnen, wiewohl etwas zärtlich, jedoch christlich und ordentlich erzogen, weil sie mich aber von Jugend an dem Studieren gewidmet, so mußte es keinesweges an gelehrten und sonst geschickten Lehrmeistern ermangeln, deren getreue Unterweisung nebst meinen unermüdeten Fleiße so viel würkte, daß ich auf Einraten vieler erfahrner Männer, die mich examiniert hatten, in meinem siebzehnten Jahre nämlich um Ostern 1723 auf die Universität Kiel nebst einem guten Anführer reisen konnte. Ich legte mich auf die Jurisprudenz nicht sowohl aus meinem eigenen Antriebe, sondern auf Begehren meiner Mutter, welche eines vornehmen Rechtsgelehrten Tochter war. Allein ein hartes Verhängnis ließ mich die Früchte ihres über meine guten Progressen geschöpften Vergnügens nicht lange genießen, indem ein Jahr hernach die schmerzliche Zeitung bei mir einlief, daß meine getreue Mutter am 16. Apr. 1724 samt der Frucht in Kindesnöten Todes verblichen sei. Mein Vater verlangte mich zwar zu seinem Troste auf einige Wochen nach Hause, weiln, wie er schrieb, weder meine einzige Schwester, noch andere Anverwandte seinen Schmerzen einige Linderung verschaffen könnten. Doch da ich zurücke schrieb: daß um diese Zeit alle Kollegia aufs neue angingen, weswegen ich nicht allein sehr viel versäumen, sondern über dieses seine und meine Herzenswunde ehe noch weiter aufreißen, als heilen würde, erlaubte mir mein Vater, nebst Übersendung eines Wechsels von 200 Spez. Dukaten noch ein halbes Jahr in Kiel zu bleiben, nach Verfließung dessen aber sollte nach Hause kommen über Winters bei ihm zu verharren, sodann im Frühjahre das galante Leipzig zu besuchen, und meine Studia daselbst zu absolvieren. Sein Wille war meine Richtschnur, dannenhero die noch übrige Zeit in Kiel nicht verabsäumete mich in meinen ergriffenen Studio nach Möglichkeit zu kultivieren, gegen Martini aber mit den herrlichsten Attestaten meiner Professoren versehen nach Hause reisete. Es war mir zwar eine herzliche Freude, meinen werten Vater und liebe Schwester nebst andern Anverwandten und guten Freunden in völligen Glücksstande anzutreffen; allein der Verlust der Mutter tat derselben ungemeinen Einhalt. Kurz zu sagen: es war kein einziges Divertissement, so mir von meinem Vater, sowohl auch andern Freunden gemacht wurde, vermögend, das einwurzelende melancholische Wesen aus meinem Gehirne zu vertreiben. Derowegen nahm die Zuflucht zu den Büchern und suchte darinnen mein verlornes Vergnügen, welches sich denn nicht selten in selbigen finden ließ. Mein Vater bezeigte teils Leid, teils Freude über meine douce Aufführung, resolvierte sich aber bald, nach meinen Verlangen mich ohne Aufseher, oder wie es zuweilen heißen muß, Hofmeister, mit 300 Fl. und einem Wechselbriefe auf 1000 T1. nach Leipzig zu schaffen, allwo ich den 4. Mart. 1725 glücklich ankam. Wer die Beschaffenheit dieses in der ganzen Welt berühmten Orts nur einigermaßen weiß, wird leichtlich glauben: daß ein junger Pursche, mit so vielem baren Gelde versehen, daselbst allerhand Arten von vergnügten Zeitvertreibe zu suchen Gelegenheit findet. Jedennoch war mein Gemüte mit beständiger Schwermütigkeit angefüllet, außer wenn ich meine Kollegia frequentierte und in meinem Museo mit den Toten konversierte. Ein Landsmann von mir, Mons. H... genannt merkte mein Malheur bald, weil er ein Mediziner war, der seine Hand allbereit mit größter Raison nach dem Doktorhute ausstreckte. Derowegen sagte er einmals sehr vertraulich: »Lieber Herr Landsmann, ich weiß ganz gewiß, daß Sie nicht die geringste Ursach haben, sich in der Welt über etwas zu chagrinieren, ausgenommen den Verlust Ihrer sel. Frau Mutter. Als ein vernünftiger Mensch aber können Sie sich dieserwegen so heftig und langwierig nicht betrüben, erstlich: weil Sie deren Seligkeit vollkommen versichert sind, vors andere: da Sie annoch einen solchen Vater haben, von dem Sie alles erwarten können, was von ihm und der Mutter zugleich zu hoffen gewesen. Anderer Motiven voritzo zu geschweigen. Ich setze aber meinen Kopf zum Pfande, daß Ihr niedergeschlagenes Wesen vielmehr von einer üblen Disposition des Geblüts herrühret, weswegen Ihnen aus guten Herzen den Gebrauch einiger Arzeneien, hiernächst die Abzapfung etlicher Unzen Geblüts rekommendiert haben will. Was gilt's?« rief er aus, »wir wollen in vierzehn Tagen aus einem andern Tone miteinander schwatzen.« Dieser gegebene Rat schien mir nicht unvernünftig zu sein, derowegen leistete demselben behörige Folge, und fand mich in wenig Tagen weit aufgeräumter und leichtsinniger als sonsten, welches meinen guten Freunden höchst angenehm, und mir selbst am gefälligsten war. Ich wohnete ein- und anderm Schmause bei, richtete selbst einen aus, spazierte mit auf die Dörfer, kurz, ich machte alles mit, was honette Pursche ohne Prostitution vorzunehmen pflegen. Jedoch kann nicht leugnen, daß dergleichen Vergnüglichkeiten zum öftern von einem bangen Herzklopfen unterbrochen wurden. Die Ursach dessen sollte zwar noch immer einer Vollblütigkeit zugeschrieben werden, allein mein Herz wollte mich fast im voraus versichern, daß mir ein besonderes Unglück bevorstünde, welches sich auch nach Verfluß weniger Tage, und zwar in den ersten Tagen der Meßwoche, in folgenden Briefe, den ich von meinem Vater empfing, offenbarete: Mein Sohn, erschrecket nicht! sondern ertraget Vielmehr mein und Euer unglückliches Schicksal mit großmütiger Gelassenheit, da Ihr in diesen Zeilen von mir selbst, leider! versichert werdet: daß das falsche Glück mit dreien fatalen Streichen auf einmal meine Reputation und Wohlstand, ja mein alles zu Boden geschlagen. Fraget Ihr, wie? und auf was Art: so wisset, daß mein Kompagnon einen Bankerott auf zwei Tonnen Goldes gemacht, daß auf meine eigene Kosten ausgerüstete ostindische Schiff bei der Retour von den Seeräubern geplündert, und letztlich zu Komplettierung meines Ruins den Verfall der Aktien mich allein um 50000 T1. spez. bringet. Ein mehreres will hiervon nicht schreiben, weil mir im Schreiben die Hände erstarren wollen. Lasset Euch inliegenden Wechselbrief à 2000 Frfl. in Leipzig von Hrn. H. gleich nach Empfang dieses bezahlen. Eure Schwester habe mit ebensoviel, und ihren besten Sachen, nach Stockholm zu ihrer Base geschickt, ich aber gehe mit einem wenigen von hier ab, um in Ost- oder Westindien, entweder mein verlornes Glück, oder den Tod zu finden. In Hamburg bei Hrn W. habt Ihr vielleicht mit der Zeit Briefe von meinem Zustande zu finden. Lebet wohl, und bedauert das unglückliche Verhängnis Eures treugesinnten Vaters, dessen Redlichkeit aber allzustarker Hasard und Leichtglaubigkeit ihm und seinen frommen Kindern dieses Malheur zugezogen. Doch in Hoffnung, Gott werde sich Eurer und meiner nicht gänzlich entziehen, verharre D. d. 5. Apr. bis ins Grab getreuer Vater Franz Martin Julius Ich fiel nach Lesung dieses Briefes, als ein vom Blitz Gerührter, rückwärts auf mein Bette, und habe länger als zwei Stunden ohne Empfindung gelegen. Selbigen ganzen Tag, und die darauffolgende Nacht, wurde in größter Desperation zugebracht, ohne das Geringste von Speise oder Getränke zu mir zu nehmen, da aber der Tag anbrach, beruhigte sich das ungestüme Meer meiner Gedanken einigermaßen. Ich betete mein Morgengebet mit herzlicher Andacht, sung nach einem Morgenliede auch dieses: Gott der wird's wohl machen etc. schlug hernach die Bibel auf, in welcher mir sogleich der 127. Psalm Davids in die Augen fiel, welcher mich ungemein rührete. Nachdem ich nun meine andächtigen, ungeheuchelten Penseen darüber gehabt, schlug ich die Bibel nochmals auf, und traf unverhofft die Worte Prov. 10 der Segen des Herrn macht reich ohne Mühe etc. Hierbei traten mir die Tränen in die Augen, mein Mund aber brach in folgende Worte aus: »Mein Gott, ich verlange ja eben nicht reich an zeitlichen Gütern zu sein, ich gräme mich auch nicht mehr um die verlornen, setze mich aber, wo es dir gefällig ist, nur in einen solchen Stand, worinnen ich deine Ehre befördern, meinen Nächsten nützen, mein Gewissen rein erhalten, reputierlich leben, und selig sterben kann.« Gleich denselben Augenblick kam mir in die Gedanken umzusatteln, und anstatt der Jurisprudenz die Theologie zu erwählen, weswegen ich meine Gelder einkassieren, zwei Teile davon auf Zinsen legen, und mich mit dem übrigen auf die Wittenbergische Universität begeben wollte. Allein der plötzliche Überfall eines hitzigen Fiebers, verhinderte mein eilfertiges Vornehmen, denn da ich kaum Zeit gehabt, meinen Wechsel bei Hrn. H. in Empfang zu nehmen, und meine Sachen etwas in Ordnung zu bringen, so sahe mich gezwungen das Bette zu suchen, und einen berühmten Medicum wie auch eine Wartfrau holen zu lassen. Meine Landsleute so etwas im Vermögen hatten, bekümmerten sich, nachdem sie den Zufall meines Vaters vernommen, nicht das geringste um mich, ein armer ehrlicher Studiosus aber, so ebenfalls mein Landsmann war, blieb fast Tag und Nacht bei mir, und muß ich ihm zum Ruhme nachsagen, daß ich, in seinen mir damals geleisteten Diensten mehr Liebe und Treue, als Interesse gespüret. Mein Wunsch ist: ihn dermaleins auszuforschen, und Gelegenheit zu finden, meine Erkenntlichkeit zu zeigen. ADVERTISSEMENT Man ist zwar, geneigter Leser, anfänglich willens gewesen diese felsenburgische Geschichte, oder dasjenige, was auf dem Titulblatte versprochen worden, ohne Absatz, en Suite herauszugeben, allein nach fernern reifern Überlegungen hat man sich, en regard ein und anderer Umstände, zu einer Teilung verstehen müssen. Dem Herrn Verleger wäre es zwar weit angenehmer gewesen, wenn er sofort alles auf einmal haben können; jedoch wenn ich nur dieses zu betrachten gebe: Daß des Herrn Eberhard Julii Manuskript sehr konfus aussiehet, indem er zuweilen in Folio, ein ander Mal in Quarto, und wieder ein ander Mal in Oktavo geschrieben, auch viele Marken beigefügt, welche auf fast unzählige Beilagen kleiner Zettel weisen, die hier und anderswo einzuflicken gewesen, so habe den Stylum unmöglich so konzise führen können, als mir anfänglich wohl eingebildet hatte. Im Gegenteil ist mir das Werk unter den Händen unvermerkt, ja fast täglich angewachsen, weswegen ich denn vors dienlichste erachtet, ein kleines Interstitium zu machen. Anderer Vorteilen die sowohl der geneigte Leser, als der Herr Verleger und meine ohnedem niemals müßige Feder hierbei genießen können, voritzo zu geschweigen. Ist dieser erste Teil so glücklich, seinen Lesern einiges Vergnügen zu erwecken und derselben Beifall zu erhalten, so kann dabei versichern, daß der andere Teil, den ersten, an Kuriositäten, wo nicht übertreffen, doch wenigstens nichts nachgehen wird.! Denn in selbigem werden nicht allein die teils wunderbaren, teils lächerlichen, teils aber auch merkwürdigen Fata ausführlich vorkommen, welche den letztern felsenburgl. Einkömmlingen von Jugend auf zugestoßen sind, sondern ich will über dieses keinen Fleiß sparen, Mons. Eberhard Julii Manuskripta ordentlich zusammenzulegen, und daraus umständlich zu berichten: In was vor einen florisanten Zustand die Insul Felsenburg, durch den Fleiß der neuangekommenen europäischen Künstler und Handwerker, binnen drei folgenden Jahren gesetzt worden; wie Mons. Eberhard Julius seine Rückreise nach Europa angestellet, seinen Vater wiedergefunden, selbigen durch seinen kostbaren Schatz in voriges Renommee gesetzt, und endlich in Begleitung seines Vaters, und der aus Schweden zurückverschriebenen Schwester, die andere Reise nach Felsenburg angetreten hat. Hält oft erwähnter Mons. Eberhard Julius seine Parole so treulich, als er versprochen, nach und nach die fernern Begebenheiten der Felsenburger, entweder Herrn Bankier G. v. B. in Amsterdam, oder Herrn W. in Hamburg schriftlich zu übersenden, so kann vielleicht der dritte Teil dieses vorgenommenen Werks auch noch wohl zum Vorschein kommen. Übrigens bitte mir von dem geneigten Leser, vor meine desfalls angewandte Mühe, und wiewohl ganz unvollkommene Schreibart, nochmals ein affektioniertes, wenigstens unpassioniertes Sentiment aus, und beharre desselben dienstwilliger Gisander der versprochenen Lebensbeschreibung Don Cyrillo de Valaro, aus seinem lateinischen Manuskript ins Deutsche übersetzt. Ich, Don Cyrillo de Valaro, bin im Jahr nach Christi Geburt 1475 den 9. Aug. von meiner Mutter Blanca de Cordua im Feldlager unter einem Gezelt zur Welt gebracht worden. Denn mein Vater Don Dionysio de Valaro, welcher in des neuen kastilianischen Königs Ferdinandi Kriegsdienste, als Obrister über ein Regiment Fußvolk getreten war, hatte meine Mutter mit sich geführet, da er gegen den portugiesischen König Alphonsum mit zu Felde gehen mußte. Dieser Alphonsus hatte sich mit der Johanna Henrici des IV. Königs in Kastilien Tochter, welche doch von jedermann vor ein Bastard gehalten wurde, verlobet, und dieserwegen nicht allein den Titul und Wapen von Kastilien angenommen, mithin unserm Ferdinando die Krone disputierlich gemacht, sondern sich bereits vieler Städte bemächtiget, weilen ihn, sowohl König Ludwig der XI. aus Frankreich, als auch viele Grandes aus Kastilien stark zu sekundieren versprochen. Nachdem aber die Portugiesen im folgenden 1476ten Jahre bei Toro ziemlich geklopft worden, und mein Vater vermerkte: Daß es wegen des vielen Hin- und Hermarschierens nicht wohl getan sei, uns länger bei sich zu behalten, schaffte er meine Mutter und mich zurück nach Madrid, er selbst aber kam nicht ehe wieder zu uns, bis die Portugiesen 1479 bei Albuhera totaliter geschlagen, und zum Frieden gezwungen worden, worbei Alphonsus nicht allein auf Kastilien, sondern auch auf seine Braut renunzierte, Johanna aber, der man jedoch unsern kastilischen Prinzen Johannem, ob selbiger gleich noch ein kleines Kind war, zum Ehegemahl versprach, ging aus Verdruß in ein Kloster, weil sie vielleicht gemutmaßet, daß sie nur vexieret würde. Ich weiß mich, so wahr ich lebe, noch einigermaßen der Freude und des Vergnügens, doch als im Traume, zu erinnern, welches ich als ein vierjähriger Knabe über die glückliche Zurückkunft meines lieben Vaters empfand, allein wir konnten dessen erfreulicher Gegenwart sehr kurze Zeit genießen, denn er mußte wenige Wochen hernach dem Könige, welcher ihn nicht allein zum General bei der Armee, sondern auch zu seinem Geheimbden Etatsminister mit ernennet, bald nach Aragonien folgen, weiln der König, wegen des Absterbens seines höchst sel. Herrn Vaters, in diesem seinen Erbreiche die Regierung gleichfalls antrat. Doch im folgenden Jahre kam mein Vater nebst dem Könige abermals glücklich wieder zurück, und erfreuete dadurch mich und meine Mutter aufs neue, welche ihm mittlerzeit noch einen jungen Sohn geboren hatte. Er hatte damals angefangen seine Haushaltung nach der schönsten Bequemlichkeit einzurichten, und weil ihm nicht sowohl der Krieg, als des Königs Gnade zu ziemlichen Barschaften verholfen, verschiedene Landgüter angekauft; indem er auf selbigen sein größtes Vergnügen zu empfinden verhoffte. Allein da mein Vater in der besten Ruhe zu sitzen gedachte, nahm der König Anno 1481 einen Zug wider die granadischen Mauros vor, und mein Vater mußte ihm im folgenden 1482ten Jahr 10000 neugeworbenen Leuten nachfolgen. Also verließ er uns abermals zu unsern größten Mißvergnügen, hatte aber vorhero noch Zeit gehabt, meiner Mutter Einkünfte und das, was zu seiner Kinder standesmäßiger Erziehung erfodert wurde, aufs beste zu besorgen. Im Jahre 1483 war es zwischen den Kastilianern und Mohren, bei Malacca zu einem scharfen Treffen gekommen, wobei die erstern ziemlich gedränget, und mein Vater fast tödlich verwundet worden, doch hatte er sich einigermaßen wieder erholet, und kam bald darauf nach Hause, um sich völlig ausheilen zu lassen. Der König und die Königin ließen ihm beiderseits das Glück ihres hohen Besuchs genießen, beschenkten ihn auch mit einer starken Summe Geldes, und einem vortrefflichen Landgute, mich aber nahm der König, vor seinen jungen Prinzen Johannem, der noch drei Jahr jünger war als ich, zum Pagen und Spielgesellen mit nach Hofe, und versprach, mich bei ihm auf Lebenszeit zu versorgen. Ob ich nun gleich nur in mein zehentes Jahr ging, so hatte mich doch meine Mutter dermaßen gut erzogen, und durch geschickte Leute erziehen lassen, daß ich mich gleich von der ersten Stunde an, nicht allein bei den königl. Kindern, sondern auch bei dem Könige und der Königin selbst, ungemein beliebt machen konnte. Und da sich eine besondere natürliche Fertigkeit bei mir gezeiget, hatte der König allen Sprach- und Exerzitienmeistern ernstlichen Befehl erteilet, an meine Person sowohl, als an seinen eigenen Sohn, den allerbesten Fleiß zu wenden, welches denn nebst meiner eigenen Lust und Beliebung soviel fruchtete: daß mich ein jeder vor den Geschicktesten unter allen meinen Kameraden halten wollte. Mittlerweile war mein Vater aufs neue wieder zu Felde gegangen, und hatte, nicht allein wegen seiner Verwundung, an denen Mohren in etlichen Scharmützeln ziemliche Rache ausgeübt, sondern auch vor den König viele Städte und Plätze einnehmen helfen, bei welcher Gelegenheit er auch zu seinem Teile viele Schätze erobert, und dieselben nach Hause geschickt hatte. Allein im Jahr 1491 da die Stadt Granada mit 50000 Mann zu Fuß, und 12000 zu Roß angegriffen, und der König Boabdiles zur Übergabe gezwungen wurde, verlor mein getreuer und heldenmütiger Vater sein edles Leben darbei, und zwar im allerletzten Sturme auf den erstiegenen Mauern. Der König bekam die Briefe von dieser glücklichen Eroberung gleich über der Tafel zu lesen, und rief mit vollen Freuden aus: »Gott und allen Heiligen sei gedankt! Nunmehro ist die Herrschaft der Maurer, welche über siebenhundert Jahr in Spanien gewähret, glücklich zugrunde gerichtet«, derowegen entstunde unter allen, sowohl hohen als niedrigen Bedienten, ein allgemeines Jubilieren, da er aber die Liste von den ertöteten und Verwundeten hohen Kriegsbedienten zur Hand nahm, und unter andern lase: Daß Don Dionysio de Valaro, als ein Held mit dem Degen in der Faust, auf der Mauer gestorben sei, vergingen mir auf einmal alle meine fünf Sinne dermaßen, daß ich hinter dem Kronprinzen ohnmächtig zur Erden niedersinken mußte. Es hatte dem mitleidigen Könige gereuet, daß er sich nicht vorhero nach mir umgesehen, ehe er diese klägliche Zeitung, welche ihm selbst sehr zu Herzen ging, laut verlesen. jedoch sobald mich die andern Bedienten hinweg- und in mein Bette getragen, auch in etwas wieder erfrischet hatten, besuchte mich nicht allein der Kronprinz mit seiner dreizehnjährigen Schwester Johanna, sondern die Königin selbst mit ihrem vornehmsten Frauenzimmer. Dem ohngeacht konnte ich mein Gemüte, wegen des jämmerlichen Verlusts meines so lieben und getreuen Vaters, nicht sogleich besänftigen, sondern vergoß etliche Tage nacheinander die bittersten Tränen, bis mich endlich der König vor sich kommen ließ und folgendermaßen anredete: »Mein Sohn Cyrillo de Valara, willstu meiner fernern Gnade genießen, so hemme dein Betrübnis wenigstens dem äußerlichen Scheine nach, und bedenke dieses: daß ich an dem Don Dionysio de Valaro, wo nicht mehr, doch ebensoviel als du verloren, denn er ist mein getreuer Diener gewesen, der keinem seinesgleichen den Vorzug gelassen, ich aber stelle mich selbst gegen dich an seine Stelle und will dein Versorger sein, hiermit sei dir sein erledigtes Regiment geschenkt, worüber ich dich gleich jetzo zum Obristen bestellen und zum Ritter schlagen will, jedoch sollstu nicht ehe zu Felde gehen, sondern bei meinem Kronprinz bleiben, bis ich euch beide ehestens selbst mit mir nehme.« Ich tat hierauf dem Könige zur Dankbarkeit einen Fußfall, und empfohl mich seiner beständigen Gnade, welcher mir sogleich die Hand darreichte, die ich in Untertänigkeit küssete, und von ihm selbst auf der Stelle zum Ritter geschlagen wurde, worbei ich die ganz besondere Gnade hatte, daß mir die Prinzessin Johanna das Schwert umgürtete, und der Kronprinz den rechten Sporn anlegte.