Ludwig Tieck Der blonde Eckbert In einer Gegend des Harzes wohnte ein Ritter, den man gewöhnlich nur den blonden Eckbert nannte. Er war ohngefähr vierzig Jahr alt, kaum von mittler Größe, und kurze hellblonde Haare lagen schlicht und dicht an seinem blassen eingefallenen Gesichte. Er lebte sehr ruhig für sich und war niemals in den Fehden seiner Nachbarn verwickelt, auch sah man ihn nur selten außerhalb den Ringmauern seines kleinen Schlosses. Sein Weib liebte die Einsamkeit ebensosehr, und beide schienen sich von Herzen zu lieben, nur klagten sie gewöhnlich darüber, daß der Himmel ihre Ehe mit keinen Kindern segnen wolle. Nur selten wurde Eckbert von Gästen besucht, und wenn es auch geschah, so wurde ihretwegen fast nichts in dem gewöhnlichen Gange des Lebens geändert, die Mäßigkeit wohnte dort, und die Sparsamkeit selbst schien alles anzuordnen. Eckbert war alsdann heiter und aufgeräumt, nur wenn er allein war, bemerkte man an ihm eine gewisse Verschlossenheit, eine stille zurückhaltende Melancholie. Niemand kam so häufig auf die Burg als Philipp Walther, ein Mann, dem sich Eckbert angeschlossen hatte, weil er an diesem ohngefähr dieselbe Art zu denken fand, der auch er am meisten zugetan war. Dieser wohnte eigentlich in Franken, hielt sich aber oft über ein halbes Jahr in der Nähe von Eckberts Burg auf, sammelte Kräuter und Steine, und beschäftigte sich damit, sie in Ordnung zu bringen, er lebte von einem kleinen Vermögen und war von niemand abhängig. Eckbert begleitete ihn oft auf seinen einsamen Spaziergängen, und mit jedem Jahre entspann sich zwischen ihnen eine innigere Freundschaft. Es gibt Stunden, in denen es den Menschen ängstigt, wenn er vor seinem Freunde ein Geheimnis haben soll, was er bis dahin oft mit vieler Sorgfalt verborgen hat, die Seele fühlt dann einen unwiderstehlichen Trieb, sich ganz mitzuteilen, dem Freunde auch das Innerste aufzuschließen, damit er um so mehr unser Freund werde. In diesen Augenblicken geben sich die zarten Seelen einander zu erkennen, und zuweilen geschieht es wohl auch, daß einer vor der Bekanntschaft des andern zurückschreckt. Es war schon im Herbst, als Eckbert an einem neblichten Abend mit seinem Freunde und seinem Weibe Bertha um das Feuer eines Kamines saß. Die Flamme warf einen hellen Schein durch das Gemach und spielte oben an der Decke, die Nacht sah schwarz zu den Fenstern herein, und die Bäume draußen schüttelten sich vor nasser Kälte. Walther klagte über den weiten Rückweg, den er habe, und Eckbert schlug ihm vor, bei ihm zu bleiben, die halbe Nacht unter traulichen Gesprächen hinzubringen, und dann in einem Gemache des Hauses bis am Morgen zu schlafen. Walther ging den Vorschlag ein, und nun ward Wein und die Abendmahlzeit hereingebracht, das Feuer durch Holz vermehrt, und das Gespräch der Freunde heitrer und vertraulicher. Als das Abendessen abgetragen war, und sich die Knechte wieder entfernt hatten, nahm Eckbert die Hand Walthers und sagte: "Freund, Ihr solltet Euch einmal von meiner Frau die Geschichte ihrer Jugend erzählen lassen, die seltsam genug ist." - "Gern", sagte Walther, und man setzte sich wieder um den Kamin. Es war jetzt gerade Mitternacht, der Mond sah abwechselnd durch die vorüberflatternden Wolken. "Ihr müßt mich nicht für zudringlich halten", fing Bertha an, "mein Mann sagt, daß Ihr so edel denkt, daß es unrecht sei, Euch etwas zu verhehlen. Nur haltet meine Erzählung für kein Märchen, so sonderbar sie auch klingen mag. Ich bin in einem Dorfe geboren, mein Vater war ein armer Hirte. Die Haushaltung bei meinen Eltern war nicht zum besten bestellt, sie wußten sehr oft nicht, wo sie das Brot hernehmen sollten. Was mich aber noch weit mehr jammerte, war, daß mein Vater und meine Mutter sich oft über ihre Armut entzweiten, und einer dem andern dann bittere Vorwürfe machte. Sonst hört ich beständig von mir, daß ich ein einfältiges dummes Kind sei, das nicht das unbedeutendste Geschäft auszurichten wisse, und wirklich war ich äußerst ungeschickt und unbeholfen, ich ließ alles aus den Händen fallen, ich lernte weder nähen noch spinnen, ich konnte nichts in der Wirtschaft helfen, nur die Not meiner Eltern verstand ich sehr gut. Oft saß ich dann im Winkel und füllte meine Vorstellungen damit an, wie ich ihnen helfen wollte, wenn ich plötzlich reich würde, wie ich sie mit Gold und Silber überschütten und mich an ihrem Erstaunen laben möchte, dann sah ich Geister heraufschweben, die mir unterirdische Schätze entdeckten, oder mir kleine Kiesel gaben, die sich in Edelsteine verwandelten, kurz, die wunderbarsten Phantasien beschäftigten mich, und wenn ich nun aufstehn mußte, um irgend etwas zu helfen, oder zu tragen, so zeigte ich mich noch viel ungeschickter, weil mir der Kopf von allen den seltsamen Vorstellungen schwindelte. Mein Vater war immer sehr ergrimmt auf mich, daß ich eine so ganz unnütze Last des Hauswesens sei, er behandelte mich daher oft ziemlich grausam, und es war selten, daß ich ein freundliches Wort von ihm vernahm. So war ich ungefähr acht Jahr alt geworden, und es wurden nun ernstliche Anstalten gemacht, daß ich etwas tun, oder lernen sollte. Mein Vater glaubte, es wäre nur Eigensinn oder Trägheit von mir, um meine Tage in Müßiggang hinzubringen, genug, er setzte mir mit Drohungen unbeschreiblich zu, da diese aber doch nichts fruchteten, züchtigte er mich auf die grausamste Art, indem er sagte, daß diese Strafe mit jedem Tage wiederkehren sollte, weil ich doch nur ein unnützes Geschöpf sei. Die ganze Nacht hindurch weint ich herzlich, ich fühlte mich so außerordentlich verlassen, ich hatte ein solches Mitleid mit mir selber, daß ich zu sterben wünschte. Ich fürchtete den Anbruch des Tages, ich wußte durchaus nicht, was ich anfangen sollte, ich wünschte mir alle mögliche Geschicklichkeit und konnte gar nicht begreifen, warum ich einfältiger sei, als die übrigen Kinder meiner Bekanntschaft. Ich war der Verzweiflung nahe. Als der Tag graute, stand ich auf und eröffnete, fast ohne daß ich es wußte, die Tür unsrer kleinen Hütte. Ich stand auf dem freien Felde, bald darauf war ich in einem Walde, in den der Tag kaum noch hineinblickte. Ich lief immerfort, ohne mich umzusehn, ich fühlte keine Müdigkeit, denn ich glaubte immer, mein Vater würde mich noch wieder einholen, und, durch meine Flucht gereizt, mich noch grausamer behandeln. Als ich aus dem Walde wieder heraustrat, stand die Sonne schon ziemlich hoch, ich sah jetzt etwas Dunkles vor mir liegen, welches ein dichter Nebel bedeckte. Bald mußte ich über Hügel klettern, bald durch einen zwischen Felsen gewundenen Weg gehn, und ich erriet nun, daß ich mich wohl in dem benachbarten Gebirge befinden müsse, worüber ich anfing mich in der Einsamkeit zu fürchten. Denn ich hatte in der Ebene noch keine Berge gesehn, und das bloße Wort Gebirge, wenn ich davon hatte reden hören, war meinem kindischen Ohr ein fürchterlicher Ton gewesen. Ich hatte nicht das Herz zurückzugehn, meine Angst trieb mich vorwärts; oft sah ich mich erschrocken um, wenn der Wind über mir weg durch die Bäume fuhr, oder ein ferner Holzschlag weit durch den stillen Morgen hintönte. Als mir Köhler und Bergleute endlich begegneten und ich eine fremde Aussprache hörte, wäre ich vor Entsetzen fast in Ohnmacht gesunken. Ich kam durch mehrere Dörfer und bettelte, weil ich jetzt Hunger und Durst empfand, ich half mir so ziemlich mit meinen Antworten durch, wenn ich gefragt wurde. So war ich ohngefähr vier Tage fortgewandert, als ich auf einen kleinen Fußsteig geriet, der mich von der großen Straße immer mehr entfernte. Die Felsen um mich her gewannen jetzt eine andre, weit seltsamere Gestalt. Es waren Klippen, so aufeinandergepackt, daß es das Ansehn hatte, als wenn sie der erste Windstoß durcheinanderwerfen würde. Ich wußte nicht, ob ich weitergehn sollte. Ich hatte des Nachts immer im Walde geschlafen, denn es war gerade zur schönsten Jahrszeit, oder in abgelegenen Schäferhütten; hier traf ich aber gar keine menschliche Wohnung, und konnte auch nicht vermuten, in dieser Wildnis auf eine zu stoßen; die Felsen wurden immer furchtbarer, ich mußte oft dicht an schwindlichten Abgründen vorbeigehn, und endlich hörte sogar der Weg unter meinen Füßen auf. Ich war ganz trostlos, ich weinte und schrie, und in den Felsentälern hallte meine Stimme auf eine schreckliche Art zurück. Nun brach die Nacht herein, und ich suchte mir eine Moosstelle aus, um dort zu ruhn. Ich konnte nicht schlafen; in der Nacht hörte ich die seltsamsten Töne, bald hielt ich es für wilde Tiere, bald für den Wind, der durch die Felsen klage, bald für fremde Vögel. Ich betete, und ich schlief nur spät gegen Morgen ein. Ich erwachte, als mir der Tag ins Gesicht schien. Vor mir war ein steiler Felsen, ich kletterte in der Hoffnung hinauf, von dort den Ausgang aus der Wildnis zu entdecken, und vielleicht Wohnungen oder Menschen gewahr zu werden. Als ich aber oben stand, war alles, so weit nur mein Auge reichte, ebenso, wie um mich her, alles war mit einem neblichten Dufte überzogen, der Tag war grau und trübe, und keinen Baum, keine Wiese, selbst kein Gebüsch konnte mein Auge erspähn, einzelne Sträucher ausgenommen, die einsam und betrübt in engen Felsenritzen emporgeschossen waren. Es ist unbeschreiblich, welche Sehnsucht ich empfand, nur eines Menschen ansichtig zu werden, wäre es auch, daß ich mich vor ihm hätte fürchten müssen. Zugleich fühlte ich einen peinigenden Hunger, ich setzte mich nieder und beschloß zu sterben. Aber nach einiger Zeit trug die Lust zu leben dennoch den Sieg davon, ich raffte mich auf und ging unter Tränen, unter abgebrochenen Seufzern den ganzen Tag hindurch; am Ende war ich mir meiner kaum noch bewußt, ich war müde und erschöpft, ich wünschte kaum noch zu leben, und fürchtete doch den Tod. Gegen Abend schien die Gegend umher etwas freundlicher zu werden, meine Gedanken, meine Wünsche lebten wieder auf, die Lust zum Leben erwachte in allen meinen Adern. Ich glaubte jetzt das Gesause einer Mühle aus der Ferne zu hören, ich verdoppelte meine Schritte, und wie wohl, wie leicht ward mir, als ich endlich wirklich die Grenzen der öden Felsen erreichte; ich sah Wälder und Wiesen mit fernen angenehmen Bergen wieder vor mir liegen. Mir war, als wenn ich aus der Hölle in ein Paradies getreten wäre, die Einsamkeit und meine Hülflosigkeit schienen mir nun gar nicht fürchterlich. Statt der gehofften Mühle stieß ich auf einen Wasserfall, der meine Freude freilich um vieles minderte; ich schöpfte mit der Hand einen Trunk aus dem Bache, als mir plötzlich war, als höre ich in einiger Entfernung ein leises Husten. Nie bin ich so angenehm überrascht worden, als in diesem Augenblick, ich ging näher und ward an der Ecke des Waldes eine alte Frau gewahr, die auszuruhen schien. Sie war fast ganz schwarz gekleidet und eine schwarze Kappe bedeckte ihren Kopf und einen großen Teil des Gesichtes, in der Hand hielt sie einen Krückenstock. Ich näherte mich ihr und bat um ihre Hülfe; sie ließ mich neben sich niedersetzen und gab mir Brot und etwas Wein. Indem ich aß, sang sie mit kreischendem Ton ein geistliches Lied. Als sie geendet hatte, sagte sie mir, ich möchte ihr folgen. Ich war über diesen Antrag sehr erfreut, so wunderlich mir auch die Stimme und das Wesen der Alten vorkam. Mt ihrem Krückenstocke ging sie ziemlich behende, und bei jedem Schritte verzog sie ihr Gesicht so, daß ich im Anfange darüber lachen mußte. Die wilden Felsen traten immer weiter hinter uns zurück, wir gingen über eine angenehme Wiese, und dann durch einen ziemlich langen Wald. Als wir heraustraten, ging die Sonne gerade unter, und ich werde den Anblick und die Empfindung dieses Abends nie vergessen. In das sanfteste Rot und Gold war alles verschmolzen, die Bäume standen mit ihren Wipfeln in der Abendröte, und über den Feldern lag der entzückende Schein, die Wälder und die Blätter der Bäume standen still, der reine Himmel sah aus wie ein aufgeschlossenes Paradies, und das Rieseln der Quellen und von Zeit zu Zeit das Flüstern der Bäume tönte durch die heitre Stille wie in wehmütiger Freude. Meine junge Seele bekam jetzt zuerst eine Ahndung von der Welt und ihren Begebenheiten. Ich vergaß mich und meine Führerin, mein Geist und meine Augen schwärmten nur zwischen den goldnen Wolken. Wir stiegen nun einen Hügel hinan, der mit Birken bepflanzt war, von oben sah man in ein grünes Tal voller Birken hinein, und unten mitten in den Bäumen lag eine kleine Hütte. Ein munteres Bellen kam uns entgegen, und bald sprang ein kleiner behender Hund die Alte an, und wedelte, dann kam er zu mir, besah mich von allen Seiten, und kehrte mit freundlichen Gebärden zur Alten zurück. Als wir vom Hügel heruntergingen, hörte ich einen wunderbaren Gesang, der aus der Hütte zu kommen schien, wie von einem Vogel, es sang also: 'Waldeinsamkeit, Die mich erfreut, So morgen wie heut In ewger Zeit, O wie mich freut Waldeinsamkeit.' Diese wenigen Worte wurden beständig wiederholt; wenn ich es beschreiben soll, so war es fast, als wenn Waldhorn und Schalmeie ganz in der Ferne durcheinanderspielen. Ludwig Tieck Der getreue Eckart Der Tannenhäuser In zwei Abschnitten ------------------------------------------------------------------------ Erster Abschnitt "Der edle Herzog groß Von dem Burgunder Lande Litt manchen Feindesstoß Wohl auf dem ebnen Sande. Er sprach: 'Mich schlägt der Feind, Mein Mut ist mir entwichen, Die Freunde sind erblichen, Die Knecht geflohen seind! Ich kann mich nicht mehr regen, Nicht Waffen führen kann: Wo bleibt der edle Degen, Eckart der treue Mann? Er war mir sonst zur Seite In jedem harten Strauß, Doch leider blieb er heute Daheim bei sich zu Haus. Es mehren sich die Haufen, Ich muß gefangen sein, Mag nicht wie Knecht entlaufen, Drum will ich sterben fein!' - So klagt der von Burgund, Will sein Schwert in sich stechen: Da kommt zur selben Stund Eckart, den Feind zu brechen. Geharnischt reit't der Degen Keck in den Feind hinein, Ihm folgt die Schar verwegen Und auch der Sohne sein. Burgund erkennt die Zeichen, Und ruft: 'Gott sei gelobt!' Die Feinde mußten weichen Die wütend erst getobt. Da schlug mit treuem Mute Eckart ins Volk hinein, Doch schwamm im roten Blute Sein zartes Söhnelein. Als nun der Feind bezwungen, Da sprach der Herzog laut: 'Es ist dir wohl gelungen, Doch so, daß es mir graut; Du hast viel Mann geworben Zu retten Reich und Leben, Dein Söhnlein liegt erstorben, Kann's dir nicht wiedergeben.' Der Eckart weinet fast, Bückt sich der starke Held, Und nimmt die teure Last, Den Sohn in Armen hält. 'Wie starbst du, Heinz, so frühe, Und warst noch kaum ein Mann? Mich reut nicht meine Mühe, Ich seh dich gerne an, Weil wir dich, Fürst, erlösten, Aus deiner Feinde Hohn, Und drum will ich mich trösten, Ich schenke dir den Sohn!' Da ward dem Burgund trübe Vor seiner Augen Licht, Weil diese große Liebe Sein edles Herze bricht. Er weint die hellen Zähren Und fällt ihm an die Brust: 'Dich, Held, muß ich verehren', Spricht er in Leid und Lust, 'So treu bist du geblieben, Da alles von mir wich, So will ich nun auch lieben Wie meinen Bruder dich, Und sollst in ganz Burgunde So gelten wie der Herr, Wenn ich mehr lohnen kunnte, Ich gäbe gern noch mehr.' Als dies das Land erfahren, So freut sich jedermann, Man nennt den Held seit Jahren Eckart den treuen Mann." Die Stimme eines alten Landmanns klang über die Felsen herüber, der dieses Lied sang, und der getreue Eckart saß in seinem Unmute auf dem Berghang und weinte laut. Sein jüngstes Söhnlein stand neben ihm und fragte: "Warum weinst du also laut, mein Vater Eckart? Wie bist du doch so groß und stark, höher und kräftiger, als alle übrige Männer, vor wem darfst du dich denn fürchten?" Indem zog die Jagd des Herzogs heim nach Hause. Burgund saß auf einem stattlichen, schön geschmückten Rosse, und Gold und Geschmeide des fürstlichen Herzogs flimmerte und blinkte in der Abendsonne, so daß der junge Conrad den herrlichen Aufzug nicht genug sehn, nicht genug preisen konnte. Der getreue Eckart erhob sich und schaute finster hinüber, und der junge Conrad sang, nachdem er die Jagd aus dem Gesichte verloren hatte: "Wann du willt Schwert und Schild, Gutes Roß, Speer und Geschoß Führen: Muß dein Mark In Beinen stark, Dir im Blut Mannesmut Gar kräftiglich regieren!" Der Alte nahm den Sohn und herzte ihn, wobei er gerührt seine großen hellblauen Augen anschaute. "Hast du das Lied jenes guten Mannes gehört?" fragte er ihn dann. "Wie nicht?" sprach der Sohn, "hat er es doch laut genug gesungen, und bist du ja doch der getreue Eckart, so daß ich gern zuhörte." "Derselbe Herzog ist jetzt mein Feind", sprach der alte Vater; "er hält mir meinen zweiten Sohn gefangen, ja hat ihn schon hingerichtet, wenn ich dem trauen darf, was die Leute im Lande sagen." "Nimm dein großes Schwert und duld es nicht", sagte der Sohn; "sie müssen ja alle vor dir zittern, und alle Leute im ganzen Lande werden dir beistehn, denn du bist ihr größter Held im Lande." "Nicht also, mein Sohn", sprach jener, "dann wäre ich der, für den mich meine Feinde ausgeben, ich darf nicht an meinem Landesherren ungetreu werden, nein, ich darf nicht den Frieden brechen, den ich ihm angelobt und in seine Hände versprochen." "Aber was will er von uns?" fragte Conrad ungeduldig. Der Eckart setzte sich wieder nieder und sagte: "Mein Sohn, die ganze Erzählung davon würde zu umständlich lauten, und du würdest es dennoch kaum verstehn. Der Mächtige hat immer seinen größten Feind in seinem eigenen Herzen, den er so Tag wie Nacht fürchtet: so meint der Burgund nunmehr, er habe mir zu viel getraut, und in mir eine Schlange an seinem Busen auferzogen. Sie nennen mich im Land den kühnsten Degen, sie sagen laut, daß er mir Reich und Leben zu danken, ich heiße der getreue Eckart, und so wenden sich Bedrängte und Notleidende zu mir, daß ich ihnen Hülfe schaffe; das kann er nicht leiden. So hat er Groll auf mich geworfen, und jeder, der bei ihm gelten möchte, vermehrt sein Mißtrauen zu mir: so hat sich endlich sein Herz von mir abgewendet." Hierauf erzählte ihm der Held Eckart mit schlichten Worten, daß ihn der Herzog von seinem Angesichte verbannt habe, und daß sie sich ganz fremd geworden seien, weil jener geargwohnt, er wolle ihm gar sein Herzogtum entreißen. In Betrübnis fuhr er fort, wie der Herzog ihm seinen Sohn gefangengenommen, und ihm selber, als einem Verräter, nach dem Leben stehe. Conrad sprach zu seinem Vater: "So laß mich nun hingehn, mein alter Vater, und mit dem Herzoge reden, damit er verständig und dir gewogen werde; hat er meinen Bruder erwürgt, so ist er ein böser Mann, und du sollst ihn strafen, doch kann es nicht sein, weil er nicht so schnöde deiner großen Dienste vergessen kann." "Weißt du nicht den alten Spruch", sagte Eckart: "Wenn der Mächtge dein begehrt, Bist du ihm als Freund was wert, Wie die Not von ihm gewichen, Ist die Freundschaft auch erblichen. Ja, mein ganzes Leben ist unnütz verschwendet: warum machte er mich groß, um mich dann desto tiefer hinabzuwerfen? Die Freundschaft der Fürsten ist wie ein tötendes Gift, das man nur gegen Feinde nützen kann, und womit sich der Eigner aus Unbedacht endlich selbst erwürgt." "Ich will zum Herzoge hin", rief Conrad aus, "ich will ihm alles, was du getan, was du für ihn gelitten, in die Seele zurückrufen, und er wird wieder sein, wie ehemals." "Du hast vergessen", sagte Eckart, "daß man uns für Verräter ausgerufen hat, darum laß uns miteinander flüchten, in ein fremdes Land, wo wir wohl ein besseres Glück antreffen mögen." "In deinem Alter", sagte Conrad, "willst du deiner lieben Heimat noch den Rücken wenden? Nein, laß uns lieber alles andere versuchen. Ich will zum Burgunder, ihn versöhnen und zufriedenstellen; denn was kann er mir tun wollen, wenn er dich auch haßt und fürchtet?" "Ich lasse dich sehr ungern", sagte Eckart, "meine Seele weissagt mir nichts Gutes, und doch möcht ich gern mit ihm versöhnt sein, denn er ist mein alter Freund, auch deinen Bruder erretten, der in gefänglicher Haft bei ihm schmachtet." Die Sonne warf ihre letzten milden Strahlen auf die grüne Erde, und Eckart setzte sich nachdenkend nieder, an einem Baumstamm gelehnt, er beschaute den Conrad lange Zeit und sagte dann: "Wenn du gehen willst, mein Sohn, so gehe jetzt, bevor die Nacht vollends hereinbricht; die Fenster in der herzoglichen Burg glänzen schon von Lichtern, ich vernehme aus der Ferne Trompetentöne vom Feste, vielleicht ist die Gemahlin seines Sohnes schon angelangt und sein Gemüt freundlicher gegen uns." Ungern ließ er den Sohn von sich, weil er seinem Glücke nicht mehr traute; der junge Conrad aber war um so mutiger, weil es ihm ein leichtes dünkte, das Gemüt des Herzoges umzuwenden, der noch vor weniger Zeit so freundlich mit ihm gespielt hatte. "Kommst du mir gewiß zurück, mein liebstes Kind?" klagte der Alte, "wenn du mir verlorengehst, ist keiner mehr von meinem Stamme übrig." Der Knabe tröstete ihn, und schmeichelte mit Liebkosungen dem Greise; sie trennten sich endlich. Conrad klopfte an die Pforte der Burg und ward eingelassen, der alte Eckart blieb draußen in der Nacht allein. "Auch diesen habe ich verloren", klagte er in der Einsamkeit, "ich werde sein Angesicht nicht wiedersehn." Indem er so jammerte, wankte an einem Stabe ein Greis daher, der die Felsen hinabsteigen wollte, und bei jedem Schritte zu fürchten schien, daß er in den Abgrund stürzen möchte. Wie Eckart die Gebrechlichkeit des Alten wahrnahm, reichte er ihm die Hand, daß er sicher heruntersteigen möchte. "Woher des Weges?" fragte ihn Eckart. Der Alte setzte sich nieder und fing an zu weinen, daß ihm die hellen Tränen die Wangen hinunterliefen. Eckart wollte ihn mit gelinden und vernünftigen Worten trösten, aber der sehr bekümmerte Greis schien auf seine wohlgemeinten Reden nicht zu achten, sondern sich seinen Schmerzen noch ungemäßigter zu ergeben. "Welcher Gram kann Euch denn so gar sehr niederbeugen", fragte er endlich, "daß Ihr gänzlich davon überwältigt seid?" "Ach meine Kinder!" klagte der Alte. Da dachte Eckart an Conrad, Heinz und Dietrich, und war selbst alles Trostes verlustig; "ja, wenn Eure Kinder gestorben sind", sprach er, "dann ist Euer Elend wahrlich sehr groß." "Schlimmer als gestorben", versetzte hierauf der Alte mit seiner jammernden Stimme, "denn sie sind nicht tot, aber ewig für mich verloren. O wollte der Himmel, daß sie nur gestorben wären!" Der Held erschrak über diese seltsamen Worte, und bat den Greis, ihm dieses Rätsel aufzulösen, worauf jener sagte: "Wir leben wahrlich in einer wunderbarlichen Zeit, die wohl die letzten Tage bald herbeiführen wird, denn die erschrecklichsten Zeichen fallen dräuend in die Welt herein. Alles Unheil macht sich von den alten Ketten los, und streift nun frank und frei herum; die Furcht Gottes versiegt und verrinnt, und findet kein Strombett, in das sie sich sammeln möchte, und die bösen Kräfte stehn kecklich in ihren Winkeln auf, und feiern ihren Triumph. 0 mein lieber Herr, wir sind alt geworden, aber für dergleichen Wundergeschichten noch nicht alt genug. Ihr werdet ohne Zweifel den Kometen gesehen haben, dieses wunderbare Himmelslicht, das so prophetisch herniederscheint; alle Welt weissagt Übles, und keiner denkt daran, mit sich selbst die Besserung anzufahn und so die Rute abzuwenden. Dies ist nicht genug, sondern aus der Erde tun sich Wunderwerke hervor und brechen geheimnisvoll von unten herauf, wie das Licht schrecklich von oben herniederscheint. Habt Ihr niemals von dem Berge gehört, den die Leute nur den Berg der Venus nennen?" "Niemalen", sagte Eckart, "so weit ich auch herumgekommen hin." "Darüber muß ich mich verwundern", sagte der Alte, "denn die Sache ist jetzt ebenso bekannt, als sie wahrhaftig ist. In diesen Berg haben sich die Teufel hineingeflüchtet, und sich in den wüsten Mittelpunkt der Erde gerettet, als das aufwachsende heilige Christentum den heidnischen Götzendienst stürzte. Hier, sagt man nun, solle vor allen Frau Venus Hof halten, und alle ihre höllischen Heerscharen der weltlichen Lüste und verbotenen Wünsche um sich versammeln, so daß das Gebirge auch verflucht seit undenklichen Zeiten gelegen hat." "Doch nach welcher Gegend liegt der Berg?" fragte Eckart. "Das ist das Geheimnis", sprach der Alte, "daß dieses niemand zu sagen weiß, als der sich schon dem Satan zu eigen gegeben, es fällt auch keinem Unschuldigen ein, ihn aufsuchen zu wollen. Ein Spielmann von wunderseltner Art ist plötzlich von unten hervorgekommen, den die Höllischen als ihren Abgesandten ausgeschickt haben; dieser durchzieht die Welt, und spielt und musiziert auf einer Pfeifen, daß die Töne weit in den Gegenden widerklingen. Wer nun diese Klänge vernimmt, der wird von ihnen mit offenbarer, doch unerklärlicher Gewalt erfaßt, und fort, fort in die Wildnis getrieben, er sieht den Weg nicht, den er geht, er wandert und wandert und wird nicht müde, seine Kräfte nehmen zu wie seine Eile, keine Macht kann ihn aufhalten, so rennt er rasend in den Berg hinein, und findet ewig niemals den Rückweg wieder. Diese Macht ist der Hölle jetzt zurückgegeben, und von entgegengesetzten Richtungen wandeln nun die unglückseligen verkehrten Pilgrime hin, wo keine Rettung zu erwarten steht. Ich hatte an meinen beiden Söhnen schon seit lange keine Freude mehr erlebt, sie waren wüst und ohne Sitten, sie verachteten so Eltern wie Religion; nun hat sie der Klang ergriffen und angefaßt, sie sind davon und in die Weite, die Welt ist ihnen zu enge, und sie suchen in der Hölle Raum." "Und was denkt Ihr bei diesen Dingen zu tun?" fragte Eckart. "Mit dieser Krücke habe ich mich aufgemacht", antwortete der Alte, "um die Welt zu durchstreifen, sie wiederzufinden, oder vor Müdigkeit und Gram zu sterben." Mit diesen Worten riß er sich mit großer Anstrengung aus seiner Ruhe auf, und eilte fort so schnell er nur konnte, als wenn er sein Liebstes auf der Welt versäumen möchte, und Eckart sah mit Bedauern seiner unnützen Bemühung nach, und achtete ihn in seinen Gedanken für wahnwitzig. Ludwig Tieck Die Elfen "Wo ist denn die Marie, unser Kind?" fragte der Vater. "Sie spielt draußen auf dem grünen Platze", antwortete die Mutter, "mit dem Sohne unsers Nachbars." "Daß sie sich nicht verlaufen", sagte der Vater besorgt; "sie sind unbesonnen." Die Mutter sah nach den Kleinen und brachte ihnen ihr Vesperbrot. "Es ist heiß!" sagte der Bursche, und das kleine Mädchen langte begierig nach den roten Kirschen. "Seid nur vorsichtig, Kinder", sprach die Mutter, "lauft nicht zu weit vom Hause, oder in den Wald hinein, ich und der Vater gehn aufs Feld hinaus." Der junge Andres antwortete: "O sei ohne Sorge, denn vor dem Walde fürchten wir uns, wir bleiben hier beim Hause sitzen, wo Menschen in der Nähe sind." Die Mutter ging und kam bald mit dem Vater wieder heraus. Sie verschlossen ihre Wohnung und wandten sich nach dem Felde, um nach den Knechten und zugleich auf der Wiese nach der Heuernte zu sehn. Ihr Haus lag auf einer kleinen grünen Anhöhe, von einem zierlichen Stakete umgeben, welches auch ihren Frucht- und Blumengarten umschloß; das Dorf zog sich etwas tiefer hinunter, und jenseit erhob sich das gräfliche Schloß. Martin hatte von der Herrschaft das große Gut gepachtet, und lebte mit seiner Frau und seinem einzigen Kinde vergnügt, denn er legte jährlich zurück, und hatte die Aussicht, durch Tätigkeit ein vermögender Mann zu werden, da der Boden ergiebig war und der Graf ihn nicht drückte. Indem er mit seiner Frau nach seinen Feldern ging, schaute er fröhlich um sich, und sagte: "Wie ist doch die Gegend hier so ganz anders, Brigitte, als diejenige, in der wir sonst wohnten. Hier ist es so grün, das ganze Dorf prangt von dichtgedrängten Obstbäumen, der Boden ist voll schöner Kräuter und Blumen, alle Häuser sind munter und reinlich, die Einwohner wohlhabend, ja mir dünkt, die Wälder hier sind schöner und der Himmel blauer, und so weit nur das Auge reicht, sieht man seine Lust und Freude an der freigebigen Natur." "Sowie man nur", sagte Brigitte, "dort jenseit des Flusses ist, so befindet man sich wie auf einer andern Erde, alles so traurig und dürr; jeder Reisende behauptet aber auch, daß unser Dorf weit und breit in der Runde das schönste sei." "Bis auf jenen Tannengrund", erwiderte der Mann; "schau einmal dorthin zurück, wie schwarz und traurig der abgelegene Fleck in der ganzen heitern Umgebung liegt; hinter den dunkeln Tannenbäumen die rauchige Hütte, die verfallenen Ställe, der schwermütig vorüberfließende Bach." "Es ist wahr", sagte die Frau, indem beide stillstanden, "sooft man sich jenem Platze nur nähert, wird man traurig und beängstigt, man weiß selbst nicht warum. Wer nur die Menschen eigentlich sein mögen, die dort wohnen, und warum sie sich doch nur so von allen in der Gemeinde entfernt halten, als wenn sie kein gutes Gewissen hätten." "Armes Gesindel", erwiderte der junge Pachter, "dem Anschein nach Zigeunervolk, die in der Ferne rauben und betrügen, und hier vielleicht ihren Schlupfwinkel haben. Mich wundert nur, daß die gnädige Herrschaft sie duldet." "Es können auch wohl", sagte die Frau weichmütig, "arme Leute sein, die sich ihrer Armut schämen, denn man kann ihnen doch eben nichts Böses nachsagen; nur ist es bedenklich, daß sie sich nicht zur Kirche halten, und man auch eigentlich nicht weiß, wovon sie leben, denn der kleine Garten, der noch dazu ganz wüst zu liegen scheint, kann sie unmöglich ernähren, und Felder haben sie nicht." "Weiß der liebe Gott", fuhr Martin fort, indem sie weitergingen, "was sie treiben mögen; kommt doch auch kein Mensch zu ihnen, denn der Ort, wo sie wohnen, ist ja wie verbannt und verhext, so daß sich auch die vorwitzigsten Bursche nicht hingetrauen." Dieses Gespräch setzten sie fort, indem sie sich in das Feld wandten. Jene finstre Gegend, von welcher sie sprachen, lag abseits vorn Dorfe. In einer Vertiefung, welche Tannen umgaben, zeigte sich eine Hütte und verschiedene fast zertrümmerte Wirtschaftsgebäude, nur selten sah man Rauch dort aufsteigen, noch seltner wurde man Menschen gewahr; jezuweilen hatten Neugierige, die sich etwas näher gewagt, auf der Bank vor der Hütte einige abscheuliche Weiber in zerlumptem Anzuge wahrgenommen, auf deren Schoß ebenso häßliche und schmutzige Kinder sich wälzten; schwarze Hunde liefen vor dem Reviere, in Abendstunden ging wohl ein ungeheurer Mann, den niemand kannte, über den Steg des Baches und verlor sich in die Hütte hinein; dann sah man in der Finsternis sich verschiedene Gestalten, wie Schatten um ein ländliches Feuer bewegen. Dieser Grund, die Tannen und die verfallene Hütte machten wirklich in der heitern grünen Landschaft, gegen die weißen Häuser des Dorfes und gegen das prächtige neue Schloß, den sonderbarsten Abstich. Die beiden Kinder hatten jetzt die Früchte verzehrt; sie verfielen darauf, in die Wette zu laufen, und die kleine behende Marie gewann dem langsameren Andres immer den Vorsprung ab. "So ist es keine Kunst!" rief endlich dieser aus, "aber laß es uns einmal in die Weite versuchen, dann wollen wir sehen, wer gewinnt!" "Wie du willst", sagte die Kleine, "nur nach dem Strome dürfen wir nicht laufen." "Nein", erwiderte Andres, "aber dort auf jenem Hügel steht der große Birnbaum, eine Viertelstunde von hier, ich laufe hier links um den Tannengrund vorbei, du kannst rechts in das Feld hineinrennen, daß wir nicht eher als oben wieder zusammenkommen, so sehen wir dann, wer der Beste ist." "Gut", sagte Marie, und fing schon an zu laufen, "so hindern wir uns auch nicht auf demselben Wege, und der Vater sagt ja, es sei zum Hügel hinauf gleich weit, ob man diesseits, ob man jenseits der Zigeunerwohnung geht." Andres war schon vorangesprungen und Marie, die sich rechts wandte, sah ihn nicht mehr. "Er ist eigentlich dumm", sagte sie zu sich selbst, "denn ich dürfte nur den Mut fassen, über den Steg, bei der Hütte vorbei, und drüben wieder über den Hof hinaus zu laufen, so käme ich gewiß viel früher an." Schon stand sie vor dem Bache und dem Tannenhügel. "Soll ich? Nein, es ist doch zu schrecklich", sagte sie. Ein kleines weißes Hündchen stand jenseit und bellte aus Leibeskräften. Im Erschrecken kam das Tier ihr wie ein Ungeheuer vor, und sie sprang zurück. "O weh!" sagte sie, "nun ist der Bengel weit voraus, weil ich hier steh und überlege." Das Hündchen bellte immerfort, und da sie es genauer betrachtete, kam es ihr nicht mehr fürchterlich, sondern im Gegenteil ganz allerliebst vor: es hatte ein rotes Halsband um, mit einer glänzenden Schelle, und sowie es den Kopf hob und sich im Bellen schüttelte, erklang die Schelle äußerst lieblich. "Ei! es will nur gewagt sein!" rief die kleine Marie, "ich renne was ich kann, und bin schnell, schnell jenseit wieder hinaus, sie können mich doch eben nicht gleich von der Erde weg auffressen!" Somit sprang das muntere mutige Kind auf den Steg, rasch an den kleinen Hund vorüber, der still ward und sich an ihr schmeichelte, und nun stand sie im Grunde, und rundumher verdeckten die schwarzen Tannen die Aussicht nach ihrem elterlichen Hause und der übrigen Landschaft. Aber wie war sie verwundert. Der bunteste, fröhlichste Blumengarten umgab sie, in welchem Tulpen, Rosen und Lilien mit den herrlichsten Farben leuchteten, blaue und goldrote Schmetterlinge wiegten sich in den Blüten, in Käfigen aus glänzendem Draht hingen an den Spalieren vielfarbige Vögel, die herrliche Lieder sangen, und Kinder in weißen kurzen Röckchen, mit gelockten gelben Haaren und hellen Augen, sprangen umher, einige spielten mit kleinen Lämmern, andere fütterten die Vögel, oder sammelten Blumen und schenkten sie einander, andere wieder aßen Kirschen, Weintrauben und rötliche Aprikosen. Keine Hütte war zu sehn, aber wohl stand ein großes schönes Haus mit eherner Tür und erhabenem Bildwerk leuchtend in der Mitte des Raumes. Marie war vor Erstaunen außer sich und wußte sich nicht zu finden; da sie aber nicht blöde war, ging sie gleich zum ersten Kinde, reichte ihm die Hand und bot ihm guten Tag. "Kommst du uns auch einmal zu besuchen?" sagte das glänzende Kind; "ich habe dich draußen rennen und springen sehn, aber vor unserm Hündchen hast du dich gefürchtet." - "So seid ihr wohl keine Zigeuner und Spitzbuben", sagte Marie, "wie Andres immer spricht? O freilich ist der nur dumm, und redet viel in den Tag hinein." - "Bleib nur bei uns", sagte die wunderbare Kleine, "es soll dir schon gefallen" - "Aber wir laufen ja in die Wette." - "Zu ihm kommst du noch früh genug zurück. Da nimm, und iß!" - Marie aß, und fand die Früchte so süß, wie sie noch keine geschmeckt hatte, und Andres, der Wettlauf, und das Verbot ihrer Eltern waren gänzlich vergessen. Eine große Frau in glänzendem Kleide trat herzu, und fragte nach dem fremden Kinde. "Schönste Dame", sagte Marie, "von ohngefähr bin ich hereingelaufen, und da wollen sie mich hierbehalten." "Du weißt, Zerina", sagte die Schöne, "daß es ihr nur kurze Zeit erlaubt ist, auch hättest du mich erst fragen sollen." "Ich dachte", sagte das glänzende Kind, "weil sie doch schon über die Brücke gelassen war, könnt ich es tun; auch haben wir sie ja oft im Felde laufen sehn, und du hast dich selber über ihr muntres Wesen gefreut; wird sie uns doch früh genug verlassen müssen." "Nein, ich will hierbleiben", sagte die Fremde, "denn hier ist es schön, auch finde ich hier das beste Spielzeug und dazu Erdbeeren und Kirschen, draußen ist es nicht so herrlich." Die goldbekleidete Frau entfernte sich lächelnd, und viele von den Kindern sprangen jetzt um die fröhliche Marie mit Lachen her, neckten sie und ermunterten sie zu Tänzen, andre brachten ihr Lämmer oder wunderbares Spielgerät, andre machten auf Instrumenten Musik und sangen dazu. Am liebsten aber hielt sie sich zu der Gespielin, die ihr zuerst entgegengegangen war, denn sie war die freundlichste und holdseligste von allen. Die kleine Marie rief ein Mal über das andre: "Ich will immer bei euch bleiben und ihr sollt meine Schwestern sein", worüber alle Kinder lachten und sie umarmten. "Jetzt wollen wir ein schönes Spiel machen", sagte Zerina. Sie lief eilig in den Palast und kam mit einem goldenen Schächtelchen zurück, in welchem sich glänzender Samenstaub befand. Sie faßte mit den kleinen Fingern, und streute einige Körner auf den grünen Boden. Alsbald sah man das Gras wie in Wogen rauschen, und nach wenigen Augenblicken schlugen glänzende Rosengebüsche aus der Erde, wuchsen schnell empor und entfalteten sich plötzlich, indem der süßeste Wohlgeruch den Raum erfüllte. Auch Maria faßte von dem Staube, und als sie ihn ausgestreut hatte, tauchten weiße Lilien und die buntesten Nelken hervor. Auf einen Wink Zerinas verschwanden die Blumen wieder und andre erschienen an ihrer Stelle. "Jetzt", sagte Zerina, "mache dich auf etwas Größeres gefaßt." Sie legte zwei Pinienkörner in den Boden und stampfte sie heftig mit dem Fuße ein. Zwei grüne Sträucher standen vor ihnen. "Fasse dich fest mit mir", sagte sie, und Maria schlang die Arme um den zarten Leib. Da fühlte sie sich emporgehoben, denn die Bäume wuchsen unter ihnen mit der größten Schnelligkeit; die hohen Pinien bewegten sich und die beiden Kinder hielten sich hin und wider schwebend in den roten Abendwolken umarmt und küßten sich; die andern Kleinen kletterten mit behender Geschicklichkeit an den Stämmen der Bäume auf und nieder, und stießen und neckten sich, wenn sie sich begegneten, unter lautem Gelächter. Stürzte eins der Kinder im Gedränge hinunter, so flog es durch die Luft und senkte sich langsam und sicher zur Erde hinab. Endlich fürchtete sich Marie; die andre Kleine sang einige laute Töne, und die Bäume versenkten sich wieder ebenso allgemach in den Boden, und setzten sie nieder, als sie sich erst in die Wolken gehoben hatten. Sie gingen durch die erzene Tür des Palastes. Da saßen viele schöne Frauen umher, ältere und junge, im runden Saal, sie genossen die lieblichsten Früchte, und eine herrliche unsichtbare Musik erklang. In der Wölbung der Decke waren Palmen, Blumen und Laubwerk gemalt, zwischen denen Kinderfiguren in den anmutigsten Stellungen kletterten und schaukelten; nach den Tönen der Musik verwandelten sich die Bildnisse und glühten in den brennendsten Farben; bald war das Grüne und Blaue wie helles Licht funkelnd, dann sank die Farbe erblassend zurück, der Purpur flammte auf und das Gold entzündete sich; dann schienen die nackten Kinder in den Blumengewinden zu leben, und mit den rubinroten Lippen den Atem einzuziehn und auszuhauchen, so daß man wechselnd den Glanz der weißen Zähnchen wahrnahm, so wie das Aufleuchten der himmelblauen Augen. Aus dem Saale führten eherne Stufen in ein großes unterirdisches Gemach. Hier lag viel Gold und Silber, und Edelsteine von allen Farben funkelten dazwischen. Wundersame Gefäße standen an den Wänden umher, alle schienen mit Kostbarkeiten angefüllt. Das Gold war in mannigfaltigen Gestalten gearbeitet und schimmerte mit der freundlichsten Röte. Viele kleine Zwerge waren beschäftigt, die Stücke auseinanderzusuchen und sie in die Gefäße zu legen; andre, höckricht und krummbeinicht, mit langen roten Nasen, trugen schwer und vornübergebückt Säcke herein, so wie die Müller Getreide, und schütteten die Goldkörner keuchend auf dem Boden aus. Dann sprangen sie ungeschickt rechts und links, und griffen die rollenden Kugeln, die sich verlaufen wollten, und es geschah nicht selten, daß einer den andern im Eifer umstieß, so daß sie schwer und tölpisch zur Erde fielen. Sie machten verdrüßliche Gesichter und sahen scheel, als Marie über ihre Gebärden und Häßlichkeit lachte. Hinten saß ein alter eingeschrumpfter kleiner Mann, welchen Zerina ehrerbietig grüßte, und der nur mit ernstem Kopfnicken dankte. Er hielt ein Zepter in der Hand und trug eine Krone auf dem Haupte, alle übrigen Zwerge schienen ihn für ihren Herren anzuerkennen und seinen Winken zu gehorchen. "Was gibt's wieder?" fragte er mürrisch, als die Kinder ihm etwas näher kamen. Marie schwieg furchtsam, aber ihre Gespielin antwortete, daß sie nur gekommen seien, sich in den Kammern umzuschauen. "Immer die alten Kindereien!" sagte der Alte; "wird der Müßiggang nie aufhören?" Darauf wandte er sich wieder an sein Geschäft und ließ die Goldstücke wägen und aussuchen; andre Zwerge schickte er fort, manchen schalt er zornig. "Wer ist der Herr?" fragte Marie; "unser Metallfürst", sagte die Kleine, indem sie weitergingen. Ludwig Tieck Der Hexensabbat (Erstdruck 1832) In Arras lebte, in den letzten Regierungsjahren Philipp des Guten, eine reiche schöne Witwe, die sich am liebsten, da sie mit ihrem Manne nicht glücklich gewesen war, Frau Catharina nennen hörte. Sie besaß ein großes Haus in der Stadt, in welchem sie viele Gesellschaften sah, sowie vor dem Tore einen anmutigen Garten, wo in den Sommertagen ihre Freunde oft im kühlen Saale sich um sie versammelten. Philipp, den seine Zeitgenossen den Guten nannten, war in seinem hohen Alter schwach geworden, und seine Günstlinge benutzten seine Launen und wechselnden Stimmungen, um sich zu bereichern und vieles durchzusetzen, worüber die Untertanen mit Recht Klage führen konnten. Die Mächtigen, der hohe Adel, die Reichen handelten oft nach Leidenschaft und Willkür, und jedermann war in dem wohlhabenden blühenden Lande mehr oder minder darauf angewiesen, sich selber Recht zu schaffen, und durch Kraft der Waffen Anhang oder Protektoren sich zu sichern, um nicht beeinträchtiget zu werden. Der Herzog Philipp war mit seinem Sohne Carl gespannt. Beide hatten Ursache, sich über einander zu beklagen und Günstlinge und Schmeichler wendeten alle Künste an, um diese Verstimmung in Zwietracht und einen öffentlichen Bruch zu verwandeln. So waren zwei Parteien im Lande, die sich entgegenarbeiteten. Die des Sohnes hatte sich verstärkt, seitdem der Dauphin von Frankreich, Ludwig, seinem alten, argwöhnischen Vater mißtrauend, sich als Flüchtling unter den Schutz des Herzogs Philipp des Guten nach Burgund begeben hatte. Der Sohn, Carl Graf von Charolais, glaubte, und wurde von seiner Umgebung in dieser Meinung bestärkt, daß der Dauphin seinen Einfluß benutze, um ihm seinen Vater Philipp ganz zu entfremden. Entfernen sich die Gemüter, die durch Bande des Bluts, durch Dankbarkeit und Wohltat verbunden sind, erst voneinander, so wird den Bösgesinnten leicht, gerade diese unversöhnlich und auf immer voneinander zu trennen. Alle Stände litten, indem sich das Mißtrauen immer bestimmter aussprach, und sich die Parteien immer schärfer gegenüberstellten. In einem so reichen Lande, wie es unter der Regierung Philipp des Guten alle Provinzen von Burgund waren, gab es freilich auch viele Menschen, die sich wenig um die Gefahren des Staates, oder um die zunehmende Macht Frankreichs kümmerten, und nur dafür hauptsächlich sorgten, wohlbehaglich ihr Einkommen zu verzehren, mit Verstand ihr Vermögen zu verwalten, und mit Heiterkeit das ungewisse Leben zu genießen, das so viele unter den Anstalten verlieren, indem sie es herausputzen und zu etwas Würdigerem erheben wollen. Der Kreis von Freunden und Bekannten, der sich bei der verständigen Frau Catharina versammelte, war in der Stadt Arras als ein solcher bekannt, in welchem man dem Kummer, der Furcht, den Grübeleien, oder fern- und selbst naheliegender Besorgnis keinen Raum gestattete. So wenig die kluge Frau ihren Umgang beschränkt hatte, so sehr sie gern Menschen um sich von allen Ständen sah, so zogen sich doch die finstern Gemüter, oder diejenigen, die nur dem Gewinne oder ihren Tagesgeschäften lebten, von selbst zurück, weil man wußte, daß nur von Dichtkunst, Malerei, Festen, Putz, oder lustigen Geschichten in diesem Hause die Rede war. Schien es also, daß die weltliche Freude eine zu ausschließende Rolle hier spielen dürfe, so verweigerten dennoch ernste Gemüter, und selbst angesehene Geistliche nicht, teil an dieser Heiterkeit zu nehmen, denn ein langer Friede, durch die Weisheit des Regenten erzeugt und erhalten, hatte Lust, Üppigkeit und Pracht befördert und der Herzog und sein Hof gaben das Beispiel und ermunterten zur Nachahmung, das arme Leben mit allem Glanz aufzuschmücken, dessen es fähig ist, obgleich Philipp fromm war und die Kirche und ihre Regenten hochachtete und verehrte. Im Garten der Frau Catharine Denisel war am heitern Sommertage eine Gesellschaft versammelt, die sich an Liedern und Saitenspiel ergötzte. Beaufort, ein alter, angesehener Edelmann und Ritter war heut der vornehmste in der Versammlung, er war in der ganzen Stadt wegen seinen Sitten, seiner Freundlichkeit und Milde, sowie wegen seines großen Reichtumes geschätzt und geliebt. Er war mit seinem Sohne Friedrich zugegen, um von der artigen Frau, die er schon seit lange kannte, Urlaub zu nehmen, weil er sich in Geschäften auf einige Tage nach Gent begeben wollte. Friedrich war schwermütig, denn er entfernte sich nur ungern, selbst auf kurze Zeit, von Arras, weil er, wenn er seinen Vater nicht gefürchtet, alle Stunden seines Lebens an der Seite der Frau Catharine zugebracht hätte, die ihn gern sah, oft aber verstimmt wurde, wenn er seine Leidenschaft zu deutlich zeigte, oder in die Gesellschaft trat, in welche er nicht geladen war. Erfrischungen, Wein, Obst und Gewürz in Zucker wurde herumgegeben, als der alte Beaufort das Wort erhob und sagte: Meine Freundin, diesen anmutigen Saal, diese glänzenden, schön gewirkten Tapeten, und Euer liebliches, holdes Antlitz, dessen Lächeln alle diese bunten Figuren bleich macht, werde ich nun auf eine oder zwei Wochen nicht sehen, denn ich habe Geschäfte in Gent mit dem großen Grafen von Etampes, dem Vetter unsers gnädigen Herzogs. Diese vornehmen Herren brauchen, eben weil sie zu Zeiten großmütig und freigebig sind, immerdar Geld; und zuweilen nehmen sie es mit der Art, es zu erringen, nicht so gar genau und christlich. Da sollen wir wieder beisteuern, und der Vorwand dazu ist ziemlich nichtig. Die Stadt, die schon genug getan hat, wird gedrückt, und soviel auch aufgebracht wird, so zerrinnt es doch unserm Herrn wieder unter den Fingern, weil er zu gütig ist. Ein geistlicher Herr, der etwa vierzig Jahr alt sein mochte, wendete sein schönes volles Antlitz herum, sah mit klugen Augen den Ritter an, und sagte mit wohlklingender Stimme: Gewiß, Herr Ritter, hat Euer Stand, und der der Bürger, zu klagen Ursach; aber was sollen wir Geistlichen erst aussprechen? Wir, die wir so schwer vor einigen Jahren taxiert wurden, als mit so großen Feierlichkeiten der Zug gegen Konstantinopel beschlossen wurde, um den Türken wieder von dort zu vertreiben? Alle die Summen, die wir und das Land hergaben, verschwinden, und es geschieht nichts, und kann und wird niemals etwas geschehen. Und doch wird immerdar wieder Nachschuß begehrt, und immer wieder reicht die Summe nicht aus. Wenn wir aber verarmen, wie soll es der Armut ergehn, die wir ernähren müssen? Herr Dechant, verehrter Herr Marck, antwortete der alte Ritter, Ihr findet in der Kirche immer neue Quellen, um den Verlust wieder zu ersetzen; sind aber unsre Güter verpfändet und mit Schulden belastet, dringt der Kaufmann auf plötzliche Rückzahlung, so sind wir ganz und auf immer verloren. Und doch können wir uns nicht so einschränken, wie es dem Geistlichen vergönnt ist, wie es ihm sogar zur edlen und heiligen Pflicht gemacht wird; kommt der Fürst oder dessen Sohn zu uns, gilt es einen Aufzug, ein Bankett, dem Grafen Etampes zu Ehren, oder den großen Croys, den Herren, die fast allein das Land regieren; kommt gar der Dauphin von Frankreich einmal zu uns herüber, so müssen wir in Kleidern und Livreen glänzen, und dürfen nicht fragen, um wie viel unsre Schulden zunehmen, oder wie sehr dadurch unsre Nachkommen verarmen. Wächst uns, sagte der Dechant lächelnd, das Getreide unsichtbar nach, wie Ihr behauptet, so wißt Ihr vom Adel dagegen Künste, es auf offner Straße, in der Stadt oder auf dem Felde, am lichten Tage mit scharfer Sichel zu schneiden. Noch vorgestern ist bei Douay, unter dem nichtigsten Vorwand eines alten Zankes, ein reicher Mann aus Seeland eingefangen worden; der übermütige Ritter hat ihn gefänglich eingesteckt, und so lange gemißhandelt, bis er ihm zweitausend Goldstücke durch einen andern Kaufmann ausgeliefert hat. Der alte Ritter stand auf und sagte mit zornigem Gesicht: Herr Dechant, Ihr seid ein wackrer Mann, aber mit der Zunge noch etwas zu jung. Ich könnte erwidern, daß die Kirche, Papst und Klerisei, mit Ablaß, Jubeljahr, und auf wie andre Weise noch, Gelder zwar nicht gewalttätig erpressen, aber doch auch, wie manche Freigesinnte sagen, durch Mißbräuche und falsche Deutung an sich bringen. Ich bin keiner dieser Freigesinnten, und will gegen die Kirche, die ich fromm verehre, nichts einwenden und vermuten, weil es unerlaubt ist. Jener gewalttätige Räuber, von dem Ihr eben sprachet, ist mir weitläuftig befreundet, aber weder ich noch andre echte und wahre Ritter werden sein Mißtun billigen oder rechtfertigen. Ich bin jetzt, unter den Augen meiner Mitbürger, siebenzig Jahr alt geworden, aber ich fordere Euch, oder wer es sei, selbst meine bittersten Feinde, auf, mir das Kleinste zu beweisen, worin ich von dem Wege Rechtens abgewichen wäre. Jeder mag sein Tun verantworten, vom Höchsten bis zum Niedrigsten. Unser glorreichster Fürst, den die Welt bewundert, ist zu alt und nachgiebig, um allenthalben, wo es nötig wäre, das Schwert der Gerechtigkeit walten zu lassen; auch erfährt er nicht alles, und so ist Gewalttat, Willkür und Laune des Hochmutes in unserm Lande freilich nicht so bewacht und bestraft, wie in Frankreich. Doch ich fühle mich rein, und darf es aussprechen; und deshalb gestehe ich Euch, daß mich Euer Wort beleidigt hat. Der geistliche Herr erhob sich, und reichte dem alten Ritter die Hand, indem er in einem freundlichen, fast bittenden Tone sagte: Nicht so war es gemeint, mein geehrter, wackerer Freund; ein Wort gibt das andere, halb im Ernst, halb im Scherz; doch vergebt mir, wenn Ihr aus meiner Rede etwas anderes herausgehört habt, denn wahrlich, es war nicht meine Absicht, Euch im mindesten zu verletzen. Wie kommen wir nur, sagte die freundliche Frau Catharine, auf so sonderbare, widerborstige Gespräche? Laßt die jungen Nichten der Frau Wacker wieder einmal das Lied singen, welches neulich unser Freund Labitte gedichtet hat. So geschah es; die jungen Mädchen wurden von ihrer alten Base ermuntert, und Friedrich nahm die Laute, um sie zu ihrem zärtlichen Gesange zu begleiten. Als sie geendigt hatten, fragte der Dechant, von wem diese zärtlichen Verse gedichtet seien, die sich dem Ohr und Herzen so schmeichelnd einfügten. Ludwig Tieck Der Pokal Vom großen Dom erscholl das vormittägige Geläute. Über den weiten Platz wandelten in verschiedenen Richtungen Männer und Weiber, Wagen fuhren vorüber und Priester gingen nach ihren Kirchen. Ferdinand stand auf der breiten Treppe, den Wandelnden nachsehend und diejenigen betrachtend, welche heraufstiegen, um dem Hochamte beizuwohnen. Der Sonnenschein glänzte auf den weißen Steinen, alles suchte den Schatten gegen die Hitze; nur er stand schon seit lange sinnend an einen Pfeiler gelehnt, in den brennenden Strahlen, ohne sie zu fühlen, denn er verlor sich in den Erinnerungen, die in seinem Gedächtnisse aufstiegen. Er dachte seinem Leben nach, und begeisterte sich an dem Gefühl, welches sein Leben durchdrungen und alle andern Wünsche in ihm ausgelöscht hatte. In derselben Stunde stand er hier im vorigen Jahre, um Frauen und Mädchen zur Messe kommen zu sehn; mit gleichgültigem Herzen und lächelndem Auge hatte er die mannigfaltigen Gestalten betrachtet, mancher holde Blick war ihm schalkhaft begegnet und manche jungfräuliche Wange war errötet; sein spähendes Auge sah den niedlichen Füßchen nach, wie sie die Stufen heraufschritten, und wie sich das schwebende Gewand mehr oder weniger verschob, um die feinen Knöchel zu enthüllen. Da kam über den Markt eine jugendliche Gestalt, in Schwarz, schlank und edel, die Augen sittsam vor sich hingeheftet, unbefangen schwebte sie die Erhöhung hinauf mit lieblicher Anmut, das seidene Gewand legte sich um den schönsten Körper und wiegte sich wie in Musik um die bewegten Glieder; jetzt wollte sie den letzten Schritt tun, und von ohngefähr erhob sie das Auge und traf mit dem blauesten Strahle in seinen Blick. Er ward wie von einem Blitz durchdrungen. Sie strauchelte, und so schnell er auch hinzusprang, konnte er doch nicht verhindern, daß sie nicht kurze Zeit in der reizendsten Stellung knieend vor seinen Füßen lag. Er hob sie auf, sie sah ihn nicht an, sondern war ganz Röte, antwortete auch nicht auf seine Frage, ob sie sich beschädigst habe. Er folgte ihr in die Kirche und sah nur das Bildnis, wie sie vor ihm gekniet, und der schönste Busen ihm entgegengewogt. Am folgenden Tage besuchte er die Schwelle des Tempels wieder; die Stätte war ihm geweiht. Er hatte abreisen wollen, seine Freunde erwarteten ihn ungeduldig in seiner Heimat; aber von nun an war hier sein Vaterland, sein Herz war umgewendet. Er sah sie öfter, sie vermied ihn nicht, doch waren es nur einzelne und gestohlene Augenblicke; denn ihre reiche Familie bewachte sie genau, noch mehr ein angesehener eifersüchtiger Bräutigam. Sie gestanden sich ihre Liebe, wußten aber keinen Rat in ihrer Lage; denn er war fremd und konnte seiner Geliebten kein so großes Glück anbieten, als sie zu erwarten berechtiget war. Da fühlte er seine Armut; doch wenn er an seine vorige Lebensweise dachte, dünkte er sich überschwenglich reich, denn sein Dasein war geheiligt, sein Herz schwebte immerdar in der schönsten Rührung; jetzt war ihm die Natur befreundet und ihre Schönheit seinen Sinnen offenbar, er fühlte sich der Andacht und Religion nicht mehr fremd, und betrat dieselbe Schwelle, das geheimnisvolle Dunkel des Tempels jetzt mit ganz andern Gefühlen, als in jenen Tagen des Leichtsinns. Er zog sich von seinen Bekanntschaften zurück und lebte nur der Liebe. Wenn er durch ihre Straße ging und sie nur am Fenster sah, war er für diesen Tag glücklich; er hatte sie in der Dämmerung des Abends oftmals gesprochen, ihr Garten stieß an den eines Freundes, der aber sein Geheimnis nicht wußte. So war ein Jahr vorübergegangen. Alle diese Szenen seines neuen Lebens zogen wieder durch sein Gedächtnis. Er erhob seinen Blick, da schwebte die edle Gestalt schon über den Platz, sie leuchtete ihm wie eine Sonne aus der verworrenen Menge hervor. Ein lieblicher Gesang ertönte in seinem sehnsüchtigen Herzen, und er trat, wie sie sich annäherte, in die Kirche zurück. Er hielt ihr das geweihte Wasser entgegen, ihre weißen Finger zitterten, als sie die seinigen berührte, sie neigte sich holdselig. Er folgte ihr nach, und kniete in ihrer Nähe. Sein ganzes Herz zerschmolz in Wehmut und Liebe, es dünkte ihm, als wenn aus den Wunden der Sehnsucht sein Wesen in andächtigen Gebeten dahinblutete; jedes Wort des Priesters durchschauerte ihn, jeder Ton der Musik goß Andacht in seinen Busen; seine Lippen bebten, als die Schöne das Kruzifix ihres Rosenkranzes an den brünstigen roten Mund drückte. Wie hatte er ehemals diesen Glauben und diese Liebe so gar nicht begreifen können. Da erhob der Priester die Hostie und die Glocke schallte, sie neigte sich demütiger und bekreuzte ihre Brust; und wie ein Blitz schlug es durch alle seine Kräfte und Gefühle, und das Altarbild dünkte ihm lebendig und die farbige Dämmerung der Fenster wie ein Licht des Paradieses; Tränen strömten reichlich aus seinen Augen und linderten die verzehrende Inbrunst seines Herzens. Der Gottesdienst war geendigt. Er bot ihr wieder den Weihbrunnen, sie sprachen einige Worte und sie entfernte sich. Er blieb zurück, um keine Aufmerksamkeit zu erregen; er sah ihr nach, bis der Saum ihres Kleides um die Ecke verschwand. Da war ihm wie dem müden verirrten Wanderer, dem im dichten Walde der letzte Schein der untergehenden Sonne erlischt. Er erwachte aus seiner Träumerei, als ihm eine alte dürre Hand auf die Schulter schlug, und ihn jemand bei Namen nannte. Er fuhr zurück, und erkannte seinen Freund, den mürrischen Albert, der von allen Menschen sich zurückzog, und dessen einsames Haus nur dem jungen Ferdinand geöffnet war. "Seid Ihr unsrer Abrede noch eingedenk?" fragte die heisere Stimme. "O ja", antwortete Ferdinand, "und werdet Ihr Euer Versprechen heut noch halten?" "Noch in dieser Stunde", antwortete jener, "wenn Ihr mir folgen wollt." Sie gingen durch die Stadt und in einer abgelegenen Straße in ein großes Gebäude. "Heute", sagte der Alte, "müßt Ihr Euch schon mit mir in das Hinterhaus bemühn, in mein einsamstes Zimmer, damit wir nicht etwa gestört werden." Sie gingen durch viele Gemächer, dann über einige Treppen; Gänge empfingen sie, und Ferdinand, der das Haus zu kennen glaubte, mußte sich über die Menge der Zimmer, so wie über die seltsame Einrichtung des weitläufigen Gebäudes verwundern, noch mehr aber darüber, daß der Alte, welcher unverheiratet war, der auch keine Familie hatte, es allein mit einem einzigen Bedienten bewohne, und niemals an Fremde von dem überflüssigen Raume hatte vermieten wollen. Albert schloß endlich auf und sagte: "Nun sind wir zur Stelle." Ein großes hohes Zimmer empfing sie, das mit rotem Damast ausgeschlagen war, den goldene Leisten einfaßten, die Sessel waren von dem nämlichen Zeuge, und durch rote schwerseidne Vorhänge, welche niedergelassen waren, schimmerte ein purpurnes Licht. "Verweilt einen Augenblick", sagte der Alte, indem er in ein anderes Gemach ging. Ferdinand betrachtete indes einige Bücher, in welchen er fremde unverständliche Charaktere, Kreise und Linien, nebst vielen wunderlichen Zeichnungen fand, und nach dem wenigen, was er lesen konnte, schienen es alchemistische Schriften; er wußte auch, daß der Alte im Rufe eines Goldmachers stand. Eine Laute lag auf dem Tische, welche seltsam mit Perlmutter und farbigen Hölzern ausgelegt war und in glänzenden Gestalten Vögel und Blumen darstellte, der Stern in der Mitte war ein großes Stück Perlmutter, auf das kunstreichste in vielen durchbrochenen Zirkelfiguren, fast wie die Fensterrose einer gotischen Kirche, ausgearbeitet. "Ihr betrachtet da mein Instrument", sagte Albert, welcher zurückkehrte, "es ist schon zweihundert Jahr alt, und ich habe es als Andenken meiner Reise aus Spanien mitgebracht. Doch laßt das alles, und setzt Euch jetzt." Sie setzten sich an den Tisch, der ebenfalls mit einem roten Teppiche bedeckt war, und der Alte stellte etwas Verhülltes auf die Tafel. "Aus Mitleid gegen Eure Jugend", fing er an, "habe ich Euch neulich versprochen, Euch zu wahrsagen, ob Ihr glücklich werden könnt oder nicht, und dieses Versprechen will ich in gegenwärtiger Stunde lösen, ob Ihr gleich die Sache neulich nur für einen Scherz halten wolltet. Ihr dürft Euch nicht entsetzen, denn, was ich vorhabe, kann ohne Gefahr geschehn, und weder furchtbare Zitationen sollen von mir vorgenommen werden, noch soll Euch eine gräßliche Erscheinung erschrecken. Die Sache, die ich versuchen will, kann in zweien Fällen mißlingen: wenn Ihr nämlich nicht so wahrhaft liebt, als Ihr mich habt wollen glauben machen, denn alsdann ist meine Bemühung umsonst und es zeigt sich gar nichts; oder daß Ihr das Orakel stört und durch eine unnütze Frage oder ein hastiges Auffahren vernichtet, indem Ihr Euren Sitz verlaßt und das Bild zertrümmert; Ihr müßt mir also versprechen, Euch ganz ruhig zu verhalten." Ferdinand gab das Wort, und der Alte wickelte aus den Tüchern das, was er mitgebracht hatte. Es war ein goldener Pokal von sehr künstlicher und schöner Arbeit. Um den breiten Fuß lief ein Blumenkranz mit Myrten und verschiedenem Laube und Früchten gemischt, erhaben ausgeführt mit mattem oder klarem Golde. Ein ähnliches Band, aber reicher, mit kleinen Figuren und fliehenden wilden Tierchen, die sich vor den Kindern fürchteten oder mit ihnen spielten, zog sich um die Mitte des Bechers. Der Kelch war schön gewunden, er bog sich oben zurück, den Lippen entgegen, und inwendig funkelte das Gold mit roter Glut. Der Alte stellte den Becher zwischen sich und den Jüngling, und winkte ihn näher. "Fühlt Ihr nicht etwas", sprach er, "wenn Euer Auge sich in diesem Glanz verliert?" "Ja", sagte Ferdinand, "dieser Schein spiegelt in mein Innres hinein, ich möchte sagen, ich fühle ihn wie einen Kuß in meinem sehnsüchtigen Busen." "So ist es recht!" sagte der Alte; "nun laßt Eure Augen nicht mehr herumschweifen, sondern haltet sie fest auf den Glanz dieses Goldes, und denkt so lebhaft wie möglich an Eure Geliebte." Beide saßen eine Weile ruhig, und schauten vertieft den leuchtenden Becher an. Bald aber fuhr der Alte mit stummer Gebärde, erst langsam, dann schneller, endlich in eilender Bewegung mit streichendem Finger um die Glut des Pokals in ebenmäßigen Kreisen hin. Dann hielt er wieder inne und legte die Kreise von der andern Seite. Als er eine Weile dies Beginnen fortgesetzt hatte, glaubte Ferdinand Musik zu hören, aber es klang wie draußen, in einer fernen Gasse; doch bald kamen die Töne näher, sie schlugen lauter und lauter an, sie zitterten bestimmter durch die Luft, und es blieb ihm endlich kein Zweifel, daß sie aus dem Innern des Bechers hervorquollen. Immer stärker ward die Musik, und von so durchdringender Kraft, daß des Jünglings Herz erzitterte und ihm die Tränen in die Augen stiegen. Eifrig fuhr die Hand des Alten in verschiedenen Richtungen über die Mündung des Bechers, und es schien, als wenn Funken aus seinen Fingern fuhren und zuckend gegen das Gold leuchtend und klingend zersprangen. Bald mehrten sich die glänzenden Punkte und folgten, wie auf einen Faden gereiht, der Bewegung seines Fingers hin und wider; sie glänzten von verschiedenen Farben, und drängten sich allgemach dichter und dichter aneinander, bis sie in Linien zusammenschossen. Nun schien es, als wenn der Alte in der roten Dämmerung ein wundersames Netz über das leuchtende Gold legte, denn er zog nach Willkür die Strahlen hin und wider, und verwebte mit ihnen die Öffnung des Pokales; sie gehorchten ihm und blieben, einer Bedeckung ähnlich, liegen, indem sie hin und wider webten und in sich selber schwankten. Als sie so gefesselt waren, beschrieb er wieder die Kreise um den Rand, die Musik sank wieder zurück und wurde leiser und leiser, bis sie nicht mehr zu vernehmen war, das leuchtende Netz zitterte wie beängstiget. Es brach im zunehmenden Schwanken, und die Strahlen regneten tropfend in den Kelch, doch aus den niedertropfenden erhob sich wie eine rötliche Wolke, die sich in sich selbst in vielfachen Kreisen bewegte, und wie Schaum über der Mündung schwebte. Ein hellerer Punkt schwang sich mit der größten Schnelligkeit durch die wolkigen Kreise. Da stand das Gebild, und wie ein Auge schaute es plötzlich aus dem Duft, wie goldene Locken floß und ringelte es oben, und alsbald ging ein sanftes Erröten in dem wankenden Schatten auf und ab, und Ferdinand erkannte das lächelnde Angesicht seiner Geliebten, die blauen Augen, die zarten Wangen, den lieblich roten Mund. Das Haupt schwankte hin und her, hob sich deutlicher und sichtbarer auf dem schlanken weißen Halse hervor und neigte sich zu dem entzückten Jünglinge hin. Der Alte beschrieb immer noch die Kreise um den Becher, und heraus traten die glänzenden Schultern, und so wie sich die liebliche Bildung aus dem goldenen Bett mehr hervordrängte und holdselig hin und wider wiegte, so erschienen nun die beiden zarten, gewölbten und getrennten Brüste, auf deren Spitze die feinste Rosenknospe mit süß verhüllter Röte schimmerte. Ferdinand glaubte den Atem zu fühlen, indem das geliebte Bild wogend zu ihm neigte, und ihn fast mit den brennenden Lippen berührte; er konnte sich im Taumel nicht mehr bewältigen, sondern drängte sich mit einem Kusse an den Mund, und wähnte, die schönen Arme zu fassen, um die nackte Gestalt ganz aus dem goldenen Gefängnis zu heben. Alsbald durchfuhr ein starkes Zittern das liebliche Bild, wie in tausend Linien brach das Haupt und der Leib zusammen, und eine Rose lag am Fuß des Pokales, aus deren Röte noch das süße Lächeln schien. Sehnsüchtig ergriff sie Ferdinand, drückte sie an seinen Mund, und an seinem brennenden Verlangen verwelkte sie, und war in Luft zerflossen. Ludwig Tieck Liebesgeschichte schönen Magelone Grafen Peter von Provence ------------------------------------------------------------------------ Vorbericht Ist es dir wohl schon je, vielgeliebter Leser, so recht traurig in die Seele gefallen, wie betrübt es sei, daß das rauschende Rad der Zeit sich immer weiter dreht, und daß bald das zuunterst gekehrt wird, was ehemals hoch oben war? So fährt Ruhm, Glanz, Pracht und weltberühmte Schönheit hin, wie goldene Abendwolken, die hinter fernen Bergen niedersinken, und nur auf kurze Zeit noch schwachen gelblichen Schimmer hinter sich lassen: die Nacht tritt ernst und feierlich herauf, die schwarzen Heere von Wolken ziehn unter Sternenglanz auf und ab, und der letzte Schein erlöscht furchtsam; Wind fährt durch den Eichenforst und kein Hüttenbewohner denkt an die Röte des Abends zurück. Im Winkel sitzt wohl ein Knabe in sich versunken und sieht im dämmernden Widerschein der Lampe ein Bild der fröhlichen Morgenröte; ihm dünkt, er höre schon die muntern Hähne krähen, und wie ein kühler Wind durch die Blätter rauscht und alle Blumen der Wiese aus ihrem stillen Schlafe weckt; er vergißt sich selbst und nickt nach und nach ein, indem das Feuer ausbrennt. Dann kommen Träume über ihn, dann sieht er alles im Glanze der Sonne vor sich: die wohlbekannte Heimat, über die wunderbare fremde Gestalten schreiten, Bäume wachsen hervor, die er nie gesehn, sie scheinen zu reden und menschlichen Sinn, Liebe und Vertrauen zu ihm ausdrücken zu wollen. Wie fühlt er sich der Welt befreundet, wie schaut ihn alles mit zärtlichem Wohlgefallen an! die Büsche flüstern ihm liebe Worte ins Ohr, indem er vorübergeht, fromme Lämmer drängen sich um ihn, die Quelle scheint mit lockendem Murmeln ihn mit sich nehmen zu wollen, das Gras unter seinen Füßen quillt frischer und grüner hervor. Unter diesem Bilde mag dir, geliebter Leser, der Dichter erscheinen, und er bittet, daß du ihm vergönnen mögest, dir seinen Traum vorzuführen. Jene alte Geschichte, die manchen sonst ergötzte, die vergessen ward, und die er gern mit neuem Lichte bekleiden möchte. Der Dichter sieht bemooste Leichensteine, Die keiner seiner Freunde kennt, Dann fühlt er, daß beim Mondenscheine Im Busen fromme Ahndung brennt. Er steht und sinnt, es rauschen alle Haine, Es flieht, was ihn von den Gestorbnen trennt, Freudigen Schrecks er sie als alte Freunde nennt. Gern wandl' ich in der stillen Ferne, In unsrer Väter frommen Zeit, Ich seh, wie jeder sich so gerne Der alten guten Märchen freut, Oft wiederholt ergötzen sie noch immer, Sie kehren wieder wie dasselbe Mal, Der Hörer fühlt des Lebens Lust und Qual, Der Liebe holden Frühlingsschimmer. Ob ihr die alten Töne gerne hört? Das Lied aus längst verfloßnen Tagen? Verzeiht dem Sänger, den es so betört, Daß er beginnt das Märchen anzusagen. Symphonie Andante aus D dur Will man sich ergötzen, so kömmt es nicht sowohl darauf an, auf welche Art es geschieht, als vielmehr darauf, daß man sich in der Tat ergötzt. Der Ernst sucht endlich den Scherz, und wieder ermüdet der Scherz, und sucht den Ernst; doch beobachtet man sich genau, trägt man in beides zu viel Absicht und Vorsatz hinein, so ist es gar leicht um den wahren Ernst, so wie um die wahre Lustigkeit geschehen. Gehören aber wohl dergleichen Betrachtungen in eine Symphonie? Warum soll es denn so gesetzt anfangen? Ei nein! wahrhaftig nein, ich will lieber sogleich alle Instrumente durcheinanderklingen lassen! Crescendo Ich darf ja nur wollen, doch freilich mit Verstand, denn nicht sogleich, urplötzlich, erhebt sich der Sturm, er meldet sich, er wächst, dann erregt er Teilnahme, Angst, Furcht und Lust, da er sonst nur leeres Erstaunen und Erschrecken veranlassen würde. Ist es schwer vom Blatte zu spielen, so ist es noch schwerer, vom Blatte sogleich zu hören. Aber nun sind wir schon tief im Getümmel; Pauken, schlagt! Trompeten, klingt! Fortissime Ha! das Getümmel, die Attacken, das Schlachtgewühl von Tönen? Wohin rennt ihr? Woher kommt ihr? die stürzen sich wie Sieger durch das lauteste Gedränge, jene fallen, verscheiden; die dort kommen verwundet, matt zurück, und suchen Trost und Freundschaft. Da trabt's heran, wie Rossesschnauben; da orgelt's tief, wie Donner im Gebirg; da rauscht es, tobt es, wie ein Wassersturz, der verzweifelnd, sich vernichten wollend, über die nackten Klippen stürzt, und tiefer, immer tiefer hinunter wütet, und keinen Stillstand, keine Ruhe findet. Und nun? - Was war es nun, daß ich diesem Gelüste folgte? Da liegt nun hinter mir, versunken, das erst bewegte, lebendige Gefilde, und nichts davon bleibt zurück, und ebenso eilt auch dieser Ton, der gegenwärtige, schon seinem Untergang entgegen. Tempo primo Doch die Erinnrung bleibt, und sie wird wieder Gegenwart: muß ich doch diese auch beleben und mit meinem Bewußtsein durchdringen; darum kann ich das was War und Ist und sein Wird in einem Zauber binden. Violino primo solo Wie? Es wäre nicht erlaubt und möglich, in Tönen zu denken und in Worten und Gedanken zu musizieren? O wie schlecht wäre es dann mit uns Künstlern bestellt! Wie arme Sprache, wie ärmere Musik! Denkt ihr nicht so manche Gedanken so fein und geistig, daß diese sich in Verzweiflung in Musik hineinretten, um nur Ruhe endlich zu finden? Wie oft, daß ein zergrübelter Tag nur ein Summen und Brummen zurückläßt, das sich erst später wieder zur Melodie belebt? Was redet uns in Tönen oft so licht und überzeugend an? Ach ihr lieben Leute, (die Zuhörer mein ich) das meiste in der Welt grenzt weit mehr aneinander, als ihr es meint; darum seid billig, seid nachsichtig, und nicht gleich vor den Kopf geschlagen, wenn ihr einmal einen paradoxen Satz antrefft; denn vielleicht ist, was euch so unbehaglich verwundert, nur das Gefühl, daß ihr dem Magnetberge nahe kommt, der in euch alle eisernen Fugen und Klammern loszieht: das Schiff, welches euch trägt, zerbricht freilich, aber hofft, vertraut, ihr kommt an Land, wo ihr kein Eisen weiter braucht. Pizzicato mit Accompagnement der Violinen Die paradoxen Sätze sind übrigens für verständige Leute weit seltener, als man denken sollte. Die verständigen Leute sind aber noch viel seltener. Alle Instrumente Es ist gar kein Zweifel, daß nicht die Versammlung der verehrten Zuschauer und Zuhörer aus dergleichen bestehen sollte, und darum freut sich so Theater als Orchester, vor einem so erlauchten oder erleuchteten Publikum zu spielen. Nur müssen alle die Geduld behalten, die Haupttugend des Lebens, ohne welche das Leben selber nicht zu tragen ist. Alles ist fertig, die Dekoration aufgestellt, der Souffleur zugegen; mehr Zuschauer kommen auch nicht. Die Erwartung ist rege, die Neugier gespannt; nur wenige denken jetzt schon an das Ende, und daß sie alsdann fragen werden: nun, war es denn etwas Besonderes? - Gebt acht! denn das müßt ihr, um nicht alles auf den Kopf zu stellen. - Gebt aber auch nicht zu sehr acht, um nicht mehr zu sehn und zu hören, als man euch hat zeigen wollen. - Gebt acht! gebt aber ja auf die rechte Art acht! hört zu! hört zu! zu! zu!! zu!!! Der Vorhang geht auf. Das Theater stellt ein Theater vor. DER EPILOGUS tritt auf. EPILOGUS: Nun, meine Herren, wie hat euch unser Schauspiel gefallen? Es war freilich nicht viel, indessen da ihr alles zu nehmen gewohnt seid, so war es doch immer des Annehmens wert. Man kann nicht alle Tage neu sein, und wenn man es sein könnte, würde man doch nicht alle Tage vortrefflich sein; ja sollten wir es selbst dahin bringen, alle Tage vortrefflich zu sein, so würden wir dann gewiß die Alltäglichkeit nicht mehr vortrefflich finden, sondern das Armselige käme dann gewiß zu der Ehre, für vortrefflich zu gelten. Ihr müßt euch übrigens darüber nicht verwundern, daß ihr das Stück noch gar nicht gesehn habt, denn hoffentlich seid ihr doch insoweit gebildet, daß das bei euch nichts zur Sache tut, um darüber zu urteilen. Ei! wer hätte die Zeit, alles das zu lesen, was wir verwerfen, oder erheben! Wer wollte nur das beurteilen, was man kennt! Wahrlich, der meisten Urteil würde dann noch kleiner ausfallen, als ein Lacedämonischer Brief. Ihr seid hoffentlich schon geübt, und habt im Urteilen etwas getan, daß ihr also unsre Komödie gar nicht zu sehen braucht, um zu wissen, was an ihr ist. Der Name des Verfassers, wenn er berühmt ist, das Urteil eines guten Freundes, dem ihr Verstand zutraut, sind ja gewöhnlich die Wegweiser, die euch leiten. Oder ihr sagt mit jener hübschen Kaltblütigkeit, die einen gebildeten, überfüllten, von gelehrten Zeitungen aufgepäppelten Menschen charakterisiert: ei! es ist so übel nicht; gut genug für jene Zeit - leidlich für die bornierte Absicht - nur, freilich, fehlt es am Besten. Wie denn? Wo denn? fragt ein Wißbegieriger. O Freund, ist die Antwort, das wäre gar zu weitläufig, Sie sind zurück, wie viel Zeit wäre nötig, Ihnen die Sache klarzumachen, ich will Ihnen die vorigen schicken, wenn Sie nachgekommen sind, sprechen wir uns wieder. Es wird aber Zeit sein, daß ich abtrete. Hinter den Kulissen herrscht große Verwirrung, und es ist am besten, ich gehe, damit ich nicht von dem Strome fortgerissen werde. Erster Akt SKARAMUZ. DER POET. SKARAMUZ: Nein, Herr Poet, sagt, was Ihr wollt, redet, was Ihr mögt, denkt und wendet ein, soviel es Euch nur möglich ist, so bin ich doch fest entschlossen, auf nichts zu hören, nichts zu überlegen, sondern auf meinem Willen zu bestehn, und damit Punktum! POET: Lieber Skaramuz. SKARAMUZ: Ich höre nichts. Da, mein Herr Poet, seht, wie ich mir die Ohren zuhalte. POET: Aber das Stück - SKARAMUZ: Was Stück! ich bin auch ein Stück, und ich habe auch das Recht, mitzusprechen. Oder denkt Ihr, daß ich keinen Willen habe? Meint ihr Poeten, die Herren Schauspieler wären immer gezwungen, das zu tun, was ihr ihnen befehlt? O mein Herr, die Zeiten ändern sich manchmal plötzlich. POET: Aber die Zuschauer - SKARAMUZ: Also, weil es Zuschauer in der Welt gibt, soll ich unglücklich sein? Ei, welcher schöne Schluß! POET. Freund, Ihr müßt mich notwendig anhören. SKARAMUZ: Wenn ich muß: gut. Hier sitz ich; nun redet einmal wie ein verständiger Mensch, wenn Euch das möglich ist. Er setzt sich auf die Erde. POET: Wertgeschätzter Herr Skaramuz! Dieselben sind beim hiesigen Theater zu einem gewissen bestimmten Rollenfach engagiert, Sie sind mit einem Worte, um mich kurz auszudrücken, der Skaramuz. Es ist auch nimmermehr zu leugnen, daß Sie es in diesem Fache so ziemlich weit gebracht haben, und kein Mensch auf der Welt ist mehr geneigt als ich, Ihren Talenten Gerechtigkeit widerfahren zu lassen; aber, mein Teuerster, deswegen sind Sie noch nimmermehr ein tragischer Schauspieler; Sie sind deswegen noch nicht imstande, einen edlen Charakter darzustellen. SKARAMUZ: Sapperlot! das wär ich nicht imstande? Mein Seel, so edel, wie Sie ihn nimmermehr sollen schreiben können. Wenn es ausgemacht ist (wie es denn in unsern Tagen ausgemacht ist), daß eine edle Rolle einen ursprünglich edlen Menschen, Mann oder Herrn, zur Darstellung erfordert, so halte ich Ihre -Äußerung für eine persönliche Beleidigung, und ich fodre hiemit die ganze Welt auf, groß und klein, mich an Edelmut zu übertreffen. SCÄVOLA, einer von den Zuschauern: Oh, Herr Skaramuz, mit Ihnen nimmt man es noch auf. SKARAMUZ: Wieso? Ei, wie das? Ich muß gestehn, ich erstaune über diese Unverschämtheit. SCÄVOLA: Nein, mein Herr, das haben Sie gar nicht Ursach. Ich bin für mein Geld hier, Herr Skaramuz, und da kann ich hier denken, was ich will. SKARAMUZ: Die Gedankenfreiheit ist Ihnen unbenommen, aber das Sprechen ist Ihnen untersagt. SCÄVOLA: Wenn Sie sprechen dürfen, wird es mir auch noch immer erlaubt sein. SKARAMUZ: Und was haben Sie denn Edles getan? SCÄVOLA: Ich habe vorgestern für meinen liederlichen Neffen Schulden bezahlt. SKARAMUZ: Und ich habe gestern den Souffleur geschont, indem ich eine ganze Szene ausließ. SCÄVOLA: Ich war vorige Woche bei Tisch bei guter Laune, und verschenkte einen ganzen Taler an Almosen. SKARAMUZ: Ich zankte mich vorgestern mit dem Schneider, der mich mahnte, und behielt das letzte Wort. SCÄVOLA: Vor acht Tagen habe ich einen besoffenen Menschen nach Hause gebracht. SKARAMUZ: Dieser Besoffene war ich, mein Herr; aber ich hatte mich auf das Wohl unsres Landesherrn betrunken. SCÄVOLA: Ich bekenne mich für überwunden. SKARAMUZ: Und dafür sind Sie nun so undankbar, und kommen her, und wollen mir meinen Edelmut schmälern? SCÄVOLA: Ich bitte um Verzeihung, Herr Skaramuz. PIERROT stürzt herein. POET: Was willst du, Pierrot? PIERROT: Was ich will? Ich will heute nicht spielen, durchaus nicht! POET: Aber warum nicht? PIERROT: Warum? Weil ich auch endlich einmal einen Zuschauer abgeben will; ich bin lange genug Komödiant gewesen. WAGEMANN, der Direktor, kommt herein. POET: Gut, daß Sie kommen, Herr Directeur, hier ist alles in der größten Verwirrung. WAGEMANN: Wieso? POET: Pierrot will heute nicht spielen, sondern Zuschauer sein, und Herr Skaramuz will in meinem Stücke durchaus nichts anders, als den Apollo agieren. SKARAMUZ: Und mit Recht, Herr Directeur; ich habe die Narren lange genug gespielt, so daß ich es nun wohl auch einmal mit den Klugen versuchen kann. WAGEMANN: Sie sind zu strenge, Herr Poet, Sie müssen den armen Leuten etwas mehr Freiheit lassen; man muß ihnen ein bißchen durch die Finger sehn. POET: Doch das Schauspiel, die Kunst - WAGEMANN: Je, das fügt sich ja doch. Sehn Sie, ich denke so: bezahlt haben die Zuschauer nun einmal, und damit ist das Wichtigste geschehn. PIERROT: Adieu, Herr Poet, ich mische mich unter die verehrungswürdigen Zuschauer. Ich will einmal über die Lampen hinweg den berühmten Sprung vom Felsen Leukate in das Parterre hineintun, um zu sehen, ob ich entweder sterbe, oder von einem Narren zu einem Zuschauer kuriert werde. Lebe wohl du alte Liebe, Jetzt beginnt ein neues Leben, Und mit sehr vernünftgem Streben Fühl ich andre Herzenstriebe. Keine Lampe soll mich schrecken, Kein Souffleur hält mich zurück, Nein, ich will das ruhge Glück Eines Auditoris schmecken. Nun empfangt mich, wilde Wogen, Du, Theater, fahre hin, Zu dem herrlichsten Gewinn Fühl ich mich hinabgezogen. Er springt ins Parterre. Wo bin ich? o Himmel! Ich atme noch immer? O Wunder! ich stehe Hier unten? die Schimmer Der Lichter sind dort? Ihr seht mich, ihr Götter! Von Leuten umgeben; Stolz rag ich hervor! Wem dank ich dies Leben? Dies bessere Leben? DIE ZUSCHAUER: Herr Pierrot ist zum Zuschauer aufgenommen! Zuschauer Pierrot sei willkommen! Sei gegrüßt, du großer Mann! PIERROT: Meint ihr mich, ihr Wohlgebornen? Nehmt ihr mich zum Bruder an? O mein Dank soll nicht ermüden, Weil mein Busen atmen kann. GRÜNHELM, ein Zuschauer: Herrlich! herrlich! bei meiner Seele herrlich! Aber, um nicht eins ins andre zu reden, so möchte ich zur Abwechselung gern einmal mitspielen, das würde mir in der Seele wohltun. Ich zittre nur, ich stottre nur, Und kann es doch nicht lassen, Ich fühl's, ich geh auf falscher Spur Und dennoch muß ich spaßen. Er steigt zum Theater hinauf. Und somit, Herr Skaramuz, überlaßt mir nur gutwillig Eure komische Rolle, und Ihr mögt dann, wie gesagt, den Apollo übernehmen. SKARAMUZ: Ich stehe zu Befehl; wenn ich Ihnen mit meiner ganzen Eigentümlichkeit aufwarten kann, so haben Sie zu gebieten. GRÜNHELM: Allzu gütig, allzu gütig, nur ganz gehorsamst zu bitten. POET: Aber was soll denn aus meinem vortrefflichen Schauspiele werden? PIERROT zu den Zuschauern um ihn: Meine Herren, unterstützen Sie des Skaramuz' Gesuch; ich versichre Sie, ich schwöre es Ihnen zu, er wird den Apollo herrlich machen. ZUSCHAUER: Skaramuz soll den Apollo spielen, und zwar auf lautes Begehren. POET: Nun gut, ich wasche meine Hände, ob sie mir gleich gebunden sind; das Publikum mag alles zu verantworten haben. PUBLIKUM: Wir getrauen es uns zu verantworten. POET: Ich bin im größten Elende - ach freilich, ist es die Bestimmung unserer Kunst, gänzlich mißverstanden und travestiert zu werden, und leider gefallen wir dann am meisten. Das Urteil, das an dem Marsyas vollzogen wurde, wird zur Vergeltung jetzt nur zu oft an der Poesie ausgeübt. Ich weiß mich vor Schmerzen nicht zu lassen. Herr Grünhelm, Sie übernehmen also das Lustigmachen? GRÜNHELM: Allerdings, mein Herr Poet, und ich will ganz gewiß meinen Mann stehn. POET: Wie wollen Sie's denn anfangen? GRÜNHELM: Herr, ich habe selber lange als ein Mann gedient, der sich damit abgibt, sich amüsieren zu lassen, ich meine als Zuschauer, darum weiß ich auch genau, was gefällt. Die Leute da unten wollen nämlich unterhalten sein; das ist im Grunde der einzige Grund, warum sie so still und ruhig dastehn. POET: Gut! aber wie wollen Sie es denn machen? GRÜNHELM: Sehn Sie, auf den guten Willen der Zuschauer kömmt freilich das meiste an, das weiß ich so gut, wie Sie; die wahre Kunst ist daher die, diesen guten Willen so recht emporzubringen, ich meine nämlich, daß die Gutherzigkeit oben bleibt. POET: Nun freilich, aber eben die Mittel - GRÜNHELM: Nun, das ist ja meine Sorge, Herr Poet, darum haben Sie sich ja gar nicht zu kümmern. Der Vogelfänger bin ich ja, u. s. w. ZUSCHAUER: Bravo! Bravo! GRÜNHELM: Nun? Sehn Sie mein Herr, das ist nur eins von meinen Mitteln. - Sind Sie nicht ziemlich gut amüsiert, meine Herren? ZUSCHAUER: Exzellent! o ganz überaus vortrefflich GRÜNHELM: Haben Sie eine Sehnsucht nach etwas Verständigem? ZUSCHAUER: Nein, nein; aber nachher wollen wir ein wenig gerührt sein. GRÜNHELM: Nur Geduld, es kann ja nicht alles in einem Haufen kommen. Vermissen Sie also wohl den ordentlichen Apollo? ZUSCHAUER: Nicht im mindesten. GRÜNHELM: Nun Herr Poet, was haben Sie also gegen den liebwertesten Skaramuz? POET: Nicht das mindeste mehr, ich bin überführt. Geht ab. ZUSCHAUER: Wir wollen aber auch nicht lauter Possen haben. SKARAMUZ: Je behüt uns Gott vor solcher Sünde! Was wäre ich für ein Apollo, wenn ich das litte oder zugäbe? Nein, meine Herren, ernsthafte Sachen die Fülle, Sachen zum Nachdenken, damit doch auch der Verstand in einige Übung kömmt. Zweiter Akt Erste Szene Freies Feld. APOLLO bei seiner Herde: Wie freundlich lächelt mir die stille Gegend, Die gern und liebevoll den Gott empfängt. Hier hör ich früh der Lerche muntres Lied, Die sich mit hellen Tönen aufwärts schwingt, Die Nachtigall aus dichtbelaubten Büschen, Den stillen Gang der Wasser, die melodisch Durch Felsen unter Efeuranken irren; Wie spielende Weste durch meine Locken flattern, Und mich der holde Geist der Einsamkeit Mit seinen süßen Flügeln lieblich fächelt; Das Rohr des Flusses girrt in leisen Tönen, Die Eiche braust und spricht mit ernster Stimme, Aufmerksam horcht der junge kleine Wald Und hält die zarten Blätter unbewegt. Ob mir ein ländlich Lied gelingen mag Will ich nach Hirtenweise jetzt versuchen. Wohl dem Mann, der in der Stille Seine kleine Herde führt, Weit von Menschen, in der Hülle Dunkler Bäume sie regiert. Wo er wohnet sind die Götter, Sitzen bei dem kleinen Mahl, Ewig sonnt ihn Frühlingswetter, Fern von ihm die rege Qual, Die mit ihren schwarzen Flügeln Um den Unzufriednen schwärmt, Daß er sich von Tal zu Hügeln Und von Hügeln talwärts härmt. Aber hier ist Abendröte Widerschein von Morgenrot, Und die kleine Schäferflöte Klinget bis zu unserm Tod. MOPSA und PHYLLIS kommen. Wie lieblich klingt dein Lied, holdselger Schäfer, Es lockte uns vom Wald ins freie Tal. PHYLLIS: Ich hörte niemals noch so süße Stimme. Sollt ihr den Sänger nicht begeistern? Fliegt von der Lippe der Gesang, das Bild Von euch macht jeden Ton melodisch süß. PHYLLIS: Willst du mit uns das Wechselliedchen singen, Das du uns gestern lehrtest? Fang nur an. PHYLLIS: Warum in der Brust dies Schmachten? Will kein Gott denn meiner achten? Ach, so süße herbe Tränen, Ach, ein wunderbares Sehnen - Liebe, Liebe überwindet, Wo sie zarte Herzen findet. PHYLLIS: Was ist Liebe? Was ist Sehnen? Warum diese ewgen Tränen? Liebe glänzt im nassen Blick, Trän und Glanz spricht nur ihr Glück. Wundern sollen dich nicht Schmerzen, Die die Brust mit Wonne füllen, Und den Blick in Tränen hüllen, Denn in diesen schönen Schmerzen Lernen lieben unsre Herzen. AULICUS und MYRTILL kommen. AULICUS: Singt ihr schon wieder eure abgeschmackten Gesänge? Schäfer, Ihr macht uns alle unsre Mädchen abspenstig, und das soll Euch am Ende übel geraten. MYRTILL: Lauter Gesang und Klang und Klang und Gesang erfüllt jetzt unsre Felder, das ist nicht auszuhalten. Die Schäferinnen sprechen von nichts als Lied und Liebe, und Liebe und Lied, und Lied und Liebe, und so immer fort; ich für meine Person sage: das ist dumm! AULICUS: Freilich ist's dumm, das ist gar keine Frage. PHYLLIS: Aber was habt ihr uns denn zu befehlen? MYRTILL: Ihr seid in uns verliebt, und da haben wir euch sehr viel zu befehlen. DER ALTE DAMON tritt auf. DAMON: Nun ja, da steht ihr hier, wie die Narren, und der Wolf macht sich unterdes in euren Herden lustig. MYRTILL: Der Wolf? Nun wahrhaftig, der Kerl soll zum längsten ein Wolf gewesen sein. Kommt! der soll davon zu sagen haben, wieviel Wolle er lassen muß. Sie gehen ab. Dritter Akt Erste Szene APOLLO, DER POET. Aufs freie Feld muß ich zu dir mich flüchten, Um ungestört ein frohes Lied zu dichten, Ich will mich auf den Rasen zu dir setzen, Nach langer Zeit poetisch mich ergötzen. Was fehlt dir denn, mein allertreuster Freund? Man hat auch dich vertrieben, wie es scheint. Vertrieben nicht, doch mocht ich dort nicht bleiben, Das wilde Volk hat deinen Dienst zerstört, Nichts darf ich mehr im kühnen Schwunge schreiben, Und wenn der holde Wahnsinn mich betört, Wenn durch die Adern sich dein Feuer gießet, Und hoher Klang von meiner Lippe tönt, Durch alle Worte lautre Gottheit fließet, Und selber das Gemeinste sich verschönt So stehn sie da und ihre Augen starren, Und kurz: sie halten mich für einen Narren. Mein Freund, willst du dich meinem Dienste weihen, So mußt du derlei Mißverstand verzeihen; Wer faßt es, was entzückt der Sänger spricht? Zur Finsternis wird Blöden helles Licht. Das Feuer, was du willst in ihnen zünden, Mußt du doch schon in ihrer Asche finden, Und ach! die meisten sind schon ausgebrannt, Noch eh sie Licht und Feuer je gekannt. Ich wundre mich, daß dies den Mißmut weckt, Und dich aus deiner heitern Laune neckt; Nein, solltest du durch böse Schickung allen An einem schlimmen Tage einst gefallen, Dann komm zu dieser Flur zurück und sage Mir deine große, höchst gerechte Klage. Beschämt und stolz geh ich zur Stadt zurück, Getröstet hat mich dieser Augenblick. Es muß, mein Freund, in diesem irdschen Leben Auch hin und wieder trübe Stunden geben, Sonst geht es euch, ihr Menschen, gar zu gut, Und das verdirbt den allerkühnsten Mut. Seht, Herr Poet, ich bin ja selbst ein Gott, Und diene meinen Feinden doch zum Spott, Geschieht das mir zur Strafe meiner Sünden, Mögt Ihr Euch um so eh'r zurechte finden. Sie gehn. Vierter Akt Erste Szene Gerichtssaal. SKARAMUZ, RÄTE. SKARAMUZ: Meine Herren, Sie sind doch noch immer überzeugt, daß ich mein Land glücklich mache? RAT: Durchaus, Ihro Majestät können gar nicht anders. SKARAMUZ: Wir müssen unermüdet fortfahren, die Sitten des Landes umzuarbeiten. Alle ehemalige Barbarei muß man mit Stumpf und Stiel ausrotten, daß auch kein Gebein davon übrigbleibt. RAT: Allerdings, man muß nicht nur das aufgeschossene Unkraut ausjäten, sondern auch nach dem kleinen sehn, damit nichts zur Saat stehn bleibe. SKARAMUZ: So ist auch mein Wille. Das Verfeinern und Kultivieren der Leute kommt doch so ziemlich in den Gang. Jetzt laßt die Parteien vortreten. EIN SCHRIFTSTELLER und EIN LESER treten auf. SKARAMUZ: Was wollt ihr? LESER: Herr König, ich habe eine große und gegründete Klage über den Mann da zu führen. Er ist nämlich eine Person, die Bücher in den Druck gibt, und ich bin derjenige, der sie nachher lesen muß. Nun find ich es sehr natürlich, daß ich zu ihm sagen kann: seht, mein Herr, so und so müßt Ihr die Bücher einrichten, dann gefallen sie mir beim Lesen. Und das will er nicht. SKARAMUZ: Aber, Kerl, warum nicht? SCHRIFTSTELLER: Ihro Majestät geruhen nur zu bemerken, daß der Mensch keinen Geschmack hat, und daß er schlechte Bücher von mir verlangt; darin kann ich ihm doch unmöglich willfahren. SKARAMUZ: Aber warum nicht, da es ihn doch am Ende trifft, daß er dein Geschreibe lesen muß? Du sollst also den Geschmack haben, den er von dir verlangt. Ich sehe wohl, du bist ein eigensinniger Bursche, gehe hin und bessere dich. Schriftsteller ab. LESER: Ich danke für gütige Resolution. SKARAMUZ: Aber, Ihr Narr, braucht ja nur gar nicht zu lesen, so ist ja der Handel mit einem Male aus. LESER: Nein, gnädigster König, das kann ich nicht lassen, weit eher das Tabakrauchen. Lesen ist mein einziges Vergnügen und bildet mich und klärt mich auf. SKARAMUZ: Versteht Ihr auch alles, was Ihr lest? LESER: Ich denke wohl, und wenn ich einmal den Weg unter meinen Füßen verliere, so denke ich immer, des Himmels Güte wird auch das wohl zu meinem Besten lenken. SKARAMUZ: Geht und fahrt so fort, denn Ihr habt einen guten Glauben. Leser ab. - Habt Ihr die Wissenschaften wohl schon in solchem Flore gesehn? RAT: Niemalen. AULICUS und MYRTILL kommen. SKARAMUZ: Was gibt's? AULICUS: Mein König, wir sind Schäfer, was man so schlechtweg Schäfer zu nennen pflegt, aber Schäfer im weitesten Sinn des Worts, denn wir halten uns auch etliche Kühe. SKARAMUZ: Ist das eure Klage? AULICUS: Nimmermehr. Je da müßten wir ja wohl rechte Erzstümper sein, wenn wir darüber klagen wollten. Nein, im Gegenteil, wollte der Himmel, wir hätten nur mehr. SKARAMUZ: Kommt zur Sache. MYRTILL: Gevatter, laßt mich das Wort führen, sonst kann ja der König nimmermehr klug werden. Versteht mich, Herr König, und wenn Ihr den Mann da bis übermorgen reden ließet, so würde er doch nicht zur Sache kommen. Er ist mein Gevatter, und sonst ein guter Mann, aber das müssen ihm selbst seine Feinde im Grabe nachsagen, daß er das Maul immer vornweg hat. Es ist ein Erbschaden an ihm. SKARAMUZ: Was wollt ihr denn, Leute? Ich verliere die Geduld. MYRTILL: Nimmermehr, Herr König, denn wir haben sie auch schon verloren. Wißt Ihr was Scheren ist? SKARAMUZ: Dumme Frage! Wie sollt ich denn das nicht wissen? MYRTILL: Nun, so haben wir den Prozeß beinahe schon gewonnen. Die Schafe werden nämlich von uns geschoren, und das ist gut und löblich, denn dazu sind sie da; wir haben das auch immer bis jetzt redlich beobachtet, aber nun soll sich das Ding umkehren, denn die Schafe haben gegen uns rebelliert. SKARAMUZ: Wieso? MYRTILL: Es ist so weit gekommen, daß sie verlangen, wir sollen uns zur Abwechselung auch einmal scheren lassen. SKARAMUZ: Was haben sie für Gründe? MYRTILL: Sie haben ordentlich einen Anwalt angenommen, ihre Sache in Schutz zu nehmen. SKARAMUZ: Laßt ihn kommen. GRÜNHELM tritt auf. SKARAMUZ: Sieh da, Grünhelm! bist du derjenige, der da behauptet, die Schäfer müßten sich von ihren Schafen rasieren lassen? GRÜNHELM: Allerdings, durchlauchtigster Apollo. SKARAMUZ: Aus welchen Gründen? GRÜNHELM: Erstlich haben sie es den Schafen so oft getan, daß es nun zur Abwechselung wohl einmal mag umgekehrt werden. Sie haben von den Schafen so viele Wohltaten genossen, daß es ja nur ein unbedeutendes don gratuit ist, was die armen Tiere jetzt von diesen hartherzigen Schäfern verlangen; wahrlich, ich wollte mich nicht um eine solche Kleinigkeit schlachten und scheren und hudeln lassen. Dann seht nur zweitens, die schönen Bärte um Kinn und Maul, nicht wahr, jedermann muß Lust zum Scheren bekommen, der diesen reichen Segen sieht? Welche Gedanken sollen wohl die guten geduldigen Schafe fassen, wenn sie dergleichen vortreffliche Wolle im Winter und Sommer, in Schnee und Regen, zwecklos baumeln sehn? Es wäre ihnen ja wahrlich nicht zu verargen, wenn sie auf die Meinung gerieten, daß alles Scheren nur unnütze Schererei wäre. Schließlich werden diese Schäfer es auch drittens viel besser nachher einsehn, was es auf sich habe, geschoren zu werden; sie werden dadurch gegen die Schafe mitleidiger und dankbarer werden. Ich will sie bloß zur Tugend anführen. SKARAMUZ: Du hast recht. Schäfer, ihr habt euren Prozeß verloren, geht und unterwerft euch dem Willen eurer Untergebenen. Die Schäfer ab. - Sie werden zum allgemeinen Besten geschoren, die Spitzbuben, und wollen sich noch beklagen GRÜNHELM: Der Egoismus, Herr Apollo, ist sehr schwer aus dem Menschen zu vertreiben. Sie gehn ab. Fünfter Akt Der Parnaß. SKARAMUZ nachdenkend: Die Regierung ist nunmehr in der schönsten Verfassung. Man kann nicht mehr Verstand haben, als ich besitze, und ich denke gewiß noch zu niedrig von mir. Bescheidenheit ist mein vorzüglichster Fehler, den ich mir mit der Zeit noch ganz abgewöhnen muß. - Manchmal schwindelt mir vor mir selber, wenn ich meine Größe ermesse; dann möcht ich den Hofpoeten wohl ein Buch in Dialogen von mir schreiben lassen. Aber der Hofpoet schreibt nicht erhaben genug. GRÜNHELM kommt. GRÜNHELM: Mein König, mir fehlt es an Atem. SKARAMUZ: Das ist schlimm. GRÜNHELM: Grausame, furchtbare, schreckliche Neuigkeiten habe ich vorzutragen. SKARAMUZ: Rede, Adjutant, ich fange an zu zittern. GRÜNHELM: Zittern Sie nur, gnädiger Herr, Ihr Zittern ist gerade am rechten Orte angebracht. SKARAMUZ: Nun so sprich nur endlich; ich vergeh in der Angst, und weiß noch gar nicht, was mir fehlt. GRÜNHELM: Die vollkommenste Rebellion ist fertiggeworden. SKARAMUZ: Rebellion? - Was willst du damit sagen? GRÜNHELM: Ach, und daß ich nun Frau und Kinder habe, daß ich nicht nach Herzenslust davonlaufen kann! SKARAMUZ: Bösewicht! GRÜNHELM: Eine Rebellion ist unterwegs, wie ich sie noch nimmermehr gesehn habe; sie wurde schon als ein großes Stück beigesetzt, und ist nun am Feuer noch mehr aufgequollen, sie ist sehr gut aufgegangen, denn man hat vortreffliche Hefen hineingenommen. SKARAMUZ: Was für Hefen? - Du wirst mich um die présence d'esprit bringen. - Was für Hefen? GRÜNHELM: Je nun, die Kerls, die wir neulich haben scheren lassen - die Ungeheuer sind nun Rebellen geworden, und rebellieren, was das Zeug halten will. SKARAMUZ: Nun, was will es denn halten? GRÜNHELM: O Ihr müßt die sprichwörtlichen Redensarten nicht so genau nehmen. - Ach lieber Himmel! wo sollen wir bei der Belagerung nur Proviant hernehmen? SKARAMUZ: Ich will aus dem Parnaß eine Festung machen - wenn ich nur erst wüßte, was es geben soll. GRÜNHELM: Der Apoll will sein Reich wiederhaben, Admet steht ihm bei; sie haben eine große Schwadron von Menschen zusammengebracht, und da soll es nun über die armen Unschuldigen hergehen. SKARAMUZ: Nennst du mich einen armen Unschuldigen? GRÜNHELM: Ich meine leider mich. SKARAMUZ: Wir müssen uns also zum Kriege rüsten. - Nur heran, Leute! Generale! Minister! es ist Krieg! Feuer! Feuer! GENERALE und MINISTER versammeln sich. SOLDATEN mit Trommeln und Fahnen. Der BÄCKER und BRAUER kommen. EIN NACHTWÄCHTER. SKARAMUZ: Nachtwächter, blast Feuerlärm. - Geh einer hin, und lasse die Sturmglocken läuten. - Dagegen müssen eiligst Anstalten getroffen werden. -Wißt ihr's schon, meine Herrn? Das Neuste vom Jahr ist eine saubre niedliche Rebellion. Sturmgeläute, Blasen der Nachtwächter, Trommeln. Nun hört nur den allerliebsten Lärmen. - Ja, ja, solche Freude hat man vom Königsein. - Ihr Leute, habt ihr denn auch Courage? GENERAL: Ohne Zweifel, mein König. SKARAMUZ: Nu, nu, ich fragte nur. - Wer wollte auch in so betrübten verzweiflungsvollen Zeitläuften nicht Courage haben? - Und, denkt nur, auf mich armen unschuldigen Menschen ist es abgesehn! BRAUER: Herr König, ist etwa Feuer? SKARAMUZ: Ochsenkopf! eine Rebellion ist ausgebrochen! BRAUER: In welcher Gasse? BÄCKER: Kann sie nicht wieder eingesperrt werden? SKARAMUZ: O liebste Untertanen, seid nicht wie das Rindvieh, darum bitte ich inständigst. Bewaffnet euch, denn der Feind ist schon in der Nähe. Die ganze Macht rückt nämlich heran. - Leute, was machen wir? GRÜNHELM: Ist kein Davonlaufen möglich? MINISTER: Durchaus nicht. SKARAMUZ: Nein, durchaus nicht. - Läßt sich nicht noch geschwind eine Festung bauen? GENERAL: Unmöglich, und es sind auch nicht einmal die Materialien da. SKARAMUZ: Sagt einmal - sollten sich die Feinde nicht vor dem Teufelsspektakul fürchten? GENERAL: Schwerlich. SKARAMUZ: Fürchte ich mich doch; zum Henker! das müssen ja vermaledeite Feinde sein! Müssen mir nun gerade die schlimmsten Feinde auf den Hals kommen! HARLEKIN kömmt. HARLEKIN: Mein König, zur See haben wir einen großen Vorteil. SKARAMUZ: Das ist ja schön. HARLEKIN: Der Feind hat nämlich gar keine Flotte. Von der Seite wären wir also sicher. SKARAMUZ: Ein schöner Trost! - O nur brav Mannschaften zusammengebracht! bewaffnet euch all, ihr Leute! - Das ist mir so plötzlich gekommen, daß ich mich kaum zu fassen weiß. - Brauer, alle deine Gäste müssen fechten. - Ach, welch ein Blutbad wird das geben! - Eine ruhige Regierung ist doch eine große Gabe. - Sollte der Maschinist wohl wieder schuld daran sein? MASCHINIST: Nein, mein König, denn ich diene ja auf Eurer Seite. Verzagt überhaupt nur nicht, denn wir sind an Anzahl den Feinden sehr überlegen. Ich will Donner und Blitz einrichten, und wer auf die Falltüren tritt, soll plötzlich versinken. SKARAMUZ: Das ist schön. Wir müssen alle Minen springen lassen. - Wenn der Krieg erst ganz vorbei ist, dann wollen wir uns recht lustig miteinander machen. Nun kommt, kommt, wir wollen alle Anstalten treffen. Sie gehn ab. Der BRAUER und BÄCKER bleiben. BRAUER: Wir müssen uns nun auch nur zum Kriege anziehn. BÄCKER: Es wird wohl nicht anders werden. Wer soll aber indes für die Semmeln sorgen? BRAUER: Wir wollen ein Dutzend mit ins Feld nehmen, dann ist es ja gut. BÄCKER: Wie du's verstehst nämlich. - Ich wollte, der Teufel holte den Krieg! BRAUER: Ich muß doch nach meinen Gästen sehn, und ihnen die schöne Neuigkeit melden. BÄCKER: Erstens, das Schießen ist mir zuwider; zweitens hat der Satan das Pulver erfunden; drittens geht es für den Skaramuz, für den ich keinen Patriotismus habe; viertens, ist Krieg nicht mein Handwerk; fünftens, kann der Beste bei solchem Spaße umkommen; sechstens, heiratet mein Geselle nach meinem Tode vielleicht meine Frau; siebentens, steht der Galgen aufs Desertieren - o man findet keinen Grund und Boden, gar kein Ende, wenn man alle Übel des Krieges herrechnen wollte. BRAUER treibt DIE GÄSTE hinaus. BRAUER: Keiner von den Hunden will auf seinen Beinen stehn, da liegen sie alle in den Winkeln und schlafen. VIERTER GAST: Aufzuwecken! vom Schlaf aufzuwecken! mitten aus dem Winkel einen Mann herauszuwecken, der alle Tage sein Geld hier verzehrt hat! Nein, das ist zu grob. ERSTER GAST: Was gibt's denn? ZWEITER GAST: Er wird wieder wollen Kegel spielen. BRAUER: Leute, wir haben Krieg, wir haben Blutbad, die Empörung ist im Schwange gegangen. BÄCKER: Das nun nicht, es ist nichts als simple Rebellion. BRAUER: Ihr mögt wohl selbst simpel sein. BÄCKER: Wer ist simpel? - Wer hat das Herz, das zu sagen? BRAUER: Ich. BÄCKER: Das soll gestraft werden. Hier wart einen Augenblick. Bäcker und Brauer ab. VIERTER GAST: Herauszuwecken! Es geht zu weit in unsern Tagen! Die Weltbegebenheit hat so was noch nicht erlebt, daß sie ist aus dem Schlummer herausgeweckt worden! Keinem verstorbenen Kaiser und Kurfürsten ist das noch nicht begegnet, und mir muß das arrivieren! Das kann ich nur nicht verdauen. DRITTER GAST: Gevatter, haben wir bald Fastnacht? VIERTER GAST: Religionskrieg haben wir vors erste! Habt Ihr's denn nicht gehört? DRITTER GAST: Also ist die Gewissensfreiheit wieder zum Teufel? VIERTER GAST: Die totale Mondfinsternis wird wieder Mode. - Hol der Satan alles, wenn ich nicht mehr frei denken darf. ERSTER GAST: Wer will es uns aber wehren? VIERTER GAST: Das wird dir schon gewiesen werden, wenn die Religion aus der freien Ausübung wieder herauskommt. ZWEITER GAST: Aber ist denn der Antichrist schon unterwegs? VIERTER GAST: Freilich. Nun muß unser Gewissen wieder leiden. Das arme Tier ist kaum ein bißchen zu Atem gekommen. Um die unschuldige Bestie tut mir's nur am meisten leid. BRAUER und BÄCKER kommen gerüstet herauf. BÄCKER: Nur heran, Brauer, wenn du Herz hast. BRAUER: O ich warte sehnlichst darauf, dich umzubringen. Sie fechten. VIERTER GAST: Seht ihr, da fängt die Intoleranz schon an; das wird nun bald mehr um sich greifen. SKARAMUZ kömmt. SKARAMUZ: Ei! da ist ja schon ein Stückchen Rebellion! BRAUER: Halt! Ich bin überwunden. SKARAMUZ: Worüber seid ihr denn uneins? BRAUER: Wir wissen's selber nicht, Herr König; wir brauchen auch, gottlob, keine Ursachen dazu. SKARAMUZ: Vertragt euch. - Und ihr, Leute, rüstet euch ebenfalls, ihr seid ja meine leiblichen Untertanen. ERSTER GAST: Was sollen wir denn verfechten? SKARAMUZ: Narren, den Krieg. VIERTER GAST: Ob's gegen den Türken gedient sein soll? SKARAMUZ: Gegen den Feind. - Macht euch fertig, ich habe mehr zu tun. VIERTER GAST: Kommt, Leute, und überleset die zehn Gebote, oder die sieben Bitten, was ihr am ersten habhaft werden könnt, und dann laßt uns sogleich in den Krieg ziehn. BRAUER: Wir beide können gleich in unsrer Rüstung bleiben. Ab mit dem Bäcker. Ludwig Tieck Liebeszauber Tief denkend saß Emil an seinem Tische und erwartete seinen Freund Roderich. Das Licht brannte vor ihm, der Winterabend war kalt, und er wünschte heut seinen Reisegefährten herbei, so gern er wohl sonst dessen Gesellschaft vermied; denn an diesem Abend wollte er ihm ein Geheimnis entdecken und sich Rat von ihm erbitten. Der menschenscheue Emil fand bei allen Geschäften und Vorfällen des Lebens so viele Schwierigkeiten, so unübersteigliche Hindernisse, daß ihm das Schicksal fast in einer ironischen Laune diesen Roderich zugeführt zu haben schien, der in allen Dingen das Gegenteil seines Freundes zu nennen war. Unstet, flatterhaft, von jedem ersten Eindruck bestimmt und begeistert, unternahm er alles, wußte für alles Rat, war ihm keine Unternehmung zu schwierig, konnte ihn kein Hindernis abschrecken: aber im Verlaufe eines Geschäftes ermüdete und erlahmte er ebenso schnell, als er anfangs elastisch und begeistert gewesen war, alles was ihn dann hinderte, war für ihn kein Sporn, seinen Eifer zu vermehren, sondern es veranlaßte ihn nur, das zu verachten, was er so hitzig unternommen hatte, so daß Roderich alle seine Plane ebenso ohne Ursach liegenließ und saumselig vergaß, als er sie unbesonnen unternommen hatte. Daher verging kein Tag, daß beide Freunde nicht in Krieg gerieten, der ihrer Freundschaft den Tod zu drohen schien, doch war vielleicht dasjenige, was sie dem Anscheine nach trennte, nur das, was sie am innigsten verband; beide liebten sich herzlich, aber beide fanden eine große Genugtuung darin, daß einer über den andern die gegründetsten Klagen führen konnte. Emil, ein reicher junger Mann von reizbarem und melancholischem Temperament, war nach dem Tode seiner Eltern Herr seines Vermögens; er hatte eine Reise angetreten, um sich auszubilden, befand sich aber nun schon seit einigen Monaten in einer ansehnlichen Stadt, die Freuden des Karnevals zu genießen, um welche er sich niemals bemühte, um bedeutende Verabredungen über sein Vermögen mit Verwandten zu treffen, die er kaum noch besucht hatte. Unterwegs war er auf den unsteten allzubeweglichen Roderich gestoßen, der mit seinen Vormündern in Unfrieden lebte, und um sich ganz von diesen und ihren lästigen Vermahnungen loszumachen, begierig die Gelegenheit ergriff, welche ihm sein neuer Freund anbot, ihn als Gefährten auf seiner Reise mitzunehmen. Auf dem Wege hatten sie sich schon oft wieder trennen wollen, aber beide hatten in jeder Streitigkeit nur um so deutlicher gefühlt, wie unentbehrlich sie sich wären. Kaum waren sie in einer Stadt aus dem Wagen gestiegen, so hatte Roderich schon alle Merkwürdigkeiten des Orts gesehen, um sie am folgenden Tage zu vergessen, während Emil sich eine Woche aus Büchern gründlich vorbereitete, um nichts aus der Acht zu lassen, wovon er doch nachher aus Trägheit vieles seiner Aufmerksamkeit nicht würdigte; Roderich hatte gleich tausend Bekanntschaften gemacht und alle öffentlichen Örter besucht, führte auch nicht selten seine neu erworbenen Freunde auf Emils einsames Zimmer, wo er diesen dann mit ihnen allein ließ, wenn sie anfingen ihm Langeweile zu machen. Ebensooft brachte er den bescheidenen Emil in Verlegenheit, wenn er dessen Verdienste und Kenntnisse gegen Gelehrte und einsichtsvolle Männer über die Gebühr erhob, und diesen zu verstehn gab, wie vieles sie in Sprachen, Altertümern, oder Kunstkenntnissen von seinem Freunde lernen könnten, ob er gleich selbst niemals die Zeit finden konnte, über diese Gegenstände seinen Gefährten anzuhören, wenn sich das Gespräch dahin lenkte. War nun Emil einmal zur Tätigkeit aufgelegt, so konnte er fast darauf rechnen, daß sein schwärmender Freund sich in der Nacht auf einem Balle, oder einer Schlittenfahrt erkältet habe, und das Bett hüten müsse, so daß Emil in Gesellschaft des lebendigsten, unruhigsten und mitteilsamsten aller Menschen in der größten Einsamkeit lebte. Heute erwartete ihn Emil gewiß, weil er ihm das feierliche Versprechen hatte geben müssen, den Abend mit ihm zuzubringen, um zu erfahren, was schon seit Wochen seinen tiefsinnigen Freund gedrückt und beängstigt habe. Emil schrieb indes folgende Verse nieder. Wie lieb und hold ist Frühlingsleben, Wenn alle Nachtigallen singen, Und wie die Tön in Bäumen klingen, In Wonne Laub und Blüten beben. Wie schön im goldnen Mondenscheine Das Spiel der lauen Abendlüfte, Die, auf den Flügeln Lindendüfte, Sich jagen durch die stillen Haine. Wie herrlich glänzt die Rosenpracht, Wenn Liebreiz rings die Felder schmücket, Die Lieb aus tausend Rosen blicket, Aus Sternen ihrer Wonnenacht. Doch schöner dünkt mir, holder, lieber, Des kleinen Lichtleins blaß Geflimmer, Wenn sie sich zeigt im engen Zimmer, Späh ich in Nacht zu ihr hinüber. Wie sie die Flechten löst und bindet, Wie sie im Schwung der weißen Hand Anschmiegt dem Leibe hell Gewand, Und Kränz in braune Locken windet. Wie sie die Laute läßt erklingen, Und Töne, aufgejagt, erwachen, Berührt von zarten Fingern lachen, Und scherzend durch die Saiten springen; Sie einzufangen schickt sie Klänge Gesanges fort, da flieht mit Scherzen Der Ton, sucht Schirm in meinem Herzen, Dahin verfolgen die Gesänge. O laßt mich doch, ihr Bösen, frei! Sie riegeln sich dort ein und sprechen: Nicht weichen wir, bis dies wird brechen, Damit du weißt, was Lieben sei. Emil stand ungeduldig auf. Es ward finsterer und Roderich kam nicht, dem er seine Liebe zu einer Unbekannten, die ihm gegenüber wohnte und ihn tagelang zu Hause, und Nächte hindurch wachend erhielt, bekennen wollte. Jetzt schallten Fußtritte die Treppe herauf, die Tür, ohne daß man anklopfte, eröffnete sich, und herein traten zwei bunte Masken mit widrigen Angesichtern, der eine ein Türke, in roter und blauer Seide gekleidet, der andere ein Spanier, blaßgelb und rötlich, mit vielen schwankenden Federn auf dem Hute. Als Emil ungeduldig werden wollte, nahm Roderich die Maske ab, zeigte sein wohlbekanntes lachendes Gesicht und sagte: "Ei, mein Liebster, welche grämliche Miene! Sieht man so aus zur Karnevalszeit? Ich und unser lieber junger Offizier kommen dich abzuholen, heut ist großer Ball auf dem Maskensaale, und da ich weiß, daß du es verschworen hast, anders, als in deinen schwarzen Kleidern zu gehn, die du täglich trägst, so komm nur so mit, wie du da bist, denn es ist schon ziemlich spät." Emil war erzürnt und sagte: "Du hast, wie es scheint, deiner Gewohnheit nach ganz unsre Abrede vergessen: sehr leid tut es mir, (indem er sich zum Fremden wandte) daß ich Sie unmöglich begleiten kann, mein Freund ist zu voreilig gewesen, es in meinem Namen zu versprechen; ich kann überhaupt nicht ausgehn, da ich etwas Wichtiges mit ihm abzureden habe." Der Fremde, welcher bescheiden war und Emils Absicht verstand, entfernte sich; Roderich aber nahm höchst gleichgültig die Maske wieder vor, stellte sich vor den Spiegel und sagte: "Nicht wahr, man sieht eigentlich ganz scheußlich aus? Es ist im Grunde eine geschmacklose widerwärtige Erfindung." "Das ist gar keine Frage", erwiderte Emil im höchsten Unwillen. "Dich zur Karikatur machen, und dich betäuben, gehört eben zu den Vergnügungen, denen du am liebsten nachjagst." "Weil du nicht tanzen magst", sagte jener, "und den Tanz für eine verderbliche Erfindung hältst, so soll auch niemand anders lustig sein. Wie verdrüßlich, wenn ein Mensch aus lauter Eigenheiten zusammengesetzt ist." "Gewiß", erwiderte der erzürnte Freund, "und ich habe Gelegenheit genug, dies an dir zu beobachten; ich glaubte, daß du mir nach unsrer Abrede diesen Abend schenken würdest, aber -" "Aber es ist ja Karneval", fuhr jener fort, "und alle meine Bekannten und einige Damen erwarten mich auf dem heutigen großen Balle. Bedenke nur, mein Lieber, daß es wahre Krankheit in dir ist, daß dir dergleichen Anstalten so unbillig zuwider sind." Emil sagte: "Wer von uns beiden krank zu nennen ist, will ich nicht untersuchen; dein unbegreiflicher Leichtsinn, deine Sucht, dich zu zerstreuen, dein Jagen nach Vergnügungen, die dein Herz leer lassen, scheint mir wenigstens keine Seelengesundheit; auch in gewissen Dingen könntest du wohl meiner Schwachheit, wenn es denn einmal dergleichen sein soll, nachgeben, und es gibt nichts auf der Welt, was mich so durch und durch verstimmt, als ein Ball mit seiner fürchterlichen Musik. Man hat sonst wohl gesagt, die Tanzenden müßten einem Tauben, welcher die Musik nicht vernimmt, als Rasende erscheinen; ich aber meine, daß diese schreckliche Musik selbst, dies Umherwirbeln weniger Töne in widerlicher Schnelligkeit, in jenen vermaledeiten Melodien, die sich unserm Gedächtnisse, ja ich möchte sagen unserm Blut unmittelbar mitteilen, und die man nachher auf lange nicht wieder loswerden kann, daß dies die Tollheit und Raserei selbst sei; denn wenn mir das Tanzen noch irgend erträglich sein sollte, so müßte es ohne Musik geschehn." "Nun sieh, wie paradox!" antwortete der Maskierte; "du kömmst so weit, daß du das Natürlichste, Unschuldigste und Heiterste von der Welt unnatürlich, ja gräßlich finden willst." "Ich kann nicht für mein Gefühl", sagte der Ernste, "daß mich diese Töne von Kindheit auf unglücklich gemacht, und oft bis zur Verzweiflung getrieben haben: in der Tonwelt sind sie für mich die Gespenster, Larven und Furien, und so flattern sie mir auch ums Haupt, und grinsen mich mit entsetzlichem Lachen an." "Nervenschwäche", sagte jener, "so wie dein übertriebener Abscheu gegen Spinnen und manch anderes unschuldiges Gewürm." "Unschuldig nennst du sie", sagte der Verstimmte, "weil sie dir nicht zuwider sind. Für denjenigen aber, dem die Empfindung des Ekels und des Abscheus, dasselbe unnennbare Grauen, wie mir, bei ihrem Anblick in der Seele aufgeht und durch sein ganzes Wesen zuckt, sind diese gräßlichen Untiere, wie Kröten und Spinnen, oder gar die widerwärtigste aller Kreaturen, die Fledermaus, nicht gleichgültig und unbedeutend, sondern ihr Dasein ist dem seinigen auf das feindlichste entgegengesetzt. Wahrlich, man möchte über die Ungläubigen lächeln, mit deren Imagination sich Gespenster und grauenhafte Larven, samt jenen Geburten der Nacht nicht vereinigen lassen, die wir in Krankheiten sehn, oder die uns Dantes Gemälde zeigen, da die gewöhnlichste Wirklichkeit um uns her die fürchterlichen verzerrten Musterbilder dieser Schrecken uns vorhält. Sollten wir in der Tat das Schöne lieben können, ohne uns vor diesen Fratzen zu entsetzen?" "Warum entsetzen?" fragte Roderich, "warum soll uns das große Reich der Gewässer und der Meere gerade diese Furchtbarkeit vorhalten, an die sich deine Vorstellung gewöhnt hat, und nicht vielmehr seltsame, unterhaltende und possierliche Verkleidungen, so daß das ganze Gebiet nicht anders, als etwa wie ein komischer Ballsaal anzusehn wäre? Deine Eigenheiten aber gehn noch weiter, denn so wie du die Rose mit einer gewissen Abgötterei liebst, so sind dir andre Blumen ebenso lebhaft verhaßt; was hat dir nur die gute liebe Feuerlilie getan, wie so manch andres Kind des Sommers? So sind dir manche Farben zuwider, manche Düfte und viele Gedanken, und du tust nichts dazu, dich gegen diese Stimmungen zu verhärten, sondern du gibst ihnen weichlich nach, und am Ende wird eine Sammlung von dergleichen Seltsamkeiten die Stelle einnehmen, die dein Ich besitzen sollte." Ludwig Tieck Der Runenberg Ein junger Jäger saß im innersten Gebirge nachdenkend bei einem Vogelherde, indem das Rauschen der Gewässer und des Waldes in der Einsamkeit tönte. Er bedachte sein Schicksal, wie er so jung sei, und Vater und Mutter, die wohlbekannte Heimat, und alle Befreundeten seines Dorfes verlassen hatte, um eine fremde Umgebung zu suchen, um sich aus dem Kreise der wiederkehrenden Gewöhnlichkeit zu entfernen, und er blickte mit einer Art von Verwunderung auf, daß er sich nun in diesem Tale, in dieser Beschäftigung wiederfand. Große Wolken zogen durch den Himmel und verloren sich hinter den Bergen, Vögel sangen aus den Gebüschen und ein Widerschall antwortete ihnen. Er stieg langsam den Berg hinunter, und setzte sich an den Rand eines Baches nieder, der über vorragendes Gestein schäumend murmelte. Er hörte auf die wechselnde Melodie des Wassers, und es schien, als wenn ihm die Wogen in unverständlichen Worten tausend Dinge sagten, die ihm so wichtig waren, und er mußte sich innig betrüben, daß er ihre Reden nicht verstehen konnte. Wieder sah er dann umher und ihm dünkte, er sei froh und glücklich; so faßte er wieder neuen Mut und sang mit lauter Stimme einen Jägergesang. "Froh und lustig zwischen Steinen Geht der Jüngling auf die Jagd, Seine Beute muß erscheinen In den grünlebendgen Hainen, Sucht' er auch bis in die Nacht. Seine treuen Hunde bellen Durch die schöne Einsamkeit, Durch den Wald die Hörner gellen, Daß die Herzen mutig schwellen: O du schöne Jägerzeit! Seine Heimat sind die Klüfte, Alle Bäume grüßen ihn, Rauschen strenge Herbsteslüfte Find't er Hirsch und Reh, die Schlüfte Muß er jauchzend dann durchziehn. Laß dem Landmann seine Mühen Und dem Schiffer nur sein Meer, Keiner sieht in Morgens Frühen So Auroras Augen glühen, Hängt der Tau am Grase schwer, Als wer Jagd, Wild, Wälder kennet Und Diana lacht ihn an, Einst das schönste Bild entbrennet, Die er seine Liebste nennet: O beglückter Jägersmann!" Während dieses Gesanges war die Sonne tiefer gesunken und breite Schatten fielen durch das enge Tal. Eine kühlende Dämmerung schlich über den Boden weg, und nur noch die Wipfel der Bäume, wie die runden Bergspitzen waren vom Schein des Abends vergoldet. Christians Gemüt ward immer trübseliger, er mochte nicht nach seinem Vogelherde zurückkehren, und dennoch mochte er nicht bleiben; es dünkte ihm so einsam und er sehnte sich nach Menschen. Jetzt wünschte er sich die alten Bücher, die er sonst bei seinem Vater gesehn, und die er niemals lesen mögen, sooft ihn auch der Vater dazu angetrieben hatte; es fielen ihm die Szenen seiner Kindheit ein, die Spiele mit der Jugend des Dorfes, seine Bekanntschaften unter den Kindern, die Schule, die ihm so drückend gewesen war, und er sehnte sich in alle diese Umgebungen zurück, die er freiwillig verlassen hatte, um sein Glück in unbekannten Gegenden, in Bergen, unter fremden Menschen, in einer neuen Beschäftigung zu finden. Indem es finstrer wurde, und der Bach lauter rauschte, und das Geflügel der Nacht seine irre Wanderung mit umschweifendem Fluge begann, saß er noch immer mißvergnügt und in sich versunken; er hätte weinen mögen, und er war durchaus unentschlossen, was er tun und vornehmen solle. Gedankenlos zog er eine hervorragende Wurzel aus der Erde, und plötzlich hörte er erschreckend ein dumpfes Winseln im Boden, das sich unterirdisch in klagenden Tönen fortzog, und erst in der Ferne wehmütig verscholl. Der Ton durchdrang sein innerstes Herz, er ergriff ihn, als wenn er unvermutet die Wunde berührt habe, an der der sterbende Leichnam der Natur in Schmerzen verscheiden wolle. Er sprang auf und wollte entfliehen, denn er hatte wohl ehemals von der seltsamen Alrunenwurzel gehört, die beim Ausreißen so herzdurchschneidende Klagetöne von sich gebe, daß der Mensch von ihrem Gewinsel wahnsinnig werden müsse. Indem er fortgehen wollte, stand ein fremder Mann hinter ihm, welcher ihn freundlich ansah und fragte, wohin er wolle. Christian hatte sich Gesellschaft gewünscht, und doch erschrak er von neuem vor dieser freundlichen Gegenwart. "Wohin so eilig?" fragte der Fremde noch einmal. Der junge Jäger suchte sich zu sammeln und erzählte, wie ihm plötzlich die Einsamkeit so schrecklich vorgekommen sei, daß er sich habe retten wollen, der Abend sei so dunkel, die grünen Schatten des Waldes so traurig, der Bach spreche in lauter Klagen, die Wolken des Himmels zögen seine Sehnsucht jenseit den Bergen hinüber. "Ihr seid noch jung", sagte der Fremde, "und könnt wohl die Strenge der Einsamkeit noch nicht ertragen, ich will Euch begleiten, denn Ihr findet doch kein Haus oder Dorf im Umkreis einer Meile, wir mögen unterwegs etwas sprechen und uns erzählen, so verliert Ihr die trüben Gedanken; in einer Stunde kommt der Mond hinter den Bergen hervor, sein Licht wird dann wohl auch Eure Seele Lichter machen." Sie gingen fort, und der Fremde dünkte dem Jünglinge bald ein alter Bekannter zu sein. "Wie seid Ihr in dieses Gebürge gekommen", fragte jener, "Ihr seid hier, Eurer Sprache nach, nicht einheimisch." - "Ach darüber", sagte der Jüngling, "ließe sich viel sagen, und doch ist es wieder keiner Rede, keiner Erzählung wert; es hat mich wie mit fremder Gewalt aus dem Kreise meiner Eltern und Verwandten hinweggenommen, mein Geist war seiner selbst nicht mächtig; wie ein Vogel, der in einem Netz gefangen ist und sich vergeblich sträubt, so verstrickt war meine Seele in seltsamen Vorstellungen und Wünschen. Wir wohnten weit von hier in einer Ebene, in der man rund umher keinen Berg, kaum eine Anhöhe erblickte; wenige Bäume schmückten den grünen Plan, aber Wiesen, fruchtbare Kornfelder und Gärten zogen sich hin, so weit das Auge reichen konnte, ein großer Fluß glänzte wie ein mächtiger Geist an den Wiesen und Feldern vorbei. Mein Vater war Gärtner im Schloß und hatte vor, mich ebenfalls zu seiner Beschäftigung zu erziehen; er liebte die Pflanzen und Blumen über alles und konnte sich tagelang unermüdet mit ihrer Wartung und Pflege abgeben. Ja er ging so weit, daß er behauptete, er könne fast mit ihnen sprechen; er lerne von ihrem Wachstum und Gedeihen, so wie von der verschiedenen Gestalt und Farbe ihrer Blätter. Mir war die Gartenarbeit zuwider, um so mehr, als mein Vater mir zuredete, oder gar mit Drohungen mich zu zwingen versuchte. Ich wollte Fischer werden, und machte den Versuch, allein das Leben auf dem Wasser stand mir auch nicht an; ich wurde dann zu einem Handelsmann in die Stadt gegeben, und kam auch von ihm bald in das väterliche Haus zurück. Auf einmal hörte ich meinen Vater von Gebirgen erzählen, die er in seiner Jugend bereiset hatte, von den unterirdischen Bergwerken und ihren Arbeitern, von Jägern und ihrer Beschäftigung, und plötzlich erwachte in mir der bestimmteste Trieb, das Gefühl, daß ich nun die für mich bestimmte Lebensweise gefunden habe. Tag und Nacht sann ich und stellte mir hohe Berge, Klüfte und Tannenwälder vor; meine Einbildung erschuf sich ungeheure Felsen, ich hörte in Gedanken das Getöse der Jagd, die Hörner, und das Geschrei der Hunde und des Wildes; alle meine Träume waren damit angefüllt und darüber hatte ich nun weder Rast noch Ruhe mehr. Die Ebene, das Schloß, der kleine beschränkte Garten meines Vaters mit den geordneten Blumenbeeten, die enge Wohnung, der weite Himmel, der sich ringsum so traurig ausdehnte, und keine Höhe, keinen erhabenen Berg umarmte, alles ward mir noch betrübter und verhaßter. Es schien mir, als wenn alle Menschen um mich her in der bejammernswürdigsten Unwissenheit lebten, und daß alle ebenso denken und empfinden würden, wie ich, wenn ihnen dieses Gefühl ihres Elendes nur ein einziges Mal in ihrer Seele aufginge. So trieb ich mich um, bis ich an einem Morgen den Entschluß faßte, das Haus meiner Eltern auf immer zu verlassen. Ich hatte in einem Buche Nachrichten vom nächsten großen Gebirge gefunden, Abbildungen einiger Gegenden, und darnach richtete ich meinen Weg ein. Es war im ersten Frühlinge und ich fühlte mich durchaus froh und leicht. Ich eilte, um nur recht bald das Ebene zu verlassen, und an einem Abende sah ich in der Ferne die dunkeln Umrisse des Gebirges vor mir liegen. Ich konnte in der Herberge kaum schlafen, so ungeduldig war ich, die Gegend zu betreten, die ich für meine Heimat ansah; mit dem frühesten war ich munter und wieder auf der Reise. Nachmittags befand ich mich schon unter den vielgeliebten Bergen, und wie ein Trunkner ging ich, stand dann eine Weile, schaute rückwärts, und berauschte mich in allen mir fremden und doch so wohlbekannten Gegenständen. Bald verlor ich die Ebene hinter mir aus dem Gesichte, die Waldströme rauschten mir entgegen, Buchen und Eichen brausten mit bewegtem Laube von steilen Abhängen herunter; mein Weg führte mich schwindlichten Abgründen vorüber, blaue Berge standen groß und ehrwürdig im Hintergrunde. Eine neue Welt war mir aufgeschlossen, ich wurde nicht müde. So kam ich nach einigen Tagen, indem ich einen großen Teil des Gebürges durchstreift hatte, zu einem alten Förster, der mich auf mein inständiges Bitten zu sich nahm, um mich in der Kunst der Jägerei zu unterrichten. Jetzt bin ich seit drei Monaten in seinen Diensten. Ich nahm von der Gegend, in der ich meinen Aufenthalt hatte, wie von einem Königreiche Besitz; ich lernte jede Klippe, jede Schluft des Gebürges kennen, ich war in meiner Beschäftigung, wenn wir am frühen Morgen nach dem Walde zogen, wenn wir Bäume im Forste fällten, wenn ich mein Auge und meine Büchse übte, und die treuen Gefährten, die Hunde zu ihren Geschicklichkeiten abrichtete, überaus glücklich. Jetzt sitze ich seit acht Tagen hier oben auf dem Vogelherde, im einsamsten Gebürge, und am Abend wurde mir heut so traurig zu Sinne, wie noch niemals in meinem Leben; ich kam mir so verloren, so ganz unglückselig vor, und noch kann ich mich nicht von dieser trüben Stimmung erholen." Der fremde Mann hatte aufmerksam zugehört, indem beide durch einen dunkeln Gang des Waldes gewandert waren. Jetzt traten sie ins Freie, und das Licht des Mondes, der oben mit seinen Hörnern über der Bergspitze stand, begrüßte sie freundlich: in unkenntlichen Formen und vielen gesonderten Massen, die der bleiche Schimmer wieder rätselhaft vereinigte, lag das gespaltene Gebürge vor ihnen, im Hintergrunde ein steiler Berg, auf welchem uralte verwitterte Ruinen schauerlich im weißen Lichte sich zeigten. "Unser Weg trennt sich hier", sagte der Fremde, "ich gehe in diese Tiefe hinunter, dort bei jenem alten Schacht ist meine Wohnung: die Erze sind meine Nachbarn, die Berggewässer erzählen mir Wunderdinge in der Nacht, dahin kannst du mir doch nicht folgen. Aber siehe dort den Runenberg mit seinem schroffen Mauerwerke, wie schön und anlockend das alte Gestein zu uns herblickt! Bist du niemals dorten gewesen?" "Niemals", sagte der junge Christian, "ich hörte einmal meinen alten Förster wundersame Dinge von diesem Berge erzählen, die ich töricht genug wieder vergessen habe; aber ich erinnere mich, daß mir an jenem Abend grauenhaft zumute war. Ich möchte wohl einmal die Höhe besteigen, denn die Lichter sind dort am schönsten, das Gras muß dorten recht grün sein, die Welt umher recht seltsam, auch mag sich's wohl treffen, daß man noch manch Wunder aus der alten Zeit da oben fände." Ludwig Tieck Der gestiefelte Kater Ein Kindermärchen in drei Akten, mit Zwischenspielen, einem Prologe und Epiloge ------------------------------------------------------------------------ Personen: Der König Die Prinzessin, seine Tochter Prinz Nathanael von Malsinki Leander, Hofgelehrter Hanswurst, Hofnarr Ein Kammerdiener Der Koch Lorenz, Barthel, Gottlieb, Brüder und Bauern Hinze, ein Kater Ein Wirt Kunz, Michel, Bauern Gesetz, ein Popanz Ein Besänftiger Der Dichter Ein Soldat Zwei Husaren Zwei Liebende Bediente Ein Bauer Der Souffleur Ein Schuhmacher Ein Historiograph Fischer, Müller, Schlosser, Bötticher, Leutner, Wiesener, Dessen Nachbar, Zuschauer Elefanten Ein Amtmann Adler und andere Vögel Ein Kaninchen Rebhühner Tarkaleon Der Maschinist Gespenster Das Publikum