Marco Travaglio Elio Vetri Der Geruch des Geldes Die mysteriösen Ursprünge von Silvio Berlusconis Vermögen II Fabrizio Calvi interviewt Paolo Borsellino Verlag Editori Riuniti, 2001 Borsellino: Ja, Vittorio Mangano war mir auch während der Zeit vor dem Maxiprozess bekannt, und zwar in den Jahren zwischen 1975 und 1980. Ich erinnere mich, dass ich damals ein Verfahren wegen Erpressungen eingeleitet hatte, die gegenüber einer Reihe von Privatkliniken in Palermo erfolgt waren. Vittorio Mangano war sowohl von Buscetta als auch von Contorno als „Ehrenmann" von Cosa Nostra bezeichnet worden. Calvi: Als Ehrenmann welcher Familie? B.: Als Ehrenmann des Clans von Pippo Calò, d. h. jener Person, die das Oberhaupt der Familie von Porta Nuova darstellte. Die Familie, der ursprünglich auch Buscetta angehört hatte. Es wurde festgestellt - doch dies ging bereits aus dem vorangehenden, von mir selbst eingeleiteten Verfahren sowie aus einem weiteren, dem sogenannten „Spatola-Verfahren" hervor, welches Falcone im Lauf der Jahre unmittelbar vor dem Maxiprozess eingeleitet hatte -, dass Vittorio Mangano seinen Wohnsitz in Mailand hatte, wo er, wie aus zahlreichen abgehörten Telefongesprächen hervorging, der Brückenkopf eines Drogenhandels war, den die Mafia-Familien in Palermo betrieben. C.: Und dieser Vittorio Mangano handelte in Mailand mit Drogen? B.: Also Mangano und Drogen... Wenn wir uns auf die bedeutendsten Ermittlungsgegenstände beschränken wollen, dann war Vittorio Mangano einer der Gesprächspartner eines Telefongespräches zwischen Mailand und Palermo, im Laufe dessen er mit einem anderen Vertreter der Palermitaner Mafia-Clans in Palermo die voraussichtliche Ankunft einer Charge Heroin bespricht, wobei, wie bei abgehörten Telefongesprächen üblich, von „T-Shirts" oder „Pferden" die Rede war. C.: Sie als Experte können also sagen, dass Mangano, wenn er am Telefon über Pferde spricht, eigentlich Chargen von Drogen meint. B.: Ja. Die These, dass Pferde gleichbedeutend sind mit Drogen, wurde durch unseren Beweismittelantrag erhärtet und im Laufe des Prozesses aufgenommen. Mangano wurde während des Maxiprozesses wegen Drogenhandels verurteilt. C.: Hat Dell'Utri mit dieser Angelegenheit nichts zu tun? B.: Soweit ich mich zurückerinnere, ist Dell'Utri im Rahmen des Maxiprozesses nicht angeklagt worden. Ich weiß von Untersuchungen über ihn, die auch Mangano betreffen. C.: In Palermo? B.: Ja, ich meine, dass gegenwärtig in Palermo eine Untersuchung nach dem alten Prozessverfahren von dem zuständigen Untersuchungsrichter durchgeführt wird, doch die diesbezüglichen Einzelheiten entziehen sich meiner Kenntnis. C.: Marcello Dell'Utri oder Alberto Dell'Utri? B.: Die Details kenne ich nicht, ich kann kurz nachsehen, da ich mir einige Notizen gemacht habe...Ach ja, man spricht von Dell'Utri Marcello und Alberto, also von beiden. C.: Von den Brüdern. B.: Ja. C.: Die von Publitalia. B.: Ja. C.: Wenn ich mich richtig erinnere, wird in der sogenannten San Valentino-Untersuchung der Mitschnitt eines Telefongesprächs zwischen ihm und Marcello dell'Utri erwähnt, wobei von „Pferden" die Rede ist. B.: Nun ja, in diesem Gespräch, welches im Laufe des Maxiprozesses angeführt wurde, ist, wenn ich nicht irre, von Pferden die Rede, die in ein Hotel geschickt werden sollten. Hierbei gehe ich davon aus, dass es sich nicht tatsächlich um Pferde handelte. Wenn mir jemand zwei Pferde liefern soll, dann wird die Übergabe wohl in der Pferderennbahn oder in einer Manege stattfinden und sicherlich nicht in meinem Hotel. C.: Ein Teilhaber von Marcello Dell'Utri, ein gewisser Filippo Rapisarda soll gesagt haben, dass ihm dieser Dell'Utri von einem Mitglied der Familie von Stefano Bontate vorgestellt worden sei. B.: Palermo ist grundsätzlich die Stadt, in der die meisten Mafia-Familien ansässig waren. Es gab Zeiten, da war von mindestens zweitausend Ehrenmännern und zahlreichen Mafia-Clans die Rede. Die Familie von Stefano Bontate scheint zu einem gewissen Zeitpunkt über mindestens 200 Mitglieder verfügt zu haben. Hierbei handelte es sich allerdings um Familien, die einer einzigen Organisation, nämlich Cosa Nostra angehörten, deren Angehörige größtenteils miteinander bekannt waren. Daher kann man wahrscheinlich davon ausgehen, dass dieser Rapisarda von einer tatsächlichen Begebenheit berichtet. C.: Haben Sie jemals von Rapisarda gehört? B.: Ich weiß zwar von Rapisardas Existenz, aber ich habe mich mit den Angelegenheiten, die Rapisarda betreffen, niemals persönlich befasst. C.: Angeblich sollen Rapisarda und Dell'Utri über einen gewissen Alamia mit Ciancimino zusammen gearbeitet haben (Francesco Paolo Alamia, ehemaliger Regionalassessor zu Zeiten Cianciminos, Bürgermeister von Palermo und ehemaliger Arbeitgeber sowie ehemaliger Freund der Brüder Dell'Utri). B.: Dass Alamia mit Ciancimino Geschäftsbeziehungen unterhielt war mir bekannt und ich glaube, dass dieser Umstand auch aus bereits abgeschlossenen Prozessen hervorgeht. Was Dell'Utri und Rapisarda anbelangt kann ich keine weiteren Angaben machen, da es sich hierbei - und dies betone ich immer wieder - um Untersuchungen handelt, mit denen ich mich nicht persönlich beschäftigt habe. C.: Empfinden Sie es nicht als eigenartig, dass gewisse Persönlichkeiten , etwa bedeutende Industrielle wie Berlusconi und Dell'Utri mit Ehrenmännern wie Vittorio Mangano in Verbindung gebracht werden können? B.: Zu Beginn der 70er Jahre wurde Cosa Nostra selbst zum Unternehmen, und zwar im Rahmen der immer stärker werdenden Beherrschung des Drogenmarktes, bis die Organisation irgendwann das Monopol des Drogenhandels in der Hand hatte. Hier begann Cosa Nostra mit der Verwaltung einer enormen Masse an Kapital, das selbstverständlich irgendwo abgesetzt werden musste. Zum Teil wurden diese Gelder exportiert oder im Ausland angelegt. So erklären sich die Kontakte zwischen Mitgliedern von Cosa Nostra und gewissen Financiers, die sich mit diesen Kapitalverschiebungen befassten. C.: Wollen Sie damit sagen, dass es normal ist, dass sich Cosa Nostra für Berlusconi interessiert? B.: Normal ist die Tatsache, dass Personen, die über große Geldsummen verfügen, zwangsläufig nach Wegen für die Anlage dieses Geldes suchen, sei es durch Recycling, sei es im Rahmen von Investitionen. C.: War Mangano sozusagen ein Pilotfisch? B.: Ja, ich kann Ihnen durchaus sagen, dass er einer dieser Personen war, die, ja wie eine Brücke, wie ein Brückenkopf der Mafia in Norditalien war. C.: Es wurde berichtet, dass er für Berlusconi gearbeitet hat. B.: Dazu kann ich Ihnen nichts sagen. Das heißt... zunächst möchte ich klarstellen, dass ich als Staatsanwalt nicht gerne über Dinge spreche, die mir nicht mit Sicherheit bekannt sind und ich weiß in diesem Zusammenhang sogar von schwebenden Verfahren, es ist mir aber nicht klar, welche diesbezüglichen Akten bereits bekannt und vorzeigbar sind, bzw. welche noch welche geheim gehalten werden müssen. Ob eine Beziehung zu Berlusconi bestanden haben soll - abgesehen, von der Tatsache, ob ich mich daran erinnere oder nicht - ist keine Angelegenheit, für die ich zuständig bin. Da ich nicht der Untersuchungsrichter bin, der sich mit dieser Angelegenheit befasst, fühle ich mich nicht dazu ermächtigt, hierzu Erklärungen abzugeben. C.: Gibt es da eine schwebende Ermittlung? B.: Ja, es besteht eine noch nicht abgeschlossene Ermittlung. C.: Bezüglich Mangano und Berlusconi in Palermo? B.: Ja.